Nummer 59
Mittwoch, den 11. Mörz 1914.
7 Jahrgang
eue Tageszeitung
->- „Br»» ?age»,e>tunv" erscheint I«den Werktag. Regelmäßige Beilagen „Der «aner au« Dessen". „Die Spinnllub«". Le.ngopeei»! Bei den Postanstatten v,«r,el,ahi„ch Mk l <i5 bei de» Agenten monailich so P,g. Hinzu tritt Postgebühr oder lrägerlohn. Kn,eigen: Srundzeile rn Pfg., lokale 15 Psg, An,eigen von auswärts werde-, durch Poinachnahme erhoben Ersüllungsort Friedberg. KchrifNeitung «nd Verlag Friedberg (Hessen), Hanauerft,age 12. Femlprecher 18. Postjcheck-Conto Nr. 1859, Amt Frenlsurt a. M.
Ueberstcht.
— Das Garnisonsgericht in Wien dernricilte gestern den Oberleutnant Jakob vom 4. Husaren Regiment wegen Spionage zu 17V£ Jahren schweren Kerkers und zum Verlust der Charge.
— Der Polizeivorfteher Echebajcw in Petersburg wurde aus seiner Polizeiwache bon dem Rediernufseher Iwanow infolge dienstlicher Zwistigkeiten erschossen. Als der Mörder verhaftet wurde, dcrgistete er sich.
— Aus schreckliche Art verunglückte gestern der englische Militürsliegrr Hauptmann Dorner vom Rorthampto» Regi- ment. Als er über Upavon auf cinein Zweidecker 2000 Fuß doch flog, explodierte der Motor, Warans der Unglückliche zur Erde herabsturztc und in furchtbar verstiiminclte». Zustande tot ausgesundcn wurde.
— Rach den letzten in Madrid vorliegenden Meldungen, haben die spauische» Wahlen folgende Resultate ergeben: Konservative 233, Liberale (Romanonisten) 30, deinokratische Liberale 30, Republikaner der republikanisch-sozialistischen Koalition, reformierte Republikaner 11, Traditionalisten 4, Katholiken 5. Aus sieben Wahlbezirken stehen die Resultate noch aus.
— Wie dem „Berliner Tageblatt" aus Ahlnn im Ar- »lenierbczirk Bitlis gemeldet wird, zrrstörtr dort ein Erd- brben 442 Häuser. Zwei Leichen sind bis jetzt geborgen worden. In Agtschr wurden 10 Häuser zerstört. Die Negierung landte 100 Zelte für Obdachlose ab.
— Große Betrügereien hat in Aegtzpten der deutsche Briinnenbaunnternehmer Otto Dessau verübt. Er ist ans Kairo geflüchtet. Dessau hat mehrere ägyptische Bauern um zirka 50 000 M betrogen, indem er die Vorausbezahlung für Brunncnbanten verlangte.
— Nach einem Telegramm deS Gouverneurs von Madagaskar ist der östliche Teil der Insel vo» einem schweren Zicklv» hei,„gesucht worden. In verschiedenen Städten sind viele Gebäude eingestürzt. Die telegraphischen Verbindun- oen sind zum Teil »nterbrock>en. Auch die lleberschwemmung !>at große Verheerungen angerichtct. 16 Eingeborene kamen in den Flute» um.
— In Washington und Mexiko City erhält sich hart- -läckig dos Gerücht, daß Huerta demnächst von der Präsident- ichnft ziirücktreten werde und Jos^ Portilloy Rogas, der ,c i-.ige Minister des Aeußerc», zum provisorischen Präsidenten eingesetzt werden soll. Eine Entscheidung wird inner- balb 14 Tagen erwartet. Inzwischen wird sich Präsident Huerta zeitweilig vom Anitc zurückziehcn, um die Campagne
egen die revolutionären Elemente im Norden Mexikos z» leiten.
iiithpmlk. Mchpttije tntb Zozialdmlikratik.
Nachdem die „Sozialistischen Monatshefte" aus das Sinken der Getrcidepreise nachdrücklich hingewiesen haben, wird auch das Fallen der Viehpreiso von sozialdemokratischer Seite unnniwunden zugegeben, lind zwar ist das Münchener Cozialistendlatt, das unter der Uebcrschrist „Herunter mit den Fleischpreiscn"! u. a. folgendes ausführt:
„Die zu Beginn dieses Jahres (vom Statistischen Amte der Stadt München. Red.) angesertigten Tabellen und graphisck>en Darstellungen zeigen sehr deutlich, daß die Biehpreise seit Mitte oder Frühjahr 1913, besonders aber in den letzten Monaten, bedeutend rascher gefallen sind, als die Fleischpreise. Bei einzelnen Sorten, wie z. B. beim Mastochsenflcisch, weisen die Preise trotz des erheblichen Rückganges der Viehpreise überhaupt noch keine wesentliche Senkung aus."
Der „Schwäbische Merkur" bemerkt dazu:
„Das Sinken der Viehpreise wird hier von der „Münchener Post" mit aller Dei-.tlichkeit zugestanden: ja, es ilt sogar von einem „erheblichen" Rückgang der Viehpreise die Rede. An dieses Eingeständnis wird man erinnern dürfen, wenn die sozialdemokratische Agitation wieder über den „Wuchertaris" zetert und hohe gleischpreise als etwas Unabänderliches ausgibt, das von unserer, angeblich nur auf das Wohl der Großgrundbesitzer bedachte» Schutzzollpolitik nicht z» trenne» sei. Wenn die „Münchener Post" im Anschluß an ihre oben wiedergegebcnen Ausführungen einen dringenden Appell an die Fleischer richtet, mit de» Fleischpreise» dem jeweiligen Stand der Diehpreise ungesäumt zu folgen, so wird man die grnnd- tätzliche Berechtigung dieses Standpunktes nicht bestreiten. Es braucht darum nicht verkannt zu werden, daß für die Fleischer hierbei insofern eine Schwierigkeit be- steht, als sie umgekehrt Bedenken tragen müssen, die Fleischpreise sofort auch den steigenden Viehpreisen an- zupasscn. Es sollte aber »ater Abweichung vo» dem bisherigen Brauch von den Jleisthern unbedingt eine schnellere Anpassung an die Konjunktur der Viehpreise gesucht werden, als cs bisher der Fall war. Das frühere Brinziv. bei Stcioerrmaen des Viehpreisrs nicht gleich
die Fleischpreise zu erhöhen, um beim Fallen der Vieh- Preise durch Beibehaltung der höheren Fleischpreise die früher erlittenen Verluste wieder hereinznbringen, hat sich in der Hauptsache überlebt. Die neue Zeit verlangt eine schnellere Ausgleichung in beiden Richtungen, und wenn dieses Verlangen erfüllt wird, ist eine wesentliche Voraussetzung für die richtige Beurteilung des Problems der Fleischpreise gegeben."
Auch die „Schwäbische Tagwacht", das Organ der württcmbergischen Sozialdemokratie, geht dein Zwischen- Handel zu Leibe. Das Blatt schreibt:
„Der Zwischenhandel mag sich sträube», wie er will, kein, noch so heftiges Abstrciten nimmt von ihm die Schuld, die Lebensmittelteuernng noch künstlich vergrößert zu haben. ...
Aus Offenbach wird folgender Vorgang mitgetcill: Die Viehhändler kanfen die Schweine, die ihnen in größerer Anzahl angeboten werden, zu außerordentlich günstigem Preise ein. Uni aber ihren Verdienst zu steigern, verringern sie künstlich den Auftrieb aus den Viehmärkten der Offenbacher Gegend dadurch, daß sie einen Teil dcs Auftricbes in andere Gegenden abschieben. . . ."
Diese Einsicht über das nicht einwandfreie Verhalten der auf einen guten Verdienst bedachten Viehhändler kommt ja zicinlich spät. Seit Jahren wird von konservativer Seite darauf hingewiesen mit dem Erfolg, daß die sozialdemokra- tische Presse uns als „Preßkulis" der Jlinker hingestcllt hat. Immerhin kann man sich jetzt auch im konservativen Lager über den roten Sünder, der Buße tut, freuen. Es wird sich noch oft Gelegenheit geben, mi* diese sozialdemokratische Kri- tik des Gebarens der Viehhändler znrückzugreifen, insbesondere dann, wenn fozialdeinokratische Agitatoren in der Stadt in dieser Frage vor den Arbeitern die Schiild der Fleischteuerung der Landwirtschaft zuschiebcn wollen.
Sozialdeiiiokr. Ausschreitungen
bei einer Versammlung zur Krankenknssenwahl.
Wir lesen in der „Ossenbacher Volkszeitnng":
In einer zu Mainz zur Ortskrankenkassenwahl einbe- rusenen Versammlung der christlich-nationale» Angestellten, in der Reichstagsabgeordneter Decker-Arnsberg sprach, ließen sich die Sozialisten schwere Ausschreitungen z» schulden kommen. Trotzdem ihnen von dem Versammliingsleitcr Bockins, obschon nur nichtsozialistiiche Angestellte einge- laden waren, freie Diskussion zugesichert wurde, veranstaltete» sie schon bei den durchaus sachliche:: Ansführinigen des Referenten derartige wüste Tumulte, daß selbst der Versammlungsleiter kaum »och zi> Worte koinme» konnte. Bei der nach dem Referat erfolgten Diskussion wurde der sozialistische Redakteur Schildbach ruhig angehört, während der katholische Arbeitersekretär Knoll vo» den Sozialdemokraten niedergeschrie» wurde. Da selbst die anweser.deu sozialistische» Wortsührer nicht in der Lage waren, die sanatischen Genosse» zu beruhigen, schloß Dr. Bockins die Versammlung. Es setzten Szenen ein, die man kauin beschrcibkii kann. Die Sozialdemokraten, darunter Fralien, stürmten nach dem Vorstandstisch. Die Herren des Vorstandes wurden mit Bier überschüttet: ei» Bierglas, das nach feem Abgeordneten Vieler geworfen wurde, verfehlte glücklicherweise sein Ziel, aber ein »ebcii ihm stehender Herr wurde vollständig mit Vier überschüttet. Eiii sozialistischer Gewerkschaslssekrctär entriß dem Vorsitzenden die Schelle und versuchte eine sozialistische Versammlung zu eröffnen. Dir Situation war beängstigend. Cs gelang de» sozialistischen Partei- und Ge- werkschaftssührern nur mit großer Mühe, die vo» ihnen entfachten Leidenschaften zu bändigen und ihre Genossen von tätlichen-Angriffe» ans die Herren des Vorstandes abzuhalten. Die VcrontUiortung für die skandalösen Vorgänge, die voraussichtlich »och ein gerichtliches Nachspiel Haber werden, trage» die sozialistischen Führer, die ihre Leute au? einer sozialistischen Versaminliing in die christlich-nationale Ver- fammlung führten, mit der ausgesprochenen Absicht, dieselbe zu stören und unmöglich zu machen
Das Ergebnis der vorgestrigen Wahl war folgendes: I» der Gruppe der Arbeitgeber erhielten die Bürgerlichen 1461 und die Roten 170 Stinimen. Mithin sind gewählt 27 Bürgerliche und 3 Sozialdemokraten Bei den Arbeit- »chinern erzielten die Soziald -niokrk.te» 356) »nd die Bürgerlichen 2573 Stimmt», gewählt sind 46 Sozialdemokraten „nd 14 bürgerliche. Tein Ans! -giß gehöre» alio in: 41 Bürgerliche »nd 19 Sozialdemokraten. Eiii Ergebnis, wc- »lit die vereinigten bürgerlichen Parteieil vollauf zufrieden sind. Gelang cs doch, eine sozialdemokratische Zwcidrittrl- Mehrheit z» vcrhmderu.
Preußischer Landtag.
Am Dienstag wurde die Beratung der Etats der Handels. und tf, »a a„ Ende ocfiifjrt.
Ab«. Dr. Ei pp mann (Natt.) wünscht eine noch stärker, Förderung der nichtgewerbsmäßigen Stellenvermittlung uni der Rechtsberatungsstellen für die minderbemittelte Beoälke rung.
Abg Dr. Fl c sch (Fortschr.) »erlang« für die Arbeitsnach. weise in erster Linie die paritätische Grundlage.
Ein Regierungsvertreter wies erneut daraus hin, daß d!e Jnnungeu das Recht hätten, ihren Mitglieder» die Benutzung der Jnnungsnachwcise zur Pflicht zu machen,
Abg. L c i n e r t (Soz.) nahm die Facharbcitsnachweise >n Schutz gegen den Vorwurs der Parteilichkeit.
Abg. Dr. E r ü g c r - Hagen (Fortschr.) bat de» Minister um Vorlage einer Denkschiiji über die Entwicklung des gewerd lichen Genossenschaftswesens.
Handelsminister Dr. Sydow antwortete, es sei nicht Sache der Elaatsregierung, eine Deukschrist als Werbeschrift herauszugebcn. Die Regierung köiine iiicht in de» Streit über den Wert der Genoffenschasten ciugreiscn.
Aus kurze Wünsche der Abgg. V e l t i n (Ztr), Dr. Schröder - Caffel (Rail.), Le inert (Soz,) antwortete Geheimrat Frankel, daß die Kgl. Porzellanmanusnliur schon seit den vüer Jahren einen kaufmännisch geregelte» Betrieb erhalten habe. Sie solle aber nicht ein Erwerbs-Institut, sondern ein Institut zur Förderung des Kuustgewcrdcs sein. Jährlich »e- serc aber trotzdem die Poizcllanmaniisattur etwa 100 000 Mart an die Staatskasse ab. Arbeiterklagcn seien der Verwaltung nicht zugegangen. Abg. Lcinert müsse falsch unterrichtel sei».
Rach weiteren unwesentlichen Bemerkungen des Abg L c i n c r t (Soz.) schloß die Debatte.
Damit war der Etat der Haiidelsvcrwaltung erledigt.
Bei Beratung des Bergetats stellte Abg. v. Hassel (konl.) sest, daß Rußland und Frankreich neuerdings mehr deutsch« Kohlen beziehen. Er wünschte, daß das Kohlcnsyndikat unlc» Beteiligung des Staates wieder zustande kommen möchte. Für das Lebe» und die Gesundheit der Arbeiter müßte das Mög lichste getan werden.
Abg. Brust (Ztr.) wünschte, daß der Staat bei der Preisbildung des Kohlensyndilats Mitwirken möchte und die Jutcres» scn der Konsumenten berücksichtige,
Abg. Althoss (Rail.) hielt es nicht fiil erwiesen, das Zechen stillgclegt worden wären, die nicht rentabel gewesen seien.
Abg. Gantert (Fortschr.) erklärte, seine Freunde seien Gegner des Syndikats, Das Ausland dürse selbstocrständllch die Kohlen nicht billiger erhalten als das Inland.
Obcrbcrghauptmann v. Belsen bemerkte, daß die Regie, rung nicht ein neues Gesetz über die Stillegung der Zechen ge denke.
Nächste Sitzung: Mittiooch 11 Uhr: Fortsetzung. — Schlaf 345 Uhr,
Venttcher Reichstag.
232. Sitzung vom 10, März 1914, 2 Uhr.
Am Tische des Bundesrats: Or, Sols»
Kurze Ansrage.
Abg. Tussner (Zentr.) fragt an: Ist der Reichskanzler bereit, der vom Reichstage angenommenen Resolution, »cufs der gemäß 8 22 des Kaligesetzcs als vierte AiisgangsstitioU für die Berechnung der Frachten Colmar i, Elsaß fcstzusehess sei, Folge zu geben und die Vcrösscntlichung der Verordnung im Reichs gesetzblatt so rechtzeitig ersolgcn zn lassen, daß di« Sommer- >md Herbstabschlüsse der süddeutschen Landwirtschaft in Kali aiis der Feachlbasis Cvliiiar i. Elsaß erfolge« können?
Ilnterstaatssekretär Richier: Für die Berechnung de» Frachten kann die Festsetzung einer vierten im Elsaß gelegene» Ailsgangsstation erst in Erwägung gezogen werden, sobald die cllässischem Kalilverke in der Lage sind, den Bedarf zu decken. Das ist zurzeit noch nicht der Fall. In der Annahme, daß im lausenden Jahre 1914 noch einige eisäffisch« Werke Beteiligungszifser» erhallen und daß eine zweili gröbere Fabrik eröffnet werden kann, wird voraussichtlich i« der zweiten Hälttc des Jahres 1914 eine vierte Allsgangsstation im Elsaß festgesetzt werden können.
Tie allgemeine Erörterung des Kolonialetatt wird fortgesetzt.
Abg. Schwarze-Lippstadt (Zentr.): Herr Henke hat ,,»r beweislosc Behauptungen aiifgcstellt. Er hat die Pflicht. Tatsachen anzusühren. Er hat aber nur Einzclsällc verallgemeinert. Die gute Entwickelung der Kolonien ist zum er» heblichc» Teile der Fürsorgetätigkeit der Missionen zn vev danken. Sie haben erst die Eingeborenen zn praktisch,«, Arbeit erzogen. Das sollten wir durch eifrige Förderung de, Missionen anerkennen. Wenn »ian Dahlien erst baueii wollt« ans Grund von Rentabilitätsberechnungen, dann könnte man lange warten. Durch die Bahnen soll ja erst der Han- del entwickelt werden. Tie Missionen erziehe» die Reger eist zu nützlickren Menschen lind zwar nach dem Grundsätze ora et labora (bete und arbeite). Eine bessere Behandlung der eingeborenen Arbeiter verlangen auch wir. Tic Arbeiter müssen die Erlaubnis haben, ihr» Frauen zum Arbeitsort mitzunchmen. Dadurck» schon «in« bessere Eenährunas»


