Ausgabe 
10.8.1913
 
Einzelbild herunterladen

2 ͤ

war. Also blieb kein anderer Rat, als daß ein Mann es übernahm, auf den Schultern eines andern stehend, das Befestigen und Anlöten des metallenen Hahnes zu besorgen. Kein angenehmes Geschäft für die Beiden, zu welchem der eine breite

Schultern und Standhaftigkeit, der andere einen

unerschrockenen Sinn und Geschick, und beide ein gut Vertrauen zu einander und zu dem gnädigen Gott bedurften, in desseu Hände sie ihr Leben gaben. Und so stiegen die Zwei bis zum höchsten Brett des Gerüstes empor, nichts mit sich nehmend, als den gewaltigen Turmhahn und das Gefäß mit geschmolzenem Blei nebst dem nötigen Werk zeuge. Hierauf stellte sich der Breitschultrige fest auf seine Füße und, mit der einen Hand eine Stange des Gerüstes erfassend, duckte er den Nacken; der andere aber stieg vorsichtig auf seines Kameraden Schultern, worauf dieser ihm die Kohlenpfanne mit geschmolzenem Blei und den Turmhahn zu reichte. Also begann die Arbeit des Befestigens und Lötens, während unten vom Markte aus allen Fenstern die Bewohner des Städchens atemlos emporschauten. Und wenn sie alle die Uner schrockenheit der beiden Männer bewunderten, so mag auch mancher ein stilles Gebet getan haben, daß Gott sie vor Unglück gnädig behüte. Es währte lange, lange; denn jede Minute dünkte den bange Zuschauenden fast eine Ewigkeit. Der Breitschultrige steht auf seinem schmalen Brette regungslos wie ein Fels. Halte aus! rühre dich nicht! sonst ist dein Kamerad verloren! Der Kamerad, auf den Schultern von jenem postiert, schafft und lötet mit Emsigkeit. Jetzt ist der Hahn fest, endlich, endlich! Vorsichtig steigt der Mann von den Schultern seines Trägers hernieder; die Zuschauenden atmen auf und ein Gottlob! kommt über ihre Lippen. Aber warum klammert sich der Breitschultrige so fest an die Stange des Gerüstes? Warum steigt er, nach getanem schweren Werk nicht froh die Leiter hinab? Verlassen ihn die Kräfte? Doch nein, jetzt kommt er hernieder, aber langsam und schwankend und als er unten ist, bricht er zusammen. Die andern Arbeiter eilen hinzu, es drängt die Menge. Was ist ge schehen? Der arme Mann ist an Schultern, Armen und Brust von schweren Brandwunden bedeckt! Während sein Kamerad den Turmhahn angelötet, ist von dem siedenden Blei, mit dem die Arbeit

geschehen, Tropfen um Tropfen unablässig auf den standhaften Träger herabgeflossen. Von furcht baren Schmerzen gemartert, hat er kein Glied geregt; denn jede Bewegung hätte seinen Kameraden zum Wanken und zum Stürzen gebracht, sondern hat standhaft unter unsäglichen Qualen ausgeharrt. Ein Menschenleben war ihm anvertraut, und er hat Treue gehalten! Der edle Mann ward in ein Hospital gebracht und ist nach langen und schweren Leiden geheilt worden. Aber durch das belgische Land und über dessen Grenzen hinaus hatte sich die Kunde von dem Heldensinn dieses Arbeiters verbreitet, und viele sandten ihm von nah und fern Zeichen der Liebe und der Verwunderung.

2

Tiger in Menschengestalt.

Die griechische Gesandschaft in Berlin hat dem deutschen Auswärtigen Amt ein umfangreiches Material über völker⸗ rechtswidriges Verhalten Bulgariens im jetzigen zweiten Valkankrieg unterbreitet. Die Bulgaren haben nicht nur die gefangenen Evzonen massakriert, sondern auch einen großen Teil der serbischen Gefangenen ertränkt. Beim Rück⸗ zug über Doiran hat die bulgarische Armee den griechischen Bischof, 30 Notable und sämtliche Priester und Schullehrer der Gegend mitgenommen. Auch aus Kavala, Serres, Branja und Strumnitza haben die Bulgaren unter Verletzung der i ternationalen Kriegsgebräuche viele Angehörige der unbe waffneten Bevölkerung fortgeschleppt, und man ist über das Schicksal dieser Gesangenen sehr beunruhigt, weil man be⸗ fürchten muß, daß ihr Leben nicht geschont werden wird. Einen Protest gegen diese Greuel erhebt nach den letzten Depeschen auch die griechische Gesandtschaft in Rom bei der italienischen Regierung. Von Wien ist noch nichts bekannt. Aber in London ist man über entsetzliche Grausamkeiten der Bulgaren informiert. In Kititsch wurden 700 Griechen in eine Moschee eingeschlossen und darin angesichts ihrer Frauen verbrannt. In Planitza wurden die Griechen eben⸗ falls in der Moschee dem Tode geweiht und dann die Frauen auf dem Marktplatz verbrannt. Italienische Blätter veröffentlichen zwar auch furchtbare Dinge über griechische Scheußlichkeiten gegen Bulgaren. Lesen wir dem gegenüber einen Ausschnitt der internationalen Abmachungen. In der Internationalen Friedenskonferenz von 1907 findet sich dieOrdnung der Gesetze und Gebräuche des Landkrieges. Die Kriegsgefangenen unterstehen der Gewalt der feindlichen Regierung, aber nicht der Gewalt der Personen oder der Abteilungen, die sie gefangen genommen haben. Sie sollen mit Menschlichkeit behandelt werden! Die Regierung, in deren Gewalt sich die Kriegsgefangenen befinden, hat für ihren Unterhalt zu sorgen. Die Kriegsgefangenen sind in Beziehung auf Nahrung, Unterkunft Und Kleidung auf dem selben Fuße zu behandeln wie die Truppen der Regierung, die sie gefangen genommen hat. Die Kriegsgefangenen können in Städten, Festungen, Lagern oder an anderen Orten untergebracht werden mit der Verpflichtung, sich nicht über eine bestimmte Grenze hinaus zu entfernen; dagegen ist ihre Einschließung nur statthaft als unerläßliche Sicher heitsmaßregel und nur während der Dauer der diese Maß⸗ regel notwendig machenden Umstände.