Ausgabe 
8.2.1914
 
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haben vergessen, rvie die Lilien wachsen. Gewal­tige Anstrengungen sind wohl angebracht, was den Wunsch zu wachsen angeht, aber völlig verkehrt, wenn ivir meinen, damit etwas zu erreichen. Es gibt nur ein Gesetz des Wachstums fürs leibliche und fürs geistige Leben, für das Tier wie für die Pflanze, für den Leib wie für die Seele. Alles Wachstum ist organisch und das Gesetz für das Wachstum in der Gnade ergibt sich wieder­um aus dem Hinweis:Schauet die Lilien, wie sie wachsen."

Wachstum ist geheimnisvoll, seine Eigentüm­lichkeit besteht darin, daß es sich nicht erklären läßt.Das Geheimnisvolle," sagt Mozley sehr richtig,ist das Zeugnis der geistigen Geburt." Christus selbst bezeugt dies:Der Wind bläset,

wohin er will, und bu hörest sein Sausen wohl, aber bu weißt nicht, von wannen er kommt, und wohin er fährt. Also ist ein jeglicher, der aus dem Geist geboren ist." Das Zeugnis geistlichen Lebens ist gerade das. daß man nicht sagen kann, von wannen es kommt oder wohin es geht; ließe sich sein Werden mit philosophischen Gründen, oder durch die Lehre von der Einwirkung, oder Willensstärke, oder durch günstige Umgebung er­klären, so wäre es eben kein Wachstum. Es wäre dann wohl ei» schönes Ergebnis guten Strebens, ja eine redlich gemeinte und selbst treffliche Rach- ahmung, die für ihren Fleiß alles Lob verdient, aber immerhin Nachahmung. Tic Früchte sind Wachs, die Blumen künstlich man weiß, von wannen sie kommen und wohin sie gehen.

So ziehen wir den Schluß, daß der Christ eine einzigartige Erscheinung ist, die sich nicht auf Beiveisgründe zurückführen läßt. Könnte man es, so wäre er kein Christ. Mozley hat uns den Christen und sein Gegenteil in trefflicher

Weise geschildert.Nehmen wir den gewöhnlichen rechtlichen Weltmenkchen," sagt er,all sein

Denken und Tun, seine Begriffe von Pflicht tra­gen die Färbung des Kreises, in dem er lebt. Es ist ein geborgter Maßstab. Er ist so rechtschaffen ivie andre Leute, er erfüllt seine Pflicht in der Art und Weise, ivie es von seiner llmgebung, gut geheißen ivird; er ist so zu sage» ein Wicderschein der öffentlichen Meinung um ihn her und tut, ivas diese von ihm erivarlct. Das Ziel, das er sich steckt, süßt in seiner Umgebung und von dieser läßt er sich leiten. Was seine Umgelumg, seine Welt für Ehrbegriffe hat, das sind auch die seinigen, was sic für bcsitzcnswert, für gewinn­bringend und löblich hält, das hält er auch dafür und danach strebt er. Alles, was ihn antreibt, entstammt seiner sichtbaren llmgebung. In einem solchen Charakter ist gar nichts geheimnisvolles, was ihn bildet, ist der sogenannte gute Ton, die

.Von wannen ein solcher ist', erhellt ganz deutlich; seine Herkunft ja offenkundig, handgreiflich und uns ganz so verständlich wie die physischen Ur­sachen vieler täglichen Dinge."

Nun aber der Christ.Es gibt Menschen, von deren Wesen das Wort gilt: ,du weißt nicht, von wannen er kommt und wohin er geht' . . . Es sind Leute, die anders geartet sind als jene eben besprochenen Wiederspiegel der Gesellschaft, Leute von einem Gepräge, welches auf die Geburt von oben hinweist . . . Wenn ivir einen solchen Menschen sehen, fragen wir uns ivohi, woher hat er dieses andersartige'? hat er es von seiner Um­gebung? Das ist nicht möglich; denn er ist anders, als die andern. Ist es ein ihm angeflogener Funke fremder Begeisterung, der ihn zum religi­ösen Schwärmer macht? Das ist es auch nicht; denn sein Wesen hat nichts von jenem Flacker­feuer allgemeiner Erregung. Ein solcher Mensch hat nichts vom großen Haufen au sich; ivas ihn auszeichnet, ist ihm eigentümlich; sein Wesen hat nichts geborgtes, es ist nicht der Reflex irgend einer Art, nicht ein Wiederhall aus der Welt um ihn her, es entströmt seinem Innern, cs ist das Unerklärliche, von dem unser Text sagt: ,bu weißt nicht, von wannen es ist'."

Beide Typen sind uns wohl bekannt. Wir kennen den rechtschaffenen Biedermann, den wir achten, beidemuns abernichtgeradc dasHerz aufgeht; cs ist der Ehrenmann, dessen Tugend dem ge­nauen Beobachter leicht das Manufakturzeichen verrät, lind wir kennen die Weihe des vom Atem Gottes berührte», der nicht tugendhafter ist als jener, aber anders tugendhaft, nicht demütiger, aber anders: ivie ihm airgeboren ist der sanfte rurd stille Geist, seines Herzens Schnruck. Das aus einer andern Welt sein fällt bei einem solchen Menschen an, meisten auf, »rau rveiß nie so recht, ivas er tun, oder reden, oder unterreden ivird; denn er ist ivie ein Stern, der sich um einen fernen Mittelpunkt dreht, und den man trotz sei­ner freundlichen Klarheit nicht immer erkennt, dessen Gegenwart uns aber stets mit Ehrfurcht erfüllt. Wir sind uns des Mißklangs im eignen Leben nie so bewußt, das ächzende Getriebe unsres Ringens nach Tugend ivird rrns nie so zuwider, als iven» ivir das Stillesei» einer solchen Persön­lichkeit erkennen. Dann verstehen ivir den Unter­schied zwischen Wachstum und Arbeit: ivir haben die Lilien geschaut, ivie sie wachsrn. Drummoird.

Sie tun wohl, daß Sie Ihre einzige Beruhigung im Evangelium suchen; denn es ist die unversiegbare Quelle aller Wahrheiten, die, wenn die Vernunft ihr ganzes Feld ausgeinessen hat, nirgends anders zu finde» sind.