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doch! hilf mir überwinden! o spanne mich aus! erlöse mich!— ach, dann tönte sein Wort in mein Herz: Harre aus, sei männlich und sei stark! sei getreu bis in den Tod, so will ich dir die Krone des Lebens geben; wer beharret bis an's Ende, der wird selig.
Und der Herr hat sein Wort gehalten, er hat mich gekrönet mit Gnade und Barmherzigkeit. Jetzt werde ich mich schämen müssen, wenn ich in jene Herrlichkeit komme. Was sind alle Leiden dieser Zeit gegen jene Herrlichkeit! Ja, dieser Zeit Leiden sind nicht wert die Herrlichkeit, die an uns soll geoffenbaret werden.
Ach, meine Freunde sind wohl irre an mir geworden, sie glauben wohl, mein Glaube sei ein eitler; sie kamen in meinen letzten Leidenstagen seltener zu mir. Ich habe es ihnen auf ihren Angesichtern abgelesen, daß sie mit heißem Gebet zu dem Herrn fleheten, mir meine Leiden abzu— nehmen, mich auszuspannen. Aber der Herr
ließ sich keine Stunde, keinen Augenblick nehmen
von der Zeit, die er mir bestimmt hatte, um aus der Welt zu gehen. Ich sehe nun, daß ich es alles leiden mußte. Ich hätte keinen Tag weniger leiden können; denn der Mensch muß wieder-
geboren werden, sonst kann er diese Herrlichkeit
nicht sehen. Leiden.
Ach, daß doch alle Menschen wüßten, wie groß, wie unaussprechlich die Herrlichkeit ist, die allen, die an den Sohn Gottes glauben, zu Teil werden soll.— Bald gehe ich ein!— Dahin— wo kein Leid mehr ist und kein Geschrei!l— Noch wenige Augenblicke— und mein Mund schließt sich auf immer.— Ich stehe an der Pforte des Paradieses.— Ich lasse euch nichts,— als meinen verweslichen Leib.— Ihm ist gegeben alle Gewalt im Himmel und auf Erden!— Ja, ich muß fort! Der Siegeswagen kommt mir entgegen!— Mir ist wohl!— ewig wohl!!— Nen!
Seine Stimme hörte man nicht mehr, kein Ton, kein Laut mehr wurde vernommen. Nur zwei Atemzüge noch bemerkte man. Sein Mund hatte sich geschlossen für immer. Mit dem letzten Worte, dem„Amen“, hauchte er seinen Geist aus. Er ist heimgekehrt zu Gott, in die Heimat der vollendeten Gerechten,„die gekommen sind aus großer Trübsal, und haben ihre Kleider gewaschen, und haben ihre Kleider helle gemacht im Blute
des Lammes.“
Ich danke dem Herrn für mein
Die Meisterhand vermag's.
u einer Burgkapelle stand
Ein Orgelwerk, von Meisterhand; Doch lockte keines Meuschen Müh' Hervor die Wundermelodie, Die einst das Gotteshaus durchklang Wie heil'ger Engel Lobgesang. Ein Seufzen nur, wie tiefster Gram, Gebrochen aus den Röhren kam. Verstummt, verstaubt, verdorben gar, So stand die Orgel Jahr um Jahr.—
Doch einstmals zu der Pforte trat Ein Pilger, welcher sich erbat, Daß man der Orgel seltnen Bau Zur sichren Heilung ihm vertrau'. Und wunderbar!— Nach kurzer Zeit Erbraust ihr Sang in Herrlichkeit, Und sturmgleich jubelt sie empor, Gewaltiger denn je zuvor; Denn der sie weckt zu neuer Kraft, Der Meister war's, der sie erschafft.——
Versunk'nes Herz, stell' deinen Jammer ein! Hand, die dich erschuf en dich er ne u'n.
Idealist oder Bealift.
Ein Chefredakteur in Berlin veröffentlichte einen selten schönen Aufsatz über Idealismus und Realismus. In demselben erzählte er seine Be— kehrungsgeschichte. In seiner Jugend war er Idealist. Er beschäftigte sich mit schönen Gedanken— bildern, begeisterte sich für das Liebliche im Reiche der Dichtung, der Musik, der Kunst und schwärmte


