A« die christlichen Inngrrnnen «nd Kinderlofen Witwen Hessens!
Das Baterland ist in Gefahr! Die Männer ziehen hinaus, um ihr Leben für ihr Volk einzusetzen. Bald werden Tausende und Zehntausende von Verwundeten Hilfe und Pflege bedürfen. Zn dieser Zeit iverden an unser Diakonissenhaus ganz außerordentliche Anforderungen gestellt. 120 Verwundete sollen im Mutterhause Aufnahme finden. 09 Schwestern müssen sich bereit halten, Hilfe zu leisten, wo sie begehrt wird. Ohne nun die von anderer Seite zu erwartenden Bitten um Kriegshilfen irgendwie beeinträchtigen zu wollen, wenden wir uns an diejenigen Jungfrauen und kinderlosen Witwen, die den Gedanken, Diakonisse zu werden, schon bewegt haben, mit der Bitte, jetzt ihren Entschluß zur Tat iverdeii zu lassen und sofort als Probeschwester bei iins einzutreten. Dann aber ergeht unsere Bitte an alle die Jungfrauen und kinderlosen Witwen, die Erbarmen haben mit unserem Volke und Jesum als den Heiland persönlich kennen, sich zu entschließen, um ihrem Heiland und ihrem Volke das Opfer ihres Lebens zu bringen und bei uns einzutreten. Je mehr wir die Arbeit mit eigentlichen Schwesternkräften bewältigen können, um so besser können wir sie leisten.
Meldungen sind an uns zu richten.
Darmstadt, den 3. August 1914.
Der Hausvorstand des Diakonissenhanfes Glilabethenstift.
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f n einer Gesellschaft alter Soldaten aus dem Süden und aus dem Norden wurden allerlei Erlebnisse aus dem Bürgerkriege Amerikas zum besten gegeben. Eiiies derselben ist es wohl wert, daß wir es wiedergeben, wie es der greise Veteran erzählt hat.
„Es ivar an einem heißen Julitag des Jahres 1864. General Grant mar hinter uns her. Unsre Leute hatten eiligst eine Brustwehr aufgeworfen, um sich vor den Kugeln der nördlichen Scharfschützen, die uns umlauerten, zu schützen. Tote und sterbende nördliche Soldaten lagen umher bis an den Rand der Brustwehr, wohin sie sich gewagt hatten. — In einem der Gräben befand sich ein nicht gerade hübscher, rothaariger junger Bursche. Er war ein zurückgezogener Mensch, aber ein mutiger zuverlässiger Soldat. Man schenkte ihm nur wenig Beachtung.
Die Verwundeten hatten bereits stundenlang vor dem Graben gelegen, ohne daß sich jemand
ihrer angenommen hätte. Die Sonne stieg immer höher und sandle ihre heißen Strahlen immer unbarmherziger auf die armen zerschossenen Burschen hernieder. Fünfzehn Fuß von der Brustwehr entfernt lag ein tödlich verwundeter feindlicher Offizier.
Als die Hitze immer unerträglicher wurde, drang auch das jammervolle Stöhnen und Geschrei immer lauter an unser Ohr. Das Sterben wurde ihm schwer. „Wasser, Wasser!" bat er in flehentlichsten Tänen. Der rothaarige Bursche konnte diesen Bitten nicht widerstehen; die Tränen traten ihm in die Augen, und er rief aus: „Ich kann es nicht länger ertragen, Jungens! Ich werde dem armen Kerl meine Feldflasche bringen."
Sich auch nur einen Schritt außer der Brustwehr zu begeben, schien der sichere Tod zu sein. Aber von draußen drang das Schreien und Rufen des Verwundeten zu uns herüber: „Wasser,
Wasser! Nur einen Tropfen um Gotteswillen! Nur einen Tropfen!"
Der weichherzige Bursche konnte diesem Flehen nicht länger widerstehen. Einmal, zweimal, dreimal machte er trotz unser heftigen Vorstellungen den Versuch, über die Brüstung zu springen. Endlich, nach einem kühn gewagten Sprunge, befand er sich außerhalb der Brustwehr. Hier warf er sich flach auf den Boden und kroch langsam dem Feinde zu. Wegen des furchtbaren Feuers konnte er nicht nahe an ihn herankommen, aber er brach von einem nahen Strauch einen Zweig ab, befestigte hieran seine Feldflasche und reichte sie so in die zitternden Hände des Offiziers.
Mit einem Lächeln darüber, daß ihm sein Liebeswerk gelungen, kroch er unter einem Regen von feindlichen Kugeln wieder zurück. Mit einem mächtigen Sprung setzte er über die Brustwehr und war wieder in Sicherheit. Gott hatte ihn wunderbar beschützt, so daß feine Kugel ihn getroffen hatte.
Wir sagten ihm, daß das die edelste Tat geivesen sei, die wir während des Krieges hätten verrichten sehen. Er antwortete kein Wort darauf. Sinnend sah er vor sich hin.
„Wie konntest bu das tun?" fragte ich ihn nachher im Flüsterton, als das Knattern der Büchsen um uns her ein wenig verstummt ivar.
„Mir lag etwas im Sinn," erwiderte er, etwas, was meine liebe Mutter nur oftmals gesagt hat, das Wort des Heilandes: „Ich bin
durstig gewesen, und ihr habt mich getränkt." Sie hat mir's oft aus der Bibel vorgelescn nnb vor- gesagl, daß ich's niemals vergessen konnte. Als ich den armen Menschen um Wasser rufen hörte, kamen mir die Worte in den Sinn; ich konnte sie nicht los iverden. Ich dachte, die Worte gälten ja ancf) mir, und dann ging ich hin. So kam's."


