Ausgabe 
8.2.1914
 
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UJas zagt unser Gewissen zu der Trage nach dem jenseits?

(Fortsetzung zu dem Artikel: Kann der moderne Mensch an ein Jenseits glauben?)

Das Gewissen ist das Gewisseste, was der Mensch mit sich hernm trägt. Gs ist die Lampe Gottes, das Fünklein vont Paradiese her. Das Geivissen ist der heiiige Protestant, der in tlns protestiert gegen nnsre Vergewaltigung und nicht mit will, ja sich aufs äußerste strälibt vor den Schleichwegen des Fleisches und den Lockungen der Lust.

Karl IX., König von Frankreich, der die Bar­tholomäusnacht, die Bluthochzeit mitmachte und von seinem Balkon herab ans die fliehenden Huge­notten schoß, hatte von jener traurigen Nacht an keine Ruhe mehr. Stets mußten seit jener Zeit drei und mehr Mönche in seinen: Zimmer bei Tag und Nacht beten. Oft hörte man das Stöhnen des Königs. Oft fuhr er zusammen, da sah er sie wieder, die armen gehetzten Hugenotten, init ihren blutenden Wunden und zerschundencn Todesailgesichtcrn. Ach, hätte ich doch wenigstens ilicht auf die Fralien und Kinder geschosseil, so stöhnte er. Doch alles Beten der Mönche wollte nicht Helsen und konnte die blutigen Schreckgestalten nicht voil seinem Lager scheucheil. Nach zwei Jahren starb er, ein schauerliches Beispiel der heiligen Gottesgerechtigkeit. Ist es ilicht töricht, so vor dem Tode zu zitteril, wenn es doch alles damit aus ist? Voltaire sagte einer Dame, das beste Mittel gegeii den Tod sei, ilicht an ihn zu denken. Doch als er selbst iil jenen saureii Apfel beißen mußte, benahm er sich so erbärmlich, daß sein Leibarzt sagte, eilt solch entsetzliches Sterben babe er noch nie erlebt. Wie kommt das denn ? Das Gewissen, das lang unterdrückte, geknechtete, es wacht ans. Eiil Greis von 80 Jahren lag auf dem Sterbebette und koniite doch nicht sterben. Angstvoll mit verzerrten Zügen schaute er immer in eine Ecke.Da steht fie," stöhnte er. Hat er wohl noch etivas aus dem Gewissen, flüsterten die Umstehenden. Ach, nun kams heraus. Vor 60 Jahren hatte er ein Mädchen verführt uiid in seiner Schande sitzen gelassen, so daß die Betro­gene sich damals das Leben ilahm. Wächst denn nach 60 Jahren noch kein Gras über solche Schiild ? Nein, denn die Seele ist unsterblich. Wie mit eisernem Griffel gräbt sich die Süiide in die Seele hinein. Und wenn der Totengräber ein Grab graben ivollte 100 Nieter tief, so würde doch die schuldbeladene Seele ihre Hand aus den: Grabe (trecken, und das befleckte Geivissen müßte es herans- schreien. Auch inr tiefen Grabe ist keine Ruhe für die Gottlosen. Lieber Leser, waruiii kommt

Aiigst, die Toteil ivürdeil dir begegnen? Diese deine Gewissensstimme sagt dir: Es gibt ein Jenseits, mit dem Tode ist es nicht ans, soiidern da fängt eine nciie Periode an.

Schiller sagt :Duldet mutig, ihr Alillionen, duldet für die bessre Welt. Droben überm Ster­nenzelt wird eiil großer Gott belohnen," oder be­strafen, so fügen wir bei. Darum, bn stolzer mo derner Mensch, sorge dafür, daß deine Sünde ge­tilgt werde, damit sie dich nicht hinabziehe in den Abgrund, wo alle die modernen Sünder hinkommeil, die ihre Kleider nicht gewaschen haben im Blute Jesu.

linliditbare (Lintr.

Dinge, die mit Zitronensaft geschrieben sind, iverdeii deiltlich und lesbar, iveiin sie den: Feuer nahe gebracht iverden; ebenso, wenn die Gottlosen dem Höllenfeiler nahe komnleil, treten ihre gehei­men Sünden ihnen vor die Augen, uiid sie schreien auf ihrem Lager."

LMI ie Aussicht in die Eivigkeit enthüllt deil ge- Heimen Glauben llnd die innerliche Furcht, welche sie sich abmühte», gn lengnen und zu verbergeil. Wenige köilnen einen Betrug aufrecht halten, wenn sie sich ihreiil Eilde nähern. Die Hand des Gerippes zieht rasch die Maske herab. Ein Sterbebett ist nicht iminer frei voil Heuchelei; aber, gewiß, es ist schwer für deil sterbenden Sünder, seinen Betrug zu behaupten. Das Feuer des ilaheilden Gerichtes briilgt die verborgene Schrift auf feiner Seele zum Vorschein, welche sogar er selbst früher ilicht «gern lesen ivollte, und dann findet der, welcher sich für eineil fest geivur- zelten Ungläubigen hielt, daß er dennoch eine innere Überzeugung hatte, die er nie ersticken konnte, und eine Flircht in feinem Herzen, die er nicht dämpfen koniite. O, daß die Menschen suchen wollten, sich selbst fennen zu lernen, denn es mag sich ergebcil, daß die trotzige Lästerung ihrer Zungen durchaus kein sicheres Zeichen ist, daß ihr Herz sich ruhig im Unglaubeil fühlt.

Was muß der Zustand eines Menschen sein, dessen Unglaube sogar ein verstellter ist? Es ist eine furchtbare Sache, ein Scheinchrist gn sein, aber was muß die Wertlosigkeit eines heuchle­rischen Ungläubigeil sein? Wenn das echte Metall wertlos ist, was sollen ivir voll seiner Nachah-