Ausgabe 
22.3.1914
 
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Erscheint wöchentlich einmal.

Einzelne Exemplare bestelle man bei der Post vierteljährlich. Verlag der Buchhandlung der Pilgtrmission Giessen.

Redakteur: Stadtmissionar He.rmann-Gießen. Mitarbeiter: Pfarrer Sperber - Cassel, Pfarrer Mockert-Frankfnrt a. M. u. die Prediger der Pilgermission. Druck v. O. Meyer, Gießen.

Nr. 12. Sonntag, den 22.

März 1914. 7. Jahrg.

Der Sieg einer sterbenden Mutter.

Er war ein aufgeregter, trotziger Sohn, der junge Mann auf unserem Bilde. Wie viel Herze­leid hatte er den Eltern durch sein leichtfertiges Leben bereitet. Wie oft hatte die Mutter mit Tränen in den Augen den Sohn gebeten, seine leichtsinnige Ge-, scllschaft in dem Wirtshause zw verlassen. Der Vater lies; es au guten und harten Worten, ja an Schlägen nicht fehlen, dochcswar alles umsonst.^

Der Sohn ging des Lasters Bahn immer tiefer hinab. Endlich brach das Unglück lawinenartig her­ein. Der Sohn hatte den Namen seiner Eltern mit fold'er Schande und Schmach be­fleckt, daß der Vater schwur, wenn er mir wieder unter jbic Augen kommt und meine Schwelle betritt, werde ich ihn niederschießen. Und der freche, trotzige Sohn, der die Schuld seines Unglücks auf alle anderen, uur nicht auf sich selber'schob, wagte'es, in seinem alten Stolz herausfordernd vor den Vater zu treten. Schon riß^der alte Beamte das

Jagdgewehr von der Wand, doch als er auf den Sohn anlcgen wollte, fiel ihm die Mutter in die Arme, der Schuß ging in die Decke. Und die Scheidewand zwischen Vater und Sohn war größer denn zuvor. Der Sohn sank, fern vom schützenden Elternhaus tiefer und tiefer. Wie der verlorene Sohn im Evangelium gern seinen

Hunger mit Tre­bern gestillt hätte, wenn er sie nur gehabt hätte, so nagte zuletzt der Hunger an dem zerlumpten, ver­kommenen Sohn. Und das treue Mutterherz dlu- tete. Wie oft sagte sie zu ihrem Mann: Wie

mag es unserm armen Sohne er­gehen! Willst du ihn nicht kommen lassen? Doch da fuhr der tiefge­kränkte Vater auf: Er hat mir's zu arg gemacht. Und weil alles Bitten der treuen Gattin und Mutter den Vater nicht umstimmen konnte und alle Tränen und Gebete den Sohn aus seinem Lastersnmpf nicht herausbrachten, siechte die Mutter dahin. Es nagte eben ein Wurm an der Wurzel ihres Lebens. Er ist ein Nagel am Sarge seiner Mutter, so sagten die Leute, wenn sie den trotzigen