der Armen zu werden. In dieser Knechtsgestalt ging Er einher, weinte mit den Weinenden, trauerte über die, die nicht trauern konnten oder wollten, weil der Hochmut sie verblendete. Er richtete geknickte Rohre auf, hauchte verglimmende Dochte an, zog den Wölfen ihren Schafpelz herunter, den frommen Eckenstehern verkündigte Er das Gericht. Gehorsam Seiner Instruktion vom Vater, tat Er Heilandsarbeit vom frühen Morgen bis zum späten Abend. Essen und Trinken, Ruhe und Schlaf vergaß oder überwand Er oft über Seiner Riesenaufgabe, die wie ein großes Totenfeld vor Ihm lag. Dort am Jakobsbrunnen, müde und durstig von der Reise, ist Er nicht zu müde, das verlorene Schäflein zu suchen. Den erstaunten Jüngern, die ihren müden, hungrigen Jesus so diensteifrig an Seiner Heilandsarbeit sehen, sagt Er: „Ich habe eine Speise, davon wisset ihr nicht." Und auf die Frage, wer hat Ihm zu essen gebracht, kommt die schöne Antwort: „Das ist Meine Speise, daß Ich tue den Willen des, der Mich gesandt hat." Ja der Gehorsam Seinem Vater gegenüber war Ihm Lebens- und Liebesbedürf- nis, wie Essen und Trinken kein hartes Muß für Gesunde ist. Konnte Jesus trockenes Brot essen? Aus Gehorsam hat Er sogar auf trockenes Brot verzichtet. Er konnte hungern, weil Er im Worte und vom Worte Gottes lebte. Sein Leben auf Erden war ein beständiger, freiwilliger Verzicht auf die Annehmlichkeiten des Lebens. Er war ärmer wie die Füchse und Vögel; denn Er hatte nicht, da Er Sein Haupt hinlegte, keine Höhle, kein Nestlein konnte Er Sein eigen nennen; denn er pilgerte die Wüstenwege des Gehorsams. Eine russische Fürstin verließ ihre Schlösser, um sich als Aufwarte- und Putzfrau zu vermieten, weil ihr das Leben des Glanzes so hohl, so heuchlerisch, so unbefriedigend vorkam. Doch der Sohn Gottes hatte aus freiwilligem Gehorsam die edelste Gesellschaft, das schönste Vaterhaus verlassen, um in Verhältnisse zu treten, die Seiner Würde, Seinem Empfinden ganz entgegen waren. Könnten wir empfinden, wie tief Er sich erniedrigte, als Er in unser Fleisch und Blut stieg, wir würden Tränen der Wehmut und Wonne weinen. Doch es fehlen uns die Vergleichungspunkte, die Maßstäbe. Haben wir jetzt den Königssohn beobachtet, wie Er in Knechtsgestalt den Sündern, den Rebellen diente, so dürfen wir noch sehen, ivie Er unter den Händen dieser Ungehorsamen leidet.
Achl, das ili Gottes La«»».
Zunächst dürfen wir hcrvorheben, mit welcher heiligen Energie lind Entschlossenheit Jesus sich in die Hände Seiner Mörder legte. Er richtete Seilt Angesicht stracks geit Jerusalem. Petrus
warnt vor diesem Schritt, doch wie schauerlich entschieden klingt cs atls Jest, Mund: „Gehe hinter Mich, Satan, du meinst nicht, was göttlich, sondern was nicnschlich ist" (Matth. 16). Dann ging es nach Matth. 17 auf den Berg der Verklärung, wo der große Generalstab tim den Köllig versammelt ist und Er mit demselben den Schlacht- plan bespricht. Die Obereit wissen es besser ivie die klitteren, daß Christus sterben mtiß, sie widersprechen der Bluttheologie nicht. Doch den Menschen gegeitüber bekommt Christus hier wieder das Zeugnis ivie bei der Taufe am Jordan, nur mit dem ernsten Zusatz: „Dem sollt ihr gehorchen." Nun geht's nach Gethsemane, ivo sich die schwarzen Schatten des Todes auf die heilige Seele Jesu legen und das Todcsschauern Sein Herz durchzittert. Doch auch hier hören wir den entscheidenden Siegesruf des Gehorsams: „Iticht Mein, sondern Dein Wille geschehe. Ich trinke ihn denn, es geschehe Dein Wille." Ja, ein Gehorsam bis zum Tode. Das Lämmlein geht und trägt die Schuld der Welt und ihrer Kinder, es geht und büßet mit Geduld die Sünden aller Sünder, es legt sich hin, wird matt und krank, begibt sich auf die Würgebank. Und wie schrecklich war die Würge- bank: Solch bitteren Kelch hat noch kein Mensch getrunken, in solche Tiefen ist kein Mensch gesunken; Sein Todesweh, kannst du es fassen? Wir denken da zunächst an die Seclenleiden, die Er erduldete. Denken Sie sich z. B. einen ganz edlen, reinen Menschen, der allein unter schmutzigen, schivachsinnigen Vagabunden leben müßte. Und ivelch einen Widerspruch hat Jesus von den Sündern wider sich erduldet! Wie marterten sie diese edle Seele, und dennoch lief Er nicht aus dieser Leidensschule. Mochten Ihn die Pharisäer Beelzebub, die Hohenpriester Gotteslästerer schelten, mochten etliche Ihm Seine geringe Herkunft vorwerfen oder eigene Verwandte Ihn verständnislos des Irrsinns beschuldigen, mochten Seine JüngerJhn quälen mit ihren niederen Fleischeszielen, ein Judas Ihn sogar verraten, Er blieb das Lamm, das Seinen Mund nicht auftat. Er hielt aus, Er hielt durch bis zum Siegesruf: „Es ist vollbracht!" O
Wunderlieb, o Lieb ohn alle Maßen, die Ihn gebracht auf diese Marterstraßen! Doch^Er war gehorsam bis zum Krcuzestode! Das geht noch eine Stufe tiefer. Der Sohn Gottes, vor dem die Cherubim anbetend stehen, hängt 'am Schandpfahl! Welch ein Kontrast! Das schönste Angesicht, die reinste Stirn, das fleckenloseste Herz ist so preisgegeben, daß jeder seinen Kot, seinen Auswurf auf Ihn ivcrfen darf. Und damit ist Er entblößt, entehrt, den geilen Blicken einer rohen Horde überlassen. Hört ihr das Höhnen und Spotten um den Schädelbcrg? Hört ihr, wie sie rufen: „Steig herab vom Kreuz; andern hat Er


