—
Beilage zur Oberh
ießen, Samstag, den 10. Juli 1915.
essischen Volkszeitung Nr. 159
Hessen und Nachbargebiete.
Gießen und Umgebung.
Eine Drohung an die Zuckerspekulanten.
Die gewaltige Zuckerproduktion Deutschlands müßte, bei der Unmöglichkeit der Ausfuhr, dazu führen, daß der deutschen Bevölkerung der Zucker in großen Mengen und zu billigen Preisen zur Verfügung gestellt wird, Statt dessen hat sich, wie wir alle wissen, eine gewissenlose Spekulation auch dieses wichtigen Nahrungsmittels bemächtigt und ist nun bestrebt, durch mangelhafte Versorgung das Marktes, die Preise hochzutreiben. Dieses skandalöse Verhalten wird recht deutlich gekennzeichnet durch folgende Notiz, die von der Zentral-Einkaufsgesellschaft, Abteilung Zucker, der Presse übermittelt wird. Diese Notiz lautet:
„Trotz den gesetzlichen Maßnahmen, dem Konsum aus den reichlich vorhandenen Beständen Verbrauchszucker zuzuführen, laufen noch fortgesetzt dringende Klagen über Mangel an Ware ein. Es kann den Zuckerraffinerien und allen sonstigen Eigen⸗ tümern von Verbrauchszucker nur dringend geraten werden, dem Konsum mit allen zu Gebote stehenden Mitteln, selbst unter Ein⸗ stellung von Aushilfskräften, Zucker zuzuführen, da andernfalls in Kürze schärfere Maßnahmen zu gewärtigen sein dürften.“
Ob dieser Wink mit dem Zaunpfahl den gewünschten Er⸗ folg haben wird, bleibt abzuwarten. Am besten wäre es jedenfalls, die ganze Zuckerproduktion zu beschlagnahmen und zwar ohne jede Rücksicht darauf, daß vielleicht einige Speku⸗ lanten hohe Summen dadurch verlieren.
Amtliche Zahlen über die Teuerung
deröffentlicht das Statistische Landesamt in Baden. Man braucht gewiß zur Zeit nicht noch ziffernmäßig nachzuweisen, daß wir eine Teuerung haben, allein die amtlichen Vergleiche der Getreide⸗ und Lebensmittelpreise im Monat Mai 1914 und im gleichen Monat 1915 entbehren doch nicht des Interesses. Das badische Statistische Amt hat aus 26 Berichtsorten diese Preise zusammengestellt; sie betrugen im Durchschnitt:
1 5 121 höher Für 100 kg Weizen 19, 0 27,78 Mk. 8,00 Mk. 10„Roggen 16,80„ 24,41„ i Hafer 16,98„ 25,86„ 5 „ 100„ Braugerste. 16,96 25,55 5
Die Steigerung der Lebensmittelpreise im Klein⸗ handel sieht folgendermaßen aus:
Mai 1914 Mai 1915 höher
Kartoffeln 100 g. 5,87 Mk. 12,14 Mk. 6,27 Mk. Brot(gangbarste Sorte) 1 kg 0,29„ 0,42„ 9 ic ix 1,89 2 0,24„ c 1586 2„ M Hammelfleisch 1 k gg. 1,88„ 212 9 Schweinefleisch 1 kg.. 1.66„ 2,42„ 0,76 n o 9 950 % dnn, 8 940 / 0,45„ 11 0,59„ F E 1 0,64„ e 1 0,59„ ECC 1,05„ 0,52
Die drohende Michpreiserhöhung. Der unter Führung des Bundes der Landwirte bezw. seiner Vertrauensleute Sensel und Hirschel stehende Verein der Vereinigten Land— wirte von Frankfurt und Umgegend hat es mit der Angst bekommen, daß man seinen Milchpreistreibereien durch Fest— setzung von Höchstpreisen ein Ende macht. Der Vorstand des Vereins hat deshalb vorzubeugen für nötig gehalten und hat an das Frankfurter Generalkommando eine Eingabe gerichtet, in der es dieses um Hilfe gegen die von den Stadtverwal— tungen geplanten Milchhöchstpreisfestsetzungen ersucht. Be— sonders köstlich nimmt es sich angesichts der Rede des Herrn Hensel auf der Tagung der hessischen Landwirtschaftskammer, deren sich der Vorsitzende damals geschämt hat, aus, wenn die Eingabe immer den Patriotismus zu Hilfe ruft. Wir können auf die überaus„stichhaltigen“ Gründe der Eingabe einzugehen, gern verzichten. Die beste Antwort gibt den Herren der Landwirtschaftliche Kreisverein zu Iserlohn. Der hat sich auch mit der Frage der Milchpreiserhöhung be— faßt und folgendes beschlossen: Der Kreisverein sieht davon ab, eine Milchpreiserhöhung vorzunehmen und beläßt den ——— ũr-F‚—k( ã ã ̃́——ͤ—r 4
alten Preis von 20 Pfg. für das Liter. Der Verein sagt, die Landwirtschaft bringe lieber ein kleines Opfer, als daß sie ein wichtiges und für die Säuglingspflege unentbehrliches Nahrungsmittel verteuere.
Die Schweinepreise steigen wieder! Der amtliche Bericht vom Donnerstag⸗Viehmarkt in Frankfurt besagt: Der Auf⸗ trieb zum Markt vom 6./7. Juli bestand aus 318 Rindern(14 Ochsen, 8 Bullen und 296 Färsen und Kühen), 980 Kälbern, 83 Schafen und 412 Schweinen. Rinder wurden nicht notiert. Auf dem Kälbermarkt standen, wie am letzten Donnerstag, vier Qualitätsgruppen zum Verkauf. Die als erste Qualität bewerteten Doppelender feinster Mast fehlten auch diesmal. Der Preis für die zweite Qualität mit 133 bis 137 Mark per Zentner Schlachtgewicht wurde wieder er⸗ reicht, dagegen trat bei den drei weiteren Gruppen ein Preis⸗ rückgang von 10 bis 13 Mark, 9 bis 10 und 8 bis 10 Mark ein. Schafe wurden mit 110 bis 112 Mark bezahlt. Bei den Schweinen fehlte die Gewichtsgruppe von 120 bis 150 Kilogramm. Gegenüber der letzten Notierung stieg der Schlachtgewichtspreis um 4 bis 5 Mark in der ersten, um 5 Mark in der zweiten und um 1 bis 2 Mark in der dritten Gewichtsgruppe. Die Preise für Lebendgewicht gingen nur um ein Geringes in die Höhe. Bis zum Zeit⸗ punkt der Notierung waren von 412 Schweinen 25 zu Lebend⸗ und 374 zu Schlachtgewicht verkauft. Der höchste Preis für Lebendgewicht war 123 Mark(2 Stück), der niedrigste 113 Mark 50 Pfg.(5 Stück), der höchste Preis für Schlachtgewicht 150 Mark(104 Stück), der niedrigste 136 Mark(6 Stück). Ueber den Marktverlauf bemerkt der amtliche Bericht, daß der Handel bei Kälbern gedrückt, bei Schafen rege und bei Schweinen, trotz des geringen Auftriebs, leblos war. Der Markt wurde in allen Viehgattungen geräumt.
—„Wie wir einst im Fette schwammen.“ Wir brachten vor kurzem eine Notiz unter obiger Unterschrift, in der mit— geteilt war, welche Mengen von Fett, Schmalz und Butter vor dem Kriege vom Ausland eingeführt wurde. Die An⸗ gaben gründeten sich auf die amtliche Handelsstatistik, aus welcher hervorgeht, daß im Jahre 1913 für über 112 Mil⸗ lionen Mark Schmalz und für 123 Millionen Mark Butter aus dem Auslande eingeführt wurden. Da jetzt diese riesigen Einfuhren wegfallen, war in jener(aus einem andern Blatte entnommenen) Notiz bemerkt, es sei damit erwiesen, daß früher geradezu mit Fett Verschwendung getrieben worden sei. Dazu erhalten wir von einem Arbeiter eine längere Zuschrift, in der das bestritten wird. Heutzutage muß man schon manches über sich ergehen lassen— heißt es in der Zu⸗ schrift—, bald ist zuviel Fleisch gegessen worden, bald „schwammen wir im Fette“. Was meinen Haushalt be⸗ trifft, so ist das beides nie der Fall gewesen. wohl aber das Gegenteil. Und das gleiche trifft nach meiner Kenntnis auch bei andern Arbeiterfamilien zu und bei vielen, vielen, die nicht eigentlich zu den Lohnarbeitern zählen, aber doch sich bedeutend im Haushalt einschränken müssen. Wenn irgendwo jemand im Fett schwamm— in der arbeitenden Bevölkerung jedenfalls niemand! Jetzt herrscht aber tatsäch⸗ lich Mangel. Zu was all' die eingeführten Fette ver— wendet worden sind, weiß ich nicht; doch wohl nicht alles zu Nahrungsmitteln, sondern auch zu industriellen Zwecken. Wie sehr jetzt aber diese Materialien fehlen, merkt man an den Preisen der Seife und anderer Artikel, zu deren Herstel— lung Fette gebraucht werden.— Wir müssen sagen, daß diese Bemerkungen des Einsenders ihre Berechtigung haben.
— Kartoffeln werden jetzt von der Stadt nicht mehr verkauft, da die angeschafften Vorräte— im ganzen 3500 Zentner— abgesetzt sind. Nochmals alte Kartoffeln anzu— schaffen empfiehlt sich nicht, weil sie leicht schlecht werden.
— Steuerzahlen ist schon zu gewöhnlichen Zeiten ein häßliches Wort und ein verdrießliches Geschäft, in jetziger teurer Zeit fällt es aber jedem, der nicht zu den wohlhaben— den Kreisen gehört, doppelt schwer auf die Nerven. Nun müssen Steuern allerdings gezahlt werden, aber man sollte doch einige Rücksicht, namentlich bei der staatlichen Steuer— kasse, die jetzt schon wieder Mahnzettel für das zweite Ziel
Hinterbliebene. 1
Sie war Dienstmädchen gewesen. Als ganz junges Ding hatte sie mit einem Schuhmachergesellen ein Verhältnis gehabt. Er war damals der einzige Mensch, der gut mit ihr war. Sie kannte sonst nur Arbeit und harte Worte. Aus ihrem Verhältnis erhoffte sie sich eine Zukunft, goldene Berge! Er wollte sich selbständig machen. Dann würden sie sich heiraten können. Die ganze Hoffnung endete mit der Geburt eines Kindes, eines harmlosen Geschöpfchens. Der Vater hatte unterdessen eine andere geheiratet, auf deren Namen das von ihrem Vater ererbte Geschäft weiter ging. So mußte sie ihr Kind selbst ernähren. Sie blieb in Stellung, darbte für ihr Kind, freudlos vergingen die Jahre und sie wurde ein altes Mädchen. Bei der Pflegemutter ihres Kindes lernte sie den Maurergesellen kennen; er nahm keinen Anstoß an dem Kind. Nach zehn Jahren des Leidens wurde sie nun doch noch Frau. Das war jetzt vor zwei Jahren. Ein neues glückliches Leben begann für sie und ihr Kind. Aufgelebt
tte ste. Der Mann war ordentlich und treubesorgt; zufrieden und glücklich hatten sie sich gefüthlt. Ein kleines Vermögen erspart: Zweihundert Mark.— Da kam im August der Krieg. Sie schämte sich, um Unterstützung zu bitten und holte Geld von der Sparkasse ab. Ihrem Manne glaubte sie auch hie und da eine Freude machen zu müssen und sandte ihm kleine Paketchen ins Feld. So kam's, daß auf einmal vom Geld nichts mehr da war. Und eines Abends spät kam der Depeschenbote und brachte die Todesnachricht. Die Nerven brachen ganz zusammen. Ihr Kind und sie sind nun wieder ver⸗ sassen. Dreißig Jahre war sie vom Schicksal geknechtet, wie sollen ihr zwei Jahre des Glülcka ein halbes Leben noch lebenswert machen?
115 Ein altes Mütterchen. Sie kann es nicht fassen, daß wirklich ihr Sohn draußen gefallen ist. Da irwendwo in der Welt, ganz genau weiß man nicht, wo, aber weit, weit weg von hier soll er gestorben sein. Die welken Hände reichen zitternd der jungen Frau die Todes⸗ nachricht: vielleicht hofft sie, daß diese etwas anderes daraus lesen Rönme, als die im amtlich kühlen Ton gehaltene Mitteilung, daß der
verschickt, nehmen. Vor 3—4 Wochen ist erst das erste be⸗ zahlt worden, weil der Steuerzettel später ausgegeben wurde. Jetzt sollen nun in diesem Monat 2 Ziele Gemeindesteuern und eins der Staatssteuer bezahlt werden! Das ist ein bißchen viel auf einmal.
Verpflegungsgelder-Auszahlung. Für die vom 5. Mai ab in Bürgerwohnungen untergebrachten Mann⸗ schaften des Ersatzbataillons 116 werden am Montag, 12. Juli, die Verpflegungsgelder ausbezahlt. Vormittags von 8—12 Uhr an diejenigen, deren Namen mit AK be⸗ ginnen, nachmittags von 2—6 Uhr an die mit den Anfangs⸗ buchstaben LZ.
— Gefallene aus Oberhessen und Nachbargebieten. Musketier Karl Schäfer aus Ehringshausen b. Alsfeld, Inf.-Regt. 223.— Wehrmann Heinrich Richber III. aus Ermenrod, Kr. Alsfeld, Res.⸗Inf.⸗Regt. 116.— Musketier Heinrich Jäger aus Borsdorf, Inf.⸗Regt. 221.— Mus⸗ ketier Hch. Aff aus Harbach, Inf.⸗Regt. 168.— Musketier Otto Bullmann aus Leidhecken, Inf.⸗Regt. 222.— Mus⸗ ketier Ludwig Kunkel aus Burkhards, Inf.⸗Regt. 116.
Die Zwangserziehung in Hessen. Im Großherzogtum Hessen waren im Jahre 1914 2396 Kinder in Zwangserzie⸗ hung untergebracht, darunter 1527 in Familien, 869 in An⸗ stalten. Die dafür aufgewandten Gesamtkosten betrugen 361345 Mark, wozu die Gemeinden und Kreise 182 687 Mk. der Staat 178 658 Mk. beisteuerten.— 2396 Kinder in Zwangserziehung! Und das nur im kleinen Hessenlande. Das sind Schreckenszahlen.
— Maifeier im Gefangenenlager. Auf dem Umwege über das Organ der amerikanischen Seeleute, das in San Franzisko erscheint, erfahren wir von einer interessanten Maifeier der gefangenen See⸗ leute in England. Die dortige Organisation der Seekeute hatte die Erlaubnis erhalten, für ihre deutschen Mitglieder, die bei Be⸗ ginn des Krieges oder seitdem interniert wurden, ein eigenes Ge⸗ fangenenlager herzurichten. Sie hat dazu ein Gehöft angekauft nebst einem größeren Stück Land, das von den Gefangenen selbst beackert wird. Die Organisation erhält von der Regierung einen bestimmten Betrag pro Kopf und Mann für die Verpflegung der Gefangenen und muß dafür auch selbst die Bewachung stellen. Havelock Wilson, der Präsident der Organisation, schildert in einem Briefe an die amerikanischen Kollegen die Verhältnisse im Lager mit der Bitte, davon die deutschen Organisationen zu verständigen, damit auf eine gleiche Behandlung der in Deutschland gefangenen Mitglieder der Scemannsorganisation hingewirkt werden könne. Am 1. Mai ver⸗ anstalteten die rund 1000 Gefangenen einen großen Umzug, aller⸗ dings nur um das Gehöft herum. Voran marschierte die ganz in weiß gekleidete Turnerriege von 20 Mann unter dem selbstverfertig⸗ ten Banner. Mehrere Musikkapellen fehlten nicht. Eine Art Turn⸗ fest und Gesangwettstreit bildeten den Schluß der„Maifeier“. Die Gefangenen verfertigen alles mögliche für ihre eigenen Bedürfnisse selbst. Am meister aber scheint ihnen die Beackerung des Feldes Spaß zu machen, das in kleine Parzellen für je zwei Mann einge⸗ teilt ist. Die nötigen Sämereien und Pflanzen wurden ihnen ge⸗ liefert, so daß jetzt für das ganze Lager der Bedarf an Gemitse und auch an Obst selbst gezogen werden kann. Natürlich fehlt auch die Schusterwerkstätte, eine Schmiede und dergleichen Dinge nicht. Das ganze Lager ist nur von zehn Schutzleuten bewacht, ein Beweis, daß die Funktionäre des Seemannsverbandes es verstanden haben, das Vertrauen der Gefangenen zu gewinnen. Allerdings darf nicht ver⸗ gessen werden, daß es sich nur um solche Gefangene handelt, di schon vor dem Kriege Mitglieder des englischen Seemannsver⸗ 2— 0 waren. Nur für sie zahlt die Regierung Verpflegungs⸗ gelder..
14,3 Millionen Feldpostsendungen täglich! Die Zahl der Feld. postsendungen ist noch immer im Steigen begriffen. Nach einer am 24. Juni vorgenommenen Zählung sind an diesem Tage aus Deutschland 8,5 Millionen Feldpostbriefsendungen nach dem Felde abgegangen. Davon waren 5,9 Millionen portofreie Briefe und Postkarten und 2,6 Millionen frankierte Feldpostbriese und Feld⸗ postpäckchen. Da nach einer Mitte Mai vorgenommenen Ermittelung im Felde selbst 5,8 Millionen Feldpostbriefsendungen täglich aufge⸗ liefert werden, umfaßt der gesamte Feldpostbriefverkehr täglich 14,3 Millionen Sendungen. Von den in der Heimat aufgelieferten Feldpostbriefen müssen immer noch täglich gegen 35000 Sendungen von den Postsammelstellen nach dem Aufgabeort zurückgeleitet wer⸗ den, weil sie völlig mangelhaft adͤressiert oder so schlecht verpackt sind, daß sie nicht ins Feld geschickt werden können. Die Versender werden von neuem ersucht, der richtigen Adressierung und sachge⸗ mäßen Verpackung der Feldpostsendungen die größte Sorgfalt zu⸗ zuwenden.
Einhalt mit Pfundpaketen nach Galizien! Die Liebesgaben⸗ sendungen nach Galizien können von der Feldpost nicht mehr be⸗ wältigt werden. Das rasche Vorwärtsschreiten unserer Heere, der schauderhafte Zustand der Wege, die außerdem vor allem von wichtigeren Transporten beansprucht werden, machen es unmöglich,
r
„„ D. xx——
Musketier gefallen ist. Immer wieder schüttelt sie den weißen Kopf, die blassen Lippen formen kurze Sätze; haltlos ist ihr Jammer. Er war ihr Einziger, ihr Stolz. Der Mann starb früh. Sie ging waschen und putzen, erzog das Kind, sorgte und betete für ihren Sohn. In die Lehre schickte sie ihn und er wurde Elektrotech⸗ niker. Wie war er stolz darauf, sein Mütterchen ernähren zu kön⸗ nen. Er war so gut und so brav. Sonntags ging er stets mit ihr aus, nie wollte er sie verlassen, zeitlebens würde er für sie sorgen. Dann zog er in den Krieg. Lachend, fröhlich voll guten Mutes.„Ich komme ja wieder“, hatte er der jammernden Mutter gesagt,„min— destens als Unteroffizier!“ Dann sollst du aber stolz auf Deinen Krieger sein.“ Jetzt liegt er in fremder Erde begraben, mit ihm sein Mut und seine Kraft. Wie hat sie vor zwölf Jahren mit dem Tod um ihr schwer erkranktes Kind gerungen! Alles umsonst. Jetzt ist sie so alt geworden, um das zu erleben. Ihr Mutterherz wird trauern bis es bricht. Sie ist jetzt so ganz allein....
N
Die große starke Frau blinzelt mit den Augen und kneift die Lippen fest aufeinander. Sie hält noch den Brief in der Hand, der ihr die Nachricht brachte, daß ihr Mann, der Feldwebel den Heldentod auf Frankreichs Erde sand. Das hatte sie nicht erwartet. Wie hatten seine Augen gestrahlt, als der Krieg ausbrach. Der war doch wieder einmal etwas für ihn. Schon lange war es ihm zu eng geworden in der Heimat. Die Menschen hatten ihn nicht verstan⸗ den. In einer tollen Stunde lernte er sie kennen, faßte Zuneigung zu der Prostituierten, die unter den anderen Menschen nicht geduldet wurde, die aber doch für seine Art und seine Ideen so viel Verständ⸗ nis hatte. Wie oft hatte sie versucht, aus dem Schmutz ihrer Um⸗ gebung sich heraus zu schaffen, immer wieder wurde sie von den Menschen in ihr altes Elend zurückgestoßen, alles stellte sich gegen sie auf, ihr den Eintritt in ein besseves Leben versperrend. Der Name ihres Mannes, seine Liebe halfen ihr dann wieder ordentlich werden. Zu ihrer Liebe war eine unbegrenzte Dankbarkeit gekom— men, für den, der sie gerettet und sie geschützt vor all den anderen Menschen. Jetzt fühlt sie sich wieder ausgestoßen; ihr Mam, der ihr
immer neuen Mut gab, ist nicht mehr da; was wird aus ihr
190
„Lebt mein Kind?“ von dem hintersten Bett des Krankensaals hebt sich ein Kopf. Das schwarze Haar hängt zerzauselt in das hübsche liebe Gesicht. Die Krankenschwester geht zu dem Bett Nr. 6. Die uneheliche Mutter wurde gestern mit starken Wehen in das Krankenhaus gebracht. Die Hand der Schwester streichelt leise den Scheitel des jungen Weibes. Ja, es lebt und ist ein kleiner, stram⸗ mer Bursche. Wenn sie verspricht, ruhig liegen zu bleiben, wird sie ihn herüber holen. Eine Sekunde haben die Augen der jungen Mut⸗ ter freudig aufgeblitzt. Sie saltet in Erwartung des Kindes die Hände. Und als ihr die Schwester das kleine, weiße Bündel in den Schoß legt, starrt sie es ungläubig an! Das ist wirklich ihr Kind? Gehört ganz ihr? das liebe Geschöpfchen? Aber jetzt steigen ihr in die Augen heiße Tränen; fassungslos schluchzt sie. Die Erinnerung an das Vergangene kommt., an gestern Abend. Als der Briefträger ihr einen Brief zurückbrachte, auf dem stand: Gefallen. Alles hatte sich um sie gedreht und fürchterliche Schmerzen fingen an, sie zu quälen. Es waren Wehen; sie kamen viel zu früh. Vor sieben Monaten war sie noch fast ein Kind gewesen, hatte das Leben nur von der heiteren Seite gekannt, seit einem Vierteljahr war sie Braut. Alles berechtigte sie zu den schönsten Hoffnungen für die Zukunft. Der Krieg kam, ein Monat gehörte ihnen noch bis zur Einberufung des Geliebten. Und den lebten sie im Taumel der Jugend und der Liebe. Bis der Abschied kam. Heiraten konnten sie nicht, man wußte nicht, was ihm als Auslandskaufmann die Zukunft nach dem Kriege beruflich bringen würde; vielleicht mußte er erst allein sich wieder durchkämpfen. Und nicht jede Kugel trifft. Der Liebste wird ja wiederkommen und sie vertraute ihrem Glück. Es durfte ja nicht sein, daß ein so junges Glück zerstört würde. Aber dann wurde die Hoffnung auf baldiges Kriegsende immer geringer, die bangen Stunden mehrten sich. Fest hat sie an ihr Recht auf Glück und Liebe geglaubt. Jetzt war alles zusammengebrochen, Gluck und Liebe. und daraus hervor blüthte ein junges Leben.


