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8 Her, der übrigens nicht Holt sondern Mincher heißt,
Ernste Verstimmung im Vierverband.
W. B. Berlin, 7. Juli.(Priv.⸗Tel.) Nach einer Kon⸗ stantinopeler Meldung der Neuen Freien Presse heißt es über die Verstimmung innerhalb des Vierverbandes: Der Zar hat seinen Flügeladjutanten, General Sadansky, nach Paris geschickt, um die Franzosen zu einer energischeren Aktion auf der Westfront zu veranlassen. Schwer enttäuscht ist man auch in Petersburg über den Eindruck, den das Auf⸗ treten Italiens auf dem Balkan hervorgerufen hat.
Der Zankapfel des Vierverbandes.
T. U. Scheveningen, 7. Juli. In der albanischen Frage schlossen sich bisher nur Frankreich und England der italieni⸗ schen Aktion gegen Serbien und Montenegro an, wogegen Rußland seine Mitwirkung versagte. Es geht hieraus her⸗ vor, daß die albanische Frage der Zankapfel des Vierver⸗ bandes bleibt.
Aufdeckung einer Verschwörung in Rußland.
T. U. Sofia, 7. Juli. Aus Petersburg wird gemeldet: Der Gehilfe des Ministers des Innern, General Dskunkowski, habe sich an die Spitze einer besonderen Kommission in die Bezirke Charkow und Odessa begeben, aus denen beunruhigende Berichte vorliegen. Der Kommandant von Moskau hat dem Minister des Innern Be⸗ richt erstattet, 220 Studenten wurden bei einer Geheimversamm⸗ lung von der Geheimpolizei dabei überrascht, wie sie revolutionäre Aufrufe gegen den Zaren, den Großfürsten Nikolai Nikolajewitsch und gegen den Krieg vorbereiteten. Ferner wurden bei ihnen Papiere gefunden, aus denen hervorgeht, daß in Petersburg und Charkow Zweigorganisationen der neuen Moskauer revolutionären Vereinigung bestehen und in Petersburg und in Moskau Unruhen ins Werk gesetzt werden sollten. Die Ermordung des Stadtkom⸗ 1 von Moskau und des Moskauer Bürgermeisters waren geplant.
Weiter wurden durch das Los 10 Studenten bestimmt, die nach Petersburg abgereist sind, um Attentate auf hochstehende Persönlich⸗ keiten zu verüben. Man glaubt Beweise dafür zu haben, daß die Verschwörer in Offiziersuniformen Moskau verlassen haben. Ihr Ziel ist, ins Hauptquartier einzudringen, um zu dem Großfürsten Nikolajewitsch hin zu gelangen.(Berl. Morgenp.)
Die Anleihenot Italiens.
Lugano, 7. Juli. Luzatti erläßt in den Blättern einen verzweifelten Aufruf zur Zeichnung der Anleihe gegen An⸗ drohung von Zwangsmaßnahmen bei einem ungünstigen Er⸗ gebnis. Die Angst vor dem endgültigen Ergebnis steigert sich. Inzwischen überwiesen die italienischen Notenbanken auf Befehl der Regierung dem Staatsschatz weitere 200 Mil⸗ lionen Lire Vorschuß.
Der Protest der schwedischen Regierung.
Kopenhagen, 7. Juli. Auf den Protest des schwedischen Gesandten in Petersburg, wonach bei dem Seekampf vor Gotland am 2. Juli ein russisches Geschoß über die schwedische Insel Oestergarn hinwegging und 200 Meter vor der Küste ins Wasser fiel, sprach die russische Regierung ihr tiefes Be⸗ dauern aus. Sie führte den Schuß auf einen unglücklichen Zufall zurück, der von niemanden beabsichtigt, jedoch durch unsichtiges Wetter und künstliche Rauchentwicklung des deut⸗ schen Torpedojägers begünstigt worden sei. Im übrigen
en könne das Geschoß ebenso von deutscher wie von russischer
xi rühren.
Attentäter Holt geisteskrank. vk, 7. Juli.(Privat⸗Tel.) Die Geisteskrankheit „Asks auf Morgan ist nunmehr einwandfrei festgestellt. infolgedessen abgebrochen. Der Atten⸗ hatte in
seinem Anzuge verschiedene Briefe an hohe Persönlichkeiten, so unter anderen an Kaiser Wilhelm und an den König von England, in denen er Vorschläge für einen Friedensschluß machte.
Kriegstagungdes Deutschen Metallarbeiterverbandes l. Berlin, 3. Juli. (Sechster Verhandlungstag.)
Für die Statutenberatungskommission gab heute Philipp⸗ Breslau den Schlußbericht. Die Kommission schlägt vor, die Be⸗ stimmungen über die Beiträge folgendermaßen festzulegen: Klasse 1: Für männliche Mitglieder mit einem Wochenverdienst von 5 mehr als 24 Marke 70 Pfg. Klasse II: Mit einem Wochenverdienst bis 24 Mark. 50 Pfg. Klasse III: Für weibliche Mitglieder, Lehrlinge und jugendliche Ar⸗ : beiter bis zum vollendeten 18. Lebensjahre. 30 Pfg.
Der Uebertritt von männlichen Mitgliedern von Klasse 1 in Klasse II bann nur dann erfolgen, wenn dauernder Minderver⸗ dienst des Mitglieds dies e Für diese Mitglieder treten die Unterstützungssätze für Klasse II sofort in Kraft. Männlichen
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70 1 uererhandlung wurde
Mitgliedern, die weniger wie 24 Mark verdienen, steyt es lederzeit frei, in die 1. Klasse überzutreten. Jedoch muß dieser Uebertritt vor dem vollendeten 50. Lebensjahr geschehen. Solche in eine höhere Klasse übertretende Mitglieder beziehen in den ersten 52 Wochen ihrer Zugehörigkeit zur höheren Klasse die Unterstützungssätze, die sie sich in der bisherigen Klasse erworben haben oder in Anrechnung kämen. Dasselbe gilt von den männlichen Mitgliedern, die von Klasse III in Klasse II übertreten. In die Klasse II können auch weibliche Mitglieder ein⸗ oder übertreten. Die Entscheidung hier⸗ über fällt die zuständige Ortsverwaltung.
Ueber die Festsetzung der Verdienstgrenze entspann sich nochmals eine längere Auseinandersetzung. Mehrere Redner wünschen die Grenze für die II. Beitragsklasse auf 27 Mark anstatk auf 24 Mark festzusetzen. Die große Mehrheit des Verbandstags hielt aber an der schon gestern beschlossenen Verdienstgrenze von 24 Mark fest und lehnte weitergehende Anträge ab. Die Vorschläge der Kommission wurden mit großer Mehrheit angenommen.
Bei der Festsetzung der Unterstützungssätze hat sich die Statuten⸗ beratungskommission im wesentlichen den Vorschlägen der Staffel⸗ kommission angeschlossen. Die Unterstützungssätze in der I. und III. Klasse bleiben wie bisher. Die Sätze für die neugeschaffene II. Klasse(50 Pfg.⸗Beitrag) entsprechen prozentual den der I. und III. Klasse. Den Bestimmungen über die Krankenunterstützung wurde hinzugefügt, daß Mitglieder, denen der Bezug des Krankengeldes durch Statut von Krankenkassen bei Doppelversicherungen gekürzt wird, aus der Verbandskasse nur für soviel Unterstützungstage aus⸗ bezahlt erhalten, bis die Höhe des im Statut der Krankenkasse fest⸗ gelegten Krankengeldbezugs erreicht ist. Das Sterbegeld beträgt für die II. Klasse genau soviel wie für die I. und III. Klasse.
Zu den Bestimmugnen des Statuts über das
Verbandsorgan
lag ein Antrag Leipzig vor, eine Preßkommission einzu⸗ setzen. Redakteur Scherm⸗Stuttgart wendete sich gegen diesen Antrag. Was die Antragsteller wollten, bedeutet nichts anderes, wie eine Präventivzensur. Severing⸗Bielefeld und der Ausschuß⸗ vorsitzende Weißig ⸗ Frankfurt a. M. sprachen ebenfalls gegen den Antrag. Es wurde darauf hingewiesen, daß der Vorstand(die jetzige Beschwerdeinstanz) die Behandlung innever Parteistreitigkeiten im Verbandsorgan auch nicht wünsche. Daraufhin zogen die Leipziger Delegierten ihren Antrag zurück. Ein gleichlautender Antrag Pries fand einstimmige Ablehnung.
Eine andere Zusammensetzung des Beirats verlangt ein weiterer Antrag Leipzig. Den Beirat bilden bisher die besoldeten Vorstands⸗ mitglieder, je ein Vertreter der Redaktion und des Ausschusses und die Bezirksleiter. Der Antrag Leipzig verlangt nun, daß außer je einem Bezirksleiter der 11 Bezirke je ein weiterer Vertreter der Bezirke der von den Generalversammlungsdelegierten der Bezirke mittels geheimer Abstimmung durch absolute Mehrheit auf die Dauer bis zur nächsten ordentlichen Generalversammlung gewählt wird, dem Beirat angehöre. Das Vorstandsmitglied Reichel und an⸗ dere Redner sprachen gegen den Antrag. Es liege kein Bedürfnis für die Verwirklichung dieses Antrages vor. Selbstverständlich sei, daß der Vorstand und Beirat bei großen Bewegungen mit den Kol⸗ legen am Orte in unmittelbarer und ständiger Fühlung zu bleiben versuche. Andere Delegierte traten für den Leipziger Antrag ein. Er wurde aber gegen wenige Stimmen abgelehnt.
Für die Entschädigung der Ortsverwaltung und sonstige örtliche Zwecke stehen den Ortsverwaltungen aus dem 50⸗Pfg.⸗Beitrag 10 Pfennige zu.
Das so geänderte Statut wurde hierauf einstimmig en bloc angenommen. Es tritt mit den Staffelbeiträgen, also spätestens am 1. Juli 1916, wahrscheinlich aber schon am 1. Januar 1916 in Kraft.
Bei der Wahl des Vorstandes, der Redaktion und des Aus schusses wurde von einem Hamburger Delegierten gegen die sonst übliche en bloc-Wahl Widerspruch erhoben. Es mußte darum Abstimmung per Stimmzettel erfolgen. Diese hatte folgendes Ergebnis: Abgegeben wurden 146 Stimmzettel, von denen 6 weiß waren. Wiedergewählt wurden Schlicke als 1. Vorsitzender mit 138 Stim⸗ men, Reichel als 2. Vorsitzender mit 137, Werner als Kassierer mit 139, Redakteur Scherm mit 133, Redakteur Quist mit 114, Ausschußvorsitzender Weißig ⸗ Frankfurt a. M. mit 137 und dessen Stellvertreter Siegel- Frankfurt a. M. mit 136 Stimmen. Als Sekretär wurde in den Vorstand neugewählt mit 132 Stimmen Gauleiter Zernecke⸗- Berlin.
Am Schlusse der Tagung begründete Kurth⸗ München eine Resolution gegen die
Reverspolitik der bayerischen Regierung,
der der Verbandstag einstimmig zustimmte. In dieser Entschließung protestiert die Generalversammlung gegen die fortdauernde aus⸗ nahmerechtliche Behandlung der Mitglieder des Deutschen Metallar⸗ beiterverbandes in den Betrieben der bayerischen Verkehrsverwal⸗ tung. Zur Erfüllung der sozialen Aufgaben unserer Zeit sei die vollste Gleichberechtigung aller Staatsbürger erforderlich. In An⸗ sehung dieser Tatsachen fordert daher die Generalversammlung die Aufhebung des Reverses.
Damit waren die Arbeiten der Generalversammlung, deren Be⸗ ratungen anders gekommen sind, wie sie geplant waren, erledigt. Verbandsvorsitzender Schlicke betonte in seiner Schlußrede, die Generalversammlung habe bekundet, daß wir nicht nur im eigenen Vaterland die Organisation aufrecht erhalten, auf organisatorischem und wirtschaftlichen Gebiet durchhalten wollen, sondern uns auch be⸗ mühen, in der internationalen Familie zu den Besten zu gehören. Möge der unselige Krieg bald beendet werden, daß wir die Friedens⸗ arbeit wieder beginnen können!(Lebhafter Beifall.)
Die nächste Generalversammlung tagt 1917 in Köln. — 2—
Hessen und Nachbargebiete.
Gießen und umgebung ⸗ So wird's gemacht!
Wie die Lebensmittelpreise in die Höhe getrieben werden, zeigt das Beispiel des Viktualienhändlers Jugenheimer don Frankenthal. Dieser Herr ließ am vergangenen Dienstag in Gerolsheim durch die Ortsschelle bekannt geben, daß er Ab⸗ nehmer von Frühkartoffeln ist, das Malter zu 20 Mk. Selbst⸗ verständlich sind andere Händler nun gezwungen, denselben Preis zu bezahlen und, trotzdem 20 Mk. der festgesetzte Höchst⸗ preis ist, am Ende noch zu überbieten. Oder rechnet Herr Jugenheimer damit, daß er jetzt das Geschäftche allein machen kann? Unter diesen Umständen ist es ausgeschlossen, daß ein Familienvater, welcher vielleicht einen Zentner Kartoffeln erwerben will, diese aus erster Hand beziehen kann. Denn selbstverständlich verkauft ein Bauer nicht zentnerweise, wenn er seine Kartoffeln fuhrenweise zu einem derartig hohen Preise absetzen kann. Auf jeden Fall will der Herr bezwecken,
daß alle Kartoffeln, die konsumiert werden, erst den Weg durch
die Hand der Händler nehmen müssen. Wie teuer werden sie erst werden, wenn im Einkauf 20 Mk. für das Malter bezahlt werden? Es genügt nicht, daß die Stadtverwaltungen ein⸗ greifen, indem sie Kartoffeln aufkaufen und zum Selbstkosten⸗ preis abgeben, damit das konsumierende Publikum den Händ⸗ lern nicht auf Gnade und Ungnade ausgeliefert ist. Diesen Preistreibereien muß von Reichswegen ein Riegel vorge schoben werden. Die arbeitende Bevölkerung ohne Unter schied leidet schwer unter der Teuerung. Wohl sind in ver schiedenen Betrieben die Löhne gestiegen, aber lange nicht in dem Maße, wie die Preise für die notwendigsten Lebensmittel. Die Einschränkung der Brotrationen zwingt zum Kartoffel- konsum; es muß daher alles aufgeboten werden, um den Händ⸗ lern die neue Kartoffelernte als Spekulationsobjekt zu ent⸗ ziehen! Am schlimmsten werden durch die Teuerung die werk, tätige Bevölkerung, sowie die kleinen Angestellten und Be⸗ amten betroffen. Die Gehälter, die in normalen Zeiten ge⸗ rade ausreichen, sind fixiert und eine Eingabe um Teuerungs⸗ zulage ist nicht immer von Erfolg. Umsomehr hätten die Be⸗ hörden, die eine größere Zahl minderbezahlter Beamter ustwd. beschäftigen, die Pflicht, dafür zu sorgen, daß derarti Massenkonsumartikel wie Kartoffeln nicht jetzt schon, ehe mi der neuen Ernte begonnen wird, im Preis ins Unerschwing⸗ liche getrieben wird.
Die Metzger und die Fleischnot.
Der Bezirksverein„Beide Hessen und Nassau des Deutschen Fleischerverbandes(Unternebmer)“ hat zur Frage der Vieh⸗ und Fleischnot an das Reichsamt des Innern eine Eingabe gerichtet, in der es u. a. heißt:-
„Die Lage des Viehmarktes und im Zusammenhang damit die Frage der Versorgung der Bevölkerung mit Fleischnahrung haben eine Gestalt angenommen, daß das Metzgergewerbe alle Ver⸗ anlassung hat, hierzu in der Oeffentlichkeit Stellung zu nehmen. Gleich anderen, dem Deutschen Fleischer⸗Verbande angehörenden Bezirksvereinen hat auch der Bezirksverein„Beide Hessen und Nassau“ eingehende Verhandlungen über die Ursache der Vieh⸗ und Fleischteuerung, über ihre Wirkung und über die Möglichkeit einer etwaigen Besserung der Verhältnisse gepflogen.
Nach einstimmiger Ansicht der Versammlung war es neoen den massenhaften Ankäufen der Heeresverwaltung zu unbeschränkten Preisen, insbesondere die angeordnete Zwangsabschlachtung der Schweine und die zu gleicher Zeit den Städten auferlegte Verpflicht⸗ ung, Dauerware aufzustapeln, die die Vieh⸗ und Fleischpreise auf eine früher nie gekannte Höhe getrieben haben.
Es ist gewiß als oberster Grundsatz anzuerkennen, daß das Heer in seiner Verköstigung sicher gestellt wird und daß die im Felde stehenden Truppen hauptsächlich Fleischnahrung erhalten müssen, um die gewaltigen Strapazen aushalten zu können. Die Lieferungen für das Heer wurden aber in der ersten Zeit zu ungeheueren Auf⸗ schlägen vergeben, das Vieh durch dritte und vierte Hand angekauft und dabei Preise angelegt, die bis ins Schwindelhafte gingen. Besserung ist keineswegs eingetreten; denn jetzt noch kaufen die Be⸗ auftragten der Heeresverwaltung auf dem flachen Lande und auf den Viehmärkten, ohne an Preise gebunden zu sein. Daß hierdur die Preise für das gesamte zum Verkauf kommende Schlachtvieh all⸗ gemein in die Höhe getrieben wurden, bedarf keines besonderen Hinweises.
Schwerwiegender noch war die wegen angeblichen JFutter⸗ mangels angeordnete Zwangsabschlachtung von Schweinen zur Herstellung von Dauerware durch die Stadtverwaltungen. Der alt-
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Diethelm von Buchenberg.
Erzählung von Bertold Auerbach. 17
Diethelm schwieg während der weitläufigen Erzählung bon dem Brande und dem Neubau. Er hörte mißtrauisch die ganze Darlegung von der Anklage auf Brandstiftung und der vollkommenen Freisprechung von derselben, und so heiter er in das Wirtshaus eingetreten war, ebenso mißmutig ver— ließ er dasselbe: der Mann und alle seine Habe, alle die Tische, Stühle, Türen erschienen ihm so verbrecherisch, das ganze Haus so unheimlich, als spräche aus jedem Steine und Balken das Verbrechen, das es gegründet haben sollte.
Als flöhe er vor einer verzauberten Behausung, die ihn festbannen wollte, machte sich Diethelm davon, und die Leute schauten ihm verwundert nach, als er in gestrecktem Galopp über die Hochebene davonjagte.
Als es wieder bergab ging, hemmte Diethelm kein Rad. und die Rappen stemmten sich rechts und links, und Diethelm fuhr immer hin und her, um dadurch eine Schlängelung des Wagens zu gewinnen. Da krachte es plötzlich, der Sattelgaul stürzte und riß Diethelm mit sich vom Wagen herab, daß Fränz laut aufschrie. Herbeieilende Wegknechte halfen bald wieder auf. Diethelm hatte sich nicht beschädigt, nur hinkte er am linken Fuße. Die zerbrochene Deichsel wurde zusam— mengebunden, und die wild gewordenen Pferde an der Hand führend, ging Diethelm mit der Fränz neben ihnen her. Eine gute Strecke gingen sie lautlos dahin, jetzt hielt Diethelm an, nahm seufzend den Hut ab, seine Haare schienen in der Tat seit zwei Tagen sehr gebleicht zu haben, und an das staub— bedeckte Pferd gelehnt, sagte er mit zitternder Stimme: „Fränz, ich tät sterben, ich tät' mir selber den Tod an, wenn ich auf meine alten Tage in Not käm'; wenn ich laufen müßte! und nicht mehr fahren könnt'. Guck, ich mein, ich geh' knie⸗
tief im Boden, so schwer wird mir's. Wenn ich so weit 'runterkäme— nein, es darf nicht sein. Ich bin nicht allein, ein ganzes Dorf stürzt mit mir. Wenn ich niemand mehr was schenken könnt'— lieber möcht' ich gestorben sein.“
Fränz tröstete, so gut sie konnte, und nannte diese Schwermut nur eine Folge des Schreckens. In Untertail—⸗ fingen, kaum noch eine Stunde von Buchenberg, war Diet— helm eigentlich schon zu Hause, denn hier hatte er einen Weidgang für vierhundert Schafe gepachtet. An der Schmiede wurde nun die zerbrochene Deichsel wieder festgenietet, und der Wein im Wirtshaus festigte fast ebenso das geknickte Ge— müt Diethelms, ja, er fühlte sich so frisch gestimmt, als ginge es zu einer besonderen Festlichkeit, und in seltsamer Laune schickte er nach dem Bader und ließ sich von ihm mitten in der Woche die Bartstoppeln abnehmen.
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Mit aufsehenerregendem Wagengerassel fuhr Diethelm in Buchenberg ein; aber es schaute niemand nach ihm denn eben läutete die große Glocke, die sogenannte alte Kakhrein, die nur bei Sterbefällen und in Feuersgefahr allein ange— zogen wurde. Diethelm fühlte, wie dieser Klang ihm den Atem stellte. Wär's möglich, daß seine Frau sich ein Leid angetan? Er mußte die Leute auf der Straße für die arme Seele beten lassen und konnte nicht fragen.
„Wer ist gestorben?“ fragte er, beim Wirtshaus Zum Waldhorn anhaltend, und erhielt zur Antwort, daß man dem alten Küfermichel zum Verscheiden läute. Diethelm knallte mit der Peitsche. Es war nicht der Mühe wert, um den alten Mann so viel Aufhebens zu machen.
Heiteren Sinnes fuhr er das Dorf hinaus nach seinem Gehöft. Im hellen Mittagsglanz lagen Haus und Scheuer und Ställe stattlich da. Das Haus, mit der Giebelseite nach der Straße gekehrt, von den Grundmauern bis zum Dache
um und um mit grau gewordenen Schindeln vertäfelt, die
als Wetterpanzer dienten, öffnete jetzt sozusagen seinen Mund und erhielt große Brocken; denn in dem Vorbau am Dache standen zwei Männer und zogen an der Radwinde die Wollballen herein, die von unten heraufgeschrotet wurden. Aus dem Schornstein stieg kein mittäglicher Rauch auf, und es war nun doppelt gut, daß in der Kalten Herberge vorge— sorgt war. Während er den kleinen Hügel hinanfuhr, über⸗ legte Diethelm, wie er dem keifenden Wesen der Frau be⸗ gegnen solle, und er blieb schließlich dabei, daß er zu allem lächeln und geheimnisvoll tun müsse, als ob er einen großen Gewinn in der Tasche und einen noch größeren in Aussicht habe. Als er anhielt und abstieg, ließ sich niemand sehen, Diethelm führte selbst die Pferde in den Stall und schickte durch Fränz das Manteltuch der Mutter; dann ging er an der Stubentür vorbei, drin er laut weinen hörte, hinauf au, den Speicher, und als er hier mit Medard zankte, weil et die verschiedenen Sorten untereinander gelegt, erwiderte dieser trotzig, das ganze Geschäft sei eigentlich nicht seine Sache, er sei Schäfer und nicht Kaufmannsdiener. Zu jeder anderen Zeit hätte Diethelm auf solche trotzige Art tapfer ausgeschirrt, heute aber brummte er nur vor sich hin:„Wart' nur, krummer Spitzbub!“, und sprach kein lautes Wort. Er wollte es vor allem vermeiden, vor den vielen ein- und aus⸗ gehenden Fremden im Hause irgend Zank laut werden zu lassen; denn es konnte dabei manches zutage kommen, was besser verborgen blieb; auch wußte er, wie große Stücke seine Frau auf den Schäfer und dessen ganze Sippschaft hielt.
Als er wieder die Stiege herabkam, stand die Frau am Herde und zündete ein Feuer an. Er reichte ihr die Hand und fragte:„Warum hast du denn bis jetzt kein Feuer an⸗ gemacht?“
„Ich hab' warten wollen, bis du's selber anzündest,“ er· widerte die Frau in schmollendem Tone g
(Fortsetzung folgt.]
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