Kummer UM» Samstag, den 15 . Aug u st 1'.N4. 7. Jahrgang
Neue Tageszeitttng
Samstag, den 1». August 1?N4.
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Der Krieg.
Geduld. — Ciue deutsche Warnung an Frankreich und Belgien. —
Währtnd dtr iHobilmaifjung in Pnris!
Ter französische Patriotismus. — Kopflosigkeit aus dem Gcucralkonsulat. — A bas In gnrrre! — Mangel an schwerer Feldartillerie und französischer Tuldatcugcist. — Mobil- machnng. — Nicht so viel Franzoseu totschlagen! — Frau- zösisch belgische Ehikancn. — Glücklich im Vaterland.
Eine Bewohnerin Fricdbcrgs stellt uns in liebenswürdiger Weise einen Brief zur Verfügung, den sie von ihrem Bruder erhalten hat. Der Bricfschreibcr betrieb 5 Jahre lang in Paris ein Geschäft, er wurde mit seiner Braut, die ihn besuchte, von der Mobilmachung in der französischen Hauptstadt überrascht. Ter Brief lautet:
Lünrburg, drn 11. Aug. 1911.
Liebe W . . . .1
Zu nicincm großen Bedauern habe ich in dieser ernsten Zeit genügend Muße, Tir einen ausführlichen Brief zu senden. Alle meine Versuche, den Brüdern im Kainps zu helfen, sind gcsck>citcrt. Landwnrm, nicht gedient! Doch ich will nicht vorgrciscn und unsere Erlebnisse der letzten 11 Tage möglichst genau wiedcrgcbcn. Einen literarischen Wert sollen und können meine Ausführungen nicht haben, denn die Tatsachen sind durch die Zeitungen bereits bekannt geworden.
Unsere Truppen haben wahrlich keine Ermutigungen nötig. Sieh, Schwester, Lüttich ist fd)on gefallen. Dasselbe Lüttich, von dem das französiscki« Volk erwartete, daß cs den deutschen Ansturm brechen werde. Ihnen sollen die Augen noch ausgchcn l Das fr. Volk, oder doch wenigstens die große Mehrheit desselben, will von einem Krieg nichts wissen. Wie Tu die Franzosen kennen gelernt hast, so sind sic auch bis zum letzten Augenblick geblieben. An rinr» Kriegsausbruch hat wahrlich kcincr recht geglaubt.
Ter französische Patriotismus ist eine Mischung von Eigenliebe und Ruhmsucht. Tu kennst ja diese berühmte Pariser Blüte: „moi, je suis". Trotz aller Versuche der Blatter, insbesondere des „Matin", Deutschland als kriegS- lllstcrn hinzustellcn, konnte inan dentlich bei Diskussionen die innere Ucberzcngung des Gegenteiles beim Volke hcr- aushören. Wie ost konnte man aus den Gruppen vorm „Matin" entnehmen, daß sie sich nur zu verteidigen hätten, wenn sie angegrisfcn würden. Und man wird ja dem französischen Volke von leitender Stelle aus alles mögliche vorliigen. Doch was soll ich Tir all das erzählen, ich will nun etwas die Tatsachen spreck)en lassen. Am letzten Dienstag und Donnerstag des Juli bin ich beim Konsulat gewesen, uiil mir Verhaltungsmaßregeln zu holen. Dort riet man mir zur Ruhe, da nichts vorgrsallru wäre. Man muß auf dein Gencralkonsnlat wirklich schlecht unterrichtet pc- wcjc» sein, deiin wenn die Beamten etwas ernstes besürch- tctcie ",inten sic mir doch am Donnerstag morgen nicht raten, nbig aus Deutschland Geld per Anweisung kommen 8r lassen. Also beruhigte ich inich ein weiiig, traf aber doch Vorsichtsinaßrcgcl, denn das Geschäft war seit Montag wie abgesch,litten. Ich packte meine Sachen so weit es irgciid möglich war. Am Donnerstag und Freitag abend fandeii Knndgebungcn der Sozialdemokraten ans den großen Boulevards statt. Tie Polizei hatte die Terrassen vor den Cafees einziehen lassen. Eine dichte Menschenmenge wogte von der Opern bis zui» Place de la rcpubliaue. Von den Vorstädten herab kamen Sozialdeiiiokraten, einige Haufen wurden sogar von Abgeordneten geführt, die laut gegen den Krieg demonstrierten. Sie schrieen assasinl asjnsinl (Mörder!) und sangen a bas la gnerrc (Rieder mit dem Krieg?) nach deni Lied der l-uvpions. Von der Nationalhymne habe ich nichts gehört. Stellenweise kam es zu Schlägereien »nd die sehr starke» Schntziiiannsaufgebote hatten alle Hände voll zu tu». Zahlreiche Verhaftungen sind vorgcnomnicn worden. Aiii Sonnabend brachte der „Matin" einen Leitartikel, in welcheiii inan das französische Volk zur Zuversicht und Ruhe mahnte. Unter andcrenl wurde gesagt, daß die vom Scnatcur Humbert gemachten Enthüllungen über den Stiefclniangcl nicht ganz zutreffmd seien und wenn jeder Reservist 2 Paar gute, lricgsbraiich. bare Stiesel initbrächtc. wäre die französische Armee sehr gut beschuht (!) Tie Reservisten bekämen die Stiesel kenn Eintreffen im Regiment reichlich bezahl,- (Ans peijön- lichcn Mitteilungen von gedienten Franzosen habe ich ent- nommen, daß für reglenientäre Stiefel in Jriedensz-.'i? :n 17 Fr. vergütet wurden.) Ferner gab der Artikel den Mangel a» schwerer Feldartillerie zu und meinte, die Liiali- tät der französisckien Truuven würde diesen Mangel n:ehr
wie aufwicgcn. Nun, liebe W ..... ich kenne ja die französischen Soldaten und auch die deutschen und wenn die französische Hccreslcitung weiter nichts will, kann ihr ja gründlich geholfen werden. Wir werden ihr wohl unseren deutschen Löwen, in Freiheit dressiert, zur Vergleichung der Qualität in Longchamp verführen.
Nachdem ich die Lektüre dieses einzigartigen Artikels beendet hatte, ging ich zur Post, um ein Telegranim an El . . äs Onkel aufzugeben. Unterwegs begegnete mir der Prediger in feldinarschmäßigem Anzüge. Jetzt wußte ich, was die Glocke geschlagen hatte. Verweinte Augen juiiger Frauen ließen mir keinen Zweifel. Bei einem Bc- kantcn, las ich einen Einberufungsbefehl, immediat.'ment, sans dclai. (Sofort, ohne Verzug!) Es war teilweise Mo- bilniachung! Sofort fuhr ich zuni Konsulat. Es war von aufgeregten Teutscheii förmlich gestürmt. Der Beamte war totenblaß und wußte nicht, wem zuerst antworten. Er schrie: „Alles um 1 Uhr am Nordbahnhof, Billet nach Vcr- vicrs. Vor allen Dingen die Frauen und Kinder." Das war leichter gesagt als getan. Und unsere Geschäfte? Und unsere Sachen? Es war bereits 11 Uhr. Aber nur ruhig BlutI Noch ist keine Mobilmachung bckanntgcgeben. Ter Koffer war schnell fertig, ebenfalls das Handgepäck. Das Geschäft ist verloren. Bekannte kamen, die eingczogen waren und als sie unseren Aufbruch sahen, meinten sie. ich wäre ein ganz guter Kerl und möchte den Kameraden sagen, daß sic nicht so viel Franzosen totschlagen sollten. Das war kein Scherz mehr. Uns war allen nicht wohl uins Herz. Ehe ich es dachte, es war ungefähr 3 Uhr französische Zeit, also 4 Uhr nach der deutschen, ging cs auf einmal los. La gucrrc, la gucrre! Rufe schallten, eine Fanfare blies und lautes Weinen erscholl. Zu meinen, Fenster riefen sie es mir heraus und brachten niich mit ihrem Jammergeschrei derartig aus der Fassung, daß ich mich erschüttert aufs Bett warf. Einzelne kriegerische Rufe ließen mich allerdings rasch zur Besinnung kommen. Schnell war ein Auto hcrbeigeholt. In dem Augenblick, wo wir durch die Porte Champerrct »ach Paris fuhren, wurden auch die Tore für den Wagcnverkehr geschlossen. Um 4 Uhr löste ich ein Billet nach Dcrviers. Es war eine ungeheure Menschen- menge auf dem Bahnhof. Von 4—8 Uhr stand ich niit meinem Koffer ani Gepäckschalter. In der ganzen Zeit wurde c i n einziger Koffer abgcsertigt. Es war ca.
Uhr als Schutzleute kamen uns uns von unseren Kostern forttricben. Sic waren bcschlagnahint. Ich sür mein Teil habe noch das Gliick gehabt, in, allgemeinen Wirrwarr meinen Koffer beim Handgepäck aufzugcben. Hoffentlich schießen die deutschen Kanonen mein Geschäft und auch den Koffer entzwei. Um 11.30 Uhr fuhr ein Zug nach Bel- gien. Ta El . . . und ich für Lebensmittel zu sorgen keine Zeit gehabt batte», so waren wir sehr abgespannt. Ich er- kündigte mich bei 2 SchntzmannSpostcn, ob ich auch hinein- käme, wenn ich jetzt herausginge, was mir an beiden TUrc,^ versichert wurde. Ich eilte also in ein Restaurant, um Brot, Wein und etwas Fleisch zu kaufen, da auf dem Pari- ser Bahnhof wie Du weißt, nichts eßbares verausgabt wird. Kann, ä Schritte von, Eingang entfernt, wurde die Tür zugeschlossen. Alles Bitten half nichts? ich mußte draußen bleiben. Das ging aber doch nicht! An einer Seile des Bahnhofes, Du weißt, wo die Einfahrt zur Ge- päclstatio» ist und wo wir durchgangen, als Tn abfuhrst, war nur sür Reservisten Durchgang und ca. 6 Schutzmanns- Posten. Ich paßte einen Trupp von 5 Reservisten ab und bi» lebhaft gesticulicrcnd nni durchniarschicrt. „A Berlin" sagte ich mir. Das Gedränge aus dem Bahnhof ließ etwas nach. Doch als unser Zug ankam, gab es einen widerlichen )>-.:;>» „nd die Plätze. Es waren viele Belgier dabei, die Na, gehässig genug benahmen und durch brutales Benehmen besenders Frauen ggcenübcr recht abstoßend wirkten. Lei Jeumont an der belgischen Grenze hatten wir ca. 3 Km. z>, Fuß zu laufen. Ich habe die Fahrt bis dahin stehend gemacht und durch den wirklich schlecht vcscdcrtc» ?.' ;cn !. Klasse (die deutschen Viehwagen sind besser gefedert) inein ganzes Knechrngcrüst im Verrenknngszuslrndc. Für daS Fab,:n meines Gepäckes bis direkt zum Grcuzvcsten, also 2 Kiu. weit, mußt- ick, l0 Fr. bezahlen. DaS Gepäck wog vielleicht lö lg. aber ich fürchtete, daß ich nicht mehr leben- big l :S zur belgischen Grenze kam, denn es wurde uns von einer Französin vorher i» Jeumont gesagt, daß v:e Leute dcS vorigen Zuges von den Grenzbewohnern "ngcfallen seien und ein Tont'cher durch eine französische Patrouille in Schutz genommen sei, aber er sei schon üalbtot gewesen.
Russische Zustände. (Soeben.
Ten Eindruck aus die Frauen kannst Tn Dir vorstelle» „nd ich wollte die Hände frei haben. Tatsächlich wurden auch die Leute aus dem uns vorhergehenden Zuge angcfallcn, die cs mit in Hcrbesthal selbst erzählt haben. In Eharleroi wollten sic uns wohl besonders ärger». 2 mal heraus und 2 mal cinstcigcn in denselben Zug und schließlich umst.-igcn. Alle diese Strapazen ohne Nahrungl Einige Frauen mm- den ohnmächtig. Nach der deutschen Grenze z» wurde» die Belgier höflicher. Umgesticgcn in Belgien 7mal und 2nn,l in Eharleroi macht Smal. Die ganzen Strapazen dauerten ca. 20 Stunden und wir begrüßten unsere schmucken deutschen Grenzschutztruppcn mit einem ehrlichen Aufatmen. Ich bin erstaunt, nachdem ich nach bjähriger Abwesenheit wieder dcntschc Truppen sah, über die Ausrüstung und den Geist der Soldaten. Ich Hobe mich 3mal gestellt als Frei- williger, aber — Wenn es nicht anders ist, ineldc ich mich als freiwilliger Krankenträger. Dazu werde» sie inich wohl anstcllen können. Klärchen ist mit mir hierher gefahren und heute morgen nach Hannover abgcdampft. Möge es Dir gut gehen. Inzwischen antworte einmal »nd laß Dich umarmen von Deinem Bruder Heinrich.
NB. Walter hat mir etwas von der Ausbildung der deutschen Soldaten erzählt und meiner Meinung nach muß man bei guter Führung mit ihnen die Welt erobern können! Ta können sic allerdings so Krüppel ivic mich nicht ge brauchen.
Abmarten!
Daß wir schon zwei Tage ohne Nachrichten sind, deuten ängstliche Gemüter als ein schlimmes Zeichen. Ohne allen Grund! Unsere militärischen Operationen aus den Schlachiscl- dern gehen mit ruhiger, von Icinerlei Stimmung bccinsluhie» Sicherheit vor sich, so daß in dieser Ruhe geradezu das Vertrauen aus den siegreichen Ausgang ausgesprochen ist. Unsere Hccrcsbehörden haben versprochen, alles ungeschminlt zu berichten, leine Siege zu erfinden und keine Niederlage zu verschweige»? sie hat das bisher redlich gehalten und wird es auch weiter tun.
Eine sehr trefi'endc Mahnung zur richtigen Zeit richtet der Abg. Erzbergcr in der „Germania" an das deutsche Volk. Geduld! mahnt er und sagt: „Wir Deutsche sind doch recht verwöhnt." Er fährt dann fort:
Soeben hat sich die größte Völkerwanderung der Weltgeschichte, unsere deutsche Mobilmachung, ohne Unordnung und Störung abgespielt, wie der Ecneralsiab sie IN zäher Fricdcnsarbcit ausgedacht hat, und schon ist man in manchen Kreisen nicht recht zusrieden damit, daß - nicht in jeder Morgenzcitung ein deutscher Sieg steht. Zum Gluck ist unser Gcncralstab nicht so nervös wie viele zeitungslesendc Deutsche. Wer in dem großen rote» Hause am Känigsplatz heute verkehrt, der glaubt, er betrete die Oase des Friedens und der Nutze. Fe mehr es in der Rcichshauptstadt tost »nd brandet, desto ruhiger ist mau hier und konstalierk höchstens mit Unbehagen, daß dieser und jener Ersolg noch UNI einige Tage „zu srüh" eingctre» tcn ist. 2» dieser Zcnlralstellc sür Erhaltung des Deutschen Reiches kcnnt man keine Nervosität, da triumphiert die Geduld, die kühl berechnende Geduld, die den sicheren Sieg verbürgt? Ungeduld findet keinen Platz an der Stätte des großen Schweigers. Geduld aber auch dem deutschen Volk zu cmpseh- lcn, ist eine der Hauptaufgaben der Prcsic. Die bisherigen Leistungen von Heer und Flotte sind so groß und so bedeutsam, daß andere Nationen aus Wochen und Monate davon zehren könnten. Es ist gewiß ein schönes Zeichen, daß unser Volk mehr verlangt, aber di- oberste Kriegslcilung schlägt ihre Echlachtcn auch mit Menschen, die nur eine begrenzte Kilometerzahl täglich zurücklegen können und nicht mit Geistern, die an Zeit, Raum und Entsernung nicht gebunden sind. Also Geduld, Karten gesehen und rechnen! Vor allem stelle die Frage: 2» welcher Zeit würdest dn kriegsmäßig von Likttich bis Paris marschieren? Dann lammt Geduld von selbst!
Dann heißt es in dem Artikel weiter:
Geduld vor allem auch sür die Marine! Sie hat in diesen anderthalb Wochen Kriegszustand gcnug getan. Was haben denn die Marinen anderer Länder getan? Bisher ist lein einziges deutsches Kriegsschisi vernichtet worden, wohl aber englische. Aber noch inchr: Die amtliche Presse meldete bekanntlich gestern, daß zwar „keineswegs in der Nordsee deutsche Kontaktminen gelegt sind, wohl aber in unmittelbarer Nähe der -»gliche» Küsten." 2» diesem knappen Satz steckt eine Helden arbert unserer Marine. Alan lese ihn doch einmal langsan und gründlich, namentlich in den letzten Worten! Wer sie dann noch nicht versteht, der nehme eine Kriegskarte her und besehe sich einmal die „unmittelbare Nähe der englischen Küsten ;


