Ich dachte, du willst dem Toren nach seiner Torheit antworten.“—„So,“ sagte ich,„da wird sich ja Gott freuen, daß Sie Ihn noch leben lassen. Aber sagen Sie einmal, was sind Sie denn in der Welt?“ —„Ein Pelzhändler,“ sagte er.—„So, und Sie sind wohl reich uud gesund?“—„Reich nicht, aber doch recht wohlhabend, aber leider nicht ge— sund, sonst wäre ich nicht in dem schönen Karls— bad.“— Und wie oft sind Sie denn schon in Karlsbad gewesen?“—„Zum erstenmal.“— „So, und wie alt sind Sie?“—„Nu, vierund— sechzig Jahre.“—„Ja, warum sind Sie denn nicht früher nach dem schönen Karlsbad gekommen?“ —„Ja, sehen Sie, ich war so gesund wie ein Fisch im Wasser, da krieg ich im Winter Schmerzen in der Leber. Es sind Gallensteine, sagt der Geheime Medizinalrat, der zugleich Professor und mein Hausarzt ist. Das waren Schmerzen! Nach Karlsbad, sagte er, nix als nach Karlsbad, das hilft!“ 5
„So,“ sagte ich,„also vierundsechzig Jahre nicht Karlsbad, da konnten Sie nichts mit ihm anfangen, und jetzt, da Sie Gallensteine haben, da kommen Sie her. Ich will Ihnen was sagen: Sehen Sie, nicht weit von der Leber, da ist noch so ein fatales, lebendiges Ding, das nennt man Herz. Wenn's einmal da anfängt zu drücken, — und das sind die Fündensteine— da werden Sie auch nach einem Heiland gehen, nach Gottes Sohn, der Ihnen vierundsechzig Jahre links am Wege gelegen, und werden froh sein, wenn man Ihnen da sagt: Nix als nach dem Heiland— das hilft!“
Soweit Frommel. Ach, die Krankheit der „Sündensteine“ ist in jedem Herzen vorhanden, nur fühlt manches sie nicht und glaubt darum, des Heilands entbehren zu können. Wohl den Seelen, die ihr Elend erkannt und dann in Jesu Wunden Vergebung, Heil und Leben gefunden haben!.
O, möchten viele Seelen durch inneres Be— dürfnis getrieben werden zu dem Heiland, dem Arzt und Retter hin, der von Grund aus heilt und selig macht. Weg mit aller Lauheit und Trägheit, weg mit falschen Entschuldigungen! Der Herr löst die Gebundenen, wenn sie nur zu Ihm kommen mit ihren Ketten und von Herzen frei sein wollen. Mögen auch solche, die bisher mit Jesu nichts anzufangen wußten, oder wie wir es zu Anfang erwähnten, auf verkehrtem Wege Ihn zu finden gedenken, durch die Macht des heiligen Geistes ihrer Bedürftigkeit und ihrer Not kräftig überführt werden und den Weg ein⸗ schlagen, der zum Frieden führt, das ist der Weg nach Golgatha. Denn Christus Jesus ist in die Welt gekommen, die Sünder selig zu machen. Halleluja! 3.
Die Königsbrant.
Ein Gleichnis.
Ein edler Königssohn vom höchsten Adel und von großer Herzensgüte suchte eine Genossin seines Glückes und seiner Freude. Weil er aber wollte, daß seine zukünftige Braut ihm ihr Jawort nicht um seiner Herrlichkeit willen, sondern aus lauterer Liebe gebe, kleidete er sich in ein Bettlergewand und warb so als unscheinbarer Fremdling in Armut und Niedrigkeit um eine Throngenossin. Doch wie schnöde wurde er an den Palästen der Hohen und Reichen abgewiesen! Niemand ahnte unter dieser niederen Hülle königliche Herrlichkeit und Würde. Ja beleidigt ob seiner Bitten mißhandelte und schlug man ihn so, daß er, aus vielen Wunden blutend und entstellt, am Wege zusammenbrach. Ein Spott der Leute ge— worden, standen diese höhnend um die zerschlagene Jammergestalt, aus deren Augen trotz Blut, Speichel und Kot, reine, tiefe Liebe sprach. Und noch war des Jammers nicht genugz die beleidigten Menschen hatten ihre Wut noch nicht völlig an ihrem Opfer gekühlt. Man band ihn an einen Baum fest, so daß jeder, der vorüberging, ihn verspotten, anspeien ja schlagen konnte. Und unter der Menge der Spottenden stand eine arme, aber treue Tochter der Berge. Sie mußte den stillen Dulder immer wieder anschauen. Zuerst war es Mitleid, was sie festhielt, in diese Augen des Fremdlings zu blicken, doch je mehr sie ihn anschaute und er sie durchschaute, um so mehr flammte es in ihrer Seele auf wie Himmelsgewalt. Die Strahlen, die aus diesen schmerzumzuckten, leidgekrönten Augen in ihre Seele drangen, hatten eine tiefe Liebe, ein Feuer zarter inniger Zuneigung zu dem erweckt, den alle andern als Auswurf betrachteten und— verachteten. Sie konnte das Spotten nicht mehr hören, das Schlagen und Quälen nicht mehr sehen. Mutig und entschlossen trat die Tochter der Berge vor und stellte sich schützend neben den geschmähten, entstellten Fremdling. Und ein Lichtstrahl, so rein, so schön, kam über das Antlitz des Wanderers. Doch welch ein Hohnlachen, welch erneutes Spotten entstand! Man nannte diese mutige Tochter die Bettelbraut, Lumpendirne usw. Der Straßenkot flog nun auch um ihre hohe Stirne und um ihre Strahlenaugen. Und immer lauter wurde das Toben der wütenden Menge und immer dichter flogen die schmutzigen Wurfgeschosse; doch immer fester stand diese treue Seele zu dem Geschmähten. Die blutgierige Meute, von der Hölle Haß ent—


