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Geheimrat von...

(1. Kor. 2, 14). Dieses Mißverständnis der geist— lichen Dinge ist auch der Grund, auf dem aller— hand Disteln und Dornen wachsen.

Freilich stechen sie manchmal. Aber die aus dem Geist geboren sind, wundern sich nicht. Hat es doch der Herr zuvor gesagt:„Selig seid ihr, wenn euch die Menschen um Meinetwillen schmähen und verfolgen und reden allerlei Übels wider euch, so sie daran lügen.“ Sorgen wir nur, daß dies „So“ allezeit bei uns zutrifft.

Was für ein Alrteil sprichst du dir?

Der„Pilger aus Sachsen“ Begebenheit:

„Nun kein Wort mehr! Ich habe ihm alles aufrichtig vergeben, ich wünsche ihm alles Gute, aber sehen mag ich ihn nicht wieder. Von Verkehr zwischen uns kann niemals wieder die Rede sein.“

Der, welcher diese Worte sprach, war der

Kein ernster, aufrichtig Seine Frau wagte nichts zu

erzählt folgende

frommer Mann. erwidern. Es war die Rede von einem Verwandten, der, früher selbst Beamter, Herrn von* schlimme Verlegenheiten bereitet und ihm auf eine Weise zu schaden gesucht hatte, welche das Herz eines jeden Menschen, der solche Erfahrungen macht, empören muß. Als der Verleumder durch seine eigene Schuld ins Unglück geriet, leistete sein Vetter ihm dennoch Hilfe. Aber ihn sehen, mit ihm umgehen wie einst, wollte er nie wieder, das war ihm zu viel verlangt, und in seiner ge— wohnten entschiedenen Weise erklärte er dies seiner Gattin, als sie ihn darauf aufmerksam machte, daß gerade die persönliche Wiederanknüpfung für seinen ehemaligen Beleidiger von höchstem Werte sein würde. Zbwei Jahre später trat eines Tages der Pfarrer der Gemeinde in das Haus des Geheimrats.

Er hatte einen Krankenbesuch zu machen, und

*

dem Hausherrn selber galt

dastehen,

herrn dieser Besuch.

„Es ist keine Hoffnung auf Besserung mehr, und er weiß es“, hatte der Hausarzt heute dem Geistlichen gesagt. Kein Wunder, daß diesem das

erz schwer war; er sollte einen aufrichtigen reund, ein treues, lebendiges Gemeindeglied ver—

lieren und hätte wohl fragen mögen:„Warum

schon jetzt, Herr?“ Aber noch was anderes lag

ihm schwer auf dem Herzen.

Durch die stillen Gemächer, die so verödet wenn der Todesbote sie durchschritten

hat, führte man ihn an das Krankenbett und ließ ihn mit dem Sterbenden allein. Dieser begann selbst von seinem nahen Ende zu reden, und der Seelsorger hätte sich wohl freuen mögen, als er bekannte:„Meine einzige Hoffnung ist, daß Er zu mir sprechen möge, wie zu dem Schächer an seiner Seite: Heute wirst du mit Mir im Paradiese sein.“

Aber des Pfarrers Gesicht drückte nur Traurig— keit aus, und der Kranke faßte plötzlich seine Hand und fragte eindringlich:„Glauben Sie denn, daß Er mir ein anderes Urteil sprechen wird?“

Der Geistliche schwieg noch einen Augenblick, dann sagte er mit tiefem Ernst:„Ihr Urteil, teurer Freund,— haben Sie es nicht alle Tage selbst gesprochen?“

„Was meinen Sie?“ fragte jener in höchster Spannung.

„Ich meine, daß Sie alle Tage gebetet haben: „Vergib uns unsere Schuld, wie wir vergeben unsern Schuldigern.“ Sie haben ihrem Schuldiger vergeben, es ist wahr, Sie haben ihm alles ver— geben; aber sehen wollen Sie ihn niemals wieder, zu tun wollen Sie nichts mehr mit ihm haben. Kann es der Herr nun anders machen, als so, wie Sie ihn tausendmal aufgefordert haben zu tun, und wie er selbst bestimmt erklärt hat, in jedem Fall tun zu wollen? Muß Er nicht sagen: Ja, deine Sünden habe Ich dir vergeben, aber Meine selige Gemeinschaft kann Ich dir nicht zuteil werden lassen, vor Mein Angesicht darfst du in Ewigkeit nicht kommen“?“

8 Tiefe Stille trat ein. Dann folgte ein heftiger Anfall von Schmerzen und Beklemmung, und der Pfarrer entfernte sich in großer Unruhe.

Am nächsten Tage ward er schon früh gerufen, der Kranke wünschte mit seiner Gattin das heilige Abendmahl zu empfangen. Wie ward dem Seel— sorger aber zumute, als er noch einen dritten fand, welcher mit jenen beiden auf die unaussprechliche Gabe wartete und nun mit ihnen zusammen das Mahl des Herrn genoß!— Es war jener Mann, den der Geheimrat nie wieder hatte sehen wollen.—

„Gott sei Dank, es war noch Zeit für mich, ihm so zu vergeben, wie ich hoffe, daß mir selbst vergeben werden möge!“ flüsterte der Sterbende dem Pfarrer zu.

Was für ein Urteil sprichst du dir, lieber Leser, so oft du betest:„Vergib uns unsere Schuld, wie wir vergeben unsern Schuldigern?“ Wie ist deine Vergebung beschaffen?