Erscheint wöchentlich einmal.
Einzelne Exemplare bestelle man bei der Post vierteljährlich. Verlag der Buchhandlung der Pilgermission Giessen.
Redakteur: Stadtmissionar Herrmann-Gießen. Mitarbeiter: Pfarrer Sperber - Cassel, Pfarrer Strauß-Leipzig und die Prediger der Pilgermission. Druck von Otto Meyer, Gießen.
Nr. 43. Sonntag, den 25. Oktober 1914.
7. Jahrg.
Uilterrs Kaisers erste Siegesdepeslijk.
Kaiser telegraphierte seiner Toch- Itfä 1 . J 8». ter: „Gott der HErr hat unsere
yfix "'‘S"' braven Truppen gesegnet und ihnen deit Sieg verliehen. Mögen alle bei llns daheim Ihm auf den Knien ihre Daukgcbete darbriilgeit, möge Er auch ferner mit uns sein und unserm ganzen deutschen Volke! Dein treuer Vater
Wilhelm."
Wer unfern Kaiser kennt, der weiß, daß er selbst die Knie gebeugt hat, tatsächlich und buchstäblich, ehe er dies Telegramm absaudte. Möchte unser gaitzes Volk es erfasseit, was das Wort llmschließt: Die Knie beugen vor dem allmäch
tigen, heiligen gegenlvärtigeil Gott! Zwei Rufe gehen wie gewaltige Glockcnschläge durch unser ganzes deutsches Volk: Ter Kaiser rief zu deil
Waffen ! Gott ruft zur Buße!
Ganz Deutschland ist dem Rufe des Kaisers gefolgt. Herrlich, groß, beispiellos in der Geschichte Deutschlailds, ja in der Weltgeschichte, ist diese einmütige Erhebung unseres geliebten deutschen Volkes. Eine Nation von 66 Millioneil ist entschlossen, alles, ivas sie ist, hat uild vermag, für die Verteidigung ihrer Existenz einzusetzen. Tie beispiellos großartige Mobilmachung bedeutete eine Völkerwanderung, die sich in musterhafter Ordnung vollzog; sie glich einem Riesenapparat, der mit seiner kunstvoll zusammengesetzten Maschinerie ohne Hemmung und Reibung arbeitete. Dabei ist die Einmütigkeit unseres ganzen Volkes ein unaussprechlich großes Wunder, ein nie geahntes Geschenk göttlicher Gnade. Keine Men- fchenklugheit oder Bemühung hätte vermocht, dies
zu erreichen. — Gott allein konnte dies geben. Alle, hoch und niedrig, haben verstanden, daß es sich um Sein oder Nichtsein handelt für unser Vaterland, für Staat, Volk und Familie. Es handelt sich um alles, was uns teuer ist auf Erden.
Aber dieser Kampf um unsere höchsten Erdengüter ist uns von Gott beschieden zu einem klar erkennbaren Zweck und Ziel: Gott ruft zur Buße. Was viele gläubige Christen seit Jahren erfleht haben, will Gott erfüllen. Sie haben gefleht um eine Zeit der Buße, der llmkehr für unser geliebtes Volk, um eine Zeit, in welcher das Evangelium mit Macht alle Herzen berühre. Sie haben gefleht, daß eine Zeit käme, in welcher viele mit dem Bekenntnis ihrer Schuld sich vor Gott und Menschen beugen, damit sie errettet werden durch den Glauben au das Opfer des Sohnes Gottes auf dem Kreuze von Golgatha.
Buße meint nicht; fromme Worte, Tränen, Gelübde, auch nicht feierliche Zeremonien großer Volksmengen, sondern Buße ist: Bruch mit der Sünde, Umkehr zu Gott, Lebenserneuerung.
Gott hatte 1813, 1814 und 1815 unserem Volke wunderbare Gnade und Rettung gewährt, Gott hatte noch viel größeres getan in den Jahren 1870/71. Ein Triumf, wie ihn die Welt noch nie gesehen, wurde uns zuteil: Napoleon gefangen, die Armee von Metz, die Armee von Sedan kriegs- gefangeu mit Alaun und Roß, mit Jahnen und Geschützen, und die letzte Armee, die Südarmee, auf Schweizer Gebiet gedrängt und entwaffnet. Auf diese beispiellosen Siege folgten 43 Jahre des Friedens. Jahr um Jahr durfte unser Volk in emsiger Friedensarbeit auf den Gebieten der Landwirtschaft, des Handels und der Industrie,


