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Gemeinschaftsblatt für Hessen.
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Dieses Blatt erscheint wöchentlich einmal.
Sonntag, den 16. November 1913.
6. Jahrg.
Nr. 46. S..
Die Löwenjagd in Leipzig.
In der Berliner Straße fuhr Sonntagabend gegen 12 Uhr ein Transportwagen mit Bären auf einen Löwenkäfigwagen des Zirkus Barnum auf. Dabei gelang es einem Löwen, durch die Hinterwand seines Wagens zu entkommen. Er sprang auf die vor den nachfolgenden Tigerwagen gespannten Pferde. Zwei andere Löwen folgten ihm und gingen ebenfalls den Pferden zu Leibe, so daß drei Tiere auf einem Pferde zu gleicher Zeit saßen. Die Pferde wurden natürlich scheu, schüt⸗ telten aber die Raubtiere ab. Diese ließen sich jedoch so schnell nicht abweisen und fielen die Pferde immer wieder von neuem an. Der her⸗ beigeeilte Schutzmann Weigel feuerte in diesem Augenblicke seine sechs im Revolver befindlichen Schüsse aus allernächster Nähe gegen die Tiere ab. Sämtliche Kugeln trafen auch. Inzwischen entsprangen noch weitere Löwen aus dem Käfig— wagen. Die herbeigerufene Mannschaft der 8. Polizeiwache machte sich jetzt an die Verfolgung und Unschädlichmachung der Bestien. Die Schutz— leute erschossen dabei fünf Löwen mit dem Dienst— revolver in der Berliner Straße. Ein Löwe war inzwischen in ein Schaufenster der Blücherstraße und von dort in das Hotel Blücher geflüchtel, wo er durch eine runde Scheibe hin durchsprang und schließlich an einer Tür kratzte. Ein Hotelgast öffnete die Tür, schloß sie aber schleunigst wieder, als er ein Tier vor sich sah, das er in der Dämmerung für ein Kalb hielt und das er in sein Schlafzimmer einzulassen kein Bedürfnis fühlte. Schutzleute trieben das Tier nach langem Mühen so in die Enge, daß es auf einem Abort unter dem Dache eingefangen werden konnte. Ein anderer Löwe wurde ebenfalls von Schutzleuten in einen Hof hineingetrieben und dort späler ge⸗ fangen. Einer der entsprungenen Löwen hatte mittlerweile seinen Weg nach dem Hauptbahnhofe
zu genommen. Die aufgebotene Schutzmannschaft,
die im dichtesten Nebel 165 Schüsse auf ihn ab⸗
feuerte, machte ihm auf den Bahngleisen früh in der 5. Stunde den Garaus. Die toten Tiere wurden später nach der 8. Polizeiwache gebracht und dort photographiert. Menschen sind glück— licherweise bei der aufregenden Jagd nicht zu Schaden gekommen. Die Schutzmannschaft, ins⸗ besondere die Beamten der 8. Polizeiwache, haben mit Energie und Mut größeres Unglück verhütet.
Einer der Löwen wurde in der Berliner Straße in dem Augenblick erlegt, als er aus dem Innern eines Automobilomnibusses durch die Scheiben auf die Straße sprang. Ueber den ganzen Vorfall erzählt uns ein Augenzeuge, der in recht nahe Berührung mit der Bestie gekommen ist, folgendes: Ich kam mit der Straßenbahn an die Ecke der Blücher- und Berliner Straße. Als ich den Straßenbahnwagen verlassen hatte und in einen dort stehenden Automobilomnibus ge— stiegen war, sprang auch ein weiblicher Löwe in den unten sonst leeren Wagen. Mit großem Schreck bemerkte ich vor mir den Löwen. Mein Geschrei verscheuchte das Tier offenbar. Es machte einen gewaltigen Satz und sprang durch die Scheiben des Omnibusses auf den Führersitz. Dort wurde das Tier im selben Angenblicke von einem Schutzmann niedergestreckt.
Die Pferde, welche von den Löwen angefallen wurden, stehen schwer verletzt in der Veterinär- Klinik. Eins der Tiere wird wahrscheinlich ein— gehen.
„Die Löwen sind los!“
Ruft dieser Ausspruch nicht panischen Schrecken hervor, wo man nichts ahnte und sich so sicher fühlte! Ein jeder sucht beim Ertönen dieses Schreckensrufes so schnell als möglich in Sicher— heit zu kommen, um nicht im nächsten Augenblick zerrissen zu werden. Im Käfig läßt man sich den Löwen gefallen, aber auf der Straße, im Hotel oder im Automobilomnibus ist er doch ein unwillkommener Gast, ein König der Schrecken.


