Nr. 167
Erna und Ilse.
»stoman von D. Feußner.
. (Sortierung).
„Meine Wege waren nicht so sonnig als die Ihrigen", sagte er traurig, „sie führten inich wohl eine Strecke durch liebliche Gefilde und ich war glücklich — glücklich und sorgenfrei, wie die Jugend meistens ist. Doch schon zog die erste schwarze, unheilverkündende Wolke herauf — meine einzige Schwester, mein ein und alles, mein Abgott versank in der Todesnacht. Sie war eine holde Rose, welche kaum den Kelch Wr Sonne des jungfräulichen Lebens erschlossen hatte. Ein verfrühter Herbststurm entblätterte, knickte sie, und trauernd standen wir an der bekränzten Bahre. Weinend sahen wir sie in der Gruft versenken und hörten bebenden Herzens die Schollen niederfallen. Schon blühten Blumen auf ihrem Hügel, als mich zum zweitenmal ein Telegramm nach Hause rief, meine Brust aufs neue von einem glühenden Stachel durchbohrend. Sie können noch das fiifje Wort „Mutter" ^«brauchen, das des Kindes höchste Seligkeit in sich schließt. Ich konntk<8 auch- — wm — nach meiner Heimkehr, verhallte mein schmerzlicher Ruf an den Wänden des stillen Trauergemaches, sie, die geliebte Mutter deckte das Leichentuch! So stehe ich nun mit meinem Vater allein in der Welt und die Lieben, die Sie noch täglich umarmen dürfen, leben mir nur in der Erinnerung!"
Roderich schwieg. Seine Worte hatten auf Erna einen tiefen Eindruck gemacht und warmes Mitgefühl regte sich in ihrer zartbesaiteten Seele.
„Sie sind", sagte sie, „schon in der Schule der Trübsal gewesen.
Das Gespräch stockte, denn keines wußte dem anderen noch etwas zu sagen, bis Erna auf Karl deutend meinte: „Herr v. D. ist vom Spielen ermüdet, jetzt kommt die Reihe an Sie."
„Mein Klavierspiel ist ganz ungenügend", wehrte Roderich, „ein klein wenig besser bediene ich schon die Zither."
„Haben wir auch und sie können gleich eine Probe oblegen", sagte Erna und holte die hinter dem Klavier stehende Zither hervor.
„Ah, jetzt kommt gewiß meine Lieblingsouverture aus Dichter und Bauer!" rief Karl und verließ das Instrument.
«Höre» Sie die gerne?" wandte sich Roderich an Erna.
„Die Wünsche der Gäste gehen den meinigen vor, später werde ich Sie uni ein Liedchen bitten!"
„Mit dem größten Vergnügen werde ich jeden Ihrer Wünsche, falls es in meiner Macht liegt, erfüllen!"
Die Zither war gestimmt, und leicht flössen die Akkorde wie Silberwellen daraus hervor. Roderich spielte meisterhaft. Er leistete auf diesem Instrumente fast, was das Mädchen auf dem Klavier tat.
Roderich hatte schon verschiedene, für Zither besonders geeignete Stücke gespielt, als ihn Erna bat, das Lied „Winterstürme weichen dem Wonnmond" vorzutragen.
Und wieder meisterten kunstgeübte Finger die Saiten und mit wohlklingender Stimme sang er „Siegesmunds Liebeslied aus der Walküre." . fMl'
Die schwermütige Weise töar verklungen.
Alle hatten aufmerksam dem tief empfimdenen Spiet '"id Gesang gelauscht und der Kaufmann sagte: „Ich hörte taS Lied noch nie so schön vortragen, obwohl es mir Erna esi und auch recht nett singt."
„Rein, Herr Lange", sagte Roderich bescheiden, „mein ?piel und Gesang reichen — obwohl ich mich nicht unterschätze, und Ihrem Fräulein Tochter nicht schmeicheln möchte — noch lange nicht an ihre Kunst heran."
„Auch Sie schmeicheln?" sagte Erna enttäuscht.
„Ich sprach nur meine feste Ueberzeugung aus, es kann also von Schmeicheleien keine Rede sein; vielleicht ist aber mein Freund anderer Meinung als ich, denn er versteht, was Musik anbelangt, bedeutend mehr."
„Wiewohl ich mich nicht zum Kritiker cku'swerfen will", Erwiderte dieser, „so möchte ich doch kühn behaupten, daß das, was ich heute abend von Ihnen, Fräulein Erna, hören durste, kaum zu übertreffen ist."
Erna lachte laut auf. Es war das erstemal an diesem
Reu« Tageszeitung. Montag, den 20. Juli 1914
Abend, aber es klang nicht freudig, sondern schneidend. Sie lachte, weil, wie sie glaubte, wieder einige Phrasendrescher ihren Bekanntenkreis vergrößert hatten. Obgleich sie wirk- lich auf einer fast künstlerischen Höhe stand, war sie sich dessen doch nicht bewußt, sondern dachte immer bescheiden von sich.
Der Mann, welcher sie getadelt, hätte ihr mehr Interesse abgewonnen als der ihr schmeichelte, denn sie war nicht eitel, nicht stolz, nicht efekthaschend, und mußte doch jedesmal nach Beendigung ihres Spieles die hochtrabensten Redens- arten anhören.
„Tadel von Höherstehenden und Gebildeteren als man selbst, ehrt und nützt, aber das Lob aus dem Munde eines Schmeichlers, in deren Brust kein Kunstsinn und kein Kunstverständnis wohnt, höhnt und schädigt", so hatte sie einmal ihrem Vater gegenüber geäußert.
Von Roderich glaubte sie annehmen zu dürfen, daß dieser eine Ausnahme von den anderen mache, aber ihre Meinung ändert sich in dem Augenblick, als er sie über sich stellte (Fortsetzung folgt).
Ans aiker Welt.
Ans geschäftlicher Unerfahrenheit zum Raubmörder gc- worden. Vor dem hiesigen Schwurgericht hatte sich, wie bereits kurz telegraphisch gemeldet, der 37 Jahre alte Karl Fr. Grether wegen Raubmordes an der 57 Jahre alten Marie Barbara Sutter in Badenweiler zu verantworten. Er ist ein etwas beschränkter und weichmütiger Mensch, der aus vermögender Familie stammt und als das Nesthäkchen stark verzogen wurde. Er lernte schlecht in der Schule, war auch in der Lehre nicht besonders hervorragend, wurde aber immer von den Eltern unterstützt, wenn er seine auswärtigen Stellungen verließ und aus Heimweh nach Badenweiler zurück- krhrte. Kurz nachdem seine Mutter gestorben war, heiratete der Angeklagte und kaufte in Badenweiler ein Haus zum Preis von Mk. 15,000 mit Mk. 3000 Anzahlung, daß aber viel zu hoch bezahlt war. Er errichtete eine Metzgerei, die jedoch nicht florierte. Grether setzte viel Geld zu, da er weitgehenden Kredit gewähren mußte, und er setzte noch mehr Geld zu, als er neben dem Fleischerladen ein Delikatessen-Geschäft aufmachte. Im Jahre 1912 geriet er in Zahlungs- Schwierigkeiten, bald kam auch der Gerichtsvollzieher und der Angeklagte griff jetzt zu dem verzweifelten Mittel der Derhsel-Fälschung, um 100 Mark zu bekommen. Er hatte auf einen Wechsel, der mehrfrch prolongiert wurde, den Namen seines Bruders gesetzt. Schließlich — am 15. April 1914 — mußte diese Fälschung heraus kommen, da Grether kein Geld besaß. Wie der Angeklagte in der Verhandlung angab, hörte er in den kritischen Tagen, daß die Ww. Sutter, eine Schulkameradin seines Vaters, die schwerhörig und halb gelähmt war, viel Geld habe. Da ist er auf den Gedanken gekommen, sich für 1.40 Mk. ein winziges Terzerol und dazu 6 Patronen zu kaufen. Damit machte er sich auf den Weg zur Villa Sutter. Ein Fenster an der Villa ltand offen. Vor der Ausführung der Tat, so gibt der Angeklagte an, habe er zwei Stunden vor der Villa gestanden und mit sich selbst gekämpft." Bis mich die Macht überwunden hat." sagte er. Der Angeklagte kletterte dann durch das Fenster, spannte das Terzerol und schoß auf die Greisin, die durch den Lärm wach geworden war. Frau Sutter verschied nach kurzer Zeit. Der Angeklagte suchte kaltblütig das Geld zusammen, ging heim und legte sich schlafen. Am nächsten Tage löste er den gefälschten Wechsel ein, den er darauf verbrannte. Auf die Frage des Vorsitzenden, ob er seine scheußliche Tat bereue, gibt Grether unter lautem Schlucken bejahende Antwort. — Die Zeugen sagen fast übereinstimmend aus, der Angeklagte sei ein guter Familienvater, der mit zärtlicher Liebe an seinen drei Kindern hing, auch sei er nüchtern und sparsam aber in geschäftlichen Dingen so unerfahren und unbeholfen gewesen, daß der Vermögensverfall eintreten mußte. Das Urteil lautete, da die Geschworenen die Ueber- legung bei der Mordtat verneinten, auf lebenslängliches Zuchthaus und Aberkennung der bürgerlichen Ehrenrechte.
Sonderbare Fleischprcisrcduzicrung. Eine gute Nachhilfe zur Fleischpreisrcduzierung leistete sich am Samstag ein Bürger von Faulbach (Bayern). Früh 7 Uhr ließ er durch Orts- schclle bekannt geben, daß er frischgeschlachtetee Schweinefleisch
___ Seite 3,
zu 60 Pfg. verkaufe. Kaum eine Stunde später ertönte wieder die Ortsschelle. Jetzt ließen die Metzger bekannt machen, daß sie nun den Schweinefleischpreis von 70 auf 56 Pfg. erniedrigt hätten. (Und dabei verdienen die Metzger auch" noch genug).
Unwetter im Mittclrheingebict. Das im Mittelrhein» und angrenzenden Gebieten niedergegangene Unwetter hak große Verwüstungen angerichtet, besonders im Lohngebietz wo der wolkenbruchartige Regen den Fahrdamm verschüttete« so daß der Zugverkehr drei Stunden ruhen mußte. Auch das Paderborner Gebiet wurde durch Hagelschlag verwüstet« Bei Eitel wurde ein siebenjähriges Mädchen vom Blitz getötet.
Gedenktage.
20. Juli. 1812 Joh. Gildemeister, Orientalist, geb. — 1870 Professor A. o. Gräfe, Augenarzt, ff. — 1886 Gerh. v. Zetschwitz, Theologe, ß. — 1903 Papst Leo XIII. ff.
Kursbericht
vom 18. Juli 1914 der
Ulitteldentlchen Creditbank
Alttrnkapiial u. Reserven M. 70066 606 gegründet 1856.
Frantsurier Börse.
4% Reichsanleihe 99.70°/, 3‘A% „ 86.50 „
3% „ 76.25 „
3‘/i% Preutz. Consol» 86.50 3°/. „ „ 76.25 .
4% Hessen 97.60
3V.7. . „
37. 74.10 '
17,»7» Griechen v. 1890 56.20 17.7» Monopol-Ettech. 49.80 4>/,7. „ Silberrente 83.10
47» Ocsterr. Eoldrente 85.10 3 „ Portugiesen Sette! 63.60 „
3 „ „ .10 66.10 .
4‘/»7« Russen d. 1905 98.30 47» „ „ 1902 89.— „
4°/« Administr. Türken 74.90 „ 47» Türken von 1903 81.80 , Tlllkenlose M. 160.40 .
4°/» Ungar. Eoldrente 80.50 .
4 „ „ Kronenrente 78.10 „
37»7»Buen.,Air.Pr.Anl. 62.70 . 47,°/» Chinesen 90.60 „
47,7° Japaner 91.25 „
3°/» Silber-Mexikaner 48.30 47,7» Mex. Jrttg. Anl. 68.10 Berliner Handels Ant. 148.50 Darmstädt. Bank „ 113.75
Deutsche Bank „ 231.75 Deutsch-Asiatisch Bank 119.50
Türkenlose M. 160.25
Baltimore u. Ohio Akt. 84.75 ' Eanada Pacific Akt. 186.63 . PttnceHenttE.B. Akt. —.— Schantung E. B. Akt, 124.75 . Berliner Handels Ant. 147.— Deutsche Bank Akt. 231.25 „ Disk. Kommandit Ant. 181.25 „ Dresdener Bank Akt. 145.— Pet.Jnt.Handelsb.Akt. 172.— „ Rusi.Banks.a.Hand.A. 147.63 Allg.Elek.Gesellsch.Akt. 239.25
Berliner Börse.
Diskonto Komm. Ant. 181.—7, Dresdener Bank Akt. 145.30 „ Milteld. Erediib. Akt. 11510 .. Oesi. Erediianst. Akt. 185.75 BochumerEugstahl Buderus E.-W. Akt.
Deutsch Luxemburg Eschweiler Bergw.
Eeljenkirch. Bergw.
Harpener Bergbau Phönix Bergbau Laurahütte Griesheim Elektron Höchst. Farbwerke Holzoerkohlungs-Jnd. Rütgerswerke Chem. Fabr. Albert Allg. Elektr. Ges. Akt. 238.75 ; Deutsch-Uebersee E. E. 162.50 Schuck. Elektr. Ges. Akt. 138.50 , Siemens u. Halske 209.50 , Etcaua Romana 145.— Zellstoff Waldhof 166.50 , Hambg. Amt. Pakelf. 124.30 , Nordd. Lloyd Oesterr. Staatsbahn Lombarden
Baltimore u. Ohio Akt. Pttvatdiskont Tendenz: schwach.
217.— . 102.60 „
122.87
225.50 „ 176.70 „
172.87 „ 227.75 „ 142.— _ 237.— . 458.— „
272.50 „
188.20 . 393__..
106.37
142.62
16.63
84.63 , 2.19
Atchison Topeka Doll. Southern Pacific „ Chicago Nock Jsl. „ Miff.Kanstu.Tex.R. „ Union Pacific „ U.S.Eteel Common,,
Londoner Börse.
Deutsch-Luxemb.B.Akt. 122.75 . Dtjch-ilbersee E.E.Akt. 161.75 „ GelsenkirchenBgw.Akt. 177.— „ Harpener Bergbau Akt. —.— ^ Hohenlohewerke Akt. —.— „ Laurahütte Art. —.— „
Oberschlesier E. Akt. —.— „ Phönix Bergbau Akt. —.— Rombacher Hütte Akt. 148.75 „ Siemens u. Halske Akt. 209.50 „ Privatdiskont 2.25 „
sendenz: schwach.
100 .-
98.12
1.—
15D87
61.25
Die
Amalgamat. Copp. Doll. 71.— Chartered Company Lstr. 0.83
Eastrand Propttetary „ 1.87
Eoldfields „ 2.24
Rand Mines „ 6.04
De Beers Consolid. „ 16.37
%
Depositenkaste Friedberg
empfiehlt sich zur Vermittlung aller bank massigen Geschäfte.
An- und Verlaus von Wertpapieren an allen Börsen.
Errichtung laufender Rechnungen und prooisionssreier Scheck-Conti. Umwechslung von Coupons und Sorten.
Annahme von offenen und verschloffenen Depots.
Entgegennahme verzinslicher Spar-Einlagen.
Verantwortlich für den politischen Teil: Otto Hirsche!, Friedberg: für den lokalen und unterhaltenden Teil: Bernhard Lenz, Friedberg: für den Anzeigenteil: Karl Schmidt, Friedberg. Druck und Verlag der „Neuen Tages» zeitung", A.-G., Friedberg i. H.
Bekanntmachung.
Der diesjährige
Alsfelder Pferde- u. Fohlenmarkt
in Verbindung niit
Prämienmarkt
findet am Montag« den 27. Jul: 1014
i'nlt und wird von dem Landwittlchasiskammer-Ausschuß. dem r nntespserdezuchtoerein und der Stadt Alsseld gemeinsam veran staitet. An Prämien kommen insgesamt ca. 2290 Mark zur Bereitung. davon ca. 1400 Mark für Pferde und ca. 800 Mark für : lullen. Kühe, Schweine, Ziegen.
Beginn des Marktes: '/>8 Uhr vormittags. Beginn der Prämiierung: V,9 Uhr vormittags. Anmeldung von Stuten und st.-hlen habe:: unter Angabe von Raffe, Abitainmung. Alter, (..-schlecht und Farbe bis s p ätestc ns 19. Juli bei dem Land- : utschasislamme: Ausschuß in Gießen zu erfolgen.
In Verbindung mit dem Pferdemarkt findet ein
Ziegcnmarkt
statt. Mit dem Markte ist cine
Verlosung
von Fohlen, Zuchttieren, Maschinen und landw. Geräten etc. ver buuden. Der Loseoertrieb liegt in den Händen der Lotterie-Agentur Georg Kurtz jr. in Alsfeld.
Alsseld, den 1. Juli 1914.
Croßherzogliche Bürgermeisterei Alsseld.
St. Bölsino.
Kohlenkassenpreise
gleichzeitig Baroerkausspreise einschl. Verwaltungskosten und Wieggeld.
Somrnerpreis frei Keller
in Quantitäten über 20 Zentner:
Nutzkohlen M von besten Syndikatszechen
per Ztr. M 1,24
Stückkohlen von Zeche Schürbank „ „ „ 1,35
Anthrazitkohlen st „ „ „ 1,80
do. Zeche Langenbrahrn „ „ „ 1,90
Zcchcnkokö 20/40 mm von besten Syndikatszechen
per Ztr. Jl 1,38 do. 40/60 mm von besten Syndikatszechen
per Ztr. Jl 1,60
do. 30/50 u. 60/90 mm v. besten Syndikatszechen
per Ztr- Jl 1,50
Union-Briketts über 10 Zentner „ „ „ 0,90
Ab Lager adr.'hnfi ftrlirn sich obige streift 10 pfg. per Zentner billiger.
2n Quantitäten unter 20 Ztr. per Ztr. 10 Pfg. mehr.
WWllstsW Gustav Schwarz und Söhne
E. m. b. H.
Dr. Fleckenstein
verreist.
Vertretung haben giftigst übernommen:
Sanitätsrat Dr. Becker Dr. 0. H. Becker Dr. Zang.
J
Wohne von heute ab
Franz Nees. yksinsrkttr, Friedberg.
Eine Partie
Ferkel
hat abzugeben
Schneider.
ffir«iu!!r:5iniir!p!irc, SfrinSeuotirdtn.
UerKaufv
4—5 Ia. schwere Belgier
WtiHsttdk
David Krämer,
Kohlenhondiuug
Friedberg, Hanauerstr. 4.


