Nummer 168
7. Jahrgang
Dienstag, den 81. Juli UH4.
Sic „llcuc <!,agr»!«it»ng" erscheint jeden Werktag. Regelmätzigc Beilagen „Der Sauer aus Helsen", „Die Spinnstube". Seiugspreia: Bei den Postanstaiten vreNcifahrllch Mk. IIL lei den Agenten monarlich SO Pig. hinzu tritt Postgebühr oder Irägerlohn. An'eigen i Grundzeile 20 Psg„ totale 15 Psg^ Anzeigen von auswärts werden durch Postnachnahrne erhoben __ErMungsor, Friedberg. Schriftleitung und Verlag Friedberg (Hessen), Hanauer trahe 12. Ferniprecher 48. Postschest.-Conlo Sir. 4859, Ami Franlsurt a. M.
Ueberftcht.
— Bei der Rcichstagsersatzwnhl im Wahlkreise Labiau- Wchlau wurden bei 20008 Wahlberechtigten 15 480 Stimmen abgegeben. Es erhielten Amtsrat Schrcwe-Kleinhof-Labiau deutsch-konservativ) 7522, Bürgermeister Wagner-Lobiau lsreisinnige Volkspartei) 6131, Parteisekretär Linde-Königs, brrg (Soz.) 2186 Stimmen. Eine Stimme war ungültig. Es findet somit Stichwahl zwischen Schrcwe und Wagner statt, die auf den 23. d. Mts. festgesetzt ist.
— Im neunten Wiener Bezirk (Doebling) kam es Schlägereien zwischen Tschechen, die an einem Gartenfeste tcilgenommen hatten, und Deutschen, die von einer Abgc- ordnctenversammlung kamen. Die sofort herbeigeeilten Schutzleute machten ihr aber durch energisches Einschreiten ein baldiges Ende.
— Ter Ehcf des österreichisch-ungarischen General, stabcs, Konrad v. Hohendorfs, ist von seinem Urlaub nach Wien zurückgekehrt. Auch der Kriegsminister Krobatin hat seinen Urlaub unterbrochen und ist zu einer Beratung in Wien kingetrosscn. Gras Bcrchtold begibt sich nach Ischl, wo ec heute vom Kaiser empfangen wird.
— Zwei maskierte Spitzbuben find in unglaublicher Frechheit von der Straße her zum hochgelegenen Stockwerke des Hotel Gineva in Mailand hinaufgeklcttert und durch das osfene Fenster ins Zimmer eines Geschästsrciscnden eingc- drungen. Sic überfielen den Schlafenden, verletzten, knebel- tcn ihn und raubten ihm 3000 Lire. Die Verbrecher entflohen, wie sie gekommen waren. Der Verletzte wurde ins Krankenhaus gebracht.
— Die Streikbewegung unter den Arbeitern in Peters- bürg nimmt immer mehr zu. Augenblicklich befinden sich 75 000 Arbeiter im Ausstand.
— In London verlautet mit aller Bestimmtheit, daß die englische Rrgierung den Ehef des russischen Generalstabcs aufgcsordert hat, an den großen Manövern des LandhccreS zwischen dem 14. und 18. September teilzunchmc».
— Die albanische Regierung hat bei einer Firma in Deutschland 5000 Gewehre und eine Million Patronen bestellt. Das Eintreffen der Sendung, die auf Durazzo und Valona verteilt werden soll, wird in den nächsten Tagen et- wartet.
— Bundcsfrciwillige, alles gediente Soldaten, find unter Führung des Hauptmanns Antansyc Giorgeseu und des Oberleutnants Demetrius Trucu in Kaposwar eingc- troffen, um über Fiume »ach Durazzo weiter zu reisen. Haiiptmann Giorges ist erkrankt und mußte ein Hospital aufsuchen.
— In Konstantinopel ging gestcrik ein furchtbares Nu- Wetter nieder, das großen Schaden anrichtcte. In Stambul ist eine Moschee durch Blitzschlag fast vollständig zerstört
worden. Die tclesonische Anlage der Pforte wurde stark beschädigt. Ein Mitglied der kaiserliche» Musikkapelle und eine Türkin wurden am Bosporus vom Blitze erschlagen. Vier andere Personen wurden schwer verletzt.
— Wie von den Kanarischen Inseln gemeldet wird, stürzte das Lastantomobil eines Grundbesitzers in den Ab- gruud. Sieben Personen wurden getötet, 12 lebensgefährlich und 10 schwer verletzt.
Die neue bulgarische Anleilje.
Ein Mahnwort an die deutschen Sparer.
Der Abschluß der bulgarischen Anleihe durch die Gruppe der Tisconto-Gesellschaft wird nunmehr offiziell gemeldet. 500 Millionen Franks sollen in den bulgarischen Staatsschitz flicßcu, und von dieser Summe soll weitaus der größte Teil von deutschen Sparern übernommen werden. Allerdings sollen 125 Millionen Franks zu Bestellungen an die deutsche Industrie Verlvcndung finden. Der Zinsfuß der Anleihe wird so berechnet, daß den Antcilnchmcrn eine Verzinsung von beinahe 5% Prozent gewährleistet wird.
Für die Banken, die die Anleihe übernehmen .respektive für die Jndustricgeselljchastcn, die Austräge aus der Anleihe .nhalten werden, bietet sich anscheinend ei» gutes Geschäft uit hohem Gewinn. Einzig und allein die Aktionäre der in Frage kommenden Gesellschaften haben darüber zu befinden, ob der in Aussicht stehende Gewinn groß genug ist, um das Risiko zu rechtfertigen, das mit der Gewährung der fraglichen Summen an die bulgarische Regierung verknüpft ist. So ichcint cs wenigstens. Tic Banken sind jcdock) nicht in der Lage, aus eigenen Mitteln die 500 Millionen der bulgarischen Regierung zur Dcrsiigung zu stellen, sondern sic sind daraus angewiesen, die Anleihe im Publiknn, »ntcrzubrüigcn, i:,d hier erheben sich schwere Bedenken, die die „Berliner Dörs.m- bolle" in treffenden Ausführungen, die in Interessenten- kreisen die weiteste Beachtung finden, wie folgt darl.-gt:
Zu einer Zeit, zu der die heimischen Anleihen einen Tiefstand erreicht haben, wie lange nicht zuvor, wo deutsckze 3s^prozcntige Reichsanleihen zwischen 86 und 87 Prozent schwanken, und die Banken in ihren Portefeuilles große Be-
stände an deutschen, vom Publikum noch nicht übernommenen Anleihen haben, zu einer Zeit, wo die Rcichsbank gebieterisch eine Verstärkung der Barreserven fordert, wird dem deutschen Sparer zugemutet, Geld in den Werten eines Staates anzu- legcn, der eben erst zwei Kriege übcrstandcn hat, die -h» finanziell völlig ausgczogen haben und ihm einen derartigen Verlust an arbeitsfähiger Bevölkerung brackste, da cs an Arbeitskräften mangelt. Die politischen Verhältnisse aus dem Balkan sind bisher ganz und gar nicht dazu äuget ,», deutsches Kapital in diese unwirtlichen Gegenden locken zu können. Es ist derartig viel Zündstoff auf dcni Balkan au- gchäuft, daß es nicht einmal des berühmten Funkens bedarf, um eine katastrophale neu Explosion herbcizusühren. Das schwierige Verhältnis zwischen Oesterreich-Ungarn und Serbien, der Helle Aufstand, der in allen Teilen Albaniens lodert, die fortgesetzten griechisch-türkischen Reibungen bei»- gen Bulgarien in eine Position, in der cs weit mehr in unproduktiven Ausgaben seine Kapitalien bezw. die Kapitalien, die ihm gutgläubige Westeuropäer zur Verfügung stellen, an- zulcgen bereit sein muß, als für produktive Zwecke. Bulgarien muß rüsten, rüsten, rüsten. Und ob cs auszuhalten, ist sehr fraglich. An die wirtschaftliche und kulturelle Er- schließung der im ersten Balkankrieg gewonnenen Gebiete, die eine Ausdehnung von 26 000 Ouadratkiloincter mit einer Bevölkerung von nahezu einer Millon besitzen, kann das Königreich heute noch gar nicht denken. Vor lauter Feinden umgeben, denn die Verbündeten des ersten Balnkan- krieges sind heute seine Todfeinde, muß Bulgarien alles auf- bietcn, um sich nicht militärisch von Serbien im Norden, von Griechenland im Süden, von der Türkei im Osten, erdrücken zu lassen. Zwischen Bulgarien und Türken einerseits, Bulgaren und Griechen andererseits, gibt es keinen Frieden, Für die Griechen ist der Bulgare ein Barbar ohne jede K»l- ftir, der keine Ethek, keine Moral kennt, und den zu vertilgen ein gottgefälliges Werk ist. Die Gefühle der Bulgaren den Griechen gegenüber sind nicht anderer Natur. Daß die Türkei nur darauf lauert, irgend eine Schwäche Bulgariens ouszunichen, um die verlorenen Gebiete wieder zu gewinnen, hat die Rückgewinnung Adrianopcls, dessen Wälle mit bulgarischem Blute gcdnügt sind, mehr als zur Genüge gezeigt.
Die bulgarischen Machthaber wissen genau, was ihnen von ihren Nachbarn blüht, und selbst heute, zu einer Zeit, wo die 500 Millionen erst winken, ist das erste, was Dul- garien a conto der zu erwartenden Millionen erwirbt, Waffen I 80 000 Mannlicher Gewehre mit den dazu gehörigen Munitionsvorräten sind tu den letzten Tagen von Ungarn aus nach Bulgarien verfrachtet worden.
Die Schulden, die Bulgarien bisher hat, kann man gleichfalls nicht unbeträchtlich nennen. Am 1. Januar 1911 betrug die schwebende Schuld Bulgariens 589 965, ,60 Mill. Franks, außerdem zahlt Bulgarien noch eine Summe von mehr als 26 Millonen Franks für Besetzung Ostrumeliens. Von den bulgarischen Anleihen werden in Berlin die sechs- prozentigen Hypothckenanleihe von 1892 teilweise gehandelt, während die fünsprozcntigc Anleihe von 1902 nur in Frankfurt a. M. zugclassen worden ist. Die fünsprozcntige An- leihe von 1904 ist in Deutschland überhaupt nicht aufgelegt worden, ebenso die 4>/5prozentigc Anleihe von 1907. Die öhßprozentige Anleihe von 1909 ist nur in Hamburg zugelassen. In Berlin wird ferner noch die Stadtanleihe von Sofia in Höhe von 28 350 000 cH gehandelt. Der deutsche Markt ist also mit den Anlcihepapiercn des Königreich)«:-; bereits hinreichend versorgt.
Daß es vom volkswirtschaftlichen Standpunkte einen g, oßen Vorteil bedeutet, Guthaben im Aiislandc zu unter- halten, ist iinbestreitbar, nur müssen sich diese Guthaben später nicht als Nonvaleurs ergeben. Frankreich gibt hierfür ein lehrreiches Beispiel. Nominell unterhält der französische Geldmarkt Milliarden von Guthaben in Südamerika. Diese Guthaben sind jedoch gerade in den letzten Jahren derartig entwertet worden, daß für den französischen Sparer, in dessen Händen sich die mit schönen Staatswappen geschmück- ten Anlcihcpapierc befinden, der Besitz dieser Anleihen ciam nicht viel größeren Wert repräsentiert, als das Papier, nuf dem sic gedruckt sind.
Auch die deutschen Sparer staben mit einer ganzen Reihe exotischen Anleihen, Portugiesen, Griechen, Mexikaner, e tutti auanti keine allzu großen Erfahrungen gemacht.
Das Piiblikum wird sich daher und mit Recht, die größte Zurückhaltung beim Erwerb der ncucn „Bulgaren" auser- legen niüssen.
pic Wahlen m
In einem Erlaß wird darauf hingcwicscn, daß die i.ach der Ncichsversichcrungsordnung erforderlichen Wahlen jäm!- sich bis zum Ende dieses Jahres durchzuführen sind, weil eine weitere Erstreckung der Auitsdauer der nichtständigen Mitglieder des Rcichsversick-crungzaintes und der Vertreter bei den anderen Ver!'-rx»->>»<isbchvrden über den 31. Tezembcr
1914 hinaus nicht mehr zulässig ist. Die zuständige Rcichs- bchörde hat für die Wahlen für die DersicheruiigsbehLrdcn und Bersicherungsträgcr folgende Grundsätze für die prrk- tische Regelung ausgestellt:
Damit die Wahlen zum Reichsversichcrungsamt rechtzeitig erledigt werden können, miisscn die Vcrsichertcnbeisitzer bei den Obcrverfichcrungsänitern und Arbcitgcberniitglie- der in den Ausschüssen der Versicherungsanstalten am 1. Oktober 1914 vorhanden sein. Das Rcichsv-.s - ungsamt luird durch seine Wahlordnung für die Wahlberechtigte» den Grundsatz der formellen Legitimation vorschrciben, sodaß sie sofort nach ihrer Wahl wahlberechtigt sind, auch wenn die Einspruchsfrist noch nicht abgelauscn oder die Wahl zwar an- gcfockitcn, aber noch nicht rechtskräftig für ungültig erklärt ist. Ta die Vcrsichcrtcnbcisitzcr bei den Obcrverla'-'ruazS- ümtcrn am 1. Oktober 1914 gewählt sein müssen, sind die Wahlen hierzu, soweit cS nicht schon geschehen ist, sofort veranlassen. Hierbei ist folgendes zu beachten: a) Wo die Wahlen zu den Versichcrungsämtcru bereits in der Hauptsache erledigt sind, können die Wahlen zu den Obervcrsiche- rungsämtern sofort stattfindcn, wenngleich die Vertreter von einzelnen wahlberechtigten Vcrsicherungsämtern noch nicht gewählt sind, b Wo die Wahlen zu besonders wichtigen Dersick)eriingsämtern noch ausstchcn, können aus der Zahl der Wählbaren Vertreter ernannt werde». In gleicher Weise ist zu verfahren bei den Wahlen zu den Ausschüssen de: Der- sichcrungsanstaltcn. Die Dcrsichcrtcnmitglicdcr im Ausschuß nehmen an weiteren Wahlen nicht teil, sollen aber zum 1. Oktober 1914 vorhanden sein. Dagegen wirken die Arbeitgebern, itglicdcr bei den Wahlen der nichtständigen Mit- glicder des Rcichsversichcrungsamts mit und müssen daher jedenfalls bis zum 1. Oktober 1915 gewählt sein. Nötigenfalls sind die Wahlen der Versicherten- und der Arbeitgeber- Mitglieder getrennt vorzunchmen. Die Wahlen zu beiden Organen der Krankenkasse müssen bereits jetzt bis ans wenige Ausnahmen überall erledigt und jedenfalls vor dem 31. Dezember völlig durchgcsllhrt sein. Wo der Vorstand der Krankenkasse noch nicht gewählt ist, finden die Wahlen zu den Vcrsicherungsänitern sofort statt, wenngleich die Vorstandsmitglieder einzelner wahlberechtigter Krankenkassen noch nicht gewählt sind. Wo die Vorstände von wichtigen Krankenkassen noch nicht gewählt sind, kann bei ncuerrich toten Ortskrankcnkassen nach der angeführten Bekannt, machung vom 11. Juli 1913 verfahren werden.
Tayesüverftcht.
Deutsches Ucich.
:: Der Erlaß gegen Soldatcnmißhandlungen. Die
durch die Presse gegangenen Mitteilungen, daß das Kriegs- Ministerium im Anschlüsse an den Rosa Luxemburg-Prozeß einen neuen Erlaß zur Bekämpfung der Soldatcnmißhandlungen herausgcgcben habe, entspricht in dieser Form nicht den Tatsachen. Das Kriegsministerium hat vielmehr, w:c das „Hirsch'sche Tclegraphen-Burcan" nach Erkundigungen an zuständiger Stelle erfährt, bereits am 28. Mai eine neue Verordnung gegen die Soldatenmißhandlnugcn ergehen lassen, in der pflichtgemäß daruf hiiigcwicseu wird, daß den Mißhandlungen mit aller Schärfe cntgcgcnzutrcten sei. Mit dem Rosa Luxembura-Prozeß hat dieser Erlaß nicht das Mindeste zu tun.
:: Schwere Ausschreitungen in Hamburg. In Haniburg und in Altona waren in der letzten Nacht schwere Ausschreitungen gegen Polizisten zu verzeichnen. In Eichholz sielen gegen 20 Personen über zwei Schutzleute her, die zwei Burschen wegen wüsten Treibens in einem Lokale verhaftet hatten. Tic Schutzleute zogen, als- man ihnen die Arrestanten cittrcifcu wollte, blank, wodurch cs zu einem schweren Zusammenstöße kam. Ein Schutzmann erhielt zwei Messerstich! in den Rücken, mehrere Rowdics erlitten Verletzungen. — In Altona in der Großen Freiheit kam es zu einem ähnliche» Zusammenstoß. Schutzleute wollten einen Erzedenten verhaften, als eine Reihe von Burschen über sic herfielen, sodaß die Beamten von der Waffe Gebrauch machen mußten. Es hatte sich eine ungeheure Menschcninenge angesannnelt, aus der gegen die Beamten mit Steinen geworfen wurde, sodaß diese mit blanker Waffe gegen die Menge vorgingcn, 19 Personen wurden verhaftet, sie werden sich wegen Landes- fricdcnSbrnch zu verantworten haben. Drei Schutzleute sind durch Steinwürfe verletzt worden. w
England.
:: 5er König als Berinittler. Die „Times" melden: Ein höchstbedeutsamer Echiitt zur Beilegung der inneren Krise ist geschehen: der König hat Einladungen zu einer Konferenz im Buckinphampalast ergehen lassen, an der die hauptsächlichst beteiligten Parteien, nämlich die Regierung, die Opposition, die Rationalisten und die Ulsterlenke durch je zwei Mitglieder vertreten sein sollen. Die Konferenz soll morgen stattsinden. Wie inan erfahrt, wird Premierminister Asquith heute im Unterhaus eine sörmlichc Mitteilung darüber machen. Die „Time? sägen hinzu, daß iolgcnde Herren an der Kanicienz teilnc'.- en


