Ausgabe 
31.8.1913
 
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Jesu Sanftmut und Demut.

Als vor einigen Monaten bei der Hochzeit der kaiserlichen Prinzessin in Berlin das Braut kleid und die Hochzeitsgeschenke ausgestellt wurden, war der Andrang des Volkes so stark, daß Menschen in Gefahr waren, unter dem Ansturm zur Aus stellung zertreten zu werden. Wir möchten einen Brautschmuck zeigen, der den Glanz und Schmuck gekrönter Menschen weit in den Schatten stellt. Wir möchten hinweisen auf die innere, reale Herrlichkeit des Sohnes Gottes! Laßt uns beten: Jesu gib gesunde Augen, die was taugen, rühre meine Augen an. Und dann laßt uns ihn an schauen, der gesagt hat: Lernet von mir; denn ich bin sanftmütig und von Herzen demütig.

Die Sünde hat den Menschen oberflächlich gemacht. Er verwechselt Schein und Sein; das Sein fehlt ihm, der Schein blendet ihn. Und weil alles Scheinwesen, alles, was der Tiefe, des inneren Gehaltes entbehrt, schließlich an seiner Oberfläch lichkeit zugrunde gehen muß, so sehen wir diese hohlen Schatten, diese Gespenster in nervöser, auf reibender Hetzjagd nach einem Trugbild rennen. Als die ersten Europäer in ihrer weißen Haut an der Westküste Afrikas landeten, glaubten die Schwarzen, die Götter seien zu den Menschen herab gekommen. Sie wollten Opfer darbringen. Doch gar bald schimmerte durch die weiße Haut das falsche, schwarze Herz hindurch, und die Wilden schlugen diese vermeintlichen Götter tot. Armes Menschenherz, wie oft hat dich schon der Schein betrogen! Wie manches Licht war ein Irrlicht, wie manche Schönheit eine Fatamorgana, eine Vorspiegelung falscher Tatsachen! Doch mitten in unsre Trugbilder und Phantasien ragt das Kreuzholz als göttliches Warnungssignal hinein. Und der daran hängt, ist der einzige Heiland, das teure Gotteslamm, das uns aus allem Schein wesen erlösen kann. Im Kreuz ist Heil, im Kreuz ist Wahrheit, im Kreuz ist tiefer Friede, im Kreuz ist Ruh, da deckt des Heilands Liebe mich völlig zu. Die Demut und Sanftmut Jesu strahlt in überirdischer Schönheit vom Kreuze herab.

Der beste Edelstein auf Erden ist der, der alle andern schneidet und nimmermehr den Schnitt des andern leidet, jedoch das beste Herz ist das, das lieber selbst sich läßt zerschneiden, als daß es läßt den Nebenmenschen leiden. Wie ist diese Wahrheit doch am Kreuze Jesu so ergreifend dar gestelltl.

Da hängt das Gotteslamm, entehrt, aus vielen Wunden blutend, und kein Zorn, keine Bitter keit ist zu merken. Wie genau hat doch Jesajas dies Marterbild 800 Jahre vor der Kreuzigung gesehen, als er ausrief: Jes. 53. 7: Da er miß⸗ handelt ward, beugte er sich und tat seinen Mund nicht auf wie ein Lamm, das zur Schlachtbank

geführt wird. O drückten diese Todesmienen sich meiner Seele auf ewig ein! Min erzählt von Jesus, Petrus habe eines abends dem Heiland Vorwürfe gemacht, daß er heute gar kein Wunder getan habe. Demütig ließ sich der Heiland diese Kritik gefallen und schwieg. Doch als sie auf die Höhe des Berges gestiegen waren, sahen sie am Weg entlang, den sie gekommen, viele leuchtende Punkte.Was ist das? fragt Petrus erstaunt. Es waren lauter Seelen, mit denen der sanftmü tige Jesus im Lanfe des Tages gesprochen, die er berührt. Nun leuchteten sie, eine herrliche Frucht der Tagesarbeit Jesu, die Petrus so klein schien. Ja, er wird nicht schreien noch rufenz seine Stimme wird man nicht hören auf den Gassen wie die Stimme der Marktschreier, und dennoch entzündet und begeistert dieser bescheidene, demü tige Jesus die Elenden. Es gehen von ihm Strahlen und Kräfte aus, die die Welt aus den Angeln heben. Große Dichter, ruhmgekrönte Denker, sie mußten unverichteter Dinge vom Schauplatz ab ziehen, sie konnten den armen verwesenden Lazarus Mensch nicht aus der Tiefe rufen, doch Jesus ist der Mund Gottes, der Leuchturm der Gnade, die Sonne der Liebe, dessen Licht lauter wie die stärkste Posaune spricht. Er ist die fleckenlose Lilie Gottes, deren Reinheit unsere Gemeinheit straft. Dies stille, reine, demütige, sanftmütige Lamm ist das gerade Gegenteil von dem protzenhaften, aufgebla senen, eingebildeten Erdenwürmlein Mensch. Ent⸗ zückend ist es, wenn die Alpen im Strahl der Morgensonne erglühen, entzückender aber, wenn einer Seele Jesu Demut und Sanftmut in ihren überwältigen Größe sich enthüllt. Ewig soll er mir vor Augen stehen, dieses stille Lamm. Seht, welch ein Mensch! Ja seht den Menschen, den Normalmenschen, der allein den Namen Mensch verdient!!

Einer, der's verstand.

Ein Kapitän, welcher mit seinem Dampfer den atlantischen Ozean durchkreuzte, erzählte: Vor einigen Wochen geschah etwas ganz Außergewöhn liches, was mein ganzes Leben umgewälzt hat. Ich gehörte zu den gewöhnlichen Durchschnitts⸗ christen. Wir hatten einen Mann Gottes an Bord, den bekannten Waisenvater Georg Müller aus Bristol. Schon 22 Stunden war ich auf der Komandobrücke und konnte sie nicht verlassen plötzlich berührte jemand meine Schulter, daß ich zusammenschrack. Es war Georg Müller.Ka⸗ pitän, sagte er,ich komme, Ihnen zu sagen, daß ich Sonntag Nachmittag in Quebec sein muß. Es ist unmöglich, sagte ich.Nun, Ihr Schiff kann es nicht, aber Gott wird Mittel finden, um mich hinzubringen. Ich habe in den 57 Jahren noch nie eine Verabredung gebrochen. Ich