Ausgabe 
13.7.1913
 
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Aufwärts!

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Gemeinschaftsblatt für Hessen.

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Dieses Blatt erscheint wöchentlich einmal.

Nr. 28.

Sonntag, den 13. Juli 1913.

6. Jahrg.

Tieber Vater, komm heim!

Salomo, der weise König, fragt einmal:Wo ist Weh? wo ist Leid? wo ist Klagen? wo sind Wunden ohne Ursache? wo sind trübe Augen? Das alles brauchen wir nicht weit zu suchen. Es begegnet uns auf Schritt und Tritt. Wer Ohren hat, zu hören, der höre die wilden Akkorde der heißen Lust und brennenden Begierde nach Lebensgenuß, nach Vergnügungen des Fleisches aller Art; der höre aber auch die bittern Klänge des Ekels am Leben und den lauten und lautlosen Jammer gebrochener Herzen.

Welch ein Bild auf unserm Titelblatt!Wirts⸗ haus zum Tropfen Gift, ja, das ist der rechte Name

dafür. Einen besseren hätte man kaum wählen können. Denn was hier ausgeschenkt wird, das istGift. Das hat eine verständige Fachwissenschaft längst nach gewiesen. Und die jährlichen Statistiken der armen

Opfer, die unter der Zwingherrschaft des Tyrannen Alkohol zu Grunde gerichtet worden sind an Leib und Seele, zeigen es uns in erschreckender Weise.

Zum Tropfen Gift ein einladendes, aber höchst gefährliches Aushängeschild des Wirtes. Da hinter aber steckt eine andere finstere Macht, die den Wirt zu dieser Reklame zwingt. Teuflischer Köder! Nur einenTropfen von diesem Gift, und es jagt wie ein wildes Feuer durch alle Gebeine. Nureinen Tropfen; wird es wohl dabei bleiben? Ach, ganz gewiß nicht; denndie alten Deutschen tranken immer noch eins! Und die jungen Deutschen?

Glücklich ist das Volk, das sich der Taten der Väter erinnert und so handelt, wie die Alten taten! las ich erst kürzlich in einer Tageszeitung, in der die Trinksitten derAlten verherrlicht wurden. Armes junges Deutschland, sind dir die Heldentaten der alten betrunkenen, rohen Deutschen bei ihren Trink gelagen etwa ein musterhaftes Vorbild?! Weißt Du auch, daß das die Ursache der Uneinigkeit und ihrer Streitereien im eigenen Lager wurde? Weißt Du auch, daß sie durch den Wein der Römer endlich eine Niederlage nach der andern in den Schlachten zu ver zeichnen hatten und als Sklaven ihrer eigenen Sünde zu Sklaven anderer Völker wurden? Wie entehrend! Wo bleibt denn da das Glück? der Ruhm?

Es ist zum Herzbrechen, die Verheerungen zu sehen an Leib und Seele, in Familie und Volk, im Beruf und Amt, die die Trinksitten und andere Laster mit sich bringen. Darf ich dich bitten, noch einmal näher auf unser Bild zu schauen?

Der Mann ist der Vater der beiden Kinder. Zwei barfüßige, aber allerliebste Mädchen! Vielleicht der Stolz des Vaters! Beide haben sich aufgemacht, den Vater von der Arbeit abzuholen. Die vergrämte, schwergeprüfte Mutter hat es so gewünscht. Jetzt stehen sie vor dem Wirtshaus. Das Kleinste umspannt krampfhaft die Hand des Vaters. Vier klare, reine Kinderaugen blicken zum Vaterauge empor, und wie aus einem Munde dringt der bittende Ruf der Kinder an sein Ohr:Lieber Vater, bitte, komm heim! Ob das den Vater rührt? Unschlüssig steht er da. In seiner Brust wogt ein verzweifelter Kampf. Vater liebe und Trinkleidenschaft ringen miteinander. Wer wird den Sieg davontragen? das Flehen seiner