Ausgabe 
16.11.1913
 
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Der Löwe ist los! Ist dieser Ausdruck nicht gleichsam die Zusammenfassung des 12. Verses vom 12. Kapitel der Offenbarung Johannes, wenn es dort heißt:Wehe denen, die auf Erden wohnen und auf dem Meer! Denn der Teufel kommt zu euch hinab, und hat einen großen Zorn und weiß, daß er wenig Zeit hat. Das ist die Charakteristik unsrer Zeit. Überall sieht man die Schrecken der Sünde, wie z. B. durch die Trunksucht die Seelen Tausender zerrissen werden. Der wackre Mann wähnte sich so sicher. Da dauerte es nicht lange, er geriet in die Klauen des zerstörenden Alkoholismus und mit ihm seine ganze Familie. Das arme Weib und die halb verhungerten Kindern bekommen es täg lich zu erfahren:Der Löwe ist los! So wird der Mensch in den Klauen des Teufels zu einer Bestie, indem er im Rausch alles zerreißen möchte, was sich ihm in den Weg stellt. Er ge hört zu denen, die sich regelmäßig am Stamm tisch zusammen finden. Und wenn sie das ge nügende Quantum Alkohol zu sich genommen haben, stürzen sie wie wilde Tiere auf die Straße, daß einem unwillkürlich dieser Ausruf in den Sinn kommt:Die Löwen sind los!

Die Tiergesinnung äußert sich aber in ganz verschiedener Art. Wenn sie bei dem einen mehr offenkundig ist, so kann sie bei dem andern ver borgen sein. David bringt sie einmal im Bilde der Krankheit:Die Pestilenz, die im Finstern schleicht, die Seuche, die im Mittag verderbet. Wer weiß nicht etwas von der schauerlichen Seuche, die an dem Lebensmarke junger Leute zehrt, diese unreine Gesinnung, die den in Ge sundheit strotzenden Jüngling zu einer Ruine macht. Er wird damit, wie der Prophet einmal sagt, zurkahlen Stange auf einem hohen Berge ein Warnzeichen für andre, damit sie sich auch nicht von dieser unreinen Tiergesinnung, die das Edelste im Menschen vernichtet, ergreifen lassen.

Aber zu den schlimmsten gehört wohl die Tiergesinnung, die nach außen hin das Schafs kleid äußerlicher Harmlosigkeit und Frömmigkeit trägt, aber inwendig ein zerreißender Wolf ist, erfülltvoll Raubes und Fraßes. Wer kann ermessen, wieviel Schaden diese gefährliche Tier gesinnung schon gebracht hat. Wie manch ein Aufrichtiger und Nichtsahnender ist schon ein Opfer dieser heuchlerischen Gesinnung geworden! Die offenbaren Sünden werden wohl noch von vielen gemieden, aber hierin liegt wohl die größte Verführungsmacht des Bösen, weil die Schein frömmigkeit nicht von jedermann sogleich erkannt wird. Ueber diese Artsprach Jesus das achtfache Wehe aus:Wehe euch Schriftgelehrten und Phari säern, ihr Heuchler. Dies war die eine Art, wofür Jesus keine Entschuldigung mehr fand;

denn das war die allergefährlichste Tiergesinnunt Darum seid nüchtern und wachet, denn 5 Widersacher, der Teufel, gehet umher wie ein brüllender Löwe und sucht, welchen er verschlinge; dem widerstehet fest im Glauben. 1. Petri 3, 8.

Rappe. g

Der verrückte Bauer.

Als der am 12. Juli 1806 geborene und am 25. Juli 1878 verstorbene Pastor Unak als junger Geistlicher nach Wusterwitz in Pommern kam, entstand bald eine Bewegung unter den schläfrigen Christen. Besonders ärgerte sich der Bauer und Kirchenvorsteher Kunkel über den neuen Pastor. Er, der allgemein geachtete, brave Mann, der sich noch nie etwas zuschulden kommen ließ, sollte sich auf einmal als armer Sümder von der Kanzel herab anreden lassen. Nein, das ging unmöglich, und zu Jesu sollte man plötzlich beten? Welche unpassende Neuerung, damit nahm man ja Gott alle Ehre. Schließlich blieb Kunkel ganz aus den Gottesdiensten fort, während seine Frau fleißig die Versammlungen besuchte.

Herr Pastor, mein Mann kann den Namen Jesu nicht hören, dann wird er fuchswild, vertraute Frau Kunkel eines Tages dem Pastor Knak an.Jesu Namen nicht hören! Vun, dann soll er doch mal kommen, daß wir uns darüber aussprechen, sagte der Pastor.

Kunkel kam, aber er hatte sich vorher innerlich gut gewappnet.Mag er mir noch eine so lange Strafpredigt halten, ich beuge mich nicht, dachte er grimmig. Kaum aber hatte er das Simmer betreten, da kommt ihm auch schon der Pastor entgegen, um armt ihn, nennt ihn seinen lieben Bruder und bietet ihm einen Sitz an. Ganz atemlos vor Ueberraschung läßt der Bauer alles über sich ergehen.

Und nun, mein lieber Freund, wie steht es mit Ihrer Seele d

Ich glaube doch so gelebt zu haben, daß ich einst in den Himmel komme.

So, wissen Sie das ganz gewiß? Die Sache ist doch zu wichtig, als daß man sich dabei auf eigenes Meinen verlassen könnte. Wir wollen doch einmal erst unsere Bibel fragen. Gottes Wort allein ist un trüglich. 5

Unak geht die zehn Gebote mit Kunkel durch, aber während er noch redet, fällt der selbstgerechte Bauer auf die Unie und ruft:Herr Pastor, halten Sie ein, ich bin ein großer Sünder.

Da das Gesetz seine Arbeit getan, ließ Knak das Evangelium folgen. Es war schließlich eine köstliche Stunde für beide Männer, und der Herr gab Gnade, daß dem Bauer Kunkel von dem Tage an nichts süßer und köstlicher wurde als der teure Jesusname, in dem er auf so wunderbare Weise Frieden gefunden.

Bald ging es wie ein Cauffeuer durchs Dorf, Kunkel ist verrückt geworden! Aber das focht den sonst um seine Ehre so besorgten Mann gar nicht an. Er riß vor allen weltlichen Veranstaltungen und Fest lichkeiten aus, wie er selber sagte und lebte bis an seinen Heimgang in inniger Gemeinschaft mit seinem Herrn und Heiland. 3

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