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Unser Gewissen.
Wie genau und wie scharf nimmt unser Ge⸗ wissen es mit unseren Vergehungen. Es rügt schon das kleinste Unrecht, das wir sonst kaum beachten. In Hamburg war 1897 eine Gartenbau-Ausstellung. Zu ihr werden auch Dauerkarten ausgegeben, die aber nur den Inhaber zum steten, freien Eintritt berechtigen. Nach Schluß der Ausstellung, An— fang Oktober, erhält der Vorstand durch die Post 5 Mark mit der Bemerkung, dies sei wohl der Schade, den der Absender dadurch verursacht habe, daß er seine persönliche Dauerkarte dreimal einem andern zum Eintritt gegeben habe. Er schicke dieses Geld, um das Unrecht von seinem Gewissen los zu werden.
Im Juni 1904 erhält die Eisenbahndirektion in Frankfurt a. M. mit der Post 5,50 Mark von einer Mutter, die ihre Tochter fälschlich noch für eine Kinder-Fahrkarte auf der Bahn mitgenommen habe.„Mein Gewissen ist dadurch belastet und läßt mir keine Ruhe, bis meine Schuld getilgt
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Am 7. April 1911 teilt der Oberbürger— meister Röer in Neumünster den städtischen Kol- legien mit, daß ein Bürger ihm 25 000 Mark überreicht habe, von einem andern Bürger, welcher glaube, daß er in den letzten Jahren zu wenig
städtische Steuern bezahlt habe. Dieses sei vielleicht.
der Gesamtbetrag der Rückstände, die er dringend bäte, ohne weiteres anzunehmen, da die Sache ihm keine Ruhe im Gewissen lasse.
Dieses sind nur einige Beweise, daß das Ge— wissen als das Göttliche in uns selbst das ge— ringste Unrecht straft, das von Menschen m oft kaum gerechnet wird.
Der Bäckergeselle Sch. aus Köln erschlägt auf der Wanderschaft im Mai 1882 zwischen Bochum und Steele einen armen Leinenhändler aus Westfalen und plündert ihn aus. Er nimmt ihm Uhr und Kette, seine Börse mit 120 Mark, sowie 3 Stücke Leinen. Sofort nach der Tat er⸗ hebt sich auch bei ihm das Gewissen und hält ihm vor:„Was hast du getan?“ Unstät treibt es ihn vorwärts. Von Westfalen kommt er nach Han— nover. Völlig ermattet geht er in die Herberge. Hier bestellt er sich Butterbrot. Während dasselbe draußen bereitet wird, nimmt Sch. die Zeitung und liest seinen eigenen Steckbrief. Sofort springt er auf und verläßt das Haus, ehe der Wirt mit dem Butterbrot widerkehrt und Sch. seinen quä— lenden Hunger gestillt hat. Dazu läßt er sich gar keine Zeit. Die Höllensurien sind auf seinen Fersen. Er rennt aus der Stadt, aus der Pro— vinz in ein anderes deutsches Land, nach Thü⸗ ringen. Doch hier in Thüringen kann er nicht mehr. Er ist äußerlich erschöpft und innerlich zerschlagen. In Gotha stellt er sich sreiwillig dem
Gerichte und bekennt seine Schuld, koste es auch, was es wolle, ja koste es ihn auch sein eigenes Leben. Er muß und will seine Schuld büßen: der allheilige Gott zwingt ihn in seinem Gewissen.
Hier tritt es uns entgegen, daß Gott in unserm Gewissen für eine Schuld eine entsprechende Sühne fordert. Und wir finden diese Bezahlung, diese Sühne einer Schuld so gerecht und billig, daß wir solche Sühne, solche Strafe selbst unter Opfern, unter Darangabe sogar unseres Lebens leisten. Ja, wir kommen nicht eher zur Ruhe, als bis wir diese Strafe erlitten haben. Wenn wir so unsere Sünde vor Gott sühnen müssen und wollen, sollte dann nicht auch der Herr Jesus Christus als der sündlose Sohn Gottes eine Sühne für die Sünde der ganzen Welt haben darbringen müssen? Muß nach der Erfahrung unseres eigenen Gewissens die große Gnadenver— kündigung des Evangeliums nicht heilige Gottes- wahrheit sein, daß der Herr Jesus Christus mit seinem ganzen unschuldigen Leben, Leiden und Sterben ein vollgültiges Schuldopfer für die ganze Menschheit zu aller Zeit dargebracht hat, also daß nur alle diejenigen armen Sünder, welche auf den Herrn Jesum Christum und sein heilig teures Blut vor dem allwissenden und allheiligen Gott ihre Zuversicht setzen, von Gott durch Jesum Christum Vergebung der Sünden, Leben und Seligkeit empfangen?
Aus einer Lebensgeschicht'.
„Gehet aus von ihnen und sondert euch ab So hat der königliche Befehl geheißen, so weit wir uns erinnern können, für fünf Generationen in unserer Familie. Dieser Befehl ergeht wirklich von dem HErrn an jede Seele, welche ein Ihm geweihtes Leben führen möchte. Aber es ist ein sonderbar Ding, wie wenig konsequent die Leute find. Sie möchten ihre Ewigkeit mit Gott zu⸗ bringen, sie möchten in den Himmel kommen und „droben“ ihren Platz bei dem Throne Gottes ein- nehmen, und doch verstehen sie nicht, daß, wenn sie das möchten, sie doch auch folgerichtigerweise hier auf Erden sich auf die Seite Gottes und Seines Reiches, Seines Volkes und Seines Kreuzes stellen müssen. Diese Absonderung bedeutet immer einen Kampf für jede Seele: denn da heißt es gegen den Strom schwimmen. Es heißt, sich der öffent⸗ lichen Meinung widersetzen(und es war doch auch die öffentliche Meinung, welche Jesus gekreuzigt hat). Es bedeutet oft viel Hunger und Einsam— keit, aber es ist der königliche Weg, der Weg, auf dem Seine Nachfolger wandeln müssen, wenn sie mit Ihm in das himmlische Reich eingehen wollen. Auch mein Großvater focht den Kampf der Tren⸗ nung von der Welt durch, und zwar war es ein harter Kampf. Er war Offizier in der hollän—
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