Ausgabe 
20.7.1913
 
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Gemeinschaftsblatt für Hessen.

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Sonntag, den 20. Juli 1913.

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An Sarge einer Verlorenen.

Die Tote war eine Dirne gewesen und hatte sich aus Enttäuschung ertränkt. Ein gläubiger Pfarrer sollte das Begräbnis der Selbstmörderin halten. Er erzählt:

Die Nordkapelle des Zentralfriedhofs in

5 war voll Menschen, der Sarg mit üppigen Blumenspenden, Kränzen, Palmen und Schleifen überladen. Es begrüßte mich die Mutter, die Schwester und der von auswärts gekommene offizielle Verlobte der Verstorbenen. Und sonst sah man fast nichts als Dirnen im widerlichen Pomp eines geschmacklosen Sammet- und Seiden⸗ plunders, die Lustseuche in manchem Gesicht, dazu eine Reihe Zuhälter, Bordellwirte oder-wirtinnen, schlaffe Gemeinheit in den verlebten Zügen. Wie moralischer Moderduft fiel es auf die Nerven. Meine ausgeklügelte Rede war weggewischt. Ich hatte eine andere Aufgabe. Mechanisch nur ver⸗ las ich den vorher gewählten Text und improvisierte dann etwa folgendermaßen:

An diesem Tage hört von einem Lebenslauf. Es ist nicht nur das Leben der Verstorbenen, sondern vielleicht von noch manch einer, die hier zugegen ist.

Es war einmal ein junges Mädchen, ein frisches, fröhliches Ding, noch halb Kind. Eine Heimat hatte es und ein Elternhaus, und Vater⸗ treue und Mutterliebe hatten es mit sorglicher Mühe großgezogen. In der Schule mit den flinken Kameradinnen und im Konfirmandenunterricht hatte es viel gehört und gelernt von Gott und Jesus, und wie wir zu ihm im Herzen stehen sollten. Davon hat es auch was in der Seele

gefühlt. Es wurde größer und schritt zur Ein⸗ segnung. Da gelobte es diesem Heiland Treue, und sein Ja war aufrichtig, und Gottes Segen ruhte stille auf seinem Haupte. Da kam es aber ins Leben und ans Verdienen und kam in Stellung in die große Stadt. Die lockte mit tausend Reizen und Vergnügungen das junge, schwache Herz. In ihm selbst regte sich die Sinnlichkeit der Entwick lungsjahre. Da tat das Mädchen seinen ersten schweren Fall. Aber siehe, nach der ersten Ver zweiflung merkte es: niemand kümmerte sich darum. Da war die Reue bald verwischt und mit der Reue auch die Scham. Dazu kam die Trägheit. Lockte dort in jener Stellung als Kellnerin nicht leichter Verdienst mit vielVergnügen? Wozu denn noch schwer arbeiten? Und nun gings im Verdienst der Trunksucht und Unzucht jäh abwärts. Dieser Sarg zeigt euch das furchtbare Ende. Es hat euch erschüttert.

Ich klage an nicht die Verstorbene, die steht vor einem höheren Richter. Mögen wir hier vielmehr noch einmal menschlich zurückdenken an ihre guten Eigenschaften, die sie trotz ihres Gewerbes gezeigt hat, Freundlichkeit, Gefälligkeit, Ehrlichkeit. Aber meine Pflicht ist es, hier die Wahrheit zu sagen. Und da erhebe ich an diesem Sarge feier lich Anklage:

Ich klage an den Leichtsinn und die Trägheit so vieler Mädchen, die mit dem Leib auch ihre Seele hineinzerren lassen in den Schmutz und ersticken selbst ihr unsterblich Teil im buntglitzernden Sumpf eines Schandberufs. Sage keine, sie täte es aus Not. Es ist nicht wahr, Arbeit und Brot gibt es für jede, die dienen will. Ich klage an die Männer, die den Leichtsinn solcher Mädchen mißbrauchen zur Befriedigung ihrer schmutzigen Gelüste. Ihr Mädchen hier, wißt ihr denn nicht was ihr tut, wenn ihr euch der ungünstigen Be rührung der Männer hingebt? Ein scheinbares Liebesspiel, eine aufgeputzte Lüge; denn in Wirk⸗