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Hemeinschaftsblatt für Hessen.

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Dieses Blatt erscheint wöchentlich einmal.

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Sonntag, den 19.

Oktober 1913. 6. Jahrg.

Das Gebet und der modern: Mensch.

Ich will dich kennen, Unbekannter,

Du, tief in meine Seele Greifender,

Mein Leben wie ein Sturm Durchschweifender,

Du Unfaßbarer, mir Verwandter,

Ich will dich kennen, selbst dir dienen.

Fr. Nietzsche. Haben nicht von jeher auch denkende, ernste

Männer der Arbeit sich nicht geschämt, ihr Lebens- werk betend zu tun und vor jeder Aufgabe, die eine ganze, männliche Kraft forderte, sich kindlich und glaubensvoll zu beugen vor dem Gott, der von jeher dem Demütigen Gnade gegeben hat? So ein Luther, der bekannte, daß er bei doppelter Arbeit auch doppelt so viel Zeit auf das Gebet verwende, weil er nur auf diese Weife fertig werde. So ein Gustav Adolf, dem man doch gewiß auch keinen weibischen Charakter vorwerfen kann, und der doch das Beten ebensogut verstand wie die Heeresorganisation und das Führen der Klinge. Da sehen wir diesen nordischen Löwen, wie er vor der Schlacht sich im Angesicht seines ganzen Heeres in den Staub wirft und bekennt: Mit unserer Macht ist nichts getan! Schon blitzen die Kanonen der Kaiserlichen, aber in des frommen Helden Auge blitzt auch ein Feuer und entzündet sein ganzes Heer. Ein betender Naturforscher war Isaak Newton, dieser Geistesriese, dessen scharfsinnige Denkprodukte dem ganzen damaligen Stand der Naturwissenschaft eine neue Richtung gaben. Der vortreffliche Minister von Pfeil, der in Diensten Friedrich des Großen stand, hatte jeden Morgen seine bestimmte Gebetszeit, während welcher ihn niemand stören durfte. Einst kam der König selbst um diese Stunde und nahm aus dem Munde des Dieners die Erklärung entgegen, daß sein Herr während des Gebetes nicht gestört werden durfte.Gut, sagte der König,ich werde warten! Als von Pfeil später erschien, sagte er zu dem siegreichen Monarchen:Geruhen

Ew. Majestät, mich zu entschuldigen, ich hatte soeben eine Unterredung mit dem König aller Könige. Und der König, welcher wohl wußte, daß dieser betende Minister sein klügster Ratgeber war, entschuldigte ihn gerne. Große Arzte, wie Pasteur in Paris u. a., haben sich nicht geschämt zu beten. Warum sollte nun der moderne Mensch sich einer Sache schämen, die nicht nur eine Sache der Erbauung, sondern auch der praktischen Ver⸗ nunft ist, die der irdischen Lebensarbeit einen Adel aufprägt und sie besser und vollkommener macht? Es ist und bleibt also eine geschichtliche Tatsache, daß Beten und praktisches Handeln sich wohl ver trägt miteinander. Desgleichen schließt scharfes Denken das Gebet nicht aus, wie manche bedeut same Aussprüche solcher Männer beweisen, denen man Dummheit nicht ohne weiters zum Vorwurf machen kann.

So muß selbst Goethe bekennen, wenn sein Leben auch mit diesem Bekenntnis nicht in Über einstimmung zu bringen ist:

So wie der Weihrauch einer Kohle Leben erfrischt, so erfrischt das Gebet die Hoffnungen des Herzens.

Sodann Schiller:

Aus dem Gebet erwächst des Geistes Sieg.

Endlich Professor Fechner: ü

Nimm das Gebet aus der Welt, und es ist, als hättest du das Band der Menschheit mit Gott zerrissen, die Zunge des Kindes gegenüber dem Vater stumm gemacht.

Ich führe diese Zitate hier an, weil ich weiß, wie gerade im modernen Geisteskampf immer wieder der Versuch gemacht wird, nachzuweisen, daß ein Mensch mit gesundem Verstande unmög lich beten könne. Auch das ist also eine geschicht liche Tatsache, daß es durch alle Jahrhunderte hindurch Menschen mit glänzenden Geistesgaben gegeben hat, die einfältiges Beten mit logischer Denksicherheit wohl zu verbinden wußten.

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