Sohn herumstreichen sahen. Sorgenvoll saß der treue Gatte am Bette seiner Frau. Ersah, wie die Wangen immer hohler, die Stirn immer faltiger, die Augen immer matter wurden. Darf er nicht einmal kommen? so flüstert sie dem Gatten ins Ohr. Statt einer Antwort hatte der Vater nur ein schmerzverzerrtes Zucken im Antlitz. Schon schwebte der Todesengel aus der Ferue uieder, die Sichel zur Ernte bereit. Laß unser Kind kommen, bal die sterbende Gattin. Und was der starke Mann oft seiner weinenden, ja zuletzt totkranken Frau abschlug, seiner sterbenden Gattin konnte er die letzte Bitte nicht versagen. Der Sohn kam. Trotzig wie immer trat er am Vater vorbei ins Sterbezimmer. Die Mutter, auf deren Antlitz schon der Glanz der Gottesberge lag, suchte den Sohn zur Buße zu bringen. Er sollte den Vater um Verzeihung bitten. Aber alles Reden war umsonst, die Eiskruste wollte nicht schmelzen, und der Tod kam näher. Doch als das Todesröcheln kam und die Mutter nicht mehr reden konnte, da legte sie die widerstrebende Hand des Sohnes in die Hand des Vaters, und so, ihre Hände fest umschlungen, hielten die treuen Mutterhände Vater und Sohn noch zusammen, als sie sogar im Tode erkalteten. Und über der Leiche der Mutter, von erkalteten Mutterhänden umschlungen, kam eine Versöhnung zustande, worüber Freude war vor den Engeln Gottes. Und die Mutter tmrfte mit der Siegesbotschaft in die obere Heimat eilen: Der verlorene Sohn ist
heimgekehrt.
Welche treuen Hände, diese Mutterhände, die sich oft Tag und Nacht für undankbare Kinder regen und mühen! Doch welche treuen Heilandshände, die am Kreuze ausgcstreckt sind, um halsstarrige, trotzige Sünder zur Buße zu bringen.
Aas selige Lchaieeii.
Selig sind, die reines Herzens sind; denn sie werden Gott schauen. Matth: 5, 8.
ÄMier ist der Himmel! Dieses Wort Jesu kWI zeigt uns das zuküitftige Dasein nicht der (r Lokalität, sondern dem Charakter nach; der Verklärtet, größte Seligkeit ist das volle Schauet, und Genießen Gottes, kkusere Aufmerksamkeit wird von allen unbestimmten und weitschweifen- den Theorien über die Zuständlichkeiten der zukünftigen Seligkeit abgcrufcn. Der eine große Gegenstand der Betrachtung, — die alles übertreffende Herrlichkeit, — ist das Schauen Gottes! Die eine große praktische Lehre, die Er Seit,ein Volke einschärft, ist die Ausbildung jener Herzensreinig-
keit, ohne welche Niemand Gott schauen, oder (könntet, wir selbst die Zulassung zum Schauen für inöglich hallen,) ohne ivelche Niemand Ihn genießen kann! Das Reich Gottes kommt nicht mit äußerlichen Geberden .... Das Reich Gottes ist inwendig in euch.
Leser ! hast du diese Herzensreinhcit und Herzens Vorbereitung in irgend einem Grade er- langt? Es ist schön ausgedrückt worden, daß sich der Eingang zu den Straßen des Himmels auf der Erde befinde. Sogar hieuiedeu kö>,„en ivir, im Besitz derHeiligkeit, einen Vorgeschmack zukünftiger Seligkeit genießen. Wer hat es nicht empfunden, daß diejenigen die glücklichstei, Augenblicke seines Lebens waren, in welchen er dem Herrn am treusten nachfolgete, — dem Gnadenstuhle nahe,
— wo er seit, Selbst unterwarf, und seinen Blick unverwandt, einzig und allein auf Jesum richtete? Und was Anders wird der Himmel sein, als eine gänzliche Uebergabe der Seele an Ihn, ohne den geringsten Hang zum Bösen, — die Gedanken dem Gehorsam Christi untertan; kein Widerspruch gegen Seinen Sinn; Alles in seliger Einheit mit Seinen, Willen, das ganze Wesen von Heiligkeit durchglüht; der Geist geläutert und veredelt; alle Kräfte Seinem Dienste geweiht: das Gedächtnis, ein heiliges Verhältnis geweihter Erinnerungen,
— alle Neigungen von Sinnlichkeit geläutert; —
die Liebe zu Gott das höchste, überwiegende Gefühl ; — die Ehre Gottes das belebende Prinzip jeden Gedankens und jeder Handlung; — in
einem Worte, das Herz eine reine Quelle, deren Klarheit kein Bodensatz trüben, kein Leidensengel bewegen kann! Die lange Nacht des Lebens überstanden, und dies die Herrlichkeit jenes ewigen Morgens, welcher ihr folgt: — „Ich will satt werden, wenn ich erwache, nach Deinem Bilde!" —
Ja, dies ist der Himmel — Reinheit des Herzens und „Gott Alles in Allem!" Es wird gewiß Vieles von untergeordneter Beschaffenheit geben, um die Seligkeit der Erlösten zu erhöhen: die Gemeinschaft der Engel und Heiligen; die Wiedervereinigung mit den Geliebten, die der Tod uns entrissen; doch dies Alles wird vor dem großen Mittelpunkte der Herrlichkeit erblassen: „Und Er, Gott mit ihnen, ivird ihr Gott sein, und sie werden Sein Angesicht sehen!" Man hat Christen, sehr passend, Sonnenblumen genannt,
— ihr Antlitz, gleich jener Blume, der Sonne der Gerechtigkeit zuwendend, und ihre Blätter, wann diese Sonne sich entzogen, trauernd sinken lassend. Im Himmel wird der Vergleich vollkommen sein. Dort wird jede Blume des himm- lischen Gartens dem Herrn zugewandt sein, ihre lieblichen Farben in die überschwängliche Herrlichkeit tauchend!


