Ausgabe 
25.1.1914
 
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Frau. Lassen wir ihn darüber selbst erzählen. Ich habe," so berichtet er dein bekannten Pfarrer Or. Barth,in meiner Gemeinde mehrere Familien, welche das Vermögen, Geister zn sehen, gleichsam erblich besitzen. Ich ärgerte mich darüber und weil ich nicht daran glaubte, so predigte ich da­gegen. Allein die Leute lachten mich ans. Wir müssen's doch besser wissen wie er, was ivir ge­sehen haben, war ihr Urteil. Ich wurde nach­denklich und konnte endlich nicht umhin, den vielen Berichten redlicher und bewährter Leute Glauben zu schenken. Und was geschah ? Meine eigne Frau bekam eine Erscheinung ihrer verstor­benen Schwester, welche ihr sagte, daß sie bald sterben werde. Sie nahm abends gerührten Ab- Ichied von mir und meinen Kindern und starb am andern Morgen. Gleich in der folgenden Nacht aber," so erzählt Oberlin weiter,erschien sie mir im Traume und sagte: Ich werde viel um dich sein. Von da an sah ich sie neun Jahre lang fast alle Tage träumend und wachend. Sie erschien aber nicht nur mir, sondern auch meinen Hausgenossen und vielen Personen in der Ge­meinde und warnte sie vor bevorstehendem Un­glück." Oberlin selbst erblickt hierin eine beson­dere Herablassung Gottes zu seiner Schwachheit, weil sich sonst seine heftige Natur durch das Über­maß von Schmerzen anfgerieben hätte. Auf der andern Seite empfanden es beide, Oberlin und seine abgeschiedene Frau, als eine Unvollkommen­heit, daß sie so sehr aneinanderhingen lind deshalb das Band nach dem Tode fortbestand. Nach neun Jahren erkannten sie es denn auch als Ehristen- pflicht, sich von einander 311 trennen, und der Verkehr hörte vom neunten Jahre an auf. So iveit der berühmte Oberlin, der das Steintal im Elsaß zu einem Gottesgarten machte.

Kies in den Zchnlien.

Wer will den Alaun bemitleiden, der über wunde Stellen und Schmerz beim Gehen klagt und doch den Kies nicht aus den Schuhen nimmt'? Wenn ihr euch selber verwundet und blutig macht, so ist ohne Frage euer Schmerz und Leiden wirk­lich; ihr klagt nicht in Heuchelei; aber iver ist zn tadeln? Eure Sache isl's, den Anlaß dazu ans dem Wege zu räumen."

iele der Leiden unsers geistlichen Lebens sind abwendbar: wenn wir einer Sünde nachgeben, so öffnen ivir einem Schmerz die Tür. Andre sind heilbar: wenn wir eine Arznei abwei­sen, so lassen wir eine Krankheit einivurzeln. Alles, was wir für uns selbst tun können, sind wir verpflichtet zu tun. Wir müssen böse Gcivohn- hcitcn ablegen und uns nicht damit begnügen, in Neue darüber zu wimmern. Wir müssen vor der

Versuchung fliehen, nicht nahe beim Feuer sitzen und über Hitze klagen. Es gibt zu viel von die­ser Unaufrichtigkeit unter den Alenschen. Was hätten wir von dem verlorenen Sohne gedacht, wenn er sein Elend bejammert hätte, aber in dem fernen Lande geblieben wäre'? Was denken wir jetzt von dem Trunkenbold, der über die Röte seiner Allgen trauert lnrd doch lange beim Wein sitzt? oder von dem Ausschweifenden, der über seine Laster seufzet und doch in das Haus des fremden Weibes geht?

Dlirch Deine gnädige Unleriveisung, ich bitte Dich, 0 Herr, lehre mich praktisch sein und den Dingeil auf den Grund gehen, damit ich nicht Zeit verschwende mit dem Bereuen des Bösen, dem vorzubeugen eine Pflicht.gewesen wäre. Laß nlich nicht über meinen Zweifel trauern und doch inich iveigeril, Dein wahrhaftiges Wort zu glau­ben ; gestatte mir auch nicht, über meine Züchti­gung zn weiilen, und doch in meiner Torheit zu verharren. Herr, laß mich Weisheit erkennen. Zu diesem Ende laß mich ans kleine Dinge achthaben. Hilf niir, den kleinen Stein oder den iviilzigen Staub in meinem Schuh zu suchen; denn dieser mag mir manche Blase verlirsachen uild niich so­gar lähmen, so daß ich meinen Weg nicht fort- setzcn kailn.

Das kurze Evangelium.

Glaube nur. Marc. 5, 36.

Jas kürzefte, aber zugleich eines der tröstlichsten Worte sesu. Cs enthält den Seist und die Zusammenfassung aller seligmachenden Wahrheit.

Leser, bestürmt dich Satan mit quälenden Sorgen? Erhebt sich der öedanke deiner Misse­taten, - die sündige Vergangenheit, - als schreckliche Sedenktafel vor deiner Seele - und bringt dich fast zu hoffnungsloser Ver­zweiflung? fürchte dich nicht! Sine sanfte Stimme flüstert: - «Glaube nur.» Deine Sünden sind gross, aber Meine 6nade und Mein Ver­dienst ist grösser, «Glaube nur. dass Ich für dich starb, dass Ich für dich lebe und Fürbitte tue, und dass das teure roerte Wort so gewisslich wahr ist, jetzt wie damals.» List du abtrünnig gewesen? Liefest du einst wohl? hat dein sündlicher Abfall dich von jenem Angesichte entfremdet, das dir einst voller Liebe erschien, und von dem Dienste, der deine ganze flreude war. Seufzest du gebrochenen Herzens in der Erinnerung deines früheren Umganges mit 6ott: - «0 datz ich wäre wie in den vorigen