nahm ich mir denn vor, dem 9tatc ihres Schivic gersohncs zu folgen. Der hatte nämlich gesagt: „Ehrwürdiger Herr, lassen Sie die alte Hexe auf sich beruhen."
Trovdem, als ich einige Monate später
zlir Zeit der Heuernte in ihre Nähe kam, tri. b es mich innerlich, die Alte zu besuchen. Sic war kirschbrann vor Zmn. Heute redete sie auch zu mir, aber nur, um alle Wellen ihres Grimmes gegen ihre Familienglieder anszu-
gicßen, die ins Heu gegangen waren, ohne ihr vorher Kaffee zu mache». Ich dachte an meine Mlitter und sagte: „Liebste, beste Großmutter, da ist leicht zu Helsen! Ich will Ihnen Kaffee machen/' Ein fast verächtlicher, höhnischer
Blick mar die Antwort: „Du und Kaffee
machen!" Aknr als Sohn meiner Mutter
brachte ich dies Klinstwerk doch fertig, obgleich cs in dem nilordentlichen Haushalt nicht ganz leicht war, die nötigen Materialien zusammen zu sinden. Genug, endlich präsentierte ich der Alten einen Kaffee, der jedenfalls besser war, als der, den sie gewöhnlich bekam, und dem auch Zucker und Sahne nicht fehlten.
Die Alte hatte mit atemloser Spannung meinem Tuil zngeseheil, wie ich das Herdfeuer entzündete, wie ich den Kessel mit Wasser füllte und über das Feuer brachte, . ie ich Kaffeebohnen brannte und mahlte, Milch suchte und abrahmte, bis endlich alles zum Hochgenuß bereit war. Wie ich aber nun vor die Alte trat und sagte: „So, G offmütterchen, nun triilken Sie!" — da fing sie bitterlich zu wcineil an.
Sie vergrub Ihren graueil Kopf in den welken Händen und chlnchzte immer wieder: „O, wie bin ich schlecht! O, wie bin ich schlecht!" Ich vcrstaild erst garnicht, was mein Kaffee mit Ihrer Selbsterkenntnis zu tun habe. All- mählig begriff ich davon. Sie küßte mir nämlich die Hände in einer wahren Leidenschaft und sagte: „Jetzt sehe ich, daß 2 je ein Mann Gottes sind. Und haben 2je doch recht, wenn 2ie immer predigen, daß wir Menschen verloren sind, wenn wir keinen Heiland haben! ' Genug, das Eis war gebrochen, und diese alte 2eele sog mit heiliger Begierde den süßen Trost des Evangeliums in ihr Herz. Da fehlten denn auch nicht die schönen Tugenden Jesu Christi, und als sie ein Jahr nachher starb, betrauerten
die ihr Abscheiden, denen sic früher ein schrecken gewesen war. Diese Bekehrung war echt.
Es ist ein viel ander Ding, wissen, ivas man haben soll und ivissen, woher man's nehmen soll. Gleich als wenn ich linier die Arzte käme, da ist eine andere Kunst, zu sagen, ivas die Krankheit sei, lind eine andere Kunst zn sagen, ivas vlan dazu haben soll, daß man der Krankheil los iverde. Das Gesetz eiltdeckt die Krankheit, das Evangelium gibt die Arzilnei.
Luther.
..Moderner Mensel) und €l)ri$i“
Sind moderner Mensch lind Christ Gegensätze oder kann überhaupt ein moderiler Meilsch ein gläubiger Christ sein — das waren die Fragen, die zur Erörterung des Themas zunächst beantwortet werden sollten. Das eigeiltlich Kennzeichen des moderneil Meilschen lliisrer Zeit ist die mo- derne Weltailschauung, d. h. die Anschallnilg von Entstehung, Zweck und Ziel des Lebeils, ivelche hellte Mode ist. Das Wesen der vloderilen Weltanschauung ist der Drang «lach Wahrheit, das Forscheil nach dem Urgrund aller Dinge. Als Hilfsmittel bot sich die Naturwissenschaft dar mit ihren großartigen Entdeckungen. Sie erklärt die heutige Beschaffenheit der Erde und ihrer Bewohner ans natürlicheiil Wege mit Hilfe der Ent- wickelungslehre (Deszendenztheorie) uild der Lehre voll der Entstehuilg aller Lebewesen und Pflanzen aus der Uczelle, (Monismus) d. h. nicht ein Schöpfer Gott hat die Erde, Pflanzen, Tiere, Menscheil rc. erschaffen, fonbern alles ist aus Atomen entstailden, denen eine geivisse lebendige Kraft und geistiges^Leben eigen war. So bestecheild ivie diese Bernunftsschlüsse zu fein scheinen, so wenig können aber die Monisten nnb die Anhänger eines Professor Häckel die Frage beantworten: Woher kommt die Lebenskraft der Atoiile, woher das Geistige, das doch unzweifelhaft den beseelten Menscheil von der Pflailze unterscheidet? Häckel ivird die Beailtivortung diescrFragen schuldig bleiben müssen, weil die ganze nloderne Weltanschauung eiilem Koloß gleicht, der auf tönernen Füßen steht und zusaminenbricht, sobald man ihil berührt. Die Naturwissenschaft ist also nicht imstande, den Drang ilach Wahrheit zu befriedigen.
Neben dem Drang nach Wahrheit «vollen die Anhäilger der modernen Weltanschauung das menschliche Leben verbessern und veredelil, aber hauptsächlich ilur in den« Sinile: „Macht dieses
Leben gut und schön, kein Jenseits gibts, kein Wiedersehn!" Mail ivill zwar neben Essen lind Trinken auch Bildung uild Kunst, jedoch siild folgende zwei Hallptzüge der modernen Weltanschauung unverkennbar:


