Oberhesst
közeitung
Organ für die Interessen des werktätigen Volkes der Provinz Oberhessen und der Nachbargebiete.
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Nr. 159
Gießen, Samstag, den 10. Juli 1915
10. Jahrgang.
Italiens
Enttäuschte Hoffnungen.
Die dieser Tage gemeldete Niederlage der Italiener am Isonzo bildet zweifellos einen Höhepunkt der dortigen Kämpfe. Wie gewaltig und blutig dieser vorläufige Abschluß war, beweisen die österreichisch⸗ungarischen Berichte. Dabei darf man nicht ver⸗ gessen, daß hier schon rein militärisch gesehen, ganz besondere Ver⸗ hältnisse vorlagen, daß die Italiener hier außerordentlich starke Kräfte angesetzt hatten, und daß ein Erfolg an dieser Stelle nicht nur von großer militärischer Bedeutung, sondern erst recht von star ker politischer Wirkung geworden wäre.
Der neue Vierverband erhoffte bekanntlich gerade von dem Eintritt Italiens in die Schlachtfront der Einkreisung nicht nur militärische, sondern vor allem politische Folgen. Bisher hat sich nun die Entwicklung der Dinge in jeder Hinsicht ganz an⸗ ders gestaltet, wie die Entente prophezeite. Der Eintritt Italiens hat bisher weder an der Westfront noch an der Ostfron: etwas geändert, wo man eine Ablenkung deutscher und österreichisch— ungarischer Kräfte erhoffte, noch an den Dardanellen, wo ge⸗ radezu die Entscheidung durch Italiens Eingreifen erwartet wurde, noch auf dem Balkan, wo die Hauptstaaten augeblich nur die Entscheidung Italiens abwarten wollten, um auf die Seite des Vierverbandes zu treten. Nachdem alles so ganz anders gekommen ist, wie man hoffte und wünschte, sind auch die Stimmungen in den Ländern des alten Dreiverbandes allmählich erheblich um ge⸗ schlagen. Die französische Presse läßt ganz besonders erkennen, wie schwer in Frankreich gerade von politischen Gesichtspunkten aus das völlige militärische Versagen Italiens empfunden wird. Die englische Presse sieht den einzigen Trost in der Hoffnung auf ein Eingreifen an den Dardanellen und ist unhöflich genug, den Italienern sehr deutlich durch die Blume zu sagen, daß sie nunmehr schleunigst an die Dardanellen gehen sollten, um dort die sicheren Erfolge zu erzielen, die ihnen leider gegenüber der österreichischen Front versagt geblieben wären. Diesen Wink kann aber die italienische Heeresleitung jetzt viel weniger erfüllen, als etwa bei Beginn des Krieges. Es gibt kein Volk, daß so auf Stimmungen und Gefühle eingestellt ist, wie das italienische, und es würde ge⸗ radezu zur Revolution treiben können, wenn das italienische Volk merken müßte, daß die Kämpfe gegen Oesterreich hintenan gestellt werden, um an die Dardanellen zu gehen.
Das Ergebnis der Niederlage am Isonzo wird also gerade um- gekehrt die italienische Heeresleitung zwingen, sich noch immer stärker und immer blutiger die Zähne an den Befestig⸗ ungen des Jsonzo⸗Tales auszubeißen. Auf dem Balkan hat das italienische Eingreifen in Albanien sofort die Lage verwirrt und die Interessen des Vierverbandes dadurch keineswegs verbessert. Die dauernden und durchgreifenden Erfolge der verbündeten deut⸗ schen und österreichisch-ungarischen Truppen in Galizien und Polen haben das ihrige getan, um die Balkanstaaten zur Ruhe und Ueber⸗ legung zu zwingen. Für Italien selbst aber ist die politische Lage durch das völlige militärische Versagen am schlimmsten geworden.
Wie es im Innern aussieht, kann man nicht mit Sicherheit sagen und man muß sich hüten, übertriebenen Be⸗ richten Glauben zu schenken. Aber soviel ist völlig klar, daß die Stellung Italiens im Vierverbande nur durch sofortige militärische Erfolge zu Macht und Ansehen kommen konnte. Da die militäri⸗ schen Erwartungen so bitter und fortgesetzt enttäuscht wurden, ist die Stellung Italiens im Vierverbande noch gedrückter als von deutscher Seite von vornherein angekündigt wurde. Es zeigt sich das nicht nur, wie schon angedeutet, in der Presse, es zeigt sich noch viel kräftiger in wirtsch aftlichen Maßnahmen Englands und Frankreichs gegenüber Italien. Der Geldbedarf Italiens wird jetzt mit noch größerer Zurückhaltung von den Ver⸗ bündeten gedeckt, als schon am Anfang. Auch über die mangelnde Kohleneinfuhr aus England beginnt die italienische Presse schon zu klagen. Wo immer man das Verhältnis Italiens zum Dreiverbande also ansieht, zeigt sich keine Verbesserung und keine Hebung, sondern steigender Pessimismus und wachsender gegenseitiger Verdacht. Trotzdem wäre es verkehrt, diese Er⸗ scheinungen in ihren Wirkungen für die Zukunft zu übertrei⸗ ben. Der Dreiverband hat Italien von vornherein weniger aus militärischen als aus polftischen Gründen geködert und weit weni⸗ ger Italiens Anschluß Aktivum für sich gebucht, als wie einen Verlust für Deutschland und Oesterreich⸗Ungarn. Jetzt zeigt sich, nicht nur miltärisch, sondern auch politisch das Umgekehrte, eine Entwicklung, die Deutschland und Oesterreich mi besonderer Genugtuung erfüllen muß und ihrer eigenen militärischen und politischen Stellung neue Zuversicht gibt. N
Die Südafrikanische Arbeiterpartei gegen die Deutschenhetze.
Rotterdam, 5. Juli. Wiederholt meldeten süd—⸗ afrikanisch⸗holländische Blätter, daß die Unduldsamkeit gegen die Deutschen sich so weit verstieg, daß selbst die Entlassung naturalisierter Arbeiter und Angestellter seitens ihrer chauvi⸗ nistisch⸗englisch gesinnter Mitarbeiter gefordert wurde. Die Volkssteem(Pretoria) bringt nun ein von den englischen Blättern abgewiesenes Eingesandt vom Vorsitzenden und dem Sekretär der Süd⸗Afrikanischen Arbeiterpartei(deren Mitglieder meist Engländer sind), das recht kennzeichnend für die Lage ist:
„In einer Sitzung des Vorstandes der S. A. A. P. wurde der Beweis geliefert, daß ein groß angelegtes Boykottsystem gegen britische Staatsangehörige deutscher und österreichischer Herkunft in den Bergwerken und anderen Werken in Transvaal besteht. U. a. wurde angeführt, daß 24 solcher Arbeiter von der Modder⸗ fontein⸗Dynamit⸗Fabrik entlassen wurden, weil andere Ar⸗ beiter dies gefordert hatten. Auch viele Fälle aus anderen
Teilen der Union, wo Arbeitern von bestem Ruf ein gleiches passierte, wurden dem Vorstand unterbreitet. Darunter sind Leute, die koloniale Kriege mit Auszeichnung mitgemacht haben.
„Es ist abscheulich, daß Angehörige der Ar⸗ beiterklasse sich so weit vergessen, Männer aus der Arbeit zu jagen, mit denen sie jahrelang friedlich zusammen gearbeitet haben. Es verdient ferner darauf verwiesen zu werden, daß auch die Frauen und Kinder dieser Leute unschuldig leiden müssen.
„Natürlich ist dieses Vorgehen ganz im Sinne derer, die das kapitalistische System, Konkurrenten niederzutreten, verteidigen. Aber Arbeiter können nichts Gutes er⸗ warten von einem Verhalten, das nur Bitterkeit unter den Be⸗ troffenen weckt.
„Diese Leute haben ihre Nationalität aufgegeben und wur⸗ den, vertrauend auf den Schutz der britischen Flagge, britische Reichsangehörige. Wenn ihr angenommenes Vaterland ihnen den
Schutz versagt, muß die britische Reichszugehörigkeit zum Spott
werden. Wie ist es möglich, daß unter der britischen Flagge ein System niedriger, feiger Verfolgung tausender ihrer Unterstützer stattfinden darf, einfach weil die Leute ihre Natio⸗ nalität angenommen haben? Und das ohne Protest seitens der Behörden, der Presse und des Publikums?“
Im Anschluß daran teilen die Einsender mit, daß die Partei eine Deputation an General Smuts beschlossen hat, um ihm die Not, die unter den Frauen und K indern der in einem Kamp untergebrachten Deutschen herrscht, vor⸗ zustellen. Ihr Vorgehen verdient alles Lob.
Auebberitt bes Großen Hauptnnerfttz
Scharmützel bei Arras und im Priesterwalde. An der Russenfront keine Veränderung. W. B. Großes Hauptquartier, 9. Juli, vorm.(Amtlich.) Westlicher Kriegsschauplatz.
Nördlich der Zuckerfabrik von Spuchez wurde ein französischer Angriff abgeschlagen. Kleine in unsere Stel⸗ lung eingedrungene Abteilungen wurden niedergemacht. Es gelaug uns bisher nicht, das vorgestern verlorene Graben⸗ stück westlich von Souchez vom Feinde zu säubern. Die von der französischen Heeresleitung gebrachte Nachricht über die Eroberung eines deutschen Geschützes ist unrichtig. 7
Oestlich von Ailly ergebnislose Einzelangriffe.
Oestlich anschließend an unsere neugewonnenen Stel⸗ lungen im Priesterwalde stürmten wir mehrere fran⸗ zösische Grabenlinien in einer Breite von 350 Metern, mach⸗ ten dabei über 250 Gefangene und erbeuteten 4 Maschinen⸗ gewehre. Nachts fanden auf der Front von Ailly bis zur Mosel nur unbedeutende Patrouillengefechte statt. Nach starker Artillerievorbereitung griff der Feind die von uns am 22. Juni erstürmte Höhe 631 bei Ban de Sapt an. Wir mußten die vollkommen verschütteten Gräben auf der Kuppe räumen
Oestlicher und südöstlicher Kriegsschauplatz. Die Lage ist unverändert. Oberste Heeresleitung.
Die Niederlage der Italiener am Isonzo.
T. U. Graz, 9. Juli. Die Grazer Tagespost erfährt aus dem Kriegspressequartier über die schwere Niederlage der Italiener am unteren Isonzo noch folgende Einzelheiten: Am unteren Isanzo erlitt die italienische Offensive einen voll⸗ ständigen Zusammenbruch. Die Angreifer erlitten furcht⸗ bare Verluste. Ob der König befohlen hatte, daß das Plateau von Deberdo genommen werden müsse, koste es was es wolle, wisse man nicht. In Linien bis zu 20 Reihen hinterein⸗ ander stürmten die Italiener vor. Es war ein furchtbares Morden; furchtbar, aber nicht für uns, wird die Reaktion sein. In zwei Tagen wurden zwei feindliche Divisionen auf die Schlachtbank geführt und zum Schluß setzten die Italiener die ganze 3. Armee von 250 000 Maun ein, die einen sehr be⸗ trächtlichen Teil ihres Bestandes eingebüßt hat.
Japan soll helfen!
Berlin, 9. Juni. Dazu, daß von russischer Seite ein neuer Hilferuf an Japan ergeht, schreibt die Kreuzzeitung: Es beleuchtet die militärische Lage Ruß⸗ lands, daß es jetzt den früher von Frankreich vergeblich er⸗ gangenen Ruf nach japanischer Hilfe seinerseits aufnimmt. Voraussichtlich wird er nicht von großer Wirkung sein, denn womit soll der Vierbund die japanische Hilfe be⸗ zahlen? Es kommt dazu, daß Englan d schwerwiegende Gründe hat, diese Hilfe nicht zu wünschen. Einer ussisch⸗ japanisches Bündnis könnte nur allzuleicht seine Spitze gegen asiatischen Besitz Englands kehren. Japan hat aber durch den Ausbau seiner Stellung in China und in der Südsee die Ernte, die es von diesem Kriege erhoffte, in seine
g ih erfo ige.
Scheuern gebracht, nicht zuletzt zum Schaden des englischen Verbündeten. Austausch deutscher und russischer Kriegsgefangener T. U. Stockholm, 9. Juli. Aus Lulea wird gemeldet, daß die Verhandlungen zwischen Deutschland und Rußland wegen Aus⸗ tauschs der Kriegsgefangenen abgeschlossen sind. Wie früher ge⸗ meldet wurde, waren einige Transportrouten über Schweden in Erwägung gezogen, wodurch am meisten Aussicht auf Verwirk⸗ lichung die Seefahrt von Uleaborg nach Lulea hatte. Jetzt scheint man den Gedanken einer Seetour fallen gelassen zu haben, da nun⸗ mehr die Eisenbahnstrecke zwischen Haparanda und Karungi vor lurzem eröffnet wurde, so wird man die Gefangenen über Karungi führen. Trelleborg und Haparanda wurden zu schwedischen Evakuationspunkten für Invalidenaustausch bestimmt. Zwischen diesen Stationen werden an gewissen Tagen der Woche Extrazüge verkehren. Es ist noch unbekannt, wann der Transport beginnen
wird. Vom versenkten Panzer„Amalfi“.
Rom, 9. Juli.(W. T. B. Nichtamtlich.) Giornale d'Italia meldet aus Venedig: Der„Amalfi“ ist dreißig Kilometer von der Kü ste torpediert worden. Die Größe des Lecks ließ den Versuch, das Schiff zu retten, nicht zu. Der Befehl zur Rettung der Besatzung ist sofort gegeben worden. Das Schiff sank in weniger als einer halben Stunde. Die anderen Schiffe der Divifion eilten herbei, um die Be⸗ satzung aufzunehmen. Zwei Spitalschiffe wurden nach Venedig ge⸗ sandt. 300 Mann wurden gerettet.
Schwere Schlappe der Engländer bei Otavifontain.
T. U. London, 9. Juli. Wie aus hier vorliegenden De⸗ peschen aus Otavifontain vom 7. Juni hervorgeht, hat die Armee des Generals Botha in der Nähe von Otavifontain ein schweres Gefecht mit deutschen Truppen bestanden, in dem die Engländer offenbar unterlegen sind. De⸗ peschen hierüber melden: Die Truppen des Generals Botha wurden in einiger Entfernung von Otavifontain don einer starken feindlichen Streitmacht angegriffen. So wur⸗ den nach ermüdendem Nachtmarsch durch 40 Meilen wasser⸗ loses Gebiet unsere Offiziere und Mannschaften heftig mit ⸗ genommen. Die ganze Front war vom Feinde nur wenige Meter entfernt. Während der ganzen Zeit des Gefechtes schwebten die Flugzeuge der Armee Botha über dem Gefechts⸗ platz. Die Deutschen hatten den Vorteil, daß sie hinter Ge⸗ büschen Deckung nehmen konnten, während die Truppen der Union bei ihrem Vormarsch natürlich sehr bloßgestellt waren. Infolge der Ermüdung der Truppen Bothas mußten diese den Vormarsch schließlich einstellen.
Streit um Jauréès. 12
Die italienischen Sozialisten laden laut Vossischer Zei⸗ tung für den 31. Juli zu einer Jauresfeier ein. Die Kriegs⸗ hetzer des Popolo d'Italia erklären das für eine B eleidi⸗ gung des Andenkens Jaureès und kündigen Gegen- feiern an. So wird Jaures an der einen Tafel als Friedensfreund, an der anderen als Kriegs- apostel gefeiert werden.
Kriegsnotizen.
Der noch jugendliche Kellner Franz Maney, ein geborener Kameruner, der in einer Berliner Restauration das deutsche Heer beschimpft hatte, wurde deshalb am Donnerstag von der vierten Strafkammer des Landgerichts 1 Berlin zu einem Jahre Ge⸗ fängnis verurteilt und sofort verhaftet. Dem preußischen Kriegsminister, der den Strafantrag gestellt hatte, wurde die Publi⸗ kationsbefugnis des Urteils zugesprochen.
Einen bemerkenswerten Beschluß hat der Land⸗ wirtschaftliche Kreisverein in Jserlohn gefaßt. Er sieht davon ab, eine Milchpreiserhöhung vorzunehmen und beläßt den alten Preis 115 20 Pfg. für das Liter. Der Verein sagt, die Landwirtschaft bringe lieber ein kleines Opfer, als daß sie ein wichtiges und für die Säuglingspflege unentbehrliches Nahr⸗ ungsmittel verteuere. N
Die Humanits schreibt: Der Stadtrat von Paris hat einen Kredit von 40 Millionen Franes bewilligt, die Kohlen⸗ preise in Paris zu regulieren und einem eventuellen Kohlen⸗ mangel vorzubeugen. 8
Aus Marseille wird gemeldet, daß vor der Einfahrt in den Tunnel de la Nerthe ein großer Güterzug, der Stroh, Pro⸗ viant usw. für das Militär transportierte, in Brand g eraten sei, wodurch 15 Wagen vollständig vernichtet worden seien.
Ein gefährliches Feuer brach am Dienstag in einem neuerrichteten Speicher im Hafen von Liverpool aus, in wel⸗ chem Salpeter untergebracht war. Die in der Nähe liegenden Schiffe wurden schnell in Sicherheit gebracht, aber ein angrenzendes Kohlenlager fing Feuer und wurde, ebenso wie der Speicher, vollständig vernichtet. Zahlreiche Explosionen hinderten die Rettungsarbeiten.
Das Stockholmer Aftenbladet erklärt sich in einer Besprechung der„Albatros“-Beschießung unbefriedigt von der russischen Genugtuung, da sie keine wirkliche Sicherheit für die Zukunft biete. Schweden müsse Bestrafung der Schuldigen fordern. Das Blatt glaubt, daß die Angelegenheit von der schwedischen Regierung noch nicht für erledigt angesehen wird, weil in dem amtlichen schwedischen Bericht nichts gesagt wird, daß die Erklärung der Russen befriedigend ist.


