einlassen konnten, verhielten wir uns still. Er fuhr aber fort zu lärmen und zu toben, bis wir ihm endlich mit Bestimmtheit erklärten, zur Nachtzeit könnten wir einem Gesunden nichts verabreichen. Da schaute er drohend empor und schrie:„Wartet nur, wenn ich euch einmal treffe, werd' ich mich rächen.“
Bald darauf hatte ich einen Krankenbesuch im Nachbardorfe zu machen. Der Weg dahin führte durch einen einsamen Wald. Schwester B. begleitete mich eine kurze Strecke und bald entdeckten wir, daß sich noch ein anderer Begleiter uns zugesellt hatte. Es war ein großer Hund. Wir wollten ihn zurückweisen, warfen sogar mit Steinen nach ihm, aber das Tier blieb fest, und als Schwester B. umkehrte, hielt es sich um so dichter an meine Seite. So lief ich durch das Waldesdunkel, und, da der Hund sich still verhielt, war ich ganz ruhig. Bei einer scharfen Biegung des Pfades aber stand plötzlich ein Mann vor mir und ich erkannte in ihm unsern nächtlichen Ruhestörer. Seine Augen hatten einen bösen, wilden Ausdruck. Ich war furchtbar erschrocken. Doch ehe ich recht denken und beten konnte, stürzte sich mein Hund mit lautem Gebell auf den Mann. Dieser suchte dem Angreifer zu entrinnen und sprang davon; der Hund mußte ihn aber immer wieder gepackt haben, denn noch lange hörte ich aus der Ferne ein Geheul. Ich war gerettet. Den gelbgefleckten Hund, der mir noch so deutlich vor Augen steht, habe ich nie wieder ge— sehen. Unsere Freunde im Dorf wußten anch nichts von solch' einem Tier. Das aber steht fest, daß er für mich ein Bote Gottes war, um mich vor großer Gefahr zu schützen.“
** *
„Meine Geschichte ist ähnlich“, begann nun der ehrwürdige Hausherr.„Ich habe sie nicht selbst er— lebt, doch kann ich für ihre Wahrheit bürgen. Vor etlichen Jahren sollte ich nach einer Predigt, die ich auswärts gehalten hatte, noch eine Abendversamm— lung in der Filiale leiten. Eine kleine Gesellschaft begleitete mich durch das Gefilde. In einem Wäld— chen angekommen, sagte eine Tochter zu mir:„Hier möchte ich jedesmal auf die Kniee fallen und dem Herrn für meine Errettung danken.“ Auf mein Be— fragen erzählte sie, daß sie eines Abends von ihrer Mutter noch schnell durch den Wald geschickt worden sei, um eine wichtige Besorgung zu machen. Es dunkelte stark, und sie war ganz allein. Da trat ein Mann ihr in den Weg. Nicht ihren Geldbeutel wollte er haben, aber ihre Ehre wollte er rauben. Ratlos schrie sie zum Herrn um Hilfe. Da rauschte es über ihr in den Baumwipfeln und plötzlich flogen Raben, wie sie sich im Herbst oft scharenweise zusammen tun,
mit lautem Gekrächze auf den Bösewicht zu, umkreisten 1
und schlugen ihn mit ihren Flügeln und verfolgten
ihn, auch als er sich endlich frei machen konnte. 5
Unterdessen aber hatte das junge Mädchen Zeit ge— funden zu entkommen und war gerettet. Jetzt verstand ich ihr Dankgefühl und miteinander priesen wir den Herrn, der solche Wunder tut“.———
Wie teuer ist deine Güte, Gott, daß Menschen— 8
kinder unter dem Schatten deiner Flügel Zuflucht haben! Pf. 36, 8.
„Du hast Jesus vergessen.
Von einem Augenzeugen, einem preußischen Arzt, hörten wir folgende Geschichte. damals noch Jude. Während des deutsch-französischen Krieges wurde ein französischer Offizier, schwer ver— wundet, in sein Lazarett gebracht. Derselbe hatte in einem abgelegenen Teil des Schlachlfeldes gelegen und war deshalb lange übersehen worden, wodurch
sein Zustand natürlich sehr verschlimmert war. Man
sagte ihm, daß das zersplitterte Glied abgenommen werden müsse, daß aber sein geschwächter Zustand es sehr zweifelhaft erscheinen lasse, ob er die Operation überstehen werde. Er bat, man möchte die Operation vornehmen, aber, falls er sterben sollte, dies seiner Frau, die in der Nähe wohne, mitteilen und ihr seine
Leiche ausliefern. Dies versprachen die Aerzte und
machten sich an ihre Arbeit. Er starb während der Operation. Kurze Zeit darauf, als die Aerzte noch um ihn beschäftigt waren, trat die Frau, die man gleich benachrichtigt hatte, mit ihrem Töchterchen ein. Als es ihr klar wurde, daß ihr Mann nicht mehr
lebe, brach sie in krampfhaftes Weinen aus, sodaß
anch die Aerzte zu Tränen gerührt wurden. Dann wandte sie sich zu ihrem Töchterchen und rief aus: „O mein Kind, unser bester Freund, unser Beschützer und Geliebter, ist dahin, und du und ich, wir sind nun ganz verlassen in dieser Welt der Trübsal!“
Da legte das Kind zärtlich die Arme um den Hals der Mutter und sprach:„O Mama, du hast Jesus vergessen!“ Bei diesen Worten kam eine merk— würdige Ruhe über die Mutter, und sie sagte:„Ja, mein Liebling, in meinem Schmerz hatte ich Jesus vergessen.“ i i
Dieser Arzt war
8
Die Macht, welche dieser Name auf die schmerzß
gebeugte Mutter ausübte, durchdrang wie ein Pfeil die Seele des jüdischen Arztes. Er sah die Kraft des Evangeliums und dies überzeugte ihn. Er wurde nicht wieder ruhig, bis er zu den Füßen des Heilandes niedersinken und ausrufen konnte:„Mein Herr und mein Gott!“ Er wußte, daß kein Mensch und keine Theorie solchen Schmerz bändigen oder solchen Sturm
hätte stillen können, daß das nur der Name des
lebendigen Heilandes konnte.— 5


