Ausgabe 
6.8.1914
 
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Sir. Ibj

Sernct telegraphierte de, Kaiser an den Zaren am 30. ?ulr: .Mein Botschafter ist angewiesen. Deine Regierung aus die Gefahren und schweren Konsequenzen einer Mobilisa- tioi'.^hinzuwcisen. Das Gleiche Hab- Ich Dir in Meinem letz­ten .-.elcgramm gesagt, Lesterreich-tlngarn hat nur gegen Ser­bien mobilisiert und zwar nur -inen Teil seiner Armee. Wenn Rußland, wie cs jetzt nach Deiner und Meiner Regierungßmrk» tcilung der Fall ist, gegen Oesterreich Itmlärn mobil macht, st, wird die Vermittlerrolle, mit der Du'Mich in sreundschaftlicher Weise betrautest und die Ich aus Deine ausdrückliche Bitte an, genommen habe, gefährdet, wenn nicht unmöglich gemacht. Die ganze Schwere der Entscheidung ruht jetzt aus Deinen Schul­tern, sie haben di- Verantwortung für Krieg oder Frieden zu trugen. Gez. W i I h e l m."

Der Zar antwortete:Petechof, 30. Juli. Ich tanke Dir von Herzen für Deine rasche Antwort. Ich sende heute Abend Tatischtschew mit Instruktionen. Die jetzt in Kraft tretenden militärischen Maßnahmen sind schon vor fünf Tagen getrosten worden und zwar aus Gründen der Verteidigung gegen die Vorbereitungen in Oesterreich. Ich hoffe von ganzem Herzen, daß diese Maßnahme in keiner Weise Deine Stellung als Ver­mittler bceinfluffcn werde, die ich sehr hoch' anschlage. Wir brauchen Deinen starken Druck auf Oesterreich, da­mit es zu einer Verständigung mit uns kommt, gez. Nikolaus.

Ain 31. Juli richtete der Zar an den Kaiser fol­gendes Telegramm:Ich danke Dir von ganzem Her­ren für Deine Vermittlung, die eine Hoffnung auf- leuchtrn läßt, daß noch alles friedlich enden könnte. Ls ist technisch unmöglich, unsere militärischen Vorbe­reitungen einzustellen, die durch Oesterreichs Mobili­sierung nötig geworden sind. Wir sind weit davon enlsernt, einen Krieg zu wünschen. Solange wie die Verhandlungen mit Oesterreich über Serbien andauern, werden Meine Truppen keine herausfordernde Aktion unternehmen. Ich gebe Dir mein feierliches Wort da­rauf. Ich vertraue mit aller Kraft aus Gottes Gnade und hoffe aus den Erfolg Deiner Vermittlung in Wien sür die Wohlfahrt unserer Länder und den Ftteden Europas. Gez. Nikolaus."

Hierauf erwidette der Kaiser: Auf Deinen Appell in meine Freundschast und Deine Bitte um meine Hilse habe ich eine Vermittlungsaktion zwischen Deiner und der österreichisch-ungarischen Regierung ausgenommen. Während diese Aktionen im Gange waren, sind Deine Truppen gegen das mir verbündete Oesterreich-Ungarn mobilisiert worden, wodurch, wie ich Dir schon mitge- leilt habe, meine Verinittelung beinahe illusorisch gemacht worden ist. Trotzdem habe ich sie sottgesetzt. Nunmehr erhalte ich zuverlässige Rachrichten über ernste Kriegs­oorbereitungen auch an meiner östlichen Grenze. Die Verantwortung für die Sicherheit meines Reiches zwingt mich » dcscnsiven Gegenmaßregeln.' bin mit meinen Bcinühungen uni die Erhaltung des W>ttsriedens bis auf die Grenze des Möglichen gegangen. Nicht ich trage die Verantwortung für das Un.jen das jetzt der ganzen zivilisierten Welt droht. Roch in diesem Augen­blick liegt es in Deiner Hand, es abzuwenden. Nie­mand bedroht die Ehre und Macht Rußlands, das wohl auf den Erfolg meiner Vermittelung hätte warten können. Die mir von meinem Großvater auf dem Totenbette iibcr^mmene Freundschaft sür Dich und Dein Reich ist niir inimer heilig gewesen und ich habe treu zu Rußland gestanden, wenn cs in schwerer Bedrängnis war, be­sonders in seinem letzten Kttege. Der Friede Europas kann von Dir noch jetzt erhalten werden, wenn Rußland sich entschließt, die militari chcn Maßnahmen einzustellen die Deutschland und Oesterreich-Ungarn bedrohen. Gez. Wilhelm."

Dieses von heiligem Emst getragene und imme^ noch von einer traditioncilcn aufrichtigen Freundschast für Rußland erfüllte Telegranim hatte noch nicht seine Vestimniung erreicht, als die bereits am Vormittag des­selben Tages angeordnete und offentsichtlich gegen uns gerichtete Mobilisierung der russischen Streitkräfte in vollem Gange war. Das Telegramni des Zaren aber war um 2 Uhr nachmittags nufgegebcn. Das feierliche Ehrenwort des Zaren, daß er keinen Krieg wünsche, daß er auf Verinittelung hoffe und daß er keine herausfordernde Aktion unter­nehmen werde, war also acht Stunden später gegeben, als derselbe Zar die gegen Deutsch'?. gerichtete Mobilisierung seiner ganzen Arinee angcördnet hatte. Daraujhin ging folgendes Tclegramin des Reichskanzlers an den Botschafter nach Petersburg:Trotz noch schwebender Vermittelungsveihandlnngen und obwohl wir selbst bis zur Stunde keinerlei Mobilmachungs- maßnahmen getroffen habe», hat Rußland die ganze Armee und die Flotte, also auch gegen uns mobilisiert.

Ans der ijeiinat.

* Friedberg, 5. August. Tao Eroßh. Staatsministerium h-t eil, Ausschrcibe» erlassen, iroriu aus die Verordnung vom 21. Januar 1890, die Ausführung Leo § CG des Reichsmilitär- gcsttzco bctr. lRegbl. 1890 Seite 913) hingewiesen ist. Hier­nach bleibt jedem etatsmähig angestellten Staatsbeamten wah­rend des Kriegsdienstes seine Zioilstclle gewahrt. Ferner wird de» dekretmäßig angesielltcn Staatobeamt-i und de» im UNmittelbaren Staatsdienste ständig gegen Entgeld aus der Staatskasse verwendeten Bedienstete» während der Dauer des Kriegsdienstes ihr perlönliches Dicnsteinkommcn aus der Staatskasse unverkürzt sottgewährt. Erhält der Beamt- die Vcseldung eines Offiziers oder oberen Beamte» der Militär- verwaltung. so wird der reine Betrag derselben, als welcher 7/10. der Kricgsbesoldung angesehen werden, aus das Zivil diensteinkommen angcrechnct. Aus die Beamten oder ständig verwendeten Bediensteten der Gemeinden und der kormuualen

Reue Tageszeitung. Donnerstag, den 8. August isi«

Seite 3.

'Zu den neustenEreignissen dn der russischenGrenze..

Zu den neuesten Er­eignissen cn L russischen Greife«

Die nebenstehende fTcvfc zeigt den Schauplatz de-ö .<u .. an unsrer östlichen Eren.;'. Die Ereignisse haben die An­merkungen in der Karte schon weit überholt, denn die Euisälle der Russen in deutsches Gebiet sind bereits abgewiesen worden. Dagegen sind Kalisch, Tschen- stochau bereits in unseren Hän­den. Der Ort Soldau, wo gestern eine russische Kavallerie­brigade geschlagen wurde, ist unweit von Allenstein zu suchen. Etwas weiter südlich, nicht aus der Karte verzeichnet, liegt Myslowitz und dort beginnt die österreichische bz. galizische Grenze. Rußland wird also dort von dem österreichischen Doppelaar gepackt, der ihm seine Fänge hoffentlich recht kräftig einhauen wird.

Beibände. welche infolge einer Mobilmachung in das Heer oder den Landsturm -intrcten, finden die obigen Bestimmungen im wesentlichen ebensalls Anwendung. Das Gleiche gilt von den unter das Gesetz vom 16. Juni 1871, das Bolksschulwcscn im Eroßherzogtum Hessen betteffend, fallenden Lehrern.

* Fricdbcrg, 5. August. Vom 6. August ab ist di- Paketan­nahme und -Ausgabe von 12 Uhr mittags bis 2 Uhr nachmit­tags geschloffen.

* Friedberg, 5. August. Seitens der Land- und forstwirt­schaftlichen Berufsgenoffenschast sür das Eroßh. beffcn zu Darmfladt wird daraus hingewiesen, daß die zu zahlenden Rcntenbeträge und sonstigen Leistungen nach den gesetzlichen Bestimmungen durch den Kriegszustand nicht berührt werden.

* Friedberg, 5. August. Im Anschluß an den im Inseraten­teil unserer Zeitung wiedergegrbencn Aufruf der deutschen Studenten sei bemerkt, daß auch an der Städtischen Polytechni­schen Lehranstalt der Studienbetrieb von heute ab ersreulicher- weise vollständig eingestellt werden konnte, da sämtliche deutsche Studierende soweit sie nicht von selbst dazu verpflichtet wa­ren freiwillig sich in die Front gegen unsere Feinde gestellt haben. Die an der Akademie studierenden Russen sind aus Antrag der Direltion iniernictt worden und werden militärisch bewacht.

*Rotes Kreuz". Die Reichsbanl hicrselbst nimmt Geld­beträge sür das Rote Kreuz in jeder Höhe werktäglich wäh­rend ihrer Vormittags-Dienststunden bis auf weiteres gebüh­renfrei entgegen.

* Friedberg, 4. August. Da ich nicht von jedem meiner Freunde, Bekannten und Verwandten Abschied nehmen konnte, so sage ich denselben hiermit herzliches Lebewohl! Auch den Vcisicherien derFriedrich Wilhelm" in der lieben Heimat, de» Bcrsichertcn der AbteilungStcrbckaffe" rufe ich zu: Das Sparen war nicht umsonst. Es wird später mancher an diese meine Worte denken. Jetzt ginge mancher in die Lebensver­sicherung, wenn es nicht zu spät wäre. Es ist Kriegszeit. Aber eine für jeden guten Deutschen erhebende Zeit. Schmach über eine jede Mutter, und jeden Vater, die nicht ihren Sohn sreudig in den Kamps ziehen lätzt. Denkt ihr Lieben, an die Zeit von 1813, deren Gedächtnis wir erst so schön im vergange­nen Jahre gefeiert haben. Denkt an einen Theodor Körner und lest erst einmal, was dessen Vater ihm dem eignen Sohn schrieb als derselbe ihm mitgeteilt, daß er gedenke, zum Lützow- schen Freikorps zu gehcnl Das ist Opserfteduigkeit fürs be­drohte Vaterland. Auch jetzt heißt's: Es ist ein heiliger Krieg. Viele haben sich freiwillig gestellt, noch viele mehr werden sich stellen. Können wir nicht uns fieuen in dem großen Leid über diese Tatsache? Unter uns ist keiner, der nicht jetzt leidet, der eine mehr, der ander- weniger, aber alle denken:Das Va­terland ist in Gefahr! Heraus und jeder seinen Mann gestellt, jetzt heißt's erst recht:Einer für Alle und Alle für EinenI" Dünn wird auch wieder einst die Zeit goldenen Friedens wie- derkommen. Das walte Gott! Herm. Mickel-Ober-Mockstadt.

* Frankfurt n. SH., 5. August. DieVerdeutschung" der Stadt hat infolge der englischen Kriegserklärung weitere Fort­schritte gemacht. Sämtliche Hotels wieEnglischer Hos", Bristol", König von England",Earltonhotel", entfernten heute die betreffenden Inschriften.Bristol" lauste sich in Brest!!" um. Zu den Betgottesdiensten war der Andrang derart groß, daß zwei- und dreimal gepredigt werden mußte. Bersichedentlich sandcn Gottesdienste aus öffentlichen Plätzen statt.

Hessen-Rassa».

» Fricdrichsdors i. T., 4. August. Die vor einigen Tagen auiaeiundenen römiicbcn Mauer- und Bauwerke wurden von

den zuständigen Sachverständigen als Reste umsangreichcr Ka< stellanlagcn festgestellt. Um den ganzen Umfang der Bau. werk« ermitteln zu können, beschloß die Etadtvcrordncienvcr- sammlung die Ausgrabungsarbcitcn in jeder Beziehung burch Hergadc des Geländes, soweit es städtischer Besitz ist, zu unter­stützen.

* Bad Homburg, 5. August. Die Fleischerinnung spendete für die Unterstützung verwundeter Krieger bvv Mark, dem Batciländischen Frauenvcrcin und dem Roten Kreuz die gleiche Summe. Außerdem leiht sie den tm Felde stehenden Mitglic- dein eine Hilfe insofern, als sie deren Ehefrauen den täglichen Dich- bezw. Fleischbedars besorgt und bis in die Läden Ichaf fcn läßt.

* Bad Homburg o. d. H., 8. August. Die Stadtverordneten- Versammlung bewilligte 1V 666 Mart zur Unterstützung der Fa. milie», deren Ernährer zu den Massen einbcrusen werden. Sie beschloß ferner die Einrichtung eines Arbeitsnachweises sür land­wirtschaftliche Hilfsarbeiter in der Umgebung der Stadt und wird auch die in der Stadt versügbaren Pferde, Wage» und eine Dreschmaschine zur Bergung der Ernte sofort auf das Land schicken. Oberbürgermeister Lübke machte sodann die Mittel, lung, daß die Stadtkasse im letzten Rechnungsjahr mit einem Ueberschuß von 37 600 Mark abschlicßt.

* Schmitten i. I., 5. August. Der Landwirt Johs. Brendel, selbst ein Veteran von 1876-71, schickt in den bevorstehenden Krieg seine siebe» Söhne. Der älteste gehört der Landwehr 2 . Aufgebots an, der jüngste genügt seiner Militärpflicht bei den blern in Frankfurt.

* Bensheim, 5. August. Don hier zogen gestern die fünf Söhne einer Familie aus. Der Abschied erschütterte den Va­ter derart, daß dieser einen Schlaganfall erlitt.

Aufruf!

Wer sich in diesen Tagen aus dem Friedberger Bahnhof bei der Verpflegung unserer Reservisten und Landwchrleut« betätigt, der empfängt unvergeßliche Eindrücke. Zug aus Zug rollt heran, geschmückt mit grünen Reisern und dicht besetzt mit prächtigen Männern, die zu den Fahnen eilen. Welche Begei­sterung und doch welche Ordnung! Welche Bescheidenheit und welche Dankbarkeit sür alles Gebotene! Aus der Stadt sind sofort Lebensmittel und Geldspenden gekommen, die es zunächst möglich machten, Brot, Wurst, Speck, Kaffee, Suppe usw. zu reichen. Von den Landgemeinden ist Langenhain in rühmlichem Eifer vorangegangcn und hat Lebensmittel hierher geliefert. Andere Gemeinden werden herzlich gebeten, diesem Beispiele zu folgen. Doch ist es erwünscht, daß di- Bereitwilligkeit hier­zu voihcr an Herrn Apotheker SB. Eeorgi in Friedberg gemeldet wird, so daß die Lebensmittel je nach Bedarf in ge­eigneter Weise abgcruscn werden können.

Vereinzelte Tassen und Gläser, wie sie in vielen Haus­haltungen der Stadt vorhanden und entbehrlich sind, werden an den Verpflegungsstellen auf dem Bahnhof noch dankend an­genommen.

Ter Zweigvcrcin vom Roten Kreuz Friedberg i. H.

Franksurier Wetterbericht.

Voraussage: Wechselnd bewölkt, zeitweise Niederschläge

keine Tcmpcraturveränderung, westliche Winde._^

Verantwortlich sür den politischen Teil: Otto H i r s ch e l Friedberg: sür den lokalen und unterhaltenden SCm. Bernhard Lenz. Friedberg; sür den Anzeigenteil: Karl Schmidt, Fricdbcrg. Druck und Verlag der «Neuen Tag^> .rcitnna". A.-G., Friedberg i.A