Nummer 222
Dienstag, den 23. September 1914.
7. Jahrgang
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Staatliche Festsetzung der (>>etreidcpreise. — Fortschritte vor Reims und Verdun, englischer Grenzer zerstört. — Serbien vor dem Zusammenbruch.
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Tic „Fiankf. 3tn-" brachte einen Aussatz, der lief) mit der Betrcibrtecriorgnng Tentichlnnds beschästigt und der in der Forderung gipsest, die Getreidepreise nach oben hin sestzn- seben. Neben manchem, dem man ohne weiteres zustimmen könnte, enthält derAnssatz viel schieses, den, nicht nur im Interesse der Landwirtschast, sondern auch wegen dem srenndnachbarlichen Zusammenarbeiten aller Berussstände in dieser harten Zeit entgegengetreten werden muß.
Ls läge ja nur zu nahe, wenn man die Freihandelsparteien ans ihre gänzlich verkehrte Stellung, die sie seither eingenommen hat, Hinweisen wollte. Wie oft haben wir aus die Gefahr hingewiesen, die entstehen würde, wenn uns die Geireidezufnhr abgeschnitten sei und wir den sreihänd- lerischen Naischlag, die Getreideselder in Viehweiden »mzu- wandeln, befolgt hätte». Damals wurde diese Möglichkeit verlacht. Heute ist sie da und wenn die Pläne unserer Gegner, die daraus hinauslaufen, uns auszuhunger», zu- schänden werden, dann ist unsere fürsorgliche, aber dennoch so vielgeschmähte Agrarpolitik daran schuld, die gesorgt hat, daß wir bis auf ein weniges, da^ aber leicht auszugleichen ist, unseren Brotbedarf, benebst dem dazu -nötigen Fleisch, selbst erzeugen können. Wie gesagt, cs läge nahe, diese Fäden weiter zu spinnen; doch wir wollen den Burgfrieden hnlten und uns ans den besagten Aussatz beschränken.
Zunächst sei der Behauptung enigegengetreten, daß an der Verteuerung des Mehles ,.gnnz überwiegend die ungeheure Preistreiberei in Getreide" die Schuld trage. Festgestellt sei, daß der Preis für Roggen in der Woche vor dem Kriegsausbruch 18 Mk. »nd der des Weizens 21 Mk. — nicht 19»/ 2 Mk.— betragen hat. '.Im die Zeit, als die Franks. Bäckereien und Brotfabriken den Bratansschlag an die Oesfentlichkeit brachten, kostete der Weizen 24.50 Mk. und der Roggen 21 Mk. Die Erhöhung hat also 3 Mk. betragen. Die Großmühlen sind aber mit bei» Mehl nm 6 Mk. und darüber per 100 Kilo in die Höhe gegangen. Aber noch mehrt Schon vor der Kri-gs.-r- klärung, als den Großmühlen noch Hunderitatisende von Säcken Mehl, die aus billiger Frucht gemahlen waren, zur Dersügung standen, sind die Vroßmühien mit einer Preiserhöhung von l2 Mk. per 100 Kilo Mehl und 3 Mk. per 100 Kilo Kleie vorangegangen. Am 31. Juli, einen Tag vor der Kriegserklärung tagten die Bäcker Fron ksurts im „Storch" um zu der
durch die Preiserhöhung der Süddeutschen Mühlenvereinigung geschossene Lage, Stellung zu nehmen. Wer also in ganz ungerecht- fertigter Weise sich die Kriegslage pn Schaden der Allgemeinheit zunlitzemachen wollte, das waren nur die Groß- wllhlen und es steht der „Franks. Ztg." schlecht an. wenn sie bestrebt ist, über diese de,-, schützenden Mantel zu decken.
Daß für die Landwirtschaft eine Preiserhöhung ttn'r- rechtigt sei, stimmt auch nicht. Tie „Frankl- Zig. i'Qt front und frei: Tie Ernte war gut. Wahr ist. daß der Körnerertrag um etwa Vi bis % hinter dem Vorjahre zurückgeblieben ist. Daß dies nicht nur in unserer G.-g.ad so ist, dasür müssen wir die „Franls. Ztg." als Zeuge ins- rufen, dir am 10. Scpt. eine Zuschrist ans Berlin wildere - geben hat in der es wörtlich heißt: „Tic Körnerernte bestsi- digt nicht so, wie allgemein angenonuncn wurde." Wir wallen aus gewissen Gründen aus dieses Thema nicht weiter eingehen und nur versichern, daß trotz alledem, ein Versagen unserer Getreidevorräte nicht zu besorgen ist.
Endlich findet die „Franks. Ztg." den Kern des Nebels darin, daß die Landtvirte mit ihrem Angebot zurückhielt m, um später höhere Preise zu erholten. Das Blatt bernst nch dabei aus eine Mahnung Tr. Heim'S, der den Landwirt davor gewarnt hat. Wir bemetken dazu, daß dies ein koni- pleter Unsinn. Weitaus die meisten Landwirte sind re- zwungen, um ihre Schulden zu bezahlen, ihr geerntete-., Getreide w schnell als möglich zu verkaufen. Wenn sie cs auch aufheben wollten, so würden die Verhältnisse sie dazu zwingen, recht bald loszuschlagen. Wenn die „Freuss. Zig." in ihrem Handelsteil der früheren Jahre Nachsehen wollte, io würde sie finden, daß in den letzten 20 Jahren die Getreide- Preise immer nur in Jahreszeiten eine nnsiergewölmlm e Höhe hatten, wo der Bauer keine Frucht mehr auf dem Speicher hatte, also auch keinen Nutzen an den hohen Frnckt-
Preisen mehr hatte. Taß es auch Landwirte gibt, die auf hohe Getreidepreise spekulieren, ist zweifellos: sie besiuden sich aber in einer verschwindenden Minderheit. Wenn cic- scS Jahr manche Landwirte noch nicht in der Lage sind, Frucht anznbieten, so liegt dies an der späte» Ernte, die durch den Arbeitcrmangel eingetretene H>iuf»ng an Arbeit, die zmi: Trcsckten »och keine Zeit übrig gelassen hat. Tr. Heine hat seine betr. Mahnung in einem rein landwirtschrstl. Fackststatt ertönen lassen, er hat damit einen vaterländischen Zweck verfolgt, es ist nicht gerade sein, daß man nun versucht, daraus Kapital gegen die Landwirisckiast z» münzen.
Das muß zur Klärung der Verhältnisse erst entgegnet werden. Was dann den Vorschlag der ftaatlidgcn Festsetzung der Getreidepreisc anbetrifft, so freuen wir uns, daß cs die Not der Zeit wieder einmal mit sich gebracht hat, uns mit der „Franks. Ztg." auf einen, Boden zu begegnen. Ter Gedanke ist nicht neu und kein anderer als Gras Kanitz hat ihn schon von 20 Jahren durch seinen bekannten Antrag im Reichstag Ausdruck gegeben. Wie bei den Schweine- preisen, so erstrebt die Landwirtschaft auch bei den Frucht- Preisen st e t i g e Verhältnisse. Sie zieht mittlere Preise, die den Bctricb ernähren können, de» schwankenden Zuständen, die einmal bis in die unterste Tiefe sinke», ein ander Mal wieder schwindelhast in die Höhe schnellen, bei weiieni vor. lim der Gerechtigkeit willen darf aber dann der Preis nicht nur nach oben, sondern er muß auch noch unten festgesetzt werden. Demi gerade die Gegenwart lehrt, wie eisern notwendig unser Getreidebau für unser Vaterland ist. Wie man mit Recht vorbauen will, daß unser Volk nicht durch Wucherpreise ausgebeutet werde, so mutz man auch Vorsorgen, daß der Körnerbau nicht durch ruinöse Preise vernichtet werde, llud dann halten wir es auch für jelbstverstäiidlich, daß diese Preise nicht sür d. Landwirtschaft, sondern auch sür die Mühlen — in Betracht kommen in allererster Linie die Großmühlen! — festgesetzt werden. Auch da muß ein Riegel vorgeschoben werden, damit die Mehl- u. Futtermittelpreise sich in angemessenen Grenzen halten. Heute werden Kleiepreise v. 13 Mk. u. darüber sür 100 Kilo verlangt. Eine derartige Preiserhöhung birgt die künftige Gefahr eines Vieh- und Milchuiangels in sich. Wir sind erfreut, daß wir uns in dieser Forderung mit der „Franks. Bokksstimine" begegnen, die in Besprechung dcs Vorschlages dcr „Franks, Ztg." schreibt:
„Cs muß aber dann auch als selbstverständlich gelten, daß aus Grund dieser Höchstpreise dcr Landwirischast Höchstpreise sür Mehl und Kleie sestgcsctzt ivcrdcu, und »war unter Ausschaltung dcr Mühlenvercinigung, aber unter Hinzuziehung unparteiischer Sachverständiger, damit endlich dem wucherischen Treiben dcr Großmühlen ein Ende gemacht wird. Die Festsetzung dc-r Höchslpics.- sür Mehl ist jetzt um so leichter, als nur deuischcr Weizen zur Vermahlung kommt, und das van den Großmühlen ausgebrachle Märchen von dem Vermahlen des vielen teure» Welzens nicht mehr haltbar ist."
Wir Ion teil dem Wort für Wort zustimmen. Auf alle Fälle zeigt cs sich, daß der Vorschlag zu prüfen ist und daß die Landwirtschaft leine Ursache hat, den Vorschlag von dcr Hand zu weisen. Eine große Zeit crsordcrt große Maßnahmen und die Ernährung unseres Volke-- und unseres Heeres ist eine der nichtigsten Ausgaben unserer Zeit.
Die Schlecht im Westen.
Srezreiche Kämpfe um Reims.
WTB, (-grosses Hauptquartier, 21. Tcpt., nbcnds. (Amtlich.) Bei vcn Kämpfe» um Reims wurde» die fcstttnftsartigcu Höhen von Craonelle erobert und im Vo» 5 ,ers«i» qegen das brcuneude Reims der £rt B'lhcuft e.cuomlueu. Ter Angriff gegen die Sperr,'ortlinie südlich UciJtm überschritt sie reich de» Qsttativ der oor.-e- kagcrtcu, vom französtfchci» Yül. Armee- j korps vcrrc.digLcii i£ö-c Lorraine. Cfi rt Ausfall aus der Nordostfrout von Verdun wurde zurütkgewieseu. Nördlich Tonl wirr- dcn französische Truppe» im Biwak durch > Artillerie «euer überrascht. Tu» übrige»» !
fanden heute auf dem franiösischen K»ie.i§- schanplatz keine gröstcrc» Kämpfe flat,'.
Zn B e ! g i e »» und in» 5D st e tt ist die Lage unbei ändert.
(*s geht vorwärts!
Kurz und trcssend wird in dcr „Franlsurtcr Zeitung" der seitherige Verlaus dcr Schlachicn n» dcr Oise und dcr Marne gcschlldcrtt
Wie günstig bisher die Entwiälung in dieser Schlacht für uns verlausen-ist, wird klar aus einer Zusammenstcllvug dcr amilichc» Berichte der letzte» Woche, wie sie i» den hiesigen Blättern sich findet.
Am >3. September wurde gemeldet. Die Opc>,l!onen habe» zu einer neuen Schlacht gesuhlt, die günstig steht.
Am 1t. Sepieniber: Ein von den Franzosen versuchter
Durchbruch wird siegreich zurückgcschlage».
Am 1 >. September, An einige» Stellen des ausgedehnten Kampsscldcs waren bisher Tcilcrsolgc dcr deutschen Waise» zu verzeichne».
Am 16. September, Angriffe sranzösischer Truppe» zurück- gewiesen; einzelne Ecgenangrisse der deutschen ersolgreich.
Am 17. September: Die Widcrstandskrast des Gegners beginnt zu erlahmen. Die Mitte dcr deutschen Armee gewinnt langsam, aber sicher Bode».
Am 18. September: Zwei sranzösische Armeekorps sei
Royon entscheidend geschlagen. Feindliche Angrisse blutig zu- saininengebrochcn.
Am tg. September, Das cnglijch-sranzöstschc Heer auf der ganzen Schlachtsront in die Verteidigung gedrängt.
Ain 20. September, Im Angriss gegen das französisch englische Heer sind an einzelnen Stellen Fortschritte gemacht.
Mit voller Deutlichkeit ist hieraus dcr Verlauf dcr Operationen zu ersehen: Zunächst versucht dcr Gegner einen Angriff, dann beginnt seine Widerstandskrast zu erlahmen, die Deutschen erössne» die Ossensive, die Feinde werden aus die Verteidigung beschränkt und beginnen schließlich uiiserem An- griss zu weichen.
Es geht also vorwärts, und kein Zweifel kann obwalten, daß der endgültige Erfolg unser sein muß.
Die Kathedrale von Reims.
Französische Blätter behnupten die herrliche Kathedrale von Reims, ein Meisterwerk gothischer Baukunst, sei vo» den Deutschen in Brand geschossen und zerstört worden. Ohne Zweifel soll diese Rnchricht wieder dazu dienen, die Deutschen »lS Barbaren, denen nichts heilig ist, hinzustelleii. Wir erinnern demgegenüber dnra», daß es gestern in dem amtlichen Bericht ausdrücklich hieß, daß Weisung gegeben sei, jenes Bauwerk zu schonen. Konnte dies nickst in volleiii Umfang geschehen, so ist niemand daran Schuld nls die Frnnzosen, die RciiiiS iiiid damit dessen Kathedrale in die Feuerlinie gestellt haben. Uebrigens wird von deutscher Seite behanv» tet. daß es nicht-wahr sei, daß die Kathedrale zerstört lei, nur die Fassade sei beschädigt, die Schäden seien jedoch ans- zubessern.
Smdeubnrg vor den Toren!
Berlin, 21. Scpt. Die „Voss. Zeitung" meldet ans Stockholm, Tie Londoner „Taily Mail" hat Nachricht aus Petersburg, daß man dort außerordentliche Maßnahmen trifft, >,m den General von Hi,idenburg aufzuhalten, der mit 750,000 Rnnn schon auf russischem Boden stehe, bereit, o:e Offensive zu ergreifen und ans Wnrschan zu marschieren. Hierdurch wäre man genötigi, einen beträchtlicheil Teil von den in Galizien gegen die Oesterreicher operierenden russischen Armeen gegen von Hindenburg zu senden.
Das Eiserne Kreuz.
D,e Srrßherzog von Hesse», Ernst Ludwig, hat, wie die Eroßh Kabinetisdirektion mittcilt, das Eiserne Krc» zcrhal- ie». — Daeselb- erhielt auch der Schwiegersohn des Kaisers,
dcr He,zeg August oen Braniischweig-vünrburg.
D ' Ergebnis der Kriegsanleihe.
Berlin, 21. Sept. Das endgültige Ergebnis der Zeich^ nungen auf Ne Kriegsanleihen kann auch heute Abend v'C) nicht bckanntgcgcbcn werden, da noch immer Anmeldungen üilaufen, die noch berücksichtigt werden müssen, da sie rechtzei- st ccacf 'n und lediglich wegen der Verlangsamung


