wartetest sehnsuchtsvoll den Gatten, und welche Freude, wenn er den Gartenweg heraufkam, was gab's da alles zu fragen, zu erzählen!— Jetzt wendest du kaum den Kopf, wenn er zur Tür her— eintritt, erwiderst kaum seinen Gruß— ihr beiden seid euch fremd geworden.
„Ja, so ist's,“ sagst du, aber ich kann ihn auch nicht mehr lieben, er behandelt mich so roh, er trinkt, er schimpft, wer weiß, mit wem er sich des Abends herumtreibt, nein, mit der Liebe ist es aus!“
Arme Frau, und doch empfindet er die Kälte so schmerzlich; er wäre vielleicht nie so weit ge— kommen, hätte er stets, trotz Scheltworten und Gleichgültigkeit seinerseits, ein liebendes Weib da— heim gefunden mit freundlich sonnigem Angesicht, bereit, ihm zu dienen, ihn zu lieben, seine Nöte mit zu tragen, sich nach seinen Erlebnissen zu erkundigen.
Hätte sie gerade an jenem trüben Abend, wo er so sorgenvoll und wortlos ins Feuer starrte, ihre Arme um ihn geschlungen und gesagt:„Lieber Fritz, sag' mir nur alles, ich will's mit dir tragen, du weißt, ich hab' dich noch immer so lieb wie ehedem,“ dann wäre ihm vielleicht das Herz zu warmer Gegenliebe aufgegangen; aber das liebevolle Wort blieb ungesprochen. Der finstere Nebel senkte sich immer kälter auf Haus und Herz. Und doch braucht er jetzt doppelte Liebe, der arme, tief Gesunkene!
Geführte können führen.
Der Mensch hat zwei Hände. Die eine soll er aufwärts halten, daß die Engel Gottes ihn daran leiten und stärken und endlich nach Oben ziehen können.
Die andere, daß er daran seinen schwächeren Bruder halte und führe.
Wenn er die eine Hand nicht nach oben hält, zieht ihn der Bruder ganz zur Erde. Reicht er die andere Hand nicht nach dem schwachen Bruder, 5 läßt ihm Gott auch die nach oben ausgestreckte eer.
Willst du, daß dir geholfen werde, so hilf auch andern. Hilfst du den andern nicht, so er— warte auch für dich keine Hilfe.
Im Lichte.
Die Nacht kam; der Regen strömte, der Wind sauste; die Maschine des vollbesetzten Schiffes stampfte und pochte in ihrer Arbeit gegen die Wellen, Kinder sangen inmitten der Menschen— menge, und auf dem Deck gingen die Gespräche durcheinander, wie in einer großen Wirtsstube, die alle Tische voll Gäste hat.
Auf einmal flog ein Lichtschein über das Meer hin. Vom Maste oben fiel der elektrische Glanz des Scheinwerfers nieder. In Eile lief der Schimmer dem Ufer entlang von einem Bote zum
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andern, als mache er bei jedem einen kurzen Be⸗
such und wolle anfragen und untersuchen, was die
Leute treiben und machen. Jedes beleuchtete Boot lag wie im hellen Sonnenschein klar da. Man konnte jeden Schritt und jeden Handgriff der Fischer gut sehen, wie sie ihre Fahrzeuge bereit machten, um die Reisenden vom großen Dampfer abzuholen. Kein Boot war sicher; jedes konnte jeden Augenblick aus der Dunkelheit der Nacht in das Licht gesetzt und von der großen Menge ge— schaut werden.
Wer denkt dabei nicht an das göttliche Auge, vor dem es keine Finsternis gibt? Nicht nur besuchsweise auf einen Augenblick, sondern in jedem Augenblick ruht das große Vaterauge Gottes auf jedem Plätzchen der Erde, auf jeder Wohnung, auf jedem Menschen. Mit jeder Bewegung unseres Leibes, mit jeder Regung der Seele, mit jedem Gedanken, den wir keinem Menschen vertrauen, sind wir von ihm gesehen. Denken wir denn oft genug daran, wie uns der Vater im Himmel an- sieht. Lieber Leser, der, der Augen hat wie Feuer- flammen, sieht auch dichl G. Wiedmeyer.
N
Demut ist Dienemut.
Bernhard von Clairvaux wurde einst vom Papste beauftragt, zu untersuchen, ob die Abtissin des Klosters in N. eine Heilige sei. Bernhard machte sich auf den weiten Weg. Müde, staubig und hungrig kam er im Kloster an. Die Abtissin kam im frommen Schmuck, den Abgesandten des Papstes zu begrüßen. Da bat er dieselbe, ihm die Schuhe zu reinigen. Beleidigt ging die Abtissin hinaus. Bernhard aber ging nach Rom zurück mit der Antwort:„Eine Heilige ist die Abtissin nicht, sie kann nicht dienen.“
Ja, Demut heißt Dienemut! Kannst du dienen? Manche sind von Frömmigkeit dekoriert vom Kopf bis zu den Füßen, und im Herzen stol— ziert der alte, hochmütige Adam wie ein Pfau herum. Demut im Pelzmantel ist besser, wie Hochmut in der Mönchskutte. Als man die ersten Christen beschuldigte, als ob man nach hohen Stellen und Aemter trachtetee, ließ der König sie vorführen und betrachtete ihre schwieligen Hände. Befriedigt ob dieser Arbeitshände, entließ er sie. Ja, laßt uns nicht lieben mit Worten, sondern mit der Tat und Wahrheit beweisen, wem wir gehören. Wir wollen gerne zur Schar der Ari— stokraten mit den schwieligen Händen gehören. Wie schön wird's dann sein, wenn der König uns die Hand reichen wird mit dem Ausruf: Ei du frommer und getreuer Knecht, du bist über we— nigem getreu gewesen, ich will dich über viel setzen, gehe ein zu deines Herrn Freude!
Redakteur: Stadtmisstonar Herrmann⸗Gießen. Mitarbeiter: Pfarrer Sperber⸗Cassel, Pfarrer Mockert⸗Frankfurt a. M., und die Prediger der Pilgermisston. Verlag der Buchhandlung der Pilgermisston. Druck von Otto Meyer, Gießen.


