Ausgabe 
7.12.1913
 
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wenn ich nur nicht wieder in meine alte, böse Umgebung hineinmüßte. Aber die echte Fröm migkeit zeigt sich gerade in schweren Lagen. Wenn wir voll heiligen Geistes sind, dann hat die Sünde, die sich um uns herum breit macht, keinen Raum mehr in uns. Das war ein Siegesleben, mitten unter den Wüterichen voll Ruhe, voll Frieden zu bleiben. Wie war das möglich?Er schaute auf zum Himmel. Wenn er die zornigen Ge sichter angeblickt hätte, wäre ihm bange geworden. Er sah auf zu seinem Heiland, das stärkte ihm den Glauben in dieser schweren Lage. Liebe Seele, sieh nicht auf deine Sünden, auf deine Schwierigkeiten, auf die Sorgen, auf deine Um gebung, ja blick nicht um dich herum, sondern blicke gläubig auf zum Kreuze, wie die von den Schlangen gebissenen Israeliten aufschauten zur ehernen Schlange.

4.Sie hielten ihre Ohren zu. Ste⸗ phanus legt ein Zeugnis ab von dem, was er sah; er redet von Jesus. Die Feinde schreien, sie halten die Ohren zu. Wenn man den Men schen von allerlei Unsinn und Dummheit, ja Sünde erzählt, so finden sich viele willige Zuhörer. Die Musentempel der Welt sind fast immer voll. Von Jesus, von der wahren Weisheit wollen viele nichts hören; man findet verschlossene Ohren. Überhaupt sollten wir viel lieber von Jesus hören, als das in Wirklichkeit der Fall ist. Man findet nicht gerade Leute, die die Ohren zuhalten, aber hin und wieder solche mit geschlossenen Augen. Die Leute machten Lärm, als Stephanus von Jesus erzählte. Der Feind sucht uns immer zu zerstreuen, wenn Jesus mit uns reden will.

5.Sie steinigten Stephanus. Damit hatten sie wenig erreicht. Die Wahrheit des Evangeliums blieb; ihr böses Gewissen blieb auch. Lassen wir die Feinde toben. Sie richten nicht viel aus. Wir müssen uns nicht wundern, wenn es auch heute noch so viele Feinde des Kreuzes gibt. Das wird hier nie anders werden. Steine werden ja wenig aufgehoben, wenn auch hin und wieder einer durch das Fenster in die Versamm lung fliegt. Aber es gibt sonst viel Hohn und Spott in der Werkstatt, in der Kaserne, auf dem Büro, überhaupt sonst überall auszuhalten.Selig seid ihr, wenn euch die Menschen solches tun.

6. Siehst du auf dem Bilde im Hintergrund jenen Mann mit dem zornsprühenden Gesicht? Wer ist das? Er hebt zwar keine Steine auf; aber er hütet die Kleider, daß die Mordbuben ihr Werk besser tun können. Es gibt auch heute noch solchestillen, verborgenen Mithelfer, die oft schlimmer sind als die offenen Feinde. Es ist schrecklich mit zuhelsen, daß Seelen gemordet werden. Wie viele solcher verborgener Mörder unseres Volkes, unserer Jugend gibt es heute!

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7. Der Leib des Stephanus wird verwundet durch die Steine. Sein Blut färbt die Erde. Er leidet furchtbare Schmerzen; doch er ist getrost; seine Seele hat ja eine Heimat. Es ging ihm nicht wie jenem Mädchen, das dieses Frühjahr an der Schwindsucht starb. Der trauernden Mutter sagte sie, sie brauche nicht traurig zu sein, sie sterbe gerne. Als aber der Tod kam, waren ihre letzten Worte:Jetzt wohin? Ja, liebe Seele, wenn es wirklich zu Ende geht, wem willst du dann deine Seele geben. Was ist offen: der Himmel oder die Hölle? Stephanus sah im offenen Himmel Jesus; dahin ging auch seine Seele.

8. Die letzten Worte des Stephanus waren ein Gebet. Wie heißt es? Was hätten wohl viele von uns gebetet? Ich denke: Herr mach dem Leiden bald ein Ende, gib mir einen schnellen Tod. Nicht so Stephanus. Er denkt nicht an sich. Er verwendet die letzten Atemzüge, um für eine verlorene Welt einzustehen. Er kniete nieder unter den Steinwürfen; kniest du auch gerne nieder im stillen, sichern Kämmerlein.

Wer so stirbt, der stirbt wohl!

Hagmann.

Kostbare Zeit!

, sch befand mich einst, erzählt ein Richter, im Wartezimmer eines berühmten Arztes mit anderen Kranken und wartete, bis ich an die Reihe käme. Einer der Anwesenden, ein stattlicher, netter Mann, in mittlerem Alter, fing eine Unterredung mit mir an. Es ist geradezu lächerlich, daß ich hierhergekommen bin, sagte er.Es ist eine Kleinigkeit, die sich bald von selbst wieder geben wird. Aber meine Frau be⸗ stand darauf, ich sollte hergehen. Sie wissen, wie ängst lich Frauen sind. Es ist nichts, nur ein eigentümliches Gefühl an der Spitze meiner Sunge, eine Art Emp findungslosigkeit und Erstarrung. In diesem Augen blick wurde er in des Arztes Simmer gerufen. Die Konsultation dauerte lange. Endlich ging die Tür auf. Der Mann kam wieder heraus; er war bleich, sein Gesicht war mit Schweißtropfen bedeckt, als habe er einen tödlichen Schlag erhalten. Er blieb stehen und wandte sich noch einmal an den Arzt, indem er heiser fragte:Doktor, sind Sie Ihrer Sache gewißd Kann nichts geschehen keine Gperation kein ß Ich wüßte nicht, entgegnete in gedämpftem Tone der Arzt.Für Ihre Urankheit ist bis jetzt noch kein Mittel gefunden worden.Und wie lange p Es folgte ein Augenblick des Schweigens.Nicht mehr als zwei Monate. Setzen Sie sich! Ich will Ihnen Wasser bringen.Nein, nein? Er eilte hinweg, zur Tür, indem er murmelte:Ich habe keine Seit; ich habe foviel zu tun. Nur noch zwei Monate! Ich erfuhr später, daß er innerhalb der angegebenen Seit gestorben sei. Aber ich habe immer an die wahnsin · nige Nast gedacht, mit welcher er in diesen zwei Mo- naten gearbeitet haben mag, um alles, was in der Welt zu tun hatte, zu vollbringen, um freundliche Worte zu reden, um denen zu helfen, die seiner Hilfe