Ausgabe 
14.7.1915
 
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Organ für die Interessen

des werktätigen Volkes

der Provinz Oberhessen und der Nachbargebiete.

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Nr. 162

Gießen, Mittwoch, den 14. Juli 1915

10. Jahrgang.

a Italien im Kriege.

Ueber dies aktuelle Thema teilt der italienische Berichterstatter dur Wiener Arbeiterzeitung folgendes mit:

Unheilvoller als die Arbeitslosigkeit selbst und sie ursächlich wesentlich mitbedingend ist die Kreditkrise, und diese war schon vor dem italienischen Kriege da. Die kleinen und mittleren Betriebe finden keinen Kredit mehr. Wahrscheinlich wird die Regierung über kurz oder lang genötigt sein, gewissen Folgen dieser Kredit- krise durch besondere Maßnahmen den Stachel abzubrechen. Wie man der Notlage der Hoteliers durch ein Ausnahmegesetz Rechnung getragen hat, das den Hotelbesitzern eine langfristige Stundung der Miete erlaubt, so wird man auch dem von dem römischen Messaggero mit Recht beklagten Mißstand abhelfen müssen: der zwangsweisen Versteigerung von Liegenschaften wegen rsickständiger Steuern. Es Handelt sich in Rom vielfach um Rückstände von 300 oder 400 Lire; bei der geringen Nachfrage kommen die Liegenschaften um ein Drittel oder Viertel ihres Wertes in die Hände von Spekulanten. Viel weniger getroffen ist das Proletariat, durch die wachsende Arbeitsgelegenheit für Frauen und Mädchen. Die Militärliefe⸗ rungen geben zahllosen Frauen Arbeit, die ihre Kinder tagsüber in den Asylen für die Kinder der Reservisten unterbringen. Auch werden viele Frauen bei den Mäharbeiten angestellt, bei Stunden löhnen von 4050 Centesimi.

Auf dem Lande können sich wirtschaftliche Rückschläge des Krieges in den Erntemonaten nicht fühlbar machen. Dem Mangel an Arbeitern für die Ernte hat man durch Massenbeurlaubungen der Einberusenen und durch bedeutende Fahrtermäßigungen für Erntearbeiter abzuhelfen gesucht. Mehr als durch den Krieg ist ie Landwirtschaft durch die Ungunst der Witterung ge schädigt. In den ersten 6 Monaten dieses Jahres beträgt die Feuchtigkeitsmenge der Niederschläge etwa dasselbe wie die Ge⸗ samtmenge der letzten zwei Kalenderjahre! Verhängnisvoll war der beständige Regen für das Frühjahrsobst, für Erdbeeren und Kirschen, die in Ram schon nach wenigen Tagen vom Markte ver⸗

schwanden. Auch die Traubenernte des Jahres ist ernstlich durch 4 ee bedroht. Am wenigsten gelitten hat die Getreide- rute.

Als Mißstand wird es im Proletariat, und zwar mehr im ländlichen als im städtischen, empfunden, daß die Unterstützungs⸗ berechtigung der Eltern erst mit dem 60. Jahre beginnt. Das mittlere Alter der Eheschließung beträgt in Italien für den Mann 26 Jahre und dürfte auf dem Lande erheblich niedriger sein. Die Eltern von Söhnen in dienstpflichtigem Alter sind also vorwiegend zünger als 60 Jahre, daher nicht unterstützungsberechtigt. Wenn das Proletariat bis jetzt wirtschaftlich unter dem Kriege nicht schwerer, ja vielleicht weniger leidet als unter der Neutralität, so gilt dasselbe von der Beamtenschaft. Allen Eingezogenen läuft ihr voller Gehalt weiter. Dazu kommt, daß viele als Reserve⸗ offiziere relativ hohe Löhnung beziehen, so daß ein römisches Blatt bereits gegen die Häufung von Gehalten Stellung genommen hat. Der Nachteil des Krieges fällt bis jetzt fast ausschließlich auf die kleinen Gewerbetreibenden und auf die freien Berufe.

Was die Lebensmittelpreise betrifft, so hat sich der Rückgang des Weizenpreises von 42 auf 32 Lire, der im Anschluß an die amerikanische Ernte und im Hinblick auf die bevorstehende einheimische Ernte eintrat, noch nicht in den Detailpreisen für Brot

nd Teigwaren geltend gemacht, Brot kostet weiter etwa 48, Teig⸗ waren 65 bis 70 Centesimi das Kilo. Einen sehr bedeutenden Auf schlag haben die Fleischpreise erfahren. Die Preissteigerung für Rindfleisch beträgt etwa 65 Prozent seit Veginn des Krieges; da⸗ mals wurde der Meterzentner Lebendgewicht mit 90 Lire bezahlt, Heute stellt er sich auf 140 und sogar auf 150 Lire. Der italienische

Rindviehbestand bleibt mit 22 Stück auf den Quadratkilometer hinter dem der meisten europäischen Staaten zurück. Mehr als der geringere Bestand fällt der gewohnheitsmäßige geringere Konsum ins Gewicht. Schätzt man doch den Jahreskonsum für den Kopf in Italien auf nur 15 Kilogramm, gegen 32 in Frankreich, 48 in Deutschland und 52 in England. Das italienische Landvolk ißt nur an Festtagen Fleisch. während ihm heute, wo ein Teil von ihm eingezogen ist, täglich Fleischnahrung geboten wird. Daher eine absolute und relative Vermehrung des Konsums, wie in keinem anderen Staate. Man wird der Teuerung durch Einfuhr von Gefrierfleisch und lebendem Vieh zu begegnen suchen.

Zur wirtschaftlichen und finanziellen Seite des Krieges ge hört auch die Aufbringung der Mittel für die Kriegshilfe. Außerdem geben die betreffenden Zahlen auch einen Maßstab für den Gemeinsinn der verschiedenen Städte. Die Sammlung für das

Rote Kreuz, für die Kinder der Eingezogenen usw. hat bis jetzt in Mailand 4,7 Millionen ergeben, in Rom dagegen nur 1/1 Mil⸗ lionen Lire, weniger als in dem halb so großen Genua, wo beinahe Millionen aufgebracht wurden!

Nach einiger Unsicherheit in den ersten Wochen läßt jetzt die Zensur der Diskussion über die wirtschaftliche Lage ziemlich freien Lauf. Abgesehen vom Avanti, an dem der Zensor kaum mehr als Haut und Knochen läßt, beschränkt sich die Zensur immer mehr auf das rein Strategische. Im Privatleben sind Mitteilungen militärischen Charakters verboten, die nicht aus offiziellen Quellen stammen. Es heißt übrigens, daß der Generalstab keine Verlust⸗ listen veröffentlichen werde: jede Familie wird privatim von dem Tode Angehöriger benachrichtigt.

Sobald man aber das rein militärische Gebiet verläßt, findet man eine ganz ansehnliche Freiheit der Diskussion. Von den beiden im Mittelpunkt des Interesses stehenden Fragen: der Haltung der Balkanstaaten und der Ausdehnung des italienischen Krieges, wird die erste mehr reserierend behandelt. Vor der italieni schen Kriegserklärung galt das Eingreifen Rumäniens als sicher und dicht bevorstehend; heute erscheint es zweifelhaft. Ueber die Ausdehnung des italienischen Krieges haben wir zwei Ansätze einer Diskussion gehabt. Der Reformist De Felice hat im Messaggero

die Zweckmäßigkeit betont, sich auf die Besetzung der von Italien, leritr zu beschräuken,

Gebiete während der Republikaner

Barzilai in derselben Zeitung für die Notwendigkeit eintrat, die italienische Aktion auch auf andere Schauplätze auszudehnen. Dann brachten die römischen Abendblätter am 26. Juni die Nachricht, daß sich Italien verpflichtet habe, an den Operationen in den Darda nellen teilzunehmen, und zunächst durch kleinere und ältere Schiffe einige englische Superdreadnoughts ersetzen werde. Das bedeutete: Ausdehnung auf einen zweiten Kriegsschauplatz mit dem ausbrlick lichen Zweck, England zu entlasten, und schloß die Kriegserklärung an die Türkeit ein, deren Gesandter bis jetzt noch ruhig in Rom lebt. Die Kommentare gaben Gelegenheit, zwei Richtungen zu unter scheiden, deren eine den Krieg nur zur Vollendung der italienischen Einigkeit will, während die andere alle Zwecke der Entente als Zwecke des italienischen Krieges ausieht. Am nächsten Tage wurde die Dardanellennachricht offiziell dementiert. Daß man die Ver öffentlichung nur einem Versehen der Zensur zu danken hat, ist wenig wahrscheinlich.

Ueber die Haltung des Deutschen Reiches kursieren die aben teuerlichsten Gerüchte. Die wenigsten wünschen einen Krieg mit Deutschland, was einige Blätter nicht hindert, schon jetzt die Haltung anzunehmen, als ob der Krieg erklärt wäre.

Die Regierung schweigt zu allem, ja man hat den Eindruck, daß die minder strenge Handhabung der Zensur der Absicht entspringe, den unbeanstandeten Nachrichten nicht den Charakter der Offtziosität zu geben, den sie in strengem Zensurregime automatisch erlangen.

Unter den Dingen, die die Zensur verschont, sind auch die Soldatenbriefe, die aber für den nichtitalienischen Leser eine rechte Enttäuschung sind, da sie in ihrem Schwulst mehr Schul⸗ aussätzen als natürlichen Ergüssen junger Leute gleichen. Die Briefe werden wohl schon für die Veröffentlichung geschrieben und den Journalisten gefallen gerade die am besten, die am ge⸗ schwollensten und unwahrsten sind. Ueber die Feldpost wurde an⸗ fangs viel geklagt; jetzt ist man mit ihr zufrieden.

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Weitere Vergeltungsmaßregeln gegen

Frankreich. Berlin, 12. Juli.(W. B. Amtlich.) Die Norddeutsche

Allg. Ztg. schreibt unter der Ueberschrift:Weitere Ver- geltungsmaßregeln gegen Frankreich. In letzter Zeit sind hier Fälle bekannt geworden, wonach kriegsgefangene deutsche Offiziere in Frank⸗ reich in einer nicht den Kriegsgebräuchen entsprechenden Weise behandelt werden und zwar lediglich aus dem Grunde, weil sie ihr Ehrenwort, nicht mehr gegen Frankreich und seine Verbündeten zu kämpfen, verwei⸗ gert haben. Insbesondere werden nach Privatbriefen, wie nach dem Bericht des Vertreters einer neutralen Macht etwa 50 deutsche Offiziere, die im Fort Entreveauzx in den Alpen interniert sind und die Abgabe des Ehrenwortes verweigerten, in vier stets verschlossenen Räumen gefangen gehalten; sie dürfen sich täglich nur eine Stunde auf einem kleinen Hofe von zehn bis zwölf Metern bewegen und sich nicht gegenseitig besuchen. Dieses Verfahren widerspricht den Bestimmungen der Haager Landkriegsordnung, denn nach Art. 11 darf auf kriegsgefangene Offiziere irgend ein Zwang auf die Abgabe des Ehrenwortes nicht ausgeübt werden; auch auf Offiziere die das Ehrenwort verweigern, findet daher Art. 5 Anwen dung, nach dem ihre Einschließung nur als unerläßliche Sicherungsmaßregel und nur während der Dauer der diese Maßregel notwendig machenden Umstände zulässig ist. In Deutschland haben die kriegsgefangenen französischen Offiziere, denen, dem deutschen Standpunkt entsprechend die Abgabe des Ehrenwortes überhaupt nicht angesonnen wird. den ganzen Tag über die Möglichkeit, sich frei im Kriegs- gefangenenlager zu bewegen, sich gegenseitig zu besuchen und auch ungehindert die ihnen zur Verfügung stehenden Hof und Gartenräume zu benutzen. Nachts werden sie nicht ein⸗ geschlossen, sondern haben nur die Verpflichtung, in ihren Schlafräumen zu verweilen. Die Vorstellungen, die bei der französischen Regierung erhoben worden sind, um den deut schen Offizieren im Fort Entreveaux eine gleich liberale Be handlung zu verschaffen, sind bisher erfolglos geblieben. Auf Anordnung der Heeresverwaltung wurden daher zunächst 50 französische Offiziere aus ihren verhältnis⸗ mäßig angenehmen Offiziersgefangenenlagern in das Fort Zorndorf bei Küstrin übergeführt, wo sie in genau derselben Weise gehalten werden, wie die deutschen Offiziere in Entreveaux. Sollte sich die Nachricht bestätigen, daß andere kriegsgefangene deutsche Offiziere in Frankreich ähn⸗ lichen Beschränkungen unterliegen, so werden die deutschen Maßnahmen auf eine größere Anzahl, und wenn nötig, auf alle kriegsgefangenen französischen Offiziere in Deutschland erstreckt worden. Dabei ist wohl zu beachten, daß deren Zahl eine vielfach höhere ist, als die der kriegsgefangenen deutschen Offiziere in Frankreich. Symptomatische Hetzereien.

Unser französischer Korrespondent schreibt u. D. vom 10. Juli:

Das Manisest Bernstein-Haase, Kautsky, derOffene Brief der sozialdemokratischen Vertrauensmänner, die Antworten des

om Mieltkrieg.

Parteivorstandes, die Erklärungen Brauns im preußischen Landtag usw. lassen die bürgerliche Presse Frankreichs nicht zur Ruhe kom⸗

men. Diekaiserliche Sozialdemokratie ist eine stehende Rubrik in der bürgerlichen Presse geworden. Der Temps widmet

ihr manchmal zwei und sogar drei Artikel am selben Tage. Auf den Sack schlägt man und den Esel meint man. Diese Artikel gelten natürlich nicht derkaiserlichen Sozialdemokratie, sondern sie sind für die französischen Sozialisten Hestimmt. Sie gehören zu⸗ sammen mit den Artikeln über oder Agen die Pessimisten. Das Manöver der bürgerlichen Presse Frankreichs ist ziemlich durchsichtig. Die deutschen Sozialdemokraten existieren sie überhaupt? sie sind ebenso imperi sch wie die Alldeutschen, sie wollen ebenso die ganze Welt unterjochen, unter die Hegemonie Preußen⸗Deutschlands stellen. Wenn sie nicht offen für Annexionen eintreten, so verlangen sie wirtschaftliche Angliederungen an Kolonien außerhalb Europas. Die Kolonisierung Europas durch Deutschland, das sind ihre wahren Absichten. Die Friedens vorschläge, die sie machen, sind nur eine Falle um die verbündeten Mächte zu spalten und sie unterzukriegen. Die Liebknecht, Vernstein, Haase, Kautsky sind die Helsershelfer eige⸗ ner Spezialität der deutschen Regierung. Die sozialdemokratischen Kundgebungen sind nur für das Ausland bestimmt. Die deutsche Regierung sorgt schon durch recht ei bote dafür, daß die Friedensideen in Deutschland nicht Wurze n können.

So ungefähr klingt es in der bürgerlichen Presse Frankreichs. Oberflächlich betrachtet, muß es überraschen, daß die bürgerliche Presse Frankreichs sich nichts weniger als erfreut zeigt über die sozialdemokratischen Kundgebungen in Deutschland gegen jede An⸗ nexionspolitik. In Wirklichkeit ist nichts natürlicher als das. Denn was sie immer mehr fürchtet, mit Angst kommen sieht, ist der Augen⸗ blick, wo die französischen Sozialisten erneut zu einem Vorschlag für eine internationale Friedensaktion Stellung nehmen werden. Die leitenden politischen Kreise wissen sehr wohl, daß die Volksmassen Frankreichs einen für alle Teile ehrenhaften Frieden lieber heute wie morgen abschließen wollen. Sie wissen sehr wohl, daß die Bauern vom ersten Augenblick an nicht weniger als kriegsbegeistert waren, daß die Arbeiter sich immer mißtrauischer fragen, wohin sie der Krieg führen kaun. Daß die sozialistische Partei, wenn sie auch von Intellektuellen geleitet ist, dieser Stimmung Rechnung tragen muß. Sie weiß sehr wohl, daß, wenn einmal in den breiten Volks⸗ massen die Ueberzeugung eingetreten sein wird, daß es in Deutsch⸗ land eineViermillionenpartei gibt, die jede Annexion ablehnend, auf Grund des Selbstbestimmungsrechts der Völker einen ehrlichen Frieden will, daß kann keine Macht der Welt die französischen Sozialiston davon wird abhalten können, mit dieser Partei für einen solchen Frieden einzutreten. Was vermag dagegen ein in London von den Diplomaten der Verbündeten unterzeichneter Vertrag? Deshalb geht die bürgerliche Presse so verschwenderisch mit Papier und Druckerschwärze um, um das Mißtrauen gegen diekaiserliche Sozialdemokratie wachzuhalten, um weiter die deutschen und die französischen Sozialisten gegeneinander zu verhetzen. Aber wer zu viel beweist, beweist garnichts.

Es wird der französischen bürgerlichen Pvesse damit so gehen, wie mit ihren fortwährenden Versicherungen, daß es keine Pessi⸗ misten in Frankreich gebe. Das französische Volk mit seinem poli⸗ tischen Geist wird sich schließlich fragen:Wenn das Alles nicht wahr ist, warum dieser Lärm?

Die deutsche Sozialdemokratie tut recht zu beharren, zu beharren in der Verteidigung, beharren im Friedenswillen.

Aufhebung von Verfassungsgarantien.

Das Reichskriegshafengebiet Kiel gehörte bisher zu den wenigen Bezirken Preußens, in denen von dem im Artikel 5 des Be⸗ lagerungszustandes liegenden Recht der Aufhebung bestimmter Ver⸗ fassungsgarantien nur ein sehr mäßiger Gebrauch gemacht wurde. Es wurde nur der 7 der preußischen Versassung aufgehoben, der bestimmt, daß niemand seinem gesetzlichen Richter entzogen werden darf und daß Ausnahmegerichte und außerordentliche Kommissionen unstatthaft sind. Die Folge war die Errichtung eines außerordent⸗ lichen Kriegsgerichts beim Kieler Landgericht. Das ist jetzt mit einem Male anders geworden. Der Gouverneur des Kriegshafen⸗ gebiets Kiel, Admiral v. Ingenohl, hat eine Bekanntmachung er⸗ lassen, daß er die Artikel 5(Gewährleistung der persönlichen Frei⸗ heit), 6(Unverletzlichkeit der Wohnung), 27 und 28(Preßfreiheit), 29(Versammlungsrecht) der preußischen Verfassung aufhebt. Inter⸗ essant ist die Begründung, die der Gouverneur der Aufhebungs⸗ bekanntmachung beigibt. Es heißt darin:

Das durchaus ruhige und in jeder Beziehung anerkennens⸗ werte Verhalten der Kieler Bevölkerung einerseits und die vater⸗ ländische Gesinnung der hiesigen Zeitungen andererseits würden eine Verschärfung des jetzigen Zustandes auch nicht notwendig ge⸗ macht haben. In neuester Zeit sind aber in einigen Teilen des deutschen Vaterlandes Flugblätter und Druckschriften hergestellt worden, die trotz des Verbots der Regierungen die Kriegs- und Friedensziele Deutschlands und seiner Verbündeten in einer so unsachlichen, einseitigen und irreführenden Weise behandeln, daß sie durch ihren Inhalt nicht bloß im eigenen Lande schädlich wirken, sondern auch im Auslande den Eindruck erwecken müssen und schon erweckt haben, als ob das deutsche Volk am Ende seiner Kraft wäre und seinen Willen zum Durchhalten bis zu einem ehrenvollen und sicheren Ergebnis des uns aufgezwungenen Krieges aufzugeben geneigt wäre. Diese Druckerzeugnisse, verfaßt von einer ver⸗ schwindenden Minderheit, die nicht imstande ist, die militärische und diplomatische Lage zu beurteilen, erzielen gerade das Gegenteil des gewollten Erfolges, denn sie ermutigen unsere Feinde, erst recht ihrerseits alle Kraftanstrengungen zu machen und den schon wankend gewordenen Glauben an ihren Sieg wieder aufzurichten. Es ist deshalb notwendig, gegen alle solche Kundgebungen sofort und un⸗ mittelbar vorgehen zu können. Außerdem verlangt die Notwendig keit unbeschränkten Einschreitenss gegen Spione und Agenten fremder Mächte die Außerkraftsetzung einiger anderer Bestimmungen der Verfassung.

Es wird dann noch versichert, daß bei der jetzigen Haltung der Bevölkerung und der Zeitungen praktisch an den bisherigen Zu⸗