Ausgabe 
7.7.1915
 
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Die Deutsche Juristenzeitung hat auf Grund amtlichen Mate- rials berechnet, daß bis 25. Juni 1745 deutsche Juristen und aus der Justiz hervorgegangene Reichs- und Verwaltungsbeamte im Kriege gefallen sind u. a. 8 Rechtslehrer, 374 Regierungs- und Ver⸗ waltungsbeamte, Richter, Staatsanwälte, 325 Rechtsanwälte, 435 Assessoren, 605 Referendare usw.

Nouvelliste meldet aus Paris: Der Vorstand der radikal⸗ sozialistischen Partei forderte die Regierung auf, den an der Front stehenden Soldaten Urlaub zu einer Reise in die Heimat zu gewähren. Ministerpräsident Viviani versprach, sich mit Joffre hierüber ins Einvernehmen zu setzen und dem Wunsche der Partei womöglich Erfüllung zu verschaffen.

Durch Anschlag in den besetzten Ortschaften macht das Kriegs⸗ gericht des 6, italienischen Armeekorps in Cormons bekannt, daß es den 33jährigen Porzellanarbeiter Francesco Perco zum Tod durch Erschießen in den Rücken verurteilt habe, weil er in seinem Heimats⸗ ort Lucinicco auch nach Besetzung durch die Italiener blieb, um l Oesterreichern Nachrichten über ihre Bewegungen zukommen zu sassen.

Wie aus Neu⸗Seeland gemeldet wird, will die dortige liberale Regierung sich in ein Koalitionsministerium umwandeln, um die Kriegsrüstungen zur Unterstützung des Mutterlandes besser betreiben zu können. Auch der Arbeiterbewegung will man einige Sitze ein⸗ räumen.

Maxim Gorkis Sohn, der beim Kriegsausbruch in die franzö⸗ sische Armee freiwillig eingetreten war, wurde bei einem Angriff am 22. Mai schwer verwundet. Jetzt ist ihm in einem Lazarett bei Paris der rechte Arm amputiert worden.

Die deutsche Militärverwaltung der besetzten Gebiete von Polen hat für 13 polnische Städte die Städteordnung nach preußi⸗ schem Muster eingeführt mit der für Polen bedeutungsvollen Neuerung, daß Frauen im einzelnen unbesoldeten Ehrenämtern zu⸗ gelassen werden.

Der Avanti entnimmt der Gazetta Ufficiale, daß die 12⸗ bis 15jährigen Kinder von Kriegsteilnehmern und zum Heeresdienst Eingezogenen während der Dauer des Krieges vom Schulbesuch dis⸗ pensiert werden können und das Verbot der Kinderarbeit für sie sus⸗ vendiert ist.

Einer Meldung aus Kairo zufolge, wurde das dortige große deutsche Klubhaus durch Feuersbrunst vollständig zerstört.

Parteinachrichten. Gegen Parteizerrüttung.

Der Parteivorstand schreibt uns:

Der Vorwärts polemisiert in seiner Nummer 182 vom 4. Nuli gegen den Aufruf der Vorstände der Partei und der Reichstags⸗ fraktion vom 28. Juni. Wir wollen auf die Einzelheiten seiner Ant⸗ wort nicht eingehen. Wenn er aber behauptet, daß sich der Vorwurf derHintertreppenpolitik auf ganz andere Dinge beziehe, als die in unserer Erklärung erwähnten, so erblicken wir darin eine neue Verdächtigung, die wir entschieden zurückweisen müssen. Wir blei⸗ ben dabei, daß von Partei- und Fraktions leitung andere als in un⸗ serer Erklärung erwähnten Verhandlungen mit der Regierung nicht geführt worden sind.

Die Redaktion des Vorwärts sucht aber ferner in ihrer Erwi derung von den Spuren jener Kreise, die die organisierte Parteizer⸗ rüttung betreiben, abzulenken, indem sie auf Aeußerungen im Volks⸗ blatt für Anhalt und im Karlsruher Volksfreund sowie auf eine Broschüre des Genossen Kolb überDie Sozialdemokratie am Scheidewege hinweist. in denen den Katastrophenpolitikern der Rat gegeben wird, einen Klub für sich zu bilden; in denen von Gegen⸗ sätzen gesprochen wird, die zu groß geworden seien, als daß sie über⸗ brückt werden könnten und ähnliches mehr. Bei aller Achtung vor der Meinungsfreiheit in der Partei halten wir, zumal in der Krieas⸗ geit, auch solche Preßerörterungen über die angeblich zur Herstellung

einer wirklichen Einheit und Einigkeit notwendige Scheidung der

e

.* de schädlich. Wir zwei eln nicht daran, dos die . 5 den literarischen Vorkä pfern der Idee der Par⸗ a e Seite sie auch immer stehen,

erden. Der Satz unseres Aufrufs vohung. die auf eine Parteispaltung hin⸗

3 g 12

el cchen an der Partei, ein Verbrechen an der ge⸗ samien. begung richtet sich gegen jeden, der mit der eee ht. Wenn wir uns so scharf gegen das Unter⸗ schriftenflugblatt Bom 9. Juni gewandt haben, so vor allem des⸗

halb, weil es sich hier um mehr als um die journalistischen Mei⸗ nungsäußerungen eines oder einiger Parteigenossen handelt. Eine Gruppe der Minderheit in der Partei hat sich besonders organisiert und betreibt von einer Zentralstelle aus mit un- wahren Behauptungen die Minierarbeit gegen die Politik der Partei- mehrheit. Wenn das diesem Teil der Opposition recht sein soll, so müßte es morgen jeder anderen Gruppe der Partei billig sein. Das muß aber zur Desorganisation der Partei führen und ist praktische Vorarbeit für die Spaltung der Partei. Die Erkenntnis dieser Ge fahren veranlaßten die Vorstände der Partei und der Reichstaas⸗ fraktion zu ihrem Appell an die Parteigenossen, diesem Treiben ein Bis hierher und nicht weiter! zurufen: Der Parteiausschuß hat sich dieser Auffassung angeschlossen.

Endlich ist es eine Irreführung der Parteigenossen, wenn der Vorwärts es so darzustellen sucht, als ob es sich bei der Verurtei⸗ lung dieses Treibens um die Auffassung der Mehrheit des Partei⸗ und Fraktionsvorstandes handelt. Der Text des Aufrufs Gegen Parteizerrüttung wurde in einer gemeinsamen Sitzung der Vorstände der Partei- und der Reichstagsfraktion ein stimmig beschlossen.

Noch ein Pressejubiläum!

Die Volkswacht in Bielefeld erschien am 1. Juli als Jubi⸗ läumsausgabe; sie feierte ihr 25jähriges Bestehen. Die 34 Seiten umfassende Nummer enthält Erinnerungen aus der Gründungszeit und mehrere der Bedeutung des Ereignisses und den Zeitfragen ge⸗ widmete Artikel. Das Zeitungsunternehmen hat sich allmählich zur jetzigen Höhe entwickelt und besitzt heute eine 16seitige und eine Sseitige Rotationsmaschine. Während des Krieges hat sich die Volks⸗ wacht gut behauptet.

Kriegstagungdes Deutschen Metallarbeiterverbandes k. Berlin, 2. Juli.

Die neee erledigte heute noch eine Reihe Be⸗ schwerden. Dann gab Rückert⸗Karlsruhe den Bericht für die Kommission, der die Anträge auf

Wiedereinführung der aufgehobenen Unterstützungen

liberwiesen waren. Die Kommission habe berücksichtigt, daß der Wunsch auf Wiedereinführung der Krankenunterstützung bei einem großen Teil der Mitglieder besteht. Sie wäre sich aber darüber klar, daß die Wiedereinführung in der gegenwärtigen Zeit nicht im vollen Umfange geschehen könne. Die Kommission beantrage darum,die Erwerbslosenuntexstützung bei Kvankheit vom 1. August 1915 an in der Höhe der Hälfte der bisherigen Unterstützungssätze auf die Dauer von 20 Wochen bei 14tägiger Karenzzeit wieder einzuführen. Eine Sbaepeenberun solle dies nicht sein, sondern nur ein Notgesetz für die Dauer des Kriegs. Dem Vorstand soll es überlassen bleiben, wenn es die Umstände gerechtfertigen, das Vorgeschlagene wieder außer Kraft zu setzen und die alten Sätze wieder zu gewähren. Die

Kommission sei überzeugt, daß durch ihren Vorschlag der Verband nicht zu sehr belastet werde, sie bitte aber, alle weitergehenden An⸗

träge abzulehnen.

Nach einer kurzen Diskussion nahm der Verbandstag den Antrag der Kommission mit großer Mehrheit an. Anträge, die Sperrung der Unterstützung bei Aussetzen betreffend, wurden abgelehnt. Zu⸗ stimmung fand noch folgender Antrag der Kommission:

Ausgesteuerte und noch nicht bezugsberechtigte zum Kriegs⸗ dienst eingezogene Mitglieder, die sich nach ihrer Entlassung aus dem Heeresdienst fristgemäß zum Verband wiederanmelden, können innerhalb sechs Wochen nach ihrer Entlassung bei Arbeitslosigkeit

Unterstützung auf die Dauer von insgesamt vier Wochen beziehen.

Ausgesteuerte erhalten die Unterstützung in der Höhe, die ihnen

vor ihrem Einrücken zustand. Nichtbezugsberechtigte erhalten den

niedrigsten Satz der Unterstützung bei Arbeitslosigkei Bein späteren Bezug von aufzurechnenden Unterstützungen kommen diese

Unterstützungen nach den statutarischen Bestimmungen in Anrech⸗

nung.

Für die Statutenberatungskommission gab hierauf Philipy⸗ Breslau einen Teilbericht. Die Kommission schlage vor, daß zu der 30⸗Pfennig⸗Beitragsklasse wie bisher Lehrlinge und jugendliche Ar⸗ beiter bis zu 18 Jahren, sowie weibliche Mitglieder gehören, in die 50⸗Pfennig⸗Klasse sollen Mitglieder, die weniger als 24 Mark wöchentlich verdienen, und in die 70-Pfennig⸗Klasse diejenigen, die mehr als 24 Mark verdienen, gehören. Wenn dies auch kein idealer Vorschlag sei, wäre er doch besser, als den Ortsverwaltungen die Entscheidung zu überlassen. Jedem männlichen Mitglied, das weni⸗ ger wie 24 Mark verdient, solle es frei stehen, in die 70-Pfg.⸗Klasse üüberzutveten und die weiblichen Mitglieder könnten in die 50-Pfg. Klasse eintreten. 0

Der Verbandstag beschließt, von einer Diskusston Abstand zu nehmen. Gegen wenige Stimmen wird dem Vorschlag der Statuten⸗ beratungskommission zugestimmt.

Ueber den Punkt:

Soziale Aufgaben während des Krieges und die Gewerkschaften sprach nun Verbandsvorsitzender Schlicke. Er führte aus, die dem deutschen Volke seit Ausbruch des Krieges erwachsenen sozialen Pflichten seien gar vielseitig und umfassend. Nicht nur die Absicht, während eines uns aufgezwungenen Kampfes durchzuhalten, son⸗ dern vielmehr die gerade bei Ausbruch des e momentan ein⸗ tretende Verwirrung mahnte gar zu deutlich daran, daß eine Einig⸗ keit des Volkes nur durch Anerkennung sozialer Ver⸗ pflichtungen auf die Dauer möglich sei. Diese hat aber zur Voraussetzung die Anerkennung voller Gleichberechtigung aller Mit⸗ glieder des Gemeinwesens. Eine Gleichberechtigung, die sich nicht nur auf Verteilung der Pflichten, sondern auch der Rechte erstreckt. Der Krieg hat wohl die Notwendigkeit der Uebernahme neuer sozialer Verpflichtungen grell beleuchtet, damit aber nicht die Vor⸗ urteile gegen diese Uebernahme beseitigen können. Noch heute sind zahlreiche mächtige Gegner vorhanden, die in jedem der großen Masse des arbeitenden Volkes gegebenen Zugeständnisse auf sozialem Gebiet eine Erweiterung der Rachte dieses Teils des Volkes befürch⸗ ten. In den ersten Tagen des Krieges schien volle Solidarität unter den Klassen des deutschen Volkes 5 zu bestehen, das Allgemein- wohl schien dem Einzelwohl voranzustehen. Es kam aber bald anders. Der Gemeinsinn weiter Kreise des Unternehmertums er⸗

wies sich als Schall und Rauch.

Wie wenig gerade in der Zeit des Burgfriedens der Gemeinsinn des Unternehmertums bestätigt wurde, beweisen die trotz guten Ver⸗ diensten versuchten Akkordabzüge, Beseitigung von Zuschlägen für Ueberstunden und Sonntagsarbeit usw. Die Militärbehörden sahen sich dieserhalb gezwungen, den Grundsätzen für Betriebe mit Heeres⸗ lieferungen vor Ausnutzung des Ueberangebots von Arbeitskräften durch Lohndrückung zu warnen. Die Unternehmer versuchten ferner,

Der Redner gab nun ein Bild der b

tretenen enormen 5 5 Arbeitslofsigkeit.

Der Reichskauzler habe anerkannt,daß diejenigen unserer Volksgenossen, die der vor Not zu schützen. Er haben aber den enen diese Aufgabe zugeschoben. Die Regelung dieser Frage häste von Reichswegen erfolgen müssen. Die politische wie gewerkscha? Vertretung der Arbeiter habe sich die redlichste i gegebe 5 d drehen. Es könnte aber zweifellos auf di schehen, wenn sich die Arbeiter besser rühr in den Gemeinden nach dieser Richtung Das, was bisher geschehen sei, wäre herzlich en 200 viel von dem Gepräge verbef könne nur anders werden durch einheitliche Felsg für das ganze Reichsgebiet unter Anerkennung völliger Fer seichberechtigung. Mit der Erledigung der Frage der ßeitzosenversicherung hänge eng zusammen die Beobachtung des Mtsirktes und damit die

4 müsse, um ieperbslos gemacht,

bräßchieben würden. und trage noch rstützung. Dies

Arbeits vermittlung

Auch diese Frage sei durch den Krieg in dcho teresses gerückt, von einer befriedigenden Lig aber so fern, wie die Arbe ersicherung. Die Frage ges, chen Regelung der Arbeit ittlung werde immer brender, fit allerdings des Unternehmertums, dafdurch ihre 1 ins Hintertreffen kommemmten, mmer größer 5 erung sei ja auf dicsom Gebiicht untitig geblieben, sie habe im Re mt des Innern eine Reichszentrale der Arbeitsweise errichtet, die ein plan näßiges Hand⸗ in Harbeiten der verschie⸗ denen Arbeitsnachweise ermöglichen solle. r auch diese Zentrale habe die in der Arbeitsvermittlung besteen Märgel nicht be⸗ seitigen können. Die Unternehmer wittertber Mergenluft und befürchteten eine Stärkung der Arbeiter durchaffung paritätischer Arbeitsnachweise. Das zeige sich auch aum Gebiet der sogen. Arbeitsgemeinschafte

der paritätisch zusammengesegten Kriogsauisse, die sich die Er⸗ ledigugn aller schwe benden Fragen und allen Dingen die Schlichtung von Differenzen zur Aufgabe en. In der Metall⸗ industvie wären allerdings solche Arbeitsgenschaften gering. Die Erfahrung, die mau mit ihnen gemacht, schar keine allzuschlechten gewesen zu sein. Die Arbeitgeber würdey energisch gegen die Fortsetzung der während des Krieges gesenen Arbeitsgemein⸗ schatfen in der Friedenszeit wenden. Ihwange vor der gesetz⸗ lichen Anerkennung sozialer Gleichberechtig Derartige gemein⸗ same Kommissionen hätten auch auf anderewieten günstig wirken, die Regierung beraten können. Dann wächerlich guf dem Ge⸗ biete der Versorgung des Volkes mit Lebertteln, der Herstellung des Kriegsbedarfs usw. manche Maßmnahmeshr zugunsten der Ar⸗ beiterklasse ausgefallen. Die Unternehmeitten die durch den Krieg geschaffene Situation für sich ausgen Es sei ihnen in den weitaus meisten Fällen gelungen, für sne Behörden in Be⸗ wegung zu setzen. Das spreche aus allen assen, die sih immer gegen die Arbeiter wenden würden. Mit su Exlassen wäre viel Unruhe und Unzufriedenheit in die Reiher Arbeiter getragen worden. Die Unternehmer hätten sie gusge, bekannt seien ja die Drohungen der Einberufung zum Militär, dem Schlitzengraben usw. usw.

In seinen weiteren Ausführungen verle Schlicke größeren

Schutz für die Arbeitern, für die Mütter der künftigen Generation, für die jugendlichen Arbeiter. Er erhob dann die Forderung ngesetzlicher Fürsorge für die Kriegsbesigten.

Diese Fürsorge müßte der Charakter der Vat genommen und an deren Stelle das Recht treten. Der Krieschädigte bedürfe be⸗ sonders der Beratung seiner Arbeitskolleg einer Interessenver⸗ tretung, an die die Unternehmer nicht he können. Dies alles zeige die Notwendigkeit der Einrichtung vlrbeitsgemeinschaften.

Zum Schlusse betonte Redner: Wir ha keine Ursache, in die Behauptung einzustimmen, daß das soziammpfinden durch den Kriog in weite Kreise getragen und eim t geworden sei. Wir sehen an allen Maßnahmen der Regierungn Verhalten der Un⸗ ternehmer, welche Widerstände zu überwi sind. Wir fordern also vor allem: Arbeitslosenfürsorge nach Genter Systom noch während des Krieges, Arbeitsvermittlung paritätischer Grund⸗ lage, Einsetzung von Kriogsausschüssen. diese Forderungen durchzuführen, dürfen wir nicht ruhen nochen.(Lebh. Beifall.)

Die Generalversammlung nimmt von e Aussprache Abstand. Einstimmig wird folgende Resolution angemen:

Nach der Beendigung des Kriegesrden voraussichtlich viele Kriegsteilnehmer unter einer langeid schweren Arbeits⸗ losigkrit zu leiden haben. Diesen eine archende Uuterstützung zu sichern, betvachtet die 12. ordentliche(ralversammlung des Deutschen Metallarbeiter-Verbandes als Pflicht und als einen Akt der Dankbarkeit und Anerkennung.

Die e erwarten den Gemeinden Deutschlands, die während des Krieges Arbeitslosenfürsorge eingeführt haben, daß sie diese Einrichtungange beibehalten, bis

ihrer Stelle eine Arbeitslosenversicher auf keichsbe atze

rundlage durchgeführt ist.

Die Generalversammlung fordert in Gemeinden, die bis⸗

Einrichtungen 15 Unterstützung Arzloser nicht getroffen haben, die baldigste Einführung dieser Mahme.

rund des In⸗

gestützt auf Bekanntmachungen der Militärverwaltung, die Frei⸗ Da nicht alle Gemeinden infolge der en Inanspruchnahme 3 der Arbeiter zu beschränken. ihrer Mittel in der Lage sind, die Kosther Einrichtung aus We.. nc. ee dae 98* 2. n

Diethelm von Buchenberg.

Erzählung von Bertold Auerbach.

Hast du ein Trinkgeld bekommen? fragte N

Wißt nicht, von wem. Die Frau hat sich nicht sehen lassen, ein Schäfer und ein Soldat haben die Ballen abge nommen.

In einem Gemisch von Demut und Stolz sagte Diethelm, in die Tasche greifend:Ich bin der Diethelm, bin selber Knecht gewesen und weiß, was ein Trinkgeld ist. Mein' Frau ist krank. Säh(da), und er warf buchstäblich das Geld auf die Straße und fuhr davon.

Diethelm schimpfte gegen Fränz über die Mutter, die ihn gewiß wiedermit ihrem Gruchzen in der ganzen Welt verbrüllt habe, und Fränz hatte darauf nichts zu erwidern. als daß das Verbleiben in der Stadt ja so schön gewesen sei. Trotz der Erwähnung dieses Säumnisses dachte keines von beiden daran, wie es Pflicht gewesen wäre, alsbald selbst heimzueilen und die Uebernahme der Einräumung selbst an zuordnen, statt sie der Mutter über den Hals zu schicken. Fränz und Diethelm waren wie zwei Menschen, die, ohne es sich offen zu gestehen, daß sie ein Unrecht begangen, und doch dessen bewußt, gegen den losfahren, dessen Leiden ihnen den Spiegel ihres Tuns vorhält. Diethelm schwur, daß er nun der Mutetr das Manteltuch gar nicht gebe, sie habe es nicht verdient, und nur hierin beschwichtigte Fränz und deutete auf die Kränklichkeit und das daraus folgende grämliche Wesen der Mutter hin. Nun waren sie wieder beide wohlge mut, denn sie konnten jeden vorkommenden Vorwurf mit mitleidigem Achselzucken von sich weisen.

Am Waldrand in der Mitte des Weges erhob sich eine Staubwolke, und als die Fahrenden näher kamen, zeigte sich

eine große Herde Schafe. Der Schäfer kannte Diethelm und sagte, daß er am Abend in Buchenberg sein werde, und lobte überaus die eingekaufte Herde. Diethelm empfahl ihm, ruhi gen Trieb zu halten, und warf auch ihm ein Geldstück zu.

Das ist alles unser, sagte Diethelm dann mit triumphierender Miene zu Fränz. und mit Stolz wies er weiter hinaus, wo wieder eine Herde in einer Staubwolke sich zeigte, und es war ihm, als ob nirgends Raum genug wäre und auf allen Wegen sich sein Reichtum ausbreitete, mit dem er Hohes, Umübersehbares erobern wollte. Mit Behagen er zählte er zum hundertsten Male der Fränz, wie er vor dreißig Jahren mit dem Stabe in der Hand und neun Kreuzern in der Tasche nach Buchenberg gekommen sei, und wie er jetzt auftrete und noch höher hinaus ie.Und alles nur für dich und für die Meinigen in Letzweiler, schloß er und redete nun Fränz ins Gewissen, daß sie den Schäfer Munde, der jetzt daheim gewiß auf sie warte, ein- für allemal aufgeben müsse. Fränz erklärte sich hierzu bereitwillig, sie spottete über die Liebschaft mit Munde als über ein Kinderspiel, f. nannte ihn ein an Pfennigwirtschaft gewöhntes Schäferle und sagte geradezu, daß sie nur noch in reichen Verhältnissen leben und sich nicht plagen möge wie eine Viehmagd.

An der sogenannten kalten Herberge auf der Anhöhe standen noch drei beladene Wollwagen. Diethelm stieg ab und hörte, daß diese Fuhren für ihn seien; er ließ nun den Fuhrleuten auftischen nach Herzenslust, beschenkte die Armen und Wanderburschen, die sich wie gerufen eingestellt hatten, und gebärdete sich überhaupt, als ob er einen großen Schatz gefunden und Geld für ihn gar keinen Wert habe. Er freute sich des dankenden Lobes von den Fuhrleuten und horchte aus dem Verschlag hinaus nach der großen Stube, denn er wußte wohl, daß die Leute dort den Ruf im Lande machen. Es war aber nicht allein dieser Ruhm, der ihn erfreute: er

hatte seine Lust an der Freigebigkeit st; dieses Aufleben der Beschenkten durch die Gabe, dieserleuchten des Ant⸗ litzes gleich dem glänzenden Aufsprosseiner Pflanze nach erfrischendem Regen, das tat ihm im Irsten wohl.

Sinnliche Naturen, das heißt soledie mit mächtigen Trieben ausgestattet sind, neigen auch iht zu Freigebigkeit und Wohltätigkeit: das Mitgefühl iasch erregbar, und jener dunkle Zusammenhang mit deriußenwelt offenbart sich in Leid und Lust. Was man die Gerzigkeit nennt und mit Recht hoch hält, wird durch solchen sprung nicht aufge⸗ löst: die Sonne freier Erkenntnis färlie Frucht, der aus dunklem Grunde der Saft zuströmt.

Diethelm empfand eine wahre Gleligkeit in der An schauung und in dem Gedanken, wie e er labte und er⸗ quickte.

Der Wein mundete vortrefflich, upa einmal aus Ver- sehen ausgespannt war und die Frau Hause gewiß kein 25 bereitet hatte, ließ es sich Dieth, trotzdem es noch

o früh am Tage war, trefflich schmn; zankte nun die Fran daheim, so hatte er doch vorgesorund der Wein gab Mut zu allem. Der Wirt äußerte inpseliger Weise seine Freude über die Einkehr Diethelms urrzählte, wie es ihn schon lange verdrossen habe, daß er inr ohne einzukehren vorbeigefahren sei.Freilich, setzte hinzu,früher hat das Haus kein Ansehen gehabt, aber t, seitdem ich neu⸗ gebaut habe, besuchen mich die Herrscken aus der Stadt.

Hast deswegen neugebaut?

Nein, ich hab' müssen, ich bin jagebrannt.

So sagte Diethelm und stürzter volles Glas hinab. Bist versichert gewesen?

Darüber könnt' ich nicht klagen, Kaufmann Gäbler auf dem Markte hat mir den Schemel urm Tisch vergütet.

[Fortsetzung folgt.

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