Dieses Blatt erscheint wöchentlich einmal.
Nr. 38.
Sonntag, den 21. September 1913.
6. Jahrg.
Hütte Gottes odet Gützeuhaus! Herz, wit sieht's bei Dir denn aus?
Wie schön ist es, wenn einzelne Menschen Perlen Jesu, Edelsteine Christi sind! Wie aber wird es erst, wo Mann und Weib von Jesu Liebe erfüllt sind, wo in den Familien der sanfte, stille Friedensgeist Jesu waltet! Da kann man in Wahrheit sagen:„Eigenes Heim mit seinem Frieden ist ein Rest vom Paradies.“ Wie eine Giftschlange so liegt die Unzufriedenheit und Bos— heit auf manchen Familien. O wie müssen die Boten Gottes trauern, die Gotteskinder weinen, wenn sie durch die Straßen gehen und hören in den Häusern das Schreien, Toben, Fluchen, Lästern ja Dreinschlagen der Menschen.„Vorhof zur Hölle,“ so könnte man über manche Türe schreiben, die gemeinen Schimpfworte, die Eheleute oft ein— ander an den Kopf werfen, sogar oft im Beisein der Kinder, darf ich nicht nennen. Die leben wie Hund und Katze zusammen, so sagen dann die Nachbarn. Und doch hat Gott den Menschen nicht als Katze mit Krallen noch als Hund mit Raub⸗ tiergebiß, sondern nach seinem Bilde erschaffen. Die Liebe sollte des Menschen schönster Schmuck sein, im Lieben liegt sein Leben. Wer nicht liebt, der lebt nicht. Herr N. steht mit seiner Frau schon zum viertenmal vor Gericht wegen Eheschei— dung. Das Mitleid mit den fünf kleinen Kindern hat die Scheidung bis jetzt immer wieder aufge— halten. Welch einen Auftritt erlebte der Stadt⸗ missionar, der Frieden stiften wollte. Die Frau, unordentlich, verschwenderisch, schob alles auf den Mann, der Mann, ein Hitzkopf und Trinker, schob alles auf die Frau, so schoben sie einander zu, bis der Mann von der Faust Gebrauch machte, und das Wehgeschrei von Weib und Kindern durch das Haus hallte.
Osschrecklich Haus, wo man ihn eingelassen, Den alten Drachen, der den Frieden raubt,
Wo Mann und Weib nicht lieben, sondern hassen, Weil keines an des andern Treue glaubt.
Da sind der Hölle Pforten,
Des Satans blutig Morden.
Die Freude weicht, das Glück, das ist dahin; Nur Dornen auf den Ehetrümmern blühn.
Vor mir liegt eine Statistik von Berlin vom vorigen Jahre. Da waren von den 4000 Waisen⸗ kindern des Jahres nur 164 Vollwaisen. 883 Kinder kamen in Pflege, weil der Aufenthalt der Eltern unbekannt war, 94 weil die Eltern obdachlos waren, bei 140 Kindern war den Eltern das Er— ziehungsrecht entzogen, 12 Kinder kamen ins Waisenhaus, weil die Eltern sie nicht mehr aus dem Krankenhause abholten, 34, weil die Eltern sie grausam mißhandelten und 129, weil die Eltern verhaftet waren.
Diese Zahlen schreien gen Himmel: O Stadt, o Land, wie liegt ihr so voller Totengebeine! Doch ob auch Millionen von Familien keine Hütten Gottes, sondern Mördergruben sind, ob die Giftschlange sich frech in vielen Häusern herumschlängelt, hie und da ragt doch zwischen den Trümmerhaufen ein Hüttlein Gottes empor, von dem man sagen kann!„Siehe, wie fein und lieblich ist es, wenn Brüder, wenn Gatten, wenn Freunde einträchtig beieinander wohnen. Ein solches Friedensheim war dort in Bethanien, wo Jesus so gerne weilte. Auch des Hauptmanns Haus, der für seinen Knecht zum Arzt Jesus geht, war gewiß solche Friedenswohnung. Wie lieblich war auch das Verhältnis der Ruth zu ihrer Schwiegermutter Naemi. Ja, gläubige Schwiegermütter und Töchter oder Söhne sind anders, wie die berüchtigten Schwiegermütter und Töchter und Söhne der Welt.
„Seht, wie sie sich lieben!“ so mußten die Heiden ausrufen, als sie sahen wie die christlichen Fami⸗ lien der ersten Christenheit lebten. Es gibt keine schöneren Denkmäler, keine größere Zierde für ein


