Ausgabe 
7.8.1914
 
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Seite 3.

Stbbtförtxrung der Truppen notwendigen Anordnungen zu treffen.

So hatte sich denn das Oberkommando aus Feig­heit die Verfügung über die Eisenbahn ohne jeden

Widerspruch aus der Hand winden taffen, und das hatte natürlich zur Folge, daß sich alle bisher noch Unent­schiedenen aus die Seite des Startern, d. h. des Strcik- kommitees stellten und Offiziere und Mannschaften der Betätigung ihrer revolutionären Gesinnung allgemein überhaupt keinen Zwang mehr antaten. Auf die Einzel­heiten einzugehen, würde zu weit führen, es fei nur noch besonders an Wladiwostok erinnert, wo 400 aus japanischer Gefangenschaft zurttckgekehrte Marineartille- rislen über einen notwendigen Au>enlhalt nach ihrer Ausschiffung derart empört waren, dag sie zwei Offiziere erschlugen und mehrere Offizierswohnungen zerstörten. Aber ein noch viel häßlicherer Fleck auf der Ehre des luffifchen Heeres war ein neuer, Anfang 1900 in Wladiwostok ausgebrochener Aufstand, der nicht etwa von ausständigen Arbeitern, unbotmäßigen Reservisten und aufrührerischen Volksmaffen, sondern von der Garnison, also aktiven Truppen, unternommen wurde. Tie schwere Verwundung des Kommandanten und der Meuchelmord an einem Oberstleutnant als Komman­danten der Hauptwache werden auf den Ehrenschild der russischen Armee noch lange einen tiefen Schalten weisen.

In Petersburg wußte man lange Zeit von allen diesen Vorgängen nichts, weil durch den Ausstand der Post- und Telegraphenbeamten jede Verbindung mit dem europäischen Rußland unterbrochen war. Als man endlich von de» anarchistischen Zuständen erfuhr, sckkckt" der Kaiser drei Generäle, die Ruhe und Ordnu»>, schaffen sollten ein peinliches Armutszeugnis für die an Ort und Stelle kommandierenden Offiziere. Dieser anscheinend aussichtslosen Ausgabe unterzogen sich all« drei, der eine auf der sibirischen, der andere auf der Transbailalbahn, der dritte in Wladiwostok, mit einer so rücksichtslosen Strenge, einer Energie und einem furchtlosen Auftreten, daß die revolutionäre Bewegung bald unterdrückt, di« Ordnung aus den Eisenbahnen wiedcrhcrgestellt wurde und der Abtransport der Truppen nach 8'/°monatiger Dauer endlich zu Ende geführt werden konnte. Was diesen drei tatkräftigen Männern gelang, hätte den anderen Befehlshabern felbverständ- lich ebensogut gelingen können, wenn sie von vornherein auch nur einen Funken von Energie und Verantwort- ungssreudigkeit beseffen hätten. Nachdem sie aber zu­nächst einmal hatten alles gehen lassen, wie es ging, war ihre Autorität von Grund aus untergraben, und es bedurfte eben neuer, frischer Kräfte, um hier aufzu- räumen.

Man sollte meinen, daß der Ausgang und die Folgeerscheinungen dieses Krieges nicht dazu angetan fein können, den Rügen besondere Zuversicht in den glücklichen Ausgang eines neuen Krieges einzuMen. Der Oberkommandierendc des Heeres General Kuro pattin, schiebt die Schuld für die Niederlagen und den Zusammenbruch des Heeres dem Umstande zu,daß weder die Schule, noch das Heer dazu beigetragen haben, in dem großen Rußland während der letzten 40 bis 50 Zahre selbständige Charaktere zu entwickeln.

Sollte es in dieser Beziehung in der kurzen Spanne Zeit von noch nicht 10 Fahren bester geworden sein? Es fällt, wie gesagt, schwer, daran zu glauben. Wenn das Weltgericht die Weltgeschichte ist, dann erhalten die Russen in dem bevorstehenden Kriege von den Deutschen und von den Oesterreichern eine Lektion, an vie ste lange denken werden.

Die Stimmung in Frankreich

spiegelt sich i» einem Privatbries wieder, der uns von der Empfängerin in liebenswürdiger Weise zur Verfügung ge­

stellt wurde.

L. . ., den 4. August 1914.

L. . W---- ,

Immer und immer wollten wir cs noch nicht glaubt», daß es Krieg geben sollte: am Sonnabend uni 3 Uhr wurde in den Straßen voii Levaüois-Perret (Vorort ton Paris) geblasen, ein Sold.it IaS den Mobilniachungsbefchl vor alle Leute standen um ihn herun,. Ich habe schnell «in Auto geholt, die Koffer waren schon zwei Tage vcrher gepackt. In der lebten Minute holte ein franz. Spediteur olles ob. um os nuszuspeichcrn. Einen Koffer wollten wir an der Bah» aufgeben, er wurde schon nicht mehr angc- nommen ilnd wir ließen thii aus der Ausbewahrungslt.lle am Gare du Nord. Nu» ging c-s schnell fort, unsere Hand- tasä>c mit Goldlacken halten wir in der Wohnung liegen gelassen und wollten wir sie holen, aber kein Auto fom rietr durck die FestungS-Psorte bei rue de lormeille, sie wurde geschlossen, »»r Fußgänger konnten noch durchzeh-.n, Uh halte das Glück, meine Tasche holen z» können.

Die Frovzosen ivollcn keinen Krieg, laut iveinte» die Französinnen: alle Bekannten wünschen unsbau cl/ince", ,bo» voyage". (Viel Glück gute Reise.)

H'z Freund hatte vom Direktor an, Mittag noch Gehalt And Zeugnis bekonimcn, der Ehef (Deutscher) ist vor 8 Tagen im Elsaß als Reservc-Lentnant eingezogen. Viele Elsässer sind noch in Paris, aber die echten Dentsche» haben sich hinauso.cdrängk.

Am Bahnhof warm viele Eltern mit ihren Kindern. A, wiit unserem Handgepäck haben uns wie alle anderen tSckittz, abgcquält. Bei Jcumont waren die Schienen auf- Derisscn und wir niußten 3 Kilometer z» Fuß laust n. ^»imcr ließen uns die Bahnbeaniten ein- »nd anssteigen, Meimol sogar in denselben ZiM- Ausgehungert kamen wir an der deutschen Grenze an »nd sckpckte» gleich ein Tele- aranmi nach L. Das erste Glas Bier in Dentschlanb. ivie

««», sazesz eituig. rftttt««. ton 7. Au,,st 191«

foot das geschnreckt I Wie wurden die Züge an den Bahn­höfen in Deuffchland begrüßt I

Abschied des (tzrotzhcrzogs von den Truppen in Friedberg.

Gestern Mittag kurz nach 1 Uhr trafen der Großherzog und die Großherzogin im Auto auf dem Exrerzierplab hin­ter der jkaserne ein, »m sich von den Truppen unserem 3. Bataillon 168cr und dem hier in Bildung begriffenen Reservebastrillon 116er zu verabschieden. Das Groß- berzogspaar wurde überall mit Begeisterung begrüßt. Als die Großherzogin der Truppen ansichtig wurde, konnte sie sich der Tränen nicht enthalten. Das Großherzogspaar schritt nun die Front der unter präsentiertciii Gewehr stehen­den Truppen ab. Hieraus richtete der Kroßherzog folgende Ansprache an die Truppen:

Kameraden! Denn Ihr an den Feind kommt, Hann drauf und dran, unser Vaterland, unser geliebtes Hessen- land zu batten. Vergeht keine Sekunde, daß Ihr Deutsch: seid! Ihr habt dem obersten Kriegsherrn die Treue ge­schworen, ihr Reserven habt mir Treue geschworen, und diese Treue werdet Ihr halte»: dies hoffe ich. Nun mit Gott!'

Sein Hoch galt dem Kaiser. Hierauf stimmte mau die Nationalhymne an, in die Alles begeistert einstimmt«. Herr Major Gudewill dankte für die Gnade, daß das Großher­zogspaar hierher gekommen sei, und versprach, daß sich das Bataillon dieser Gnade würdig zeigen werde. Sein Hoch galt dem hessischen Herrschcrpaarc. Das LiedDeutschland Deutschland über alles" folgte. Hieraus verabschiedete sich das Großherzogspaar von jedem einzelnen Offizier mit einer Ansprache und Händedrilck. Sodann sprach Herr Pfarrer Klcbcrgcr« als evangelischer Garnisonspsarrer und Herr Pfarrer Dr. Prarmarer als katholischer Garnisonspsarrer.

Psarrer Klcberger sührte den 60. Psalni an. Er er­innerte an die hundertjährige Wiederkehr der ruhmeichen Zeit unserer Vorfahren. Er betonte, daß wir nicht um Eroberungen känipsten, sondern daß wir nur der Not ge­horchend ins Feld ziehen mußten. Er schloß mit dem Rufe: Lhr wißt, für was ihr kämpft: für Euer teures Daterlind, für eure Heimat u. Herd, für eure teuren Lieben. An Ent­behrungen wird cs nicht fehlen, aber ihr müßt, ihr werdet siegen. Dies helfe Gott!

Pfarrer Dr. Prarmarer sprach: Hess. Kameradenk Eine ernste Zeit ist an uns hcrangctrcten. Wenn es je eine Zeit gab, wo wir eine gerechte Sache verfochten, so gilt cs für diesen Krieg welcher uns von heimtückischen Feinden oufgezwungcn wurde, ebenso wie unserm Verbündeten Oesterreich. Es fällt kein Sperling vom Dach ohne daß es der himmlische Vater weiß. Die Demut vor Gott gibt Euch die Kraft. Gedenkt der ruhmreichen Taten Eurer Väter, gedenkt Eurer Pfticht mit Gott. Wenn Ihr dieser Pflicht eingedenk seid, dann werdet ihr nicht allein kämpfen, dann werdet ihr, dann müßt ihr siegen!

Unter dem Jubel der begeisterten Menge fuhr sodann daS Großherzogspaar noch der Stadt zurück, wo es int Hotel Trapp das Mittagessen cinnahm. Gegen halb 3 Uhr er­folgte die Abreise von hier. Wie wir weiter aus Darinstidt hören, wird sich der Landesfürst im Gefolge des Divisions­stabes bciinden. ,

Ans der Heimat.'

* Friedbrrg, 3, Aug. Lom 3. August ab findet auf den Postknrjen nach Ranstadt »nd Ockstadt eine Pcrjoncnbesür- derung nicht mehr statt.

* Echzell, 6. August. Zwei hiesigen Damen ist es noch ge­lungen, Paris zu verlassen und nach der Heimat znrllckzukehren.

An 3000 Deutsche sollen über die belgische Grenze Frank­reich verlaßen haben.

Ei ehen, 0. August. Nachdem gestern die amtlichen Nach­richten, daß auch der Vetter Engländer an Deutschland den Krieg erNärt hat und daß wir uns mit Belgien ebenfalls im Kiiegszustanb befinden, bekannt gemacht würben, aln» jetzt der Deutsche, wenn er im Atlas einmal seine Feinde betrachten will, mit den einzelnen Staatcnkarten gar nicht mehr auskom- men, sondern er muß sich gleich die Weltkarte zur Hand neh- nicn. Feinde ringsum und in aller Welt, können wir setzt sa­gen und alle diese Feinde, wohl mit Ausnahme Belgiens, ha­ben nur das eine Ziel, Deutschland klein zu machen. Dar deutsch« Heer, die deutsche Industrie und der deutsche Handel, sie sind ihnen der Dorn im Aug« und der Hatz und Neid gegen dieselben kennt keine Grenzen. Wer aber eben unser« braven Truppen zum Schutze des bedrohten Vaterlandes ausrucken sicht, und die Begeisterung beobachtet, welche das Aufgebot des Kaisers in allen deutschen Gauen entfacht hat, der gewinnt auch die selsenseste Uebcrzeugung, daß diese Truppen nicht ge­schlagen werden, daß sie unbesiegbar sind und daß das deutsche Heer aus diesem schweren Kamps« mit dem Lorbeer- u. E-chen- kranz geschmückt zurückkommt. Wäre dies nicht der Fall, wür­den Deutschland und Oesterreich nicht di- volle Oberhand ge­winnen, ja dann liefen wir Gefahr, daß die europäischen Völ­ker sich in diesem Kampf aller gegen alle gegenseitig zerslei- schen und dann die fremden Völker, Asiaten und Amerikaner, die Führung in der Welt übernehmen. Dieses gilt es, zu ver­hindern. deshalb mutz das deutsch« Volk geschloffen wie ein Mann hinter seinem obersten Kriegsherrn stehen und Gut und B>ut in die Wagschale werfen. Erst wird cs nötig sein, daß der sranzöllsche Präsident und sein Kriegsmintster von deutschen Soldaten ihre Zylinverhüte aufgebügelt bekommen, dann wirb cs sich zeigen, ob der rusfiichc K-is-rtron dem Ansturm Deutsch­lands und Oesterreichs Stand hält und zum Schluffe inusi die Abrechnuv.g mit dem hinterlistigen Albion kommen und zwar muß bier der Saldo bei 5,eller und Plennia aezoaen und bar

auc bezahlt werden. Wehe euch Frevler». Jahrelang habt ihr die Ränke geschmiedet, doch nun sollt ihr sehen, daß dcukscher Geist und deutsche Tatkraft, di« im Laufe der letzten zweitau­send Zahre schon wiederholt dem Rad der Zeit in die Speichen gegriffen und dem Laus der Dinge dieser Welt eine andere Wendung gegeben haben, noch nicht erschlafft und noch nicht er lahmt sind.

* t- Ufingen, 4. August. Der im Jahre 1888 hier gegrün­dete und formell noch heute bestehende Zweigverci» vom Ro tcn Kreuz sKretsvercin zur Pflege im Feld verwundeter oder erkrankter Krieger) soll wieder neu ins Leben gerufen werden. I» der Stadt und in den Landgemeinden wird eine große Tä­tigkeit entfaltet.

* f. Rcichenbach, 4. Aug. Der stellvertretende Direktor bei landwirtschaftlichen Winterschule zu Idstein, Herr O, Eistngcr, hielt hier im Auftrag der Landwirtschaftskammer zu Wiesba­den einen Vortrag über Landwirtschaft.

* k Ob-rursel, 4. Aug. Der Ernst der politischen Lage ge. bietet es, das in allen Teile» wohl vorbereitete Schützenfest bis auf weitere» zu verschieben.

* Dieburg, 5. August, Auch von hier entsenbet ein Bäcker. Meister sieben wackere Jungen in den Feldzug,

Kirchliche Anzeigen.

Evangelische Gemeinde.

Gottesdienst in der Stodtkirch«.

Freitag 7. Aug. abends 8>4 Uhr: Kricgsaud bl Herr Direktor Schoell.

Franksurtcr Wetterbericht

Voraussage: Wechselnd bewölkt, strichweise Regensälle, mä­ßig warm, Westwinde.

* Hessischer Landesverband gegen den Mißbrauch geistiger Geiränke. Zn dem bevorstehenden Kriege werden sofort mit den ersten Tagen an die Leistungssähigleit, Schlagse.Uigleil und Widerstandsfähigkeit der Truppen ungeheure Anfordrru». ge» gestellt. Hierzu ist Nüchternheit absolut crsorberlich. Dies ist auch der entschiedene, au» mancherlei Kundgebungen und Maßnahme» bekannte Standpunkt der Heeresleitung, alle» voran des obersten Kriegsherrn selbst, der dieser Ueberzeugung wiederholt kräftigsten Ausdruck verliehen hat. Mit dieser Forderung muß gleich von vornherein Ernst gemacht werden! Wir bitten deshalb dringend, den zum Ausmarsch bestimmten Soldaten nicht, wie da» bei früheren Feldzügen zu beoüachien war, geistige Getränke als besondere Liebcswcise anzubleten oder gar auszudrängen, sondern an geeigneten Orten, besonders aber auf den Bahnhöfen, von denen aus Truppentransporte er folgen oder aus denen Halt gemacht wird, alloholsreic Getränke verschiedener Art und in erforderlicher Menge bereit zu halten. Auch mit dieser Maßnahme wird der Schlagkraft unseres Her res ein wesentlicher Dienst erwiesen.

Bekanntmachung.

Für den Handel mit Massen pp. jeder Art wirt hiermit folgendes verordnet:

Der An- und Verkauf von Waffen im Trödel- oder Alt Handel wlrd hiermit untersagt.

Die Waffen- und Eisenhändler und dergl dürfen bis aus weiteres Waffen und Munition nur noch an solche Personen verkaufen, welche sich als aktive Militärpersonen oder zum Heere einberusene Wehrpslichtige letztere durch Vorweisung eines Einberufungsbefehles oder als össcntlich« Beamt« ge. nügenb ausweisen.

Der Verkauf von Feucrwcrkskörpern, welche zum Signal- geben pp. irgendwie geeignet sind, darf nur an Militär-Behör­den erfolgen. von Schenck.

ßdutmttmndjnmu

Das Kriegsersatzgeschäft

für die in der Stadt Fried berg wohnenden Militär­pflichtigen findet

Mittwoch, de» 12. August, vorn,. 8 Uhr

in» Saale des Hotel Trapp

(Eingang von der Wolsengasse aus) statt.

Es haben auch ohne nochmalige besondere Aus sordening und zwar

MU" püttktlich un» 7'/, Uhr vormittags

zu erscheinen:

1. Die Zurückgestellten. ,

2. Die Militärpflichtigen, über die noch keine Enl- scheidung getroffen ist.

I. Die zur Disposition der Ersatzbehörden entlaffenen Mannschaften.

4. Die zur Zeit des Kriegsersatzgeschäfts noch vorläustg beurlaubten Rekruten.

5. Die von den Truppenteilen abgewiesenen Einjährig- Freiwilligen.

Friedberg, den 7. August 1914.

Der Bürgermeister. _ S^ahl. _

Bekanntmachung.

Der Tag der Auszahlung der Tarsummen für infolge der Mobilmachung angekauften Pferde wird demnächst bekannt gegeben.

Friedberg, den 7. August 1914.

Der Bürgern,rifter.

Stahl.

Verantwortlich für den politischen Teil: Otto Hirschcl, Fiicdbera: für den lokalen und unterhaltenden Tr,.: Bernhard Lenz. Friedberg: für den Anzeigenteil: Kar! S cb:» i d I, Friedberg. Truck und Verlag derNeuen Tages- »eiftina". A.-G.. Friedberg i. H,