Ausgabe 
10.7.1915
 
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Partei⸗Nachrichten.

Vorberatungen für die kommende Reichstagssession. Darüber kann die Mannheimer Volksstimme mitteilen: Reichstagsfraktion und Parteiausschuß werden einem von

letzterem bei seinem lürzlichen Beisammensein geäußerten Wunsche entsprechend vor der nächsten Tagung des Reichstags, die für den 10. August in Aussicht genommen ist, zu einer gemeinsamen Beratung der politischen Situation zusammentreten.

Zunächst soll die Fraktion, um ihre Angelegenheiten zu regeln, am Freitag, den 6. August, allein tagen; die folgenden drei Tage sollen dann der gemeinsamen Beratung mit dem Parteiaus⸗ schuß vorbehalten bleiben. In erster Linie wird es sich dabei voraus⸗ sichtlich um die Erörterung der Annexionsfragen und der Friedensbedingungen handeln, wofür zwei Re⸗ ferenten vorgeschen sind. Der Dienstag(9. August) bliebe dann für die endgültigen Beschlüsse der Fraktion frei.

Sollte der Reichstag was nicht ausgeschlossen erscheint nicht auf den 10. August, sondern auf einen etwas späteren Termin zusammenberufen werden, so würden sich die oben angegebenen Ter⸗ mine entsprechend hin ausschieben.

Stellungnahme zu den Parteifragen.

Der Hallesche Bezirksvorstand befaßte sich in seiner letzten Sitzung mit der gegenwärtigen politischen Lage und der Taktik der Partei. Nach einer sehr ausgedehnten Debatte wurde das Ergebnis über die inneren Parteidifferenzen folgendermaßen zusammengefaßt:.

Wie begreifen den Schritt des Genossen Haase und lehnen eine Verurteilung ab.

Ueber die Eingabe einer Anzahl Parteifunktionäre an Partei⸗ und Fraktionsvorstand bestanden Meinungsverschiedenheiten; eine Entschließung wurde nicht gefaßt.

Die Essener Arbeiterzeituna schreibt:

Gegenüber einer Bemerkung in der Breslauer Volkswacht, von der angenommen wird, daß sie die Bedeutung der acht Wahl- kreise des westlichen Westfalens die sich in einer Erklärung gegen die Opposition in der Partei wandten, herabsetzen solle, schreibt

das Bochumer Volksblatt:

Wir stellen fest, daß von den acht Kreisen der Bochumer der größte und der am stärksten bevölkertste ist. Dann folgt Dortmund als bedeutender Industriekreis, ihm Recklinghausen und Hamm⸗ Soest alle vier im engeren Ruhrbezirk. Vom Wahlkreis Essen, der auch zum Ruhrgebiet gehört, aber dem niederrheinischen Agi tationsbezirk angeschlossen ist, wissen wir, daß die Genossen da⸗ selbst, bis auf eine wenig bedeutende Minderheit das Zirkular nicht unterstützen, ebenso dürfte es im letzten Wahlkreis im Ruhr⸗ gebiet, Mülheim⸗Duisburg sein. Im ganzen Ruhrbecken Wel! man von der radikalen Opposition in der Partei nichts wissen, die Wenigen, die sich dafür begeistern, sind ohne jeden Einfluß auf die Haltung der Arbeiter in dem wichtigsten und größten Industrie⸗ revier Deutschlands. Was wollen da noch die sonstigen Kreise(bis auf zwei oder drei) im niederrheinischen Bezirk besagen? Und auch hier haben die Bezirksleiter auf einer Konferenz es abge⸗ lehnt, das Zirkular zu unterschreiben. Was sollen also die Ver⸗ suche, der Opposition im rheinisch⸗westfälischen Agitationsbezirk ein bedeutendes Gesicht zu geben?

Die Auslassungen unseres Bochumer Bruderblattes sind richtig, wenn man sie nur auf die Opposition bezieht, die hinter dem Zirkular vom 9. Juni steht. Sie sind aber nicht richtig, wenn man unter dieOpposition auch die rechnet, die sich hinter die Ge nossen Bernstein⸗Haase⸗Kautsky stellen. Hinter diesen Genossen steht die gesamte Vertretung des Bezirks Niederrhein einstimmig und geschlossen. Der Bezirk umfaßt die 14 Wahlkreise Essen, Duisbura, Düsseldorf, Neuß⸗ Grevenbroich, Krefeld, Eleve-Geldern, Kempen, M.⸗Gladbach, Mörs⸗Rees, Solingen, Remscheid, Elberfeld, Hagen⸗ Schwelm, Altena⸗Iserlohn⸗Lüdenscheid.

Da vielfach die hinter Bernstein⸗Haase⸗Kautsky stehenden Ge nossen mit der extremen Opposition in einen Topf geworfen werden, ist unsere Feststellung nicht ohne Interesse.

Der im Felde stehender leitende Redakteur der Chemnitzer Volksstimme, Genosse Heilmann, schreibt seinem Blatte zu der Erklärung der Drei u. a.:

In Wahrheit verteidigt sich Deutschland noch immer mit zäher Energie gegen zahllose Feinde ringsum, die es

berrennen wollen. Des zum Beweise braucht man bloß die Mitkämpfer von Ppern, den Lorettohöhen, den Maashöhen und den Vogesenbergen zu fragen. Alle ersehnen die Stunde, die sie aus Stellungen befreit, auf die(nach dem französischen Generalstabs⸗ berichte) an einem Tage auf wenige Kilometer Breite 300 000 Gra⸗ naten verfeuert werden. Ist aber einmal der Sieg über die An greifer exrungen er hat schon entsetzlich viel Opfer gekostet und wird noch große Opfer erfordern sind einmal alle feindlichen An⸗ griffe abgeschlagen, dann sollen unsere Feinde es büßen. daß sie Deutschland überfallen haben. Den Banditen einen Freibrief aus⸗ stellen, daß sie uns an die Gurgel springen können, so oft sie wollen, ohne befürchten zu müssen, daß sie dabei etwas verlieren, wäre nicht mehr Politik, sondern selbstmörderischer Wahnsinn. Wir haben im Gegenteil schon jetzt unseren Feinden zu sagen, daß ihr Spiel ver⸗ Jloren ist und daß jeder Tag länger, den sie z 6g ern, ehe sie es aufgeben, sie teuer zu stehen kommen wird. Nur durch diese feste Drohung können wir die Wiederherstellung des Frie dens beschleunigen, den wir von der Gerechtigkeit und Friedensliebe unserer Feinde wahrhaftig vergeblich erbeten haben.

5Internationale Toleranz!

Genosse Eduard David schreibt uns:

Es wirkt nachgerade peinlich um nicht einen stärkeren Ausdruck zu gebrauchen in welcher Weise einige Partefgenossen

die Interessen der deutschen Sozialdemokratie vor dem Forum der : x

Internationale vertreten. Seit Kriegsbeginn ist die deutsche Partei von der Presse und führenden Männern der sozialistischen Parteien des Auslandes in geradezu unerhörter Weise ange⸗ griffen und beleidigt worden. Es ließe sich ein dickes Buch mit solchen Auslassungen ansüllen. Trotzdem hat Gen. Kautsky, der als Redakteur der Neuen Zeit über eines der wirksamsten literarischen Justrumente in der Internationale verfügt, es nicht für nötig befunden, diesen Verurteilungen und Verunglimpfungen entgegenzutreten. Ein solches rein negatives Verhalten war schon schlimm genug. Weit schlimmer aber ist es, daß er es jetzt für angebracht hält, Angriffe der wüstesten Art gegen uns gar noch zu rechtfertigen. 5

In meinem Buch über dieSozialdemokratie im Weltkrieg griff ich aus der Fülle solcher bedauerlicher Auslassungen einige Musterbeispiele, durch die sich neben H. M. Hyndman besonders Ro⸗ bert Blatchford auszeichnet, einige wenige heraus. Letzterer, der sich durch zahlreiche sozialistische Flugschriften einen Namen gemacht hat, schleuderte uns in einem Artikel des Clarion, einem verbreiteten Organ der Fabier, folgende Beschimpfung zu:

Es handelt sich nicht nur darum, daß die deutschen Sol⸗ daten Kinder verstümmelt, Frauen mißbraucht und gepeinigt, alte Männer ermordet oder ver⸗ wundet haben, es handelt sich nicht nur darum, daß deutsche Luftschiffer Bomben auf die Straßen von Antwerpen, Ostende und Paris warfen, es handelt sich nicht nur darum, daß des Kaisers Raufbolde ein neutrales Land verwüsteten, sondern es ist auch wahr, daß die große Masse der Frauen und Männer in Deutschland halbver rückt sind durch die Gier, die Straßen Londons in Brand zustecken und in großen Massen un bewaffnete englische Frauen und Kinder zu ermorden..

Um mich gegen den Vorwurf zu schützen, ich wolle mit der Zi⸗ tierung solcher Aeußerungen, die englischen Sozialisten im allge⸗ meinen herabsetzen, füge ich loyalerweise hinzu:Wir sind überzeugt, daß die verständigeren Elemente unter den Sozialisten Eng⸗ lands die verleumderischen Angriffe gegen das deutsche Volk mi ß⸗ billigen.

Als ich das niederschrieb, habe ich mir wahrhaftig nicht t x a u⸗ men lassen, daß sich in Deutschland ein Sozialist fände, der jene Auslassungen nicht mißbilligt. Da kommt nun Karl Kautsky und läßt sich in einem von der Breitscheidschen Kor⸗ respondenz verbreiteten Artikel(Die Internationale und David) folgendermaßen zu der Sache aus:

Und wie steht es mit Blatchfordsverleumderischen An⸗ wurf? Wenn man ihn aus der aufgeregten Kriegssprache in ruhiges Deutsch übersetzt, reduziert sich die Verleum⸗ dung auf die Behauptung, daß die Masse der Deutschen es nicht erwarten konte, die Zeppeline über London zu sehen. Es ist sehr unvorsichtig von David, wenn er diese Behaup⸗ tung als eine für Deutschland beleidigende hinstellt.

Also nicht der wackere Blatchford, sondern ich verdiene Tadel! Zener stellt nur in etwas aufgeregter Kriegssprache eine historische Tatsache fest ich aber binsehr unvorsichtig, daß ich darin eine Beleidigung für das deutsche Volk sehe. Das ist ein starkes Stück.

Kautsky scheint sehr feinfühlig zu sein für die Ehre und Rechte aller Nationen mit Ausnahme der deutschen! Er mag sich einbilden, damit der internationalen Verständigung zu dienen. In Wirklichkeit reißt er die Kluft immer tiefer. Oder bildet er sich ein, das deutsche Volk habe die historische Mission, sich alles gefallen zu lassen?

Die neueInternationale.

Die Bestrebungen auf Schaffung von Sonderorganisationen mit dem Ziel einer neuen Internationale mit rein antimilitaristischer Grundlage nehmen festere Formen an. Das geschieht geschickt unter dem MottoProletarische Friedenspropaganda. Unter dieser Ueber⸗ schrift lesen wir in Schweizer Parteiblättern:

Auf Veranlassung der italienischen sozialistischen Partei in der Schweiz, in der Absicht, die Einigkeit der Arbeiterklasse der schweizerischen und der ausländischen gegen die sie bedrohenden chauvinistischen Strömungen zu verteidigen, sind zahlreiche tätige Genossen: Schweizer, Italiener, Russen, Polen, Deutsche, Oester⸗ reicher, Ungarn, zusammengekommen und haben folgendes Arbeits⸗ programm festgesetzt:

1. Dem nationalistischen Einfluß, den die bürgerliche Presse aller Länder auf die Arbeiterklasse auszuüben sucht, eine organisierte, fortgesetzte sozialistische Propaganda zur internationalen Vereini⸗ gung der Arbeiterklasse gegenüberzustellen, und zwar durch Ver⸗ öffentlichungen in der sozialistischen und Arbeiterpresse und durch Vorträge.

2. Sämtliches Material, das sich auf die Opposition des Prole⸗ tariats gegen den Krieg und seine Friedensbestrebungen bezieht, zu sammeln, es so viel wie möglich in den neutralen und kriegführenden Ländern zu verbreiten, ebenso wie die Veröffentlichung aller Doku⸗ mente, die sich auf die Stellung der sozialistischen Parteien der neu- tralen und kriegführenden Länder beziehen, und Versendung der⸗ selben in entsprechender Sprache an die Partei- und Gewerkschafts⸗ blätter der verschiedenen Länder zu besorgen.

3. Sich zur Verfügung der Parteien zu stellen für alles das, was die Wiederaufnahme der Internationale fördern kann.

Die Vereinigung sozialistischer Arbeiter verschiedener Länder nimmt alle ihrem Arbeitsprogramm zustimmenden organisierten Parteigenossen auf. Ein Exekutivkomitee von 5 Genossen wurde in der konstituierenden Versammlung gewählt und beauftragt, einen Aufruf an die Arbeiter in der Schweiß zu erlassen, in dem zum Bei⸗ tritt zur Vereinigung aufgefordert wird. Das Komitee fordert die Genossen und die Parteisektionen auf, der Vereinigung, die die Ver⸗

breitung des Internationalismus in den Massen zum Ziel hat, bei⸗ 2

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zutreten, und da die von ihr zu entfaltende Tätigkeit um so erfolg⸗ reicher sein wird, je mehr Mittel zur Verfügung stehen werden, wird eine Sammlung zur Deckung der Kosten eröffnet, über deren Re⸗ sultat in der Parteipresse regelmäßig Bericht abgegeben wird.

Beitrittserklärungen, sowie das zu veröffentlichende Material,

in beliebiger. sollen an die Genossin Balabanoff, Mili⸗

tärstraße 36, Zürich 4(Sitz des Komitees), adressiert werden. Geld⸗

sendungen können an Genosse Cesare Alessandri ebenfalls M.Jitär⸗

straße 36, gesandt werden. Das Exekutivkomitee. Ueber das Befinden des Genossen Troelstra

wird uns aus Holland geschrieben: 3 5 Die ant des Genossen Troelstra hat sich als vier ern ster herausgestellt, als es zuerst den Anschein hatte. Auf ärzt⸗ lichen Rat soll er sich längere Zeit aller öffentlichen Tätigkeit ent⸗ halten. Die Funktion des Vorsitzenden unserer Kammerfraktion hat er bereits niedergelegt. Hoffentlich finden seine durch Ueberarbeit, zerrütteten Nerven die Ruhe wieder. Der dauernde Verlust ihres ersten Politikers und bewährten Führers wäre für die holländische Partei ein Schlag, dessen Tragweite kaum zu übersehen wäre.

Soziale Nundschau.

Das Gesamtvermögen der deutschen Krankenkassen nach dem letzten Rechnungsabschluß betägt 310,8 Millionen Mark und hat damit eine Steigerung von 3,5 Millionen Mark erfahren. Den höchsten Vermögensstand haben mit 162,8 Millionen Mark die Ortskrankenkassen aufzuweisen: dann folgen die Betriebskrankenkassen mit 140,9 Millionen Mark, die Innungskrankenkassen mit 8,2 Millionen Mark und die Baukrankenkassen mit 147 000 Mk. Ungünstig liegen die Verhältnisse bei der Gemeindekrankenversicherung; denn hier sind die Passiva um 1,2 Millionen Mark höher als die Aktiva.

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Arbeiterbewegung.

Der Verband der Gärtner im Jahre 1914..

Eine der Organisationen, die in ihrem Mitgliederbestand durch den Krieg am schlimmsten betroffen wurden, ist die der Gärtnerei⸗ arbeiter. Am Schluß des Jahres 1913 zählte der Verband 7224 Mit⸗ glieder, am Schluß des 2. Vierteljahres 1914 sogar 7655, am Schluß des Jahres 1914 aber nur noch 3151. Als zum Militär einberufen waren 3759 Mitglieder gemeldet, doch sind von den fehlenden 745 ohne Zweisel noch eine Anzahl, die Militärdienst leisten. Bis zum 30. April ist die Zahl der Einberufenen auf 4808 oder 63 Prozent der Mitgliederzahl gestiegen. Damit hat der Verband neben den Verbänden der Fleischer und der Bäcker vrozentueal die höchste Ziffer aufzuweisen. Die hohe Beteiligungsziffer ist bei den Gärtnern da⸗ rauf zurückzuführen, daß im Gärtnereiberuf zum weitaus größten Teil nur junge Arbeitskräfte eingestellt werden. So wird allgemein in der gewerblichen Gärtnerei ein Mann von 25 Jahren schon als zu alt abgewiesen. Das rächt sich jetzt bitter an den Unternehmern insofern, als ein nie gelannter Mangel an Arbeitskräften herrscht, obwohl der Beschäftigungsgrad und der Geschäftsgang in der Gärt⸗ nerei sehr viel schlechter als zu normalen Zeiten ist. Die Arbeits⸗ losigkeit hat deswegen auch in den letzten Monaten ganz aufgehört, obwohl sie bei Ausbruch des Krieges bedenklich anschwoll. Die Zahl der Neuaufnahmen ist im Jahre 1914 gegen das Vorjahr bedeutend zurückgegangen, von 4611 auf 3171: hiervon entfallen auf das zweite Halbjahr noch 436 Aufnahmen. Das erste Quartal 1915 brachte nur 207 Eintritte..

Daß unter diesen Umständen die Kassenverhältnisse leiden muß⸗ ten, ist verständlich. So gingen die Einnahmen an Beiträgen von 170 423 auf 130003 Mark zurück. Die Gesamteinnahmen für 1914 betrugen 161086 Mark. Die Ausgaben verminderten sich nicht in der Weise, sie sind nur um 11091 Mark geringer als 1913 und über⸗ steigen die Einnahmen um 18 048 Mark. Die Ausgaben an Unter⸗ stützungen betragen allein 40 645 Mark, wovon 10 981 Mark an die Familien der einberufenen verheirateten Mitglieder als Notunter⸗ stützung gezahlt wurden. Für Arbeitskämpfe wurden 18 364 Mark ausgegeben. Der Gesamtkassenbestand des Verbandes betrug am Jahresschluß 60 580 Mark, wovon sich 39 339 Mark in der Hauptkasse befinden. b

Im Fahr 1914 wurden 16 Streiks und Lohnbewegungen mit 1401 Beteiligten geführt. Der Erfolg dieser Bewegungen war eine Arbeitszeitverkürzung für 124 Personen von 197 Stunden die Woche und für 1166 Personen eine Lohnerhöhung von 2175 Mark die Woche. 8 Tarifverträge wurden neu abgeschlossen. Auch während der Kriegs⸗ zeit hat der Verband seine Tätigkeit zur Abwehr von Verschlech⸗ terungen und Erreichung von Verbesserungen energisch und erfolg⸗ reich fortgesetzt. Besonders viel Arbeit verursachten die Differenzen mit Besitzern von Privatgärten, die sich vielsach auf alle erdenkliche Weise ihren Verpflichtungen den Familien der Einberufenen gegen⸗ über, die fast ausschließlich freie Wohnung beim Arbeitgeber haben, entziehen wollten. In mehreren Fällen mußte das Gericht in An⸗ spruch genommen werden.

Der Krieg forderte unter den Berufsangehörigen schon zahlreiche Opfer. Bis Ende Juni sind 172 Mitglieder als gefallen gemeldet. Leider ist die Zahl dieser Opser noch größer, da zweifellos ein Teil der Todesfälle nicht zur Kenntnis der Verbandsleitung gelangen. Besonderes Augenmerk richtet die Verbandsleitung auf die Aufrecht⸗ erhaltung der Verbindungen mit den Militärkollogen. An 1800 Mit⸗ glieder wird regelmäßig die Verbandszeitung geschickt, wodurch eine rege und feste Verbindung geschaffen ist. Dadurch wird der Wieder⸗ aufbau des Verbandes bei Kriegsende bedeutend gefördert. g

Diethelm von Buchenberg.

Erzählung von Bertold Auerbach.

N 5 85 Fränz war allein voll Unruhe und Widerstreit. Es war ein seltsam geartetes Kind, wie es in einer Ehe, die so oft von Zwietracht zerstört war, kaum anders sein konnte. Als sie noch Kind war,

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dergleichen. Bei diesen Reden stand das Kind wie ein Lamm da, und wie es die großen braunen Augen aufschlug, sprachen Worte und Gedanken heraus, die niemand verstehen konnte und wollte. Bisweilen wurde auch Fränz zum Friedensboten gemacht und von der Mutter nach dem Wirtshaus Zum Waldhorn oder in den Stall geschickt, dem Vater leise zu sagen, wenn

er alles wolle aus sein lassen, möge er zum Essen kommen: oder auch umgekehrt: der Vater schickte Fränz nach der Mutter, die sich in das Haus des alten Schäferle, zum Vater von Medard und Munde, flüchtete. Natürlich konnte hierbei von Kinderzucht gar keine Rede sein, und es war nur dem guten Naturell des Mädchens zu danken, daß es nicht wider spenstig und höhnisch gegen die Eltern war. Die Kamerad schaft mit Munde, der ein aufgeweckter und äußerst zart sinniger Knabe war, trug viel dazu bei, eine gewisse Milde in das herrische und heftige Wesen des Mädchens zu bringen. Als Fränz zur Jungfrau heranzureifen begann, war sie oft unbegreiflich schwermütig und still.

Zu jener Zeit begann aber der Fruchthandel und bald darauf die Schafhalterei Diethelms. Er nahm nun das Kind so oft als möglich mit auf seine Fahrten, und von da an lernte Fränz das Leben außer dem Hause als das allein schöne ansehen und wurde Meisterin einer weltläufigen Ver stellungskunst; denn wenn man den Diethelm erinnerte, zu welcher Stellung er, der frühere Knecht. gekommen war, ver fehlte er nicht, sein häusliches Glück zu preisen. Schon mit ihrem fünfzehnten Jahre merkte Fränz die bald offenen, bald versteckteren Werbungen um sie, und sie verstand es, dieselben hintanzuhalten, während sie daheim den getreuen Munde am Bändel führte und ihn in der Tat von Herzen lieb hatte. Denn Fränz war bei alledem doch kein durchaus verdorbenes Wesen, sie war gutherzig und arbeitsam, nach Laune oft bis zum Uebermaß, sie hatte Lust zu schenken, wie ihr Vater: nur schien ihr das, was man als Liebe pries, oft wie ein Possenspiel, sie sah es ja vor sich bei ihren Eltern; sie glaubte nicht an einen Frieden, und alles war nur der Welt wegen, damit die draußen nichts merken. Wenn Zank und Hader

zwischen den Eltern war, erging es ihr fast noch am besten; da wurde sie von jedem gehätschelt und durfte tun, was sie wollte; und wenn dann eine Versöhnung stattgefunden hatte, in der sich jedes bestrebte, dem anderen besonders liebreich zu sein, hätte sie gerne vor Verachtung die Zunge gegen beide herausgestreckt: sie wußte ja wohl, daß keine Friedsamkeit von Dauer war. Fränz war in der Tat, wie sie schon Medard auf dem Markte genannt hatte, ein Nückel. Ein Oberdeut⸗ scher weiß gleich, was es heißen will, und es wird ihm doch schwer, dies zu erklären; denn damit, daß er ein Wesen voll Tücken und Nücken bezeichnet, ist noch nicht alles erschöpft, ist ja damit noch nicht dargetan, daß man dem Nückel auch gut sein muß, man mag wollen oder nicht. Der Nückel kann bis zu einem gewissen Grade aufrichtig treuherzig sein, er kann es manchen Menschen antun, daß sie ihm zu Willen leben müssen, und wenn sie sich tausendmal darüber ärgern, und dann hat der Nickel seine besondere Freude, mit den Menschen zu spielen, sie gegeneinander zu hetzen, und wenn die Händel ausgebrochen sind, daneben zu stehen, als ob er kein Wässerlein trüben könne. Das einzige Bestreben der Fränz war nur, recht bald aus dem Hause und in recht schöne, reiche Verhältnisse hineinzukommen. Von den ländlichen Bewerbern, die sie ehedem kaum angesehen hatte, zeigte sich auffallenderweise seit einem Jahre keiner mehr, und Fränz, die vielgewanderte, sagte sich auch, daß sie keine Lust habe, auf einem einsamen Bauernhof ihr Leben zu verbringen, wo man froh ist, wenn eine Samenhändlerin kommt und einem von der Welt berichtet.Engelwirtin! Das ist das Rechte,

aber nur bald. nur fort aus dem Hause, sagte sich Fränz während sie still spann. 0 8 1

Wortsetzung folgt.) e