Nummer 52 Dienstag, den 5. Nlärr 1914. 7. Jahrgang?
.Ci« „iirur Eagr»»rit»ng" erscheint jeden Werltag. Regelmäßige Beilagen „Der Kauer an» Kessen", „Die Kplniissnbe". Keiugaprei«: Bei de» Postanstalten viencliährlich Pik. I.SS bei de» Agenten monatlich 5V Psg. hinzu tritt Postgebühr ober Trägerlohn. An>eigcn: Erundzeile 20 Psg., lolale 15 Pjg„ Anzeigen von ausmäris werden durch Postnachnahme erhoben ErMungsort Friedberg. KchrMleituag and Verlag Friedderg l Hessen), Hanauerstrasti 12. Fernsprecher 48. Postschest-Lunl» 91r. 48.',«, Am» Fronllur« o. M.
Ueb erficht.
r — Wie soeben bekannt wird, hat die reichsländische Re- girrnng für ihre Beamten ein Verbot erlassen, wonach diese der Liga zur Verteidigung Elsaß Lothringens nicht bertreten dürfen.
— Prinz Mahidol von Siain tritt von, kommenden Frühjahr ab zu seiner Ausbildung als Seeoffizier in die deutsche Flotte ein.
— Gestern abend wurde am Sterbelager des Kardinals Kapp folgendes Bulletin ausgegeben: „Der Zustand ist hoff- »aagc-los. Das Leben des Patienten zählt nur noch Stun- brn. Tie Agonie ist bereits eiugetreten." Auster dem Geheimsekretär vr. Aegiver weilen noch Wcihbischof vr. Augustin-Breslau und Kamerialsckrctär vr. v, Pohl an dem Sterbelager des Kardinals.
— Ein zweiter hoher Kirchcnsürst ist gefährlich erkrankt. Im Befinden des Bischoss von Osnabrück, Vr. Hubertus Post, ist gestern eine Verschlimmerung eingetrcten. Das Ableben des Bischofs, der an Kollaps leidet, wird stündlich erwartet.
— Die norwegische Bark „Tasmar" ist in der Ostsee gekentert. 13 Mann der Besatzung sollen hierbei den Tod gcsuudc» haben.
— Aus der Garnison des 11. Alpenjäger-Regimentö »Frankreich) wird ein neuer Todesfall infolge Lungentenzün- dung innerhalb 10 Tagen gemeldet. Mehrere andere liegest schwer krank darnieder. Auch in der Garnison von Montpelliers lästt der Zustand noch immer zu wünschen übrig, seit dem 1. Februar find beim 81. Jnsanterie-Regim-nt 19 Todesjälle zu verzeichnen.
— In den Vereinigten Staaten wütet ununterbrochen seit Sonntag früh ein Schneesturm. Der Verkehr Im ganzen Oste» ist ins Stocken geraten. In Rewyork und anderen Städten sind die Telephon und Telcgraphcndrähte gerific». Zeh» Personen sind bis jetzt umgekommen. Man plant, den Armen Obdach in den Kirchen zu geben. Der Bahuvcrkchr
Westen und Süden ist gestört.
— vr. Wenzeslaus Braz und Urbano Cantos find gestern zum Präsidenten bezw. Vizepräsidenten der Republik Brasilien gewählt worden.
— Der „Daily Telegraph" erhält aus Peking die Mitteilung, dast der Meiste Wolf trotz der offiziellen Berichte über Niederlagen eine lebhafte Offensive aufrecht erhalt. Es verlautet sogar, daß die Truppen der Regierung unzuverlässig geworden seien.
Wik liickt» int Zolltarif tuirknt.
Wie jede Lücke in dem deutschen Agrar-Schntzzoll vom Auslande zur Steigerung seiner Ausfuhr zu uns ausgenuht wird, das haben wir ja schon an der gewaltigen Zunahme der Gersteneinfuhr erfahren, nachdem der Zoll für sogc- nanute Futtergcrste bis auf % oder V* der übrigen Ge- treidezollsätzc herabgesetzt worden war. Eine relativ noch bedeutendere Entwickelung hat die Einfuhr an Rahin aufzu- - weisen, dem überhaupt kein Zoll hindernd im Wege steht. Im verflossenen Jahre wurden vom Auslände her bereits 143 745 Doppelzentner Rahm im Werte von 81617 Millio- >ien Mark ans den dentsck)er» Markt geworfen, 24 250 Doppel- ;entucr mehr als im Vorjahre. (Dazu kamen noch 327 895 Doppelzentner Milch im Werte von 4,8 Millionen Mark.) Trotzdem der Einstihr von Milch und Rahm natnrgeinäst nigcrc Grenzen für den Transport gezogen sind als der Lnttcrcinsuhr, hat der Import jener zollfrei gelassenen Produkte in einem verhältniSniähig kurzen Zeitraum dem Werte lach säst den dritten Teil des Buttereinftihrwertes erreicht »rund 10 gegen 123 Millionen Mark) und durfte sicher in demselben Verhältnis wie bisher weiter steige», je mehr man es lernt, durch technische und Vcrkehrsvcrbeffernngen den Bezugskreis uni die deutschen Grenzen herum zu erwci- lcrn, Millionen au Zolleinnahmen gehen hier dem fccutfd)en .'ücirije zugunsten der ausländischen Prodrizenten verloren, wenn diese von den Liberalen gewollte Lücke im dciiftchcn Schutztarif nicht,ansgeftillt wird.
Wenn jene Liberalen und Demokraten auch hier wieder neben de» ausländischen die Interessen der inländischen Ko»- sumentcn für ihre Ablehnung der agrarischen Ausgleichs- Zollforderung in das Treffen führen, so ist das lediglich zoll- i-indliche Prinzipienreiterei und Spiegelsechierei, TaS zeigt I sich deutlich, wenn man beachtet, wie der Mehrcinfuhr von 11254» Toppclzeutncr Rahn, eine Mindereinfuhr von 18 136 Doppelzentner Butter gegenübersteht. Die dcuffchen Bnt- trrkonsl,menten hatten der zollsrcien Rahiueinfuhr also nicht einmal ein Mehraugebot von Buffer aus ausländischem Rahm zu verdanken. Tie Zufuhr zollpflichtiger ausländische Butter verminderte sich um ein gröstcrcs Quantum, sts aus dem zollfrei cingeführten Rahm im Jnlaudc gewonnen Ivorden ist. Die deutschen Koi suuieiitcn zogen also i>» verflossene» Jahre gar keine» Nutzen ans dieser in un- ml Agrnrzolltaris klaffende» Lücke, die Reichskaste da
gegen hafte schon jetzt eine» lediglich dem Auslande zugute kommenden Ausfall von rund 10 Millionen an Zollein- nohmen, die deutschen Milchviehhalter in den von der zollfreien Rahmeinfuhr besonders betroffenen Grenzbczirkcn eine sehr wesentlick>e Schädigung zu beklage».
Die englische Armee.
Obtvohl seit langem »lohnende Stimmen sich erheben und militärische Autoritäten wie Lord Robert? lebhaft dafür eingetreten sind, dast England nach dem Muster Deutschlands und anderer Mächte die allgemeine Wehrpflicht einsllhren mühte, kann man sich im britischen Reiche noch immer nicht dazu entschliehcn. Mail legt nach wie vor nicht niit Unrecht das Hauptgewicht der Verteidigung des HeimatslandcS auf eine starke Flotte, an deren Verinehrung Jahr für Jahr unter großen Opfern weiter gearbeitet wird. Eine starke Kriegsflotte ist noch Ansicht der Machthaber durchaus i nt Stande, jede» Angriff zurückzuwciseu, und den au sich schon ungemein schwierigen Seetransport einer Jnvasiousarmee fern zu haften. Mit einem kleinen stehenden Heere glaubt man ganz gut auskommen zu können, im Ernstfälle ständen noch die Freiwilligen und die Miliz zur Bersligung, die insgesamt durchaus in der Lage wären, das Land zu verteidigen. In manchen Kreisen ist man jedoch der Ansicht, dast eine derartige Verteidigung zu Lande bei weitem unzureichend sei und daß Maßnahmen getroffen werden niüßtcn, um eine Laudarnice zu sck>affen, die den modernen Ansprüchen in jeder Hinsicht gewachsen ist. Vor allen Dingen gewinnt eine Bewegung an Ausdehnung, nun endlich die allgemeine Wehrpflicht auch in England durchzusühren, da diese allein es ermögliche, über eine ausreichende Landesverteidigung zu verfügen. Eine Abordnung von Vertretern verschiedener Parteien, denen sich hohe Militärs und Admiräle anschlossen, hat sich am Freitag zum Premierminister Asquith begebe» und sich ihnl gegenüber für eine allgemeine Wehrpflicht in England ausgesprochen. Wenn anch nicht ganz unerwartet, aber dock) entgegen verschiedentlicher Annahme bekam die Deputation in reckst schroffer Weise einen völlig ablehnenden Bescheid. Herr Asquith erklärte, wie bereits gemeldet, der ReichsverteidigungsanSschuß sei in dieser Frage einmütig zur Ansicht gekommen, daß die Flotte wie bisher imstande sei, daS Land gegen einen Einfall zu schützen. Er sei nicht für eine obligatorische Dienstpflicht und glaube, daß !m Hinblick auf den gegenwärtigen Zustand der Flotte und des Heeres die Befürchtungen vor einem Einsallc grundlos seien. Allerdings hat auch heute noch die allgenieine Wehrpflicht in England zahlreiche Gegner, namentlich in den Kreisen, des Handels und der Industrie und es kann als sehr fraglich gelten, ob ein entsprechendes Gesetz auch nur eine bescheidene Mehrheit im Parlamente auf sich vereinigen würde. Bei unseren Vettern erfreut sich der Soldatcnstand keiner sonderlichen Achtung. Er gilt als ein Beruf, und cs sind nicht immer die besten Eleniente, die sich anwerben lassen. Unter diesen Umständen dürfte cS mit einer gründlichen Reforni der englischen Armee noch weite Wege haben, wenn man nicht eines Tage? böse Erfahrungen inockst, wie zu Beginn deS Burenkrieges.
Dentkcher Reichstag.
Der Reichstag verwies am Montag die neue Pesoldnngs- ordiiung ohne Erörterung an die Budgetkommissioii und begann die allgemeine Erörterung des Postciatk-,
Abg. Ebcrt (So,;.) worf der Verwaltung die Vcrsolgung fiskalischer Interessen vor und behauptete, sic habe in der Zaberner Postafsärc lediglich vor Oberst v. Reuter stramm gestanden und die Beamtenschaft kläglich preisgegeben.
Staatssekretär Krartke erhob Widerspruch und nannte das eine Uebertreibung. Er habe in der Kommission lediglich erklärt, daß die vom Oberst v. Reuter behaupteten Totsachen richtig seien. Wohin solle das führen, wenn seinen Worten etwas anderes nntcrgelegt werde? Solche Vorwürfe komme» »uii gerade von sozialdemokratischer Seite, die häufig allcrschwerstc Vorwürfe gegen die Beamten erhoben und erst nach längerer Anssordernng widerrnsen haben. (Beifall.)
Abg. Nacken (Zcntr): Ter Postetat ist diesmal reckst vorsichtig aiifgestellt. Erftcnlich ist, daß die Verwaltung sich entschlossen hat, Postkrcdilbriese einznsührcn. Anch daß sie mehr Maschine» in ihre» Dienst stellt, verdient Anerkennung. Das Postscheckgesetz bringt allerdii!- * mir kleine Ver- bessernnge». Die Drirchführnng der Sonntagsheiligung »Hiß sich ermöglichen lassen. Tos Rheinland broncht bessere Telephonverbindnngcn. Den Poftlagerverkehc müssen wir einschränkeii. In Frankreich dürfen Postlagersachen an Mädchen unter 18 Jahren nicht ansgchändigt werden. Amerika geht noch schärfer vor. Hier cinzufchrciten, fordert der Selbsterhaltungstrieb des deutschen Volkes. Die bestehende» Krankenkassen reichen nicht ans. Die Verwüstung muß ihnen im Notfälle beispringen. Erfreulich ist die starke Zu- nahme des Paketprrkchrs narb dein Ausland«. Die Ervort-
industric wendet sich an nufere Kolonien mit gutem Erfolge. Wir brauchen anch einen schnelleren'Geschäftsverkehr nach dem fernen Osten. Im allgemeine» ist die Postverwaltung dem enormen Wachstnmc des Verkehrs gerecht geworden. Die Verwaltung darf aber nie vergessen, daß sic den, Verkehr dienen muß. (Beifall im Zciitriim.)
Staatssekretär Krartke: Ich möchte zur Kenntnis bringen, daß China dem Weltpostverein beigctreten ist und schon in diesem Jahre in Madrid zu der Konferenz als Mitglied erscheinen wird. (Beifall.) Dadurch werden wohl die Sckstvierigkcitc» behoben werden, die gegenwärtig bei der Abfcndnng von Geschästsvapiercn und Drncksochen nach China obwalten. Bei der Entwickelung des Brieftelegramm- Verkehrs gehen wir jedenfalls so schnell als möglich vorwärts, ja sogar schneller als andere Verwaltungen. Schon in diesem Jahre wird der Plan zur Ausführung gelangen, daß die Aufgabe von Brieftelegrammen nicht wie bisher erst von 7 Uhr abends an, sondern schon von 8 (Ihr o» erfolgen darf. 28 weitere Telcgraphenämter sind für diesen Verkehr ein- gestellt worden. (Beifall ) Es ist beabsichtigt, seift anch mit Oesterreich und Ungarn bezüglich der Brieftelegramme in ein näheres Verhältnis zu treten. Den Wunsch nach größerer Verbreitung der Automaten teilt auch die Postverwalfting. Nur sind die Apparat« einstweilen noch zieinlich lener, und wir halten es für richtig, dos allniähliche Herabgehen der Preise abznwarten, ehe wir mit der Aufstellung von Automaten in größerem Umfange Vorgehen. Automaten, die früher über 1000 M kosteten, sind jetzt um die Hälfte dieser Summe zu beziehen. Die Maschinen für Einschreibebriefe finden im großen Publikum keinen rechten Anklang, da sie nur eine Nummer, aber nicht den Namen des Briefschreffers registrieren können. Deshalb können nur größere Geschäfte die Postaufgabebücher haben sich mit einer solchen maschinellen Bestätignng zufrieden geben. Die Einrichtung der Postkreditbriefc werden wir bald treffen können. Tic Tele- graphenverbindnng zwischcm Berlin und Köln läßt gewiß mamches zu wünschen übrig. Die Einrichtungen einer unterirdischen Telegraphenlinie nach Köln werden beschlennigk und dürften in etwa zwei Jahren abgeschlossen sein. Die Postlagcrbricfe sind eine sehr ernste Frage, die uns eifrig bc- schüftigt. Zweifellos wird diese Einrichtung vielfach benutzt, mn Briefwechsel zu führen, der von den Angehörigen nicht gewünscht wird, aber es bestehen auch große Schwierigkeiten für die Postverwaltnng, dieses Uebel zu beseitigen. Wenn die Beamten erst Answeispapicre verlangen sollten, so würde das zu kolossalen Hemmungen des ganzen Verkehrs führen. Wir müßten unser Personal für Postlagcrbrlefe um das Dreifache vermehren, und der Nciscvcrkchr würde sehr umständlich werden. Und doch sind neue Erhebungen im Gange, ob nnd in welck)er Weise etwas geschehen kann, um die Bestrebungen zur Beseitigung des illegitimen Verkehrs zu sördern. Erfreulicherweise sind den Krankenkasse» be- rcits 82 000 Unterbeamtc mit 200000 Angehörigen beigc- treten. Wir haben nicht die Absicht, die Anstellung von weiblichen Bcaniten über das Maß hinaus zu vermehren. Wir stellen Beanitiiincn nur bei den Fernsprechämtern ein, da sic dort viel nützlicher als männliche sind, weil sie manch« männlich' Bemerkung, die beim Telephonverkehr kaum zu vermeiden sind, leichter ertragen als die Männer. (Heiterkeit.) Bei den Zuwendungen an bedürftige Beamte sind wir gezwungen, genau das Bedürfnis zu prüfen. Wir sparen an de» Fonds nicht, sondern geben „ns nur Mühe, die ganz Bedürftigen heranszufinden.
Abg. Bcck-Hcidelbcrg tnatl.): Bei der Ausstellung des Etals ist berechtigte Vorsicht geübt worden. Die Erfahrungen der letzten Jahre mahnten dazu. Tie Leistungen der Bahn bei der Beförderung von Postfach» ist ja gewiß nicht gering, aber man soll jie nicht übertreiben, denn anch die Post leistet viel für die Bahn. Das fiskalisch Interesse darf nicht in den Vordergrund treten. Die Hauptsache ist das Interesse der Allgemeinheit. Aber da wir ohne die Ueber- scküsse nicht mehr anckonniien. inüste» »Dir die Post leistungsfähig erhalten. Tie Postverwaltung, ihr Etat ist ein Spiegelbild unserer wirtschastlichen Enffvickelniig. Das Welt- porto und das Ortsporto muß verbilligt werden. Die Besol» dungsvcrhältnisse sind sehr resornibedürstig. Das beweiset die vielen Petitionen. Ta- Recht eines Beamte» als EtaatL- bürger, da? Petitionsrecht muß gewahrt bleiben. Die Ber- Ivaltnng sollte den Bramtcnwiinschen mehr Entgegenkommen zeigen. Tie Anstellung von Frauen sollte man nicht ein- schränkcn. Tie Krankenkassen mH ist'» am. gestaltet Iverden. Eine Mitversicherung der Familicnmitgliedcr erscheint wünschnswcrt. Tic Verwaltung sollte versuch», den Wünschen deS Publikums in bezug aus Verbilligung nnd Beschleunigniig des Verkehrs gerecht zu werden. Anch das Sparen könnte durch die Post erleichtert werden.
Abg. Di-, Ocrlcl (kons): Ter Anerkennnng des Etats durch meine Vorredner schließen wir »ns an. Die llcber- schnsse der Post brauchen wir. Fiskalische Interessen find nicht allein maßgebend, aber sie können nickst ganz zn,.,ckge- drnnqt iverden. I» der Preüe liest sich. immer, als ob


