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Gemeinschaftsblatt für Hessen.
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Nr. S.
Sonntag, den 23. Februar 1913.
b. Jahrg.
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Ein Distelstrauss.—
In einem Volkslied heißt es:„Die Dornen und die Disteln, die stechen, ach, so sehr, doch falsche, falsche Zungen noch viel mehr.“ Im folgenden möchte ich einen Distelstrauß zusammen— binden, nicht freilich, damit wir uns daran ärgern, sondern damit wir sie als Disteln erkennen und unsere Finger hüten. a
Welche Distel sei die erste? Die Reihenfolge ist gleichgültig. So wählen wir eine recht kräftige, üppig ins Kraut geschossene Vertreterin ihrer Gattung.
„Ihr Gemeinschaftsleute seid Sek⸗
tierer.“ Wie alt ist diese Beschuldigung! Als Paulus nach Rom kam, hatte er bald eine Be- sprechung mit den Juden. Sie antworteten ihm: Wir wollen von dir hören, was du hältst; denn von dieser Sekte ist uns kund, daß ihr an allen Enden widersprochen wird(Ap. 28, 22).„Die Sekte der Nazarener“ spielt ferner eine wichtige Rolle in der Klageschrift des Tertullus gegen Paulus,„den Vornehmsten dieser Sekte“ (Ap. 24). . Sektierer wurden die Väter des Pietismus, Aug. Herm. Franke und Spener gescholten, Sek— tierer ward Graf Zinzendorf, Tersteegen geheißen, Sektierer mußte Louis Harnis sein. Was Wunder, wenn auch heute diejenigen, welche nicht mit der tollen Welt, aber auch nicht mit der christlich an— gestrichenen Welt gehen wollen, Sektierer genannt werden. Besser mit Jesus Sektierer heißen als mit Hannas und Caiphas im Synedrium sitzen. Besser mit'Huß verbrannt werden, als mit Kaiser Sigismund erröten müssen.
Zweite Distel:„Ihr Gemeinschaftsleute wollt besser sein als die anderen.“ Auch diese Distel ist keine Seltenheit im Lande. Sie wächst an Hecken und Zäunen, und daß sie stachelig ist, wird jeder erfahren, der sie aurührt. Sie trägt nicht eine Blüte. Ein ganzes Knäuel derselben sitzt vielmehr auf einem Stamme. Nennen wir einige dieser Blüten:„Ihr seid Pharisäer.“ „Ihr seid selbstgerecht.“„Ihr seid scheinheilig.“ „Ihr wollt über andere richten.“ Was ist denn der Grund, daß auch von fast ganz gebildeten Menschen diese Blütenlese von Vorwürfen denen präsentiert wird, welche es wagen, sich zur kleinen Herde der Jünger Jesu zu zählen? Was haben denn diese Armsten verbrochen, daß sie so gelästert werden?
Sie haben gesagt:„Wir sind bekehrt.“ Ja, ist denn das nicht grenzenloser Hochmut? Es würde Hochmut sein, wenn bekehrt sein
hieße, eine hohe Stufe geistlicher Vollkommenheit
erstiegen haben, oder bekehrt sein hieße, große Taten getan haben. Doch heißt es das nicht— Bekehrt sein heißt, umgekehrt sein vom Irrwege, bekehrt sein heißt, aus der grausamen Grube und aus dem Schlamm herausgezogen sein, bekehrt sein heißt, vom Kot des Sündenschmutzes ge— waschen sein, bekehrt sein heißt, wie einst jene zitternde Arme vom Ritter St. Martin in seiner Blöße bedeckt wurde, so in der eigenen Blöße bedeckt zu sein mit dem Mantel der Gerechtigkeit Christi. Ist das Hochmut? Wenn jemand das erlebt hat— und man kann es erleben durch Gottes Gnade— sollte das hochmütig und nicht vielmehr demütig machen?
Doch das unverträgliche Besser sein wollen
wie andere! Ist denn das ein Besser sein wollen
als andere, wenn solche, die erkannten, daß sie nicht besser waren als andere in Christo ein besser Teil erwählt haben und das nicht wieder lassen wollen? Gönnen wahre Christen denn nicht ihr besser Teil den anderen? Wie


