Ausgabe 
3.5.1914
 
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leben tolschlagen, sind höchst entrüstet, ivenn die Christen, die ihre Zeit nnd Kraft bereits im heißen Dienst an den Brüdern verzehren, sie nicht immer wieder aufsuchen. Ja, sie beklagen sich bitter da­rüber, daß diese nichtbessere Christen" sind. Es sind arme Leute, diese Undankbaren, und es ist ihnen wirklich schwer zu helfen. Dankbarkeit macht das Herz fröhlich und öffnet den Weg für immer größere und ewige Segnungen. (Psalm 51, 23.) Undankbarkeit inacht das Herz unglücklich unt> zerstört den Weg für zeitliche und eivige Gnaden­gaben.

Monatt. Anz. d. Chr. V. j. TI.)

Nur nicht verzagen.

er seliger Lehrer Thäler in Nürnberg er­zählt:Einst kam ein Schuhmachergeselle

zu mir und klagte mir, daß er bei allem Sehnen und Bitten keinen Fortgang in seinem Christen- leben wahrnehme und deshalb sried- und freud- los sei. Da sagte ich ihm:Wenn bu einen

Schuh zur Hälfte fertig hast, wirfst du ihn in den Winkel, iveil dir's 51 t mühsam ist, ihn fertig zu machen?"Nein," entgegnete er,er muß fertig werden, wenn mir's auch faucr wird."Und wenn er fertig ist, fragst du nicht darnach, ob er gut oder schlecht geraten ist?"Ja, doch," er­widerte er eifrig,ich muß dafür einstehen, daß er brauchbar wird."Nun," sagte ich,wird unser gnadenreicher HErr das gute Werk, das Er angefangen hat, unvollendet lassen, weniger Treue an dir zu üben, als du am Werke deiner Hände übst? Wird Er es auch nicht an deiner teuer erkauften Seele, an deinem zu seiner Wohnung bestimmten Leibe dahin bringen, daß das Werk seinen Meister lobt?" Getröstet ging der junge Bruder davon."

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Ctroas zum Nachdenken.

Ein Baum sucht zuerst recht tief in die Erde die Wurzel 511 schlagen, dann fängt er an um sich zu greifen, in die Höhe zu wachsen, fruchtbar und schattenreich zu werden und erhebt seinen Wipfel gen Himmel. Suchst du ohne Demut das Hohe zu erreichen, so hast du keine Wurzel, bu fällst, statt dich zu erhebe». Der Kirchenvater Augustinus.

* *

Man sollte doch froh sein, von Kindheit an mit den religiösen Traditionen verwachsen zu fein. Sie enthüllen uns immer mehr und immer be­glückender ihren Sinn. Zn wissen, daß ein Er­löser einst dagewesen ist, bleibt doch das höchste Gut der Menschen.

Richard Wagner zu Hans vvn Wvtzogen. 1862.

Ungläubig oder unwissend?

Im Abteil des O-Zuges sitzt ein Universitäts­professor einer jungen Dame b sseren Standes gegenüber. Ans einer leichten Plauderei wird ein ernstes Gespräch über Weltanschauungsfragen.

Darüber denke ich ivohl anders als Sie," entgegnete selbstbeivußt die Dame.Ich bin nämlich ungläubig."

Dann ivill ich Ihnen durch mein Gespräch nicht lästig fallen," erwiderte höflich der Professor, doch gestatten Sie mir die Frage, ivie es kam, daß Sie ungläubig wurden! Als Dame von Ur­teil und Bildung lasen Sie gewiß ein Buch über den christlicheit Glauben?!"

Damit nannte er ihr einige Bücher.

Lasen Sie diese Bücher vielleicht?"

Nein, ich keime diese Bücher nicht!"

Oder lasen Sie irgendein anderes Buch dieser Art?"

Nein ich erinnere mich nicht."

Aber den Katechismus, den Sie in der Schule lernten, werden Sie später zur Hand ge­nommen haben?"

Was denken Sie, mein Herr?" lautete die unwillige Antwort.Wie soll ich in meinem Stande mich mit solchen Dingen befassen!"

Nun, dann entschuldigen Sie ein freies, offenes Wort," sagte gelassen der Professor,dann mußten Sie eben nicht sagen: Ich bin ungläubig, sondern unwissend!'

Die junge Dame wurde verlegen und schwieg.

Kaiser Wilhelm l. (f 1888) hatte in seinem Arbeitszimmer einen kleinen runden Tisch, in dessen Platte kunstvoll eingegraben war der Vers: Es geht so leicht durchs Erdenleben,

Es geht so selig himmelwärts,

Wenn nur das Herz dem Herrn ergeben, Unwandelbar in Freud und Schmerz.

Aus: Pieniug, Lebensbuch 167.

(fntiuidtrlungegrbaukc und ([(jriftnitiim.

Von Pastor Strauß, Leipzig, wenigen Jahre, die in unserm jungen Jahr- ilpl hundert verflossen sind, staben mestrfach Anlaß zu Vergleichen mit dem vergangenen Jahrhun­dert gegeben. Das vorige Jahrhundert wurde bei seinem Anfang mit Pnlverdampf mcd Kugelregen begrüßt, das Ringen um die natwnate Selbstständig- feit ließ alle andern Fragen, die unser Innenleben erregen, weit in de>> Hintergrund treten. Auch das 20. Jastrhundert begann unter dem Zeichen des Kampfes, freilich nicht eines solchen, der mit Blut und Eisen ausgefochten wird, sondern eines geistigen Ringens, das sich auf allen Seiten der Kultur vollzieht und in all ihre Strömungen erregte Wellen wirft. Der ge­waltigste Kampf ist entbrannt über die großen in­haltsschweren Fragen der Weltanschauung.