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den enschen. Das Ebenbild Gottes wurde durch die Sünde getrübt. Der Böse in Gestalt der Schlange, hatte sie- verführt. Das ganze Ilenschengeschlecht schien dem berderben geweiht, da verhieß die unendliche Liebe den, der der Schlange den Kopf zertreten und das verunstal— tete Ebenbild wiederherstellen sollte.„ls nun die Zeit erfüllet war, da sandte Gott seinen Sohn, geboren von einem Weibe.“ Wunderbare Tatsache.„Gott geoffenbart im Fleisch.“ Un- faßbar für den menschlichen berstand. „Der Glaube betet an und er ermißt, Daß Gottes Lieb unendlich ift.“
„Kommt her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid, ich will euch erquicken,“ das ist die Einladung des erschienenen Gottessohnes. Die nun kommen,„denen giebt er lacht, Gottes Kinder zu werden,“ die werden verklärt in sein Bild, bon einer Klarheit zu der andern. Ruf sie blickt Gottes Daterauge mit Wohlgefallen herab, weil sich in ihnen das Bild seines Sohnes wie— derspiegelt. f
Lieber Leser, wie steht es mit dir an diesem Weihnachtsfeste? Ruht Gottes Daterauge mit Wohlgefallen auf dir? Stimmst du aus einem Herzen voll frieden ein in die CLoblieder der Kinder Gottes zur Ehre Gottes, des himmlischen Daters? Gott walte es!
„Bitte, Vater, geh!“
Ein Arzt sitzt um Mitternacht schweigend an dem Krankenbette seiner einzigen, geliebten Tochter, ihre matte Hand in der seinen haltend, ihre heiße Stirn von Zeit zu Zeit kühlend, auf ihren Tod jeden Augenblick wartend. Da läutet die Haus— glocke. Ihr schriller Ton dringt bis ins Kranken— zimmer. Der Arzt geht der Haushälterin ent— gegen, sie fragend:„Was gibt es, Berta?“
„Es war ein Arbeiter da und bat, Sie möch— ten zu seiner Frau kommen, die auf dem Kranken— lager liegt. Ich habe ihn aber zu einem anderen Arzte geschickt, da Sie vom Sterbebette Ihres Kindes nicht weggehen könnten.“
Der Arzt erklärt sich einverstanden mit der gegebenen Antwort und eilt zu seiner kranken Tochter zurück, stützt den Kopf in die Hand und gedenkt vergangener Zeiten. Vor seine Augen tritt das Bild seiner teuren Gattin, an deren Seite ihm nur wenige Jahre glücklichen Beisammen— seins beschieden gewesen sind. Die Erinnerung an jene schmerzlichen Tage, an denen seine ihm so teure Lebensgefährtin gelitten hat und in die kühle Erde gebettet worden ist, wird in ihm wach— gerufen. Als teures Vermächtnis hat sie ihm das Kind zurückgelassen, jetzt wird ihm dasselbe auch entrissen. Es folgt seiner Mutter. Er kann seine Rührung nicht mehr unterdrücken, Tränen rollen über die Wangen des einsamen Mannes.
Totenstille herrscht im Zimmer, die nur ducch das leise Ticken der Wanduhr unterbrochen wird.
Da gibt die Hausglocke noch einmal den schrillen Ton von sich, so laut, daß die Kranke erwacht. Sie schaut den Vater liebevoll an und flüstert kaum hörbar:„Vater, geh, ein Kranker braucht dich!“
Währenddessen tritt die Haushälterin mit den Worten herein:„Es ist der Mann von vor— hin. Er kann keinen anderen Arzt bekommen. Die Frau ist Mutter von fünf Kindern und muß sterben, wenn nicht gleich Hilfe kommt!“
„Bitte, Vater, geh!“ flüsterte die Tochter noch einmal.
Derselbe küßt schweigend sein Kind, drückt ihm die Hand— und geht.
Als er wiederkommt, findet er seine Tochter tot. Sie wird als edles Saatkorn für die Ewig— keit dem Schoße der kühlen Erde anvertraut.
Tage bitteren Schmerzes folgen für den Vater. Er bricht zusammen, und nach wenigen Wochen wird er unter zahlreichem Gefolge zum stillen Friedhofe gebracht. Der Wohltaten, die er anderen erwiesen, und seines edeln Sinnes werden am Grab in rührender Weise gedacht, Verwandle und Bekannte werfen ihm noch drei Hände voll Erde in die Gruft, der Hügel wird aufgeworfen, und die Leidtragenden gehen heim.
Eine arme Frau mit blassen Wangen, ein kleines Kind auf dem Arme haltend, tritt noch mit fünf Kindern an den frischen Grabeshügel. Auf denselben legen die Kleinen Sträuße von einfachen Feldblumen, die Mutter aber blickt auf— wärts und verrichtet ein stilles Gebet.
„Sie haben den Herrn Doktor wohl auch ge— kannt?“ fragt der Kirchhofsinspektor.
Da huscht ein freudiger Schein über die sonst abgehärmten Züge der Frau, und dankbar erwidert sie:„Er hat diesen Kindern die Mutter gerettet!“
Mitfreude— Mitleid.
„Was ist leichter, sich freuen mit den Fröhlichen oder das Weinen mit den Weinenden?“ Diese Frage wurde kürzlich in einer kleinen Gesellschaft aufgeworfen.
Die anwesende Jugend war schnell fertig mit der Antwont:„Aber doch selbstverständlich, sich mitfreuen, da kann ja gar kein Zweifel sein!“ Die Aelteren im Kreise stimmten nicht gleich bei; einige Bedenken wurden laut, und als die Jugend sich entfernt hatte, nahm man die Frage nochmals auf. Zögernd ergriff ein nicht mehr junges Mädchen das Wort:„Ich weiß nicht, ob's anderen auch so ergeht, mir wurde das Mitfreuen schon recht schwer. Besonders einmal. Ich war mit einer Freundin so innig verbunden, alles teilten wir, jedes Erlebnis, jeden Gedanken. Wieviel Anregung und Freude kam durch sie in mein sonst so stilles, einförmiges Tagewerk! Da plötzlich wurde die Sache anders. Meine Freundin verlobte sich. Strahlend stellte sie mir den Bräutigam vor. Selbst— verständlich sollte und wollte ich mich mitfreuen, aber


