Ausgabe 
19.10.1913
 
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Der nüchste Zug.

Ein Eisenbahnzug brauste daher; da stieß er an eine gebrochene Schiene, und der Zugführer merkte an der heftigen Erschütterung, daß ein Wagen entgleist sein müsse. Er sprang zur Bremse, doch es war vergeblich. Der Zusammenstoß fand statt, und bald zog man den verstümmelten Körper des armen Zugführers unter den Trümmern hervor. Noch atmete er, und mit Mühe brachte er die Worte hervor:Die Signale heraus für den nächsten Zug! Starkes, treues Herz! Hinter ihm irgendwo auf den nämlichen Schienen war ein andrer Zug, das wußte er, der kam näher und immer näher heran, und er mit seinen zer trümmerten Wagen war da als Hindernis auf den Schienen.Es ist Gefahr da; der nächste Zug kommt! Das war des sterbenden Führers Befehl.

Der nächste Zug, der nächste Zug, so sage ich mir selbst, das ist das heranwachsende Geschlecht, das sind die Knaben und Mädchen, die so schnell uns nachwachsen. Sind wir etwa ein Hindernis auf ihrer Bahn? Sehen sie an uns etwas, da ran sie sich stoßen und das die Ursache ihres Falles werden könnte? Väter, Mütter, habt ihr irgend eine Gewohnheit, eine Schwachheit, die ihr euch vielleicht mit unsicherem Gewissen erlaubt und doch wünschen möchtet, daß eure Kinder da von frei blieben, weil ihr wißt, daß sie gefährlich sein könnte? O seid euren Kindern kein Hinder nis! Gebt acht auf Wort und Tat und Blick und Haltung um ihretwillen! Der nächste Zug kommt eilend heran; sorgt dafür, daß ihr ihm nicht im Wege steht.

Mein Leind.

Ein Neger in Westindien hatte sich durch sein christliches Betragen das Zutrauen seines Herrn erworben. Als dieser einst neue Sklaven brauchte, ließ er er sich durch die eindringlichen Bitten jenes Negers bewegen, einen alten, abgelebten Mann mit zu kaufen. Nicht lange nachher wurde der arme, alte Mann krank. Mit unermüdlicher Sorg falt und zarter Liebe pflegte ihn der fromme Neger.Was hast du mit dem alten Manne? fragte ihn sein Herr;du bist so zärtlich für ihn besorgt; ist er vielleicht dein Vater?Nein, Massa(d. h Herr), sagte der Sklave,er ist nicht mein Vater.Oder einer deiner Vewandten? Nein, Massa, er ist kein Verwandter von mir. Ist er dein Freund?Er ist mein Feind, Massa; dieser Mann hat mich von meinem Vater und von meiner Mutter weggerissen und in die Skla verei verkauft. Aber in dem Worte Gottes habe ich gelesen:So deinen Feind hungert, so speise ihn; dürstet ihn, so tränke ihn..

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vas Bind in Wittshaust.

NA einem Nachmittag im Monat Juni 860 trat eine

tiefbetrübte Frau, begleltet von einem Vind, in eine

Schenke in der Stadt N. Sie ging zum Wirt, welcher

hinter dem Schenktische stand und sagte:Nerr, können Sie mir helfen? Ich habe keine Wohnung, keine Freunde und bin nicht im Stande zu arbeiten.

Mit neugierigen Blicken sah er sie und das Kind

an und wunderte sich, eine Frau in einer Schenke betteln zu sehen; doch ohne weiter zu fragen, gab er ihr etwas Geld; dann wandte er sich an die Gäste und sagte: Meine Herren, hier ist eine Frau in Vot, können nicht einige von Ihnen ihr ein wenig beistehen d Alle waren freudig dazu bereit, und in wenigen Augenblicken waren zwei Dollar zusammengebracht.

Madam, sagte der Mann, der ihr das Geld gab:Warum kommen Sie in eine Schenke d Ist dieses nicht ein eigentümlicher Ort für Frauen, und was führt Sie zu solchem Schritt p

Verr, ich weiß, dieses ist kein Platz für mich. Sie fragen nach der Ursache zu diesem Schritt? Ich kann Ihnen dieselbe in wenigen Worten sagen. Sie zeigte mit dem Finger nach einer Flasche hinter der Tür, worauf das WortBranntwein stand.Dieses ist es, was mich hierher trieb Branntwein. Es gab eine Seit, da ich im Wohlstande, umgeben von Freuden und angelächelt von einem milden und zufriedenen Mann, lebte. Aber die Versuchung trat an ihn heran, und er hatte keine Kraft, derselben zu widerstehen; er fiel und ergab sich dem Trunke. In einer kurzen Seit war mein Glückstraum vorbei, und bald war alles, alles verloren, und dieses alles durch den Branntwein. Sie sehen jetzt nur noch einen Schatten meiner ehemaligen Gestalt. Heimat- und mittellos ließ er mich in dieser Welt. Ich besitze nichts als dieses Kind! Sie weinte bitterlich und brach fast zusammen, indem sie auf ihr Kind blickte. Doch sie faßte sich wieder, wandte sich an den Wirt und suhr fort:Herr, die Ursache, daß ich in solche Häuser gehe, ist, solchen, die dieses Gift verkaufen, zu sagen, daß sie ihr Geschäft aufgeben sollen, weil es Familien ruiniert und Menschen für Seit und Ewigkeit ins Unglück stürzt. O, denken Sie einen Augenblick an Ihre Lieben, und dann betrachten Sie den Sustand, darinnen ich mich befinde! Können Sie noch ein Glas von diesem Gift verkaufen d O, ich bitte Sie, um der Menschen und um des Himmels willen, halten Sie ein mit diesem Geschäft, welches Leib und Seele ruiniert. Hören Sie auf! Hören Sie auf, dieses Geschäft zu betreiben! Ach, bedenken Sie, daß das Geld, welches Sie über diesem Tisch nehmen, das ist, welches den Familien das Brod vom Munde nimmt, die Kleider vom Leibe reißt, und den Frieden stört! O, mein Herr, ich bitte Sie, geben Sie dieses Geschäft auf und fangen Sie etwas an, was Sie und ihre Mitmenschen glücklich machen kann. Sie werden entschuldigen, daß ich so frei und ohne Rückhalt gesprochen habe, das Elend, das Unglück, das mich betrifft, treibt mich dazu.

Madam, ich bin nicht ungehalten über Sie, ant wortete der Wirt mit einer schwankenden und zitternden Stimme,ich danke Ihnen von ganzem Herzen für das Gesagte.

Mama, sagte das Kind, welches während der

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