Ausgabe 
31.7.1914
 
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7. Iahrglinfl

Dnmmer 177

FrcitnA. den 81 . Znli

" tl.t « r.[ tsjciluna" rr chcir.t leben Werltag. Regelmäßig« Beilagenvrr K»«cr an» Hessen",vie Hprnnssnbc". O»M-ape»i«: Bei den Postanstalte» uieriel,ahriich All. 1,85 c. ic:: '. (enteil monatlich 50 dg. Hinzu tritt Postgebühr ober Trägerlohn. Anzeigen: ErunLzeile 20 Pfg lokale 15 Plg, Anzeigen von auswärts werden dur.t, Postni.h,lahme erhoben Erfüllungsortriedberg. Schrrftleiluug und Perl», Friedberg (Hessen), Han»uerlraße 12. Ferniprccher ttz. Poiticheck-itaato 3!r. ick-ZZ. Amt ^rantfurt L. il.

Vor der Entfchei

(Sine bcfriftctc Anfrage Deutschlands an Rußland. Berfchärfnng der Lage. Roch keine Mobilmachung Deutfchlands. Vom Kriegsschauplatz. Das deutsche Heer.

Eine dumpfe Spannung lastet auf allen ©emiiforn; nichts V druckender als die fortdauernde Ungewißheit. Zwar lc- steht kaum noch die mindeste Hoffnung auf eine fricdkiche Lösung, aber doch würde cs als eine Erlösung empfunden werden, wenn endlich das entscheidende Wort gesprochen würde. Deutschland kann unmöglich mehr mitzusehen, wenn seine Nachbarn in einer Weise rüsten, die nur zu deutlich ihre femdlicben Absichten verkündet. Es ist daher zu beglichen, daß sich die Reichsrcgierung entschlossen hat, wie derDem- ,<heu Tageszeitung" von zweifelsfreier Seite mitgctcilt wird, eine kurz bcsristetc Anfrage an Rußland zu stellen welche Absichten mit den Rüstungen verfolgt werden.

Neben Rußland schickt sich auch Frankreich an. sein Heer in den Kriegszustand zu versetzen und unter der Hand tut auch England alles, um allen Möglichkeiten gegenüber ge- rüstet zu sein. Die Tücke der Engländer erstrahlt jetzt wieder einmal ini hellsten Lichte. Vor der Ocffentlichkeit bemühen sie sich uni Frieden, um im Geheimen ihre Treibereien besser sorlsctzcn zu können.

Im deutschen Reiche selbst arbeiten alle zuständigen Be­hörden sieberhast und alle Vorbereitungen zu einer Mobili­sierung werden getroffen und cs steht zu hoffen, daß sich diese Prompt und exakt vollziehen wird. Alle Brückenichergänge die sür den Ansmarsch unserer Truppen Bedeutung habe», stehen seit einigen Togen unter schärfster Bewachung und auch sonst wird nichts versäumt, was für die militärische Sicherheit notwendig ist.

Tic Eiitkchcidung n, u ß in kürzester Frist fallen.

Fs! die Antwort Rußlands befriedigend, das heißt, kann ... >and erklären, daß cs seine militärischen Maßnahmen tat- . .äst ich nur wegen des Aufstandes in Siidrußland gctroifen hat. und ist cs ferner bereit, eine bündige Erklärung abzu- geben, daß es nicht gewillt ist, stch irgendwic in den öfter, wk. iich-serbische» Krieg eiuzumische», so wird das für ganz Europa eine Beruhigung sein. Kann oder will Rußland das nicht, so wiH Deutschland nunmehr gezwungen sein, auch seinerseits die Mobilmachung erfolgen zu lassen. Und zwar die Mobilmachung nicht nur an unserer Ostgrenze, sondern die Mobilmachung der gesamten deutschen Wehrmacht. Das ist »ui so nötiger, als von der französischen Grenze heute trotz eines gestern abend erfolgten Dementis der amtlichen Agence Havas" eine ganze Reihe von Meldungen über starke Truppenbewegungen, ja auch über Mobilisierungen oorliegen. Man darf daher annchmen, daß die gleiche An' Tage auch an das französische Kabinett gerichtet worden ist.

lieber die Antworten, die auf diese Anfragen cinlauien werden, kann leider heute kaum mehr ein Zweifel herrschen. ,ic Lage ist jetzt so zugespitzt, daß wir uns ans alles gefaßt nach)?» »iüsscn.

Bereits taucht das Gerücht auf, das wir deshalb wieder, geben, weil sie uns aus sehr zuverlässiger Oncllc z» stammen scheine»,

daß der Abbruch der diplomatischen Beziehungen

zwischen Oesterreich-Ungarn und Rußland fcmkä

eine vollzogene Tatsache ist.

Ist das der Fall, dann lann dieser Abbruch natürlich nur von Rußland ausgcgangcn sein, und damit würde die Schick- salSstunde jetzt hcrciugcbrochen sein.

Kurz v-ffristete Anfrage

Deutschlands au Rutzlarr).

Bon einer Seite, die als absolut zuverlüssig anzuscßii -st, erfährt dieDeutsche Tageszeitung", daß angesicht:- d>r schtvcren wirtschaftliche» Schädigungen, die nilscr gesamtes Wirtschaftsleben durch die sortwährcndcn bedrohlichen Ge- !-ich!e über russische .Kriegevorbereilunge» eriähit, und die b s: iiders durch die gestern iniigetriltc Rn>tr>i:;cldu::g : :: einer Mobilisierung >» Süd- und Südwcst Rußland noch bedeut-d an Wahlscheiiilichkeit gcwcnre-i heben, und die deshalb geradezu eine Bedrol »ng «iiseres gcsanitcn Wirtschastslebrns bedenten, di' deutsche Rdgicrung nun mehr ein? Anfrage a >, die russische Regierung gerichtet hat,ihr

- binnen 24 Stunde» Aufklärung zu geben,--

v b c S wahr sei, daß derartige Rüstun­gen st a t t s i » d c n , und was diese R ü ,'t u » a c » zu bedeuten haben.

Weitere Verschärfung der L agc.

Wien, 31. Juli. Der Kaiser cnipsiug gleich nach seiner Ankunft den Minister des Acußercn, Grafen Bcrchtold, den Kriegsniinistcr v. Krobntin und den Generalstabschef Baron Conrad, Die Situation wird wegen der Haltung Rußlands als sehr ernst beurteilt.

London, 31. Juli. Von einem Mitglicdc des englischen Kabinetts erfährt man, daß die Situation von der ste-ie- rnng bis 3 Uhr nachmittags für besser als gestern angesehen wurde, daß sie sich seitdem aber

erheblich verschlechtert habe.

Berlin. 3l. Juli. Tee russische Botschafter Swerbescw hatte gestern Abend eine luägerc Unterredung mit dem Staatssekretär des Auswärtigen Anites v. Jagow. Tic Be­mühungen, eine Annäherung zwischen dem Standpunkt ven Wien und dem von Petersburg hcrbeizusiihrcn, dauern roch fort.

Verbot der deutschen Getreideausfuhr.

Berlin, 3l. Juli. Es ist beabsichtigt, sür das Gebiet des Deutschen Reiches ein Verbot der Getreideausfuhr zu erlassen.

Verbot der Veröffentlichung von Mobilisicriingsnachrichten.

Berlin, 31. Juli. Es ist beabsichtigt, ein Verbot d-r Veröffentlichung von Nachrichten über Mobilisicrungsmiß- no> men zu erlassen.

Nene Beratung beim Reichskanzler.

Berlin, 31. Juli. Im Rcichskanzterpalais fand gestern Abend gegen 10 Uhr wieder eine Beratung statt, die sich aber nicht direlt aus die schwcbcndcn diplomatischen Verhand­lungen bezogen hoben dürste. Eine große Menschenmenge hatte sich in der Wilhclmstraße vor dem Palais angesammelt, da das Gerücht entstanden war, daß der Kaiser bei dem Reichs­kanzler sei. Um die gleiche späte Nachtstunde weilte auch der russische Botschafter Swerbejew beim Staatssekretär v. Iagow. Wie in Ersahrnng zu bringen ist, ist nicht nur die angclündigte Einbcrusung des Bundesrats, sondern auch die Einberufung des Reichstages zu erwarten. Herr v. Bethmann-Hollweg wird in diesem Falle den Wunsch haben, dem Lande und der breiten Oesscntlichk-it dnrzulegen, daß die deulsche Regierung ihr Möglichstes für die Erhaltung des Friedens getan hat und daß sic keine- Veraniwortung für einen Wcltrlicg trägt, den sic mit ganzer Kraft zu verhindern wünscht.

Einberusniig des Bundesrats.

Berlin, 31. Juli. Die Einberufung des Bundesrats ist erfolgt. Es wird bereit» heute eine Sitzung des Bundesrats siatlsindcn. In einer offiziösen Mitteilung wird hinzugefügt: Gegenstand der Beratung seien minderwertige Angelegenhei­ten, weshalb der stimmsührcnde Minister der Bundesstaaten nicht daran tcilnehmcn wird.

Die nächsten Bcichtiissc des Bundesrats.

Berlin, 38. Juli. Der Bundcsrat wird, wie das ..Derl. T-'gcbt." hört, heute ncrmittag u. a. auch ein Verbot der Ans- suhr van E-treide, Mehl und Futter, Tiere und tierischen Er- zci'anisseii erlassen. Diese Maßnahme wird veranlaßt durch Geiächte vcn zahlreichen Haiidelsocrtrctimgcn, wonach infolge der gegenwärtigen pclitischen und wirtschastlichen Lage unge­wöhnlich große Mengen von deutschem Getreide und Mehl .ns Ausland gin cn. Verbote gleicher Art und unter anderen Bcr- häUutsleu auch früher erfolgt.

Nusdehmmg der russisch er!

Mobilisation.

Petersburg, 38. Juli. Ein kaiserlicher Ukas rnsi un­ter die Fchnen:

!> Die Reservisten von 33 ganzen Gouvcri.cw.cnts und i een 7! Distril.e:! von 1< andern Gouvernements.

2 ) Tin Teil d.-r Reservisten von 8 Divisionen re.i vier Ec.» crirements.

3) Die Rcleivisten der Flotte von Ci Distiillen in 12 iuf- fische I (sonvrincmcntL und einem f'inländlsthcn Eonu rnemcnt.

<> Die beurlaubten Kojalc» ini Tongcbict K::b.r», Terck, Astrachan, Orenburg und Ural.

ös Die entsprechende Anzahl von Rcseiocoffizicren, Aerz- tcn. Pserdcn und Wagen sind gleichialls zu den Massen g: ruien.

Russische Maßnahmen.

Ojtrowo. 38. Juli. Rach hier aus dem russischen Grenz gebiet angelangtcn Meldungen erhielten die dortige» Mili­tärbehörden gestern nachmittag 3 Uhr die drahtliche Ausfardc. rung. das gesamte militärische Ausgebot an der Grenze in Be> reitschasl zu hatten und vorläufig die hauptsächlichsten Punltc wie Brücken, und die nach Deutschland führenden Wege ZU be­wachen. Die Familien der Offiziere und Mannschasten packe» bereits ihre Habseliglcitcn und begeben sich in die ihnen ange­wiesenen Wohnsitze im Innern des Landes.

Berlin, 38. Juli. Wie der .Telegraphen Union" von der ruisijchen Grenze gemeldet wiro. tit di- Eisenbahnbriicke bei Wirballe» durch russisches Militär mit Minen belegt worden. In der Umgebung von Wirballcn liegen jetzt gegen 88 888 Manu Militär, um die Riickvcrbindung ansrecht zu erhalten Dem Vernehmen nach ist auch sür den Militärbezirk von L>- bau der Mabilmachungsbcsehl angeordnct worden.

Russische Artillerie aus dem Marsch nach der Grenze.

W a t j (f) a u, 38. Juli. Gestern nacht paisiertc von Wilna kommend eine Artillerie-Division den Bahnhos und ging ans der Warschau-Wicncr-Bahn weiter nach Sosnootco. Alle Offiziere und alle Vcrwaltungsbeamtcn sind von ihrem Ur­laub zurüilberufc» worden. Pässe nach dem Ausland werden überhaupt nicht mehr verabfolgt.

Die wvffenstarrcndc russische Grenze.

Pieschen, 38. Juli. In Kalisch wurde heute um Mib tcriiacht gleichfalls der Mobilmachungsbcseh! ausgegebcn, um gleich daraus zurückgezogen zu werden. Ein russisches Schiitzcn- regimcut ist neu in Kalifch eingctrosscn und hat sich sofort aus Vorposten an die deutsche Grenze begeben. Gendarmen zu Fuß und zu Pscrdc halten Ine ganze Grenze gesperrt. Man sicht vom preußischem Gebiet aus genau die russischen Vorbe­reitungen, während sich aus deutscher Seite noch nichts regt

Ter russische Güterverkehr eingestellt.

Kattowitz, 31. Juli. Der Eil- und Frachtgutverkebl nach Rußland über Sosnevicc ist eingestellt. Rollende Güter werden ungehalten und dem Absender zur Vcrfiiguug gestellt. Ter Verkehr nach Scsnovicc ist noch frei.

Tic Nachricht besag! also, daß der russische Güterverkehr dort eingestellt ist, während der Verkehr von Teutschland bis zur russischen Grenze noch aufreiht erhalten wird.

Mcutcrci bei der russischen Flolte in Sebastopol.

Kcnsiantinopcl, 31. Juli. Es wird bestätigt, daß ans der russischen Flotte iw Sebastopol eine Meuterei ausge- brock cii ist. lieber den Umfang derselben liegen keine zuver­lässigen Nachrichten vor, insbesondcc darüber, ob cs sich etwa um einen vereinzelten Vorgang ans einem einzelnen Schisse handelt. Der hiesige rumänische Stationskreuzer ging gestern mit > .-rsiegelter Order ins Schwarze Meer.

Die deutschen Schisse iverdeii aus dem Schwarzen Meere zurückgcrnfe».

Russisch Pole» im Ansruhr

Wir:-. 31. Jnii. TieNntionalzcitung" meldet, daß dei Aufstand in Riissisch-Polcii weiter an Ilmfang gewonnen bat. So ist der Pillvertiirm in Warschau von den Aufstän­disch?' gesprengt worden. In der Stadt soll die Revolution auszebrcchcn sein.

in Frankreich.

Paris. 31. Juli. Die Blätter oeröffcntlichcn lange De- pcfchca. i bcr die augenblicklichen Zustände an der französischen Grenze, Danach herrscht in 3! an cp nach wie vor die größte Gcldkalamität. Die Bewobncr haben gestern in allen Nah- rungsn iitelgcschäftcn die umsangrcichstcn Einläufe gemacht, um sich? für längere Zeit mit Lebensmitteln zu versorgen.

E.n Grcn,--Zwischenfall ereignete sich gestern nachmittag tn der Ri he von Lunevi tlc Bei dem kleinen Dorse luns überschritten zwei Untercfsizicrc der leichten Kavallerie die frankstich: Grenze. Ein sranzösischer Zollbeamter machte sie etwa Km. von der Grenze entfeint, aus ihren Irrtum auf- meilia>n. den sic offenbar aus Lersehcn begangen hatten. Es cnlsti.nd ein lfeiner LJorlwcchsel. der schließlich damit endete, daß sie umlchrtcn und ans deutsches Gebiet zurückgingcn. Trotz­dem i ot die Tatsache unter der Bevölkerung eine gewisse Auf- rcgnu, hcrvcrgeriiscn. Di- Blätter warnen jedoch davor, die­len, Zwischenfall irgendwelche Bldcutung beizumessen. Man wies darauf hin, daß in enbetrach! des Umstandes, daß augcn- llicklich groß: Truppenbewegungen auf dculschcr und sranzösi- schcl Scilc begonnen haben, icin Anlaß zu weiterer Beunruhig­ung vorlieae.