Ausgabe 
18.9.1914
 
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Nummer 219

Freitag, den 18« September 1914.

7. Jahrgang

Mene Tageszeitnn

DieNene v agrsreitung" rrlcheint jeden verklag. Regelmahige BeilagenDer Kauer aus Kellen",Die Spinnstube". Kemgopreis: Bei den Postanstall.'i» vrerrelrnhrllch Mk. 1,95 bei den Agenten monatlich 50 Pfg. Hinzu tritt Postgebühr oder Trägerlohn. Anzeigen: Grundzeile 20 Pfg., lokale 15 Pfg^ Anzeigen von auswärts werden dur d Po tn^chnahme erhoben __ Erfüllungsort Friedberg. Schriftleitung und Derlag Friedberg (Hessen), s^cniaueritratze 12. Femiprecher 4S. Postschelt-Conto Nr. 4859, Amt Franlsnrt a. M.

Bor dem Sieg!

Italien bleibt neutral. Die Aufgabe Oesterreichs. Selbstbewnsttseiit in der Türkei.

vr. I>. c. von Hindenburg.

Die Haltung Italiens.

Dor einigen Tagen waren beunruhigende Nachrichten aber die Haltung Italiens verbreitet. Es heißt, der Mini­ster des Acnßcrn, San Giulano, sei zurückgctrctcn und an seine Stelle werde der italienische Botschafter in Paris, Titoni, kommen. San Giulano ist ein überzeugter An- bängcr des Dreibundes und hat dessen Politik bisher ohne Wanken vertreten, während cs schon die Stellung Titoni's mit sich bringt, das; er nach Frankreich und dem Dreiver­bände hinncigt. Ans diesem Ministerwechsel wurde der Schluß gezogen, daß die n e » t r a l e Haltung Ita­liens am längsten gedauert habe und daß Oesterreich sich eines AngrisscS von dieser Seite zn gewärtigen habe.

Diesen verwirrenden Nachrichten, die offenbar von den Lügensabriken des Dreiverbandes ausgegangcn waren und bei denen der Wunsch der Vater des Gedankens wo- >>>- den nunmehr ein ebenso vollständiges wie kräftiges Te>'-.-.- ti. San Ginlano tritt nicht zur ü ck. Im Gegen- teil, römische Blätter bezeichnen die immer wredcrkehrende Behanptnng als Tcndenznachrichten ohne Be­gründung.

Auch sonst scheint sich die Aufsassung zu bestätigen, drß Italic» an seiner für Deutschland und Oesterreich wohl­wollenden Neutralität fcsthaltc.

lieber die Bemühungen des Dreiverbandes, Italien u m z u st i m m c n , höhnt das Giolitti nahestehende Blatt Corriere Snbalpino indem es die billige Großmut verspot­tet, mit der die Franzosen durch den Mund Pichons und Telcass's den Italienern Trient, Dalmatien und das Ad- riatische Meer anbictcn, lauter Tinge, die sic ja gar nicht besitzen. Das Blatt fährt fort:

Ginge Italien heute zum Dreiverband über, so wäre dies eine moralisch überaus schlechte Handlung, politisch hieße es, sich in Abenteuer stürzen. Wir konnten Deutsch­land und Oesterreich bei ihren überstürzten (?) Entschlüs­sen nicht Gesolgsck)aft leisten, aber wir werden nicht so un- loyal und treubrüchig sein, unfern Freunden und Vor- Kündeten den Dolch in den Rücken zu stoßen.

Ter Artikel hebt die großen Gefahren hervor, die der Dreibund in früherer Zeit wiederholt von Italien abwandte und erklärt, daß man selbst heute noch in leitenden italie- nischcn Kreisen den Dreibund als lebendig betrachte. Tat- sächlich habe weder Berlin noch Wien irgendwie gegen Jta- licns Entscheidung protestiert. Das Blatt fügt hinzu, heute habe nian Symptome dafür, daß das Land keinen Krieg gegen Oesterreich wünsche. Immer nichr zeige sich, daß das Volk keinen Krieg wolle, der jedenfalls die schwersten wirtschaftlichen Folgen zeitigen würde.

Während seither auch in dcni ossiziellcn Italien die Auffassung vorborrschte, das; seine Verbündeten voreilig ge- handelt hätten, erkennt man jetzt auch dort, wer die Kriegs- Hetzer gewesen sind. Eine bemerkenswerte Auffassung ver­tritt G. Cabosmo-Rcuda inGiornale d' Italia". Er prüft alle Dokumente die über die Ursachen des Kriege? vorlicgen und kommt zn dem Schluß, daß Rußland cs toar, das den Krieg gewollt hat. Er zerpflückt das russische Dop­pelspiel, da? daraus hinausgelaufcn sei, Oesterrcich-Ungurn zu vernichten. Ter Ruin Oesterreich-Ungarns aber sei auch der Deutschlands, wie der Ruin Deutschlands auch denjeui- gen Italiens nach sich ziehen würde. Cabosino-Rcnda komnit dann auf die Haltung Englands zu sprechen: ..Man sagt, indeni England Belgien verteidigte, habe cs das Vol- kerrecht geschützt. Aber seit wann ist das vereinigte König­reich denn Io weichherzig gegen das Recht der Völker? C- eit f? in Friedcnszeiten Kopenhagen augriss und die dänische Flotte vernichtete? Oder seit es die Unabhängigkeit der Buren zerstörte? Hier hat man sofort verstanden, d- cS so zärtlich die Neutralität Belgiens vertritt, weil sic sür Deutschland ein Hindernis für die Sieg b deutete, rder weil cs den Ncutralitätsbruch für Frankreich Vorbehalten wollte. Tiefe zweideutigen schlauen Pläne bat die deutsche Regierung mit einem Schlag Umstürzen wollen: sie bat einen sofortigen Bruch vorgezogcu, der ihr wenigst uw den Vorteil bringt, sich durch Belgien den Weg v m Sieg bahnen. So kämpft man jetzt offen. Man muß zug.'ben. daß der österreichisch-serbische Konflikt, die Ermordung Franz Ferdinands, den gleichen Zusammenhang mit diesem Krieg haben, den die hobenzollerniche Thronkandidatur mit dem' 70er Krieg gehabt hat. Tic Verteidigung Bcla ns durch England, die Beschützung Serbiens durch Rußland

sind Vorwände, denen jede Berechtigung und Uebe-zeug- ungskrast fehlt. Wenn Serbien und Belgien nie crislicrt hätten, würde der Angriff von den drei Seiten doch erfolgt sein, jetzt oder in einem Jahr oder in zweien. Der Krieg richtet sich gegen Deutschland, gegen Deutschland allein, von allen Seiten und mit allen Mitteln. Zuviel deutsche Schisse durchsegeln die Meere, zn mächtig entwickelt sich sein Han­del, zu sehr überflutet cs den Weltmarkt, zuviel hatte cs gewagt, als cs sich ein Kolonialreich schuf. Das war cs, ivas England empörte und schädigte, was Rußland beim- ruhigte. Als man ein starkes Deutschland schuf, hielten die Panslawisten cs für unvermeidlich, dieses starke Deutsch­land zn zerstören. Dies fühlte schon Bismarck und er suchte I den Kamps so lang wie möglich zu vermeiden: aber ir

zweifelte nie daran, daß dieser eines Tages entbrennen würde."

Man hat um dieses Land ein Netz von Verschwörung feindlicher Kräfte gewoben, wie einst um Friedrich den Großen, um ihn wieder zum kleinen Markgrafen von Bran­denburg hcrabzudrückcn. Aber der große König wußte sein Land zu verteidigen: er achtete nicht der Gefahren, er zählte nicht die F.inde, und er zerriß die Kette, die ihn zu fest unischloß. Damals versuchte man an dem kleinen Preußen, was man jetzt an dem großen Deutschland versucht, ftud Deutschland känipst mit Feuer und wütender Leidenschaft und zieht auch; die Feinde in den Kampf, die gern lauernd zur Seite gestanden hätten, denn es gilt, zu siegen oder zn sterben. Und cs ivird siegen."

Bor der (<iltfcheidrmg.

Trotzes Hauptquartier, 17. September.

Amtlich.

In der Schlacht zwischen Oise und Maas ist die eniqültiqe Entscheidung immer noch nicht gefallet«, aber gewisse Anzeichen deute» dareurf hin, das; die Widerstandskraft des (tzegncrs zu erlahmen beginnt, ts-in mit groszer Bravour nnter- nolnmcncr französischer Durchbruchsver- snch ans dem änszerstcn rechten deutschen Flügel brach ohne besondere Anstrengung unserer Truppen schlicszlich in sich selbst zusammen.

Die Mitte der deutschen Armee gewinnt langsam aber sicher Boden. Auf dem rechten Maasuser versuchter Ausfall aus Verdun wurde mit Leichtigkeit zurückgewiesen.

Die Ai>.fch?dc MmkiilisDiMii.

Ein holländisches Urteil.

Rotterdam, 1s. Scpt. DerNieuwe Rotterdam Cou­rant" schreibt: Vielleicht die schwierigste Ausgabe un­ter allen wurde in dein gegenwärtigen Weltkriege der öster­reichisch - u II a a r i I ch c n Monarchie ouserlegt. Das Reich der Habsburger mußte sich nämlich in den unmittelbaren Kampf mit dem russisch,.:. Koloß einlassen und sich seinem größten Anprall cntgezenstellcn. Wer die militärischen Schwic rigkeiten dieser schweren Ausgabe zu würdigen versteht, muß von der österreichischen Armee nur mit Ächtung und Be­wunderung sprechen. Denn sic hat in der Tat nicht nur die sich hcraiiwätzcndc Flut des an Zahl weit stärkeren russischcii Heeres ausgehaUcn, sondern dabei auch eine Reihe van Schlach teu gewonnen, welche in der Geschichte immer ats Mcistcrtatcn kriegerischen Könnens werden angeführt weiden. Ueberhaupt muß man sagen, daß Oesterreich schon beim Ausbruch des Krie­ges Europa Lurch höchst brachienswcrtc Tatsachen überrajchte. Schon die musterhaft durchgcsührte Mobilisierung ec: öslcrreichischen Truppen imponierte jedem, ihr brn crsolgte: .iall in russisches Gebiet und ihre heldenmütige Verteidigung in Galizien, alles das bietet ein Zeugnis van der muster- güiligcn Ausbildung der Armee, der Umsicht ihrer Führer und davon, daß der ganze Kriegsplan wohl durchdacht ia. Diejeni­gen, welche auf die nationale Derjchiedenartigkcit des Reiches sprluliertcn, wurden in ihren Lassnungcn arg enttäuscht.

Aiimircht bei unifren Ukrbiindticn.

Budapest, 17. Scpt Rach Berichten ran unterrichteter Seite crgriiicu die Truppen gegen die Serben die Ossen- I

1 1 v c , die mit entsprechendem Crfolg sortschrcitet. Was die Rcadarmec au der galizischcu Grenze beirtsjt, ist nach übereinstimmenden Berichten der Geist der Truppen vorzüglich. Tic Truppen sind von dem Bewußtsein ersüllt, daß die glänzen­den Teilerfolge nur insolgc der augenbliälichcu zahlenmäßigen licbcrlegenhcit des Feindes nicht zu einer allgemeinen Nieder­lage der russischen Armee gcsührt haben. Die Truppen erwar- lcn mit Ungeduld den nahenden Zcitpunlt, wo der Kamps un­ter günstigeren Kräftcoerhaltnisscn, die mittlerweile cintrctcn, ausgenommen werden wird. Das oo» de» Serbe» verbreitete Gerücht, daß 1 SO 000 Mann nach der Besiegung der österrcichisch- ungarischen Armee nach Budapest vorrückcn, ist vollständig er­legen.

Ciiic Irrbildif Mtrlinie bri Dinitim!.

Wien, 17. Scpt. DieSüdslawische Korrespondenz" mel­det über den Einbruchsversuch der Serben bei P a n c s o v a : Tie im Raume vo» Dclilo Selo aus dem serbischen User ver­sammelten Serben, etwa eine halbe Division stark, crössucicn am 12. d. M. die Beschießung gegen die osfene Stadt Pancsova. Unsere Beobachtungstruppcn zogen sich beim Beginn des Bom­bardements zurück, nachdem scstgestcllt worden war, daß die Serben den Uebcrgang über die Donau durchführen wollten. Rach einem lurzcn markierten Widerstande ließe» unsere Trup­pen die Scrbpn de» Uebcrgang vollziehe». Nachdem die Ser­ben in Stärke von 7000 bis 8000 Mann den Uebergang vollzogen hatten, rückte ein Teil derselben gegen Panlsowa, während das Eros den Marsch in der Richtung aus Dalova sort- setzte. hier wurden die Serben von unsere» Truppen gestellt, nach kurzem Artilleriegefecht mit dem Bajonett angegriffen und geradezu über den Haufe» geworfen: sie erlitten ungeheure

Verluste. Unsere Truppe» machten Scharen von Gefangenen und erbeuteten fast das ganze Artilleriematerial. Der Rest der Serben ging über die Donau zurück. Der Rückzug lastete Hun­derten das Leben. Ein Monitor beschoß die Fliehenden und demontierte die serbischen Artilleriestellungen gegenüber Panc- jova. Die in Pancsova eingedrungenen Serben konnten pur zum Teil ihren Rückzug bewerlstelligen.

Dr. v. Hindruburg.

Königsberg, 17. Scpt. Tic AlbertuSuniversität hot ben Befreier Ostpreußens, Generalobersten von Hindeiibneg zuin Eheciidoktor aller vier Fakultäten ernannt. Diese Ehrung steht in der Geschichte der Königsbcrgcr Universi­tät einzig da.

We.Hmdenbmg zur Lchlacht fuhr.

Wie der AmstcrdainerTelegraf" mitteilt, war der Generaloberst von Hindcnbnrg anfänglich ans dem west­lichen Keiegssckxuiplatz und erhielt danach erst de» Oberbe­fehl über die Truppen aus dem östlichen Kampfgebiet. Er reiste in zwanzig Stunden mit einer Lokomotive und cineni Salonwagen von Westen nach Osten, erhielt unterwegs fortwährend telegraphische Berichte über den Stand der Opcraiionen in Ostpreußen, machte während der Reise seinen Fcldzugsplan zurecht, gab von jeder Station, wo die Loko­motive gewechselt wurde, seine Befehle für die Ostarmee, und als er ankam, konnte die Schlacht sofort beginnen.

Kkin dentjiljkg tiifllchill in leindeshanb.

Berlin, 17. Scpt. DieNordd. Allgemeine Zeitung" meldet: Wie ans dem .Hauptguartier gemeldet wird, ist keines unserer Lnfischifte, welche» Systems auch immer, in Fcindsshand gefallen. Wohl sind mehrere beschädigt wer­den, dech konnten sie ausgebcssert werden und sind nun wieder völlig gebrauchsfähig.

priii! .frifbrirfj Karl tiou Mr» verumbet.

Schloß Fricdrichshof, 17. Sept. Prinz Friedrich Karl von Hessen ist in einem Gefecht bei Billersle-Sec vcrivun- det werden. Ein scindlickies Geschoß fügte ihm eine leichte Verletzung an der linken Hüfte »nd ani linke» Obcrschu'lel zn. Nach cineni hier eingclaufcncn Bericht ist der Prinz in ein Hilfslazarett nach Laval in der Nähe von Ehalon- lur-Marne geschafft worden. Dort wird der Prinz gemein­sam mit feinem durch ein»» Brnstschnß verletzten Sohne Friedrich Wilhelm in dem gleichen Zimmer gepflegt. Prinz Friedrich Wilhelm hofft in der kommenden Woche transpart- fähig zu sein, damit er nach Schloß Fricdrichshof zur wcätc- rcn Pflege geschafft werden kan». Prinz Friedrich Karl wird nach Wiederherstellung von seiner Verwundung wieder I zu seinem Rcoiment ziirückkclircn.