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22 Allerlei Mörder.
In einer kleinen Stadt, in der ich vor Jahren war, bewarb sich ein junger Mann um die Liebe eines jungen Mädchens. Aber da er keinen guten Ruf hatte, da er als leidenschaftlicher, roher Mensch bekannt war, lehnte sie seine Werbung ab. Das empörte ihn aufs äußerste. Er beschloß, sich an ihr zu rächen. Und er rächle sich auch. Er verbreitete ein verleumderisches Gerücht über dieses junge Mädchen, das ihr die Ehre nahm. Es ging, wie es immer zu gehen pflegt: der eine sagt es dem andern. Bald weiß es die ganze Stadt. Endlich erfuhr auch das junge Mädchen davon, was die Leute sich von ihr erzählten. Sie nahm es sich so zu Herzen, daß sie schwermütig wurde. Und in diesem Zustande geistiger Um— nachtung ging sie ins Wasser und ertränkte sich.
Ich stelle mir vor, wie so eine achtbare Frau aus jener Stadt eines Tages vor Gott erscheint. Nachdem einige andere Sachen besprochen sind, sagt Gott, indem Er sie mit einem durchdringen— den Blick ansieht:„Und dann hast du bei einem Morde geholfen!“„Ich? Nein! Das ist aber ein Irrtum! Ich habe keinem Menschen je was zuleide getan!“„Und doch steht hier ein Mord verzeichnet!“ Und dann wird die Walze geholt, die das Gespräch mit der Nachbarin enthält, in dem es heißt:„Haben Sie schon gehört, was die Anna Soundso getan hat?“„Sieh, durch dies Gespräch, durch diese verleumderischen Worte hast du mitgeholfen, die arme Anna umzubringen. Daß sie ins Wasser gegangen ist, daran bist du mitschuldig. Du hast sie in den Tod getrieben!“
Merkst du, daß das schreckliche Uberraschungen geben wird, wenn deine— längst vergessenen— Worte wieder laut werden?
Du fragst, ob es denn kein Mittel gebe, dieser Rechenschaft zu entrinnen?
Ja, es gibt ein Mittel, Gott sei Dank! Es ist Christi Blut! i.
Bist du schon gekommen, um deine Zuflucht zu diesem Blute Christi zu nehmen, daß es all deine Sünden, auch deine Wortsünden, abwische und abwasche? Noch nicht? länger! Komm mit all deiner Schuld, mit allem, was du gedacht, mit allem, was du geredet, mit
allem, was du getan hast, und bitte den HErrn, Er kann es,
dich zu reinigen vor aller Sünde. und Er will es, und Er wird es tun! versinkt deine Vergangenheit hinter dir. Dann brauchst du die Rechenschaft nicht mehr zu fürchten. Dann weißt du: Vergeben, vergessen! Aber bedenke noch eins! Hüte dich in Zukunft vor unüberlegtem Handeln, vor Worten! Stell dein Leben alle Tage unter das Blut Christi, daß es dich bewahre vor dem
Dann
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wird.
O so säume nicht
vorschnellen!
Argen! Sonst— wird das Buch Gottes an jenem Tage doch einmal anfangen zu sprechen und dich zu verklagen!
Gott sei gepriesen für das teure Blut Christi, das imstande ist, uns rein zu machen von aller Sünde, und das imstande ist, uns zu decken und zu bewahren!
8(Aus Heilig dem Herrn.)
Der Erdenkloß.
II Gotthold über Land reiste und auf E dem gepflügten, fetten Acker die Erd— schollen liegen sah, sprach er zu seinem Ge— fährten: Ich erinnere mich, von einem alten Edelmanne gelesen zu haben, der sich alle Morgen, wenn er aufgestanden, sofort einen frischen Erdkloß bringen ließ, daran eine Weile roch und solches als ein Mittel zur Erhaltung der Gesundheit und Ver⸗ längerung des Lebens betrachtete. Ich wollte, daß nicht nur alle Edelleute, sondern auch alle Kaiser, Könige, Fürsten und Herren, ja alle Christen diese Gewohnheit hätten. Gewiß, wenn dem Leibe nicht, so würde es doch der Seele zur Gesundheit dienen, in— sofern sie sich dabei ihrer Sterblichkeit und Nichtigkeit erinnerten. Der Mensch mag sich brüsten, prangen, prahlen, wie er will, so ist er doch nichts anders als ein Erden⸗ kloß, welchen Gottes Hand in kurzem zer— malmen und zu Staub und Asche machen Man hat viel große Regenten, groß dem Namen, der Macht und den Taten nach, in der Welt gehabt, allein, was sind sie nun? Sollte man in Alexanders, Karls, Ottos, der großen Kaiser Gräbern suchen, meint ihr, daß man mehr als eine Handvoll Staub und Asche finden würde? So geht's
mit uns anderen auch; unsere große Mühe—
waltung, Sorge, Arbeit, Ehre, Gelehr— samkeit und anderes Schattenwerk läuft endlich auf eine Handvoll Erde aus. Darum, wenn der weise Mann uns so fein hoch, wie der Frosch im Mondenscheine, sieht


