Nr. 4.
Sonntag, den 25. Januar 1914.
Kann der moderne FUenscb an ein lenseits glauben?
Um Euch dreht sich der Himmel, doch Euer Auge schaut nur »ach unten, drum schlägt Euch der, der alle Dinge sieht.
„O armer Pietist, wie du betragen bist, Weitn der Himmel eine Fabel ist," so singen die Weltkinder bald leise bald laut in allen Tonarten ihr Lied des Unglaubens. „Mit dem Tode ist alles aus; es ist noch keiner von drüben gekommen, der uns bewiesen hätte, daß über den, schwarzen Todesstrom itoch ein Land im Jenseits sei." „Es ist nur eilt Firlefanz tuid Mumpitz, ivas tiits die Frommen da vormacheitso tönt es immer wieder heraus aus dem wilden, aufgeregten Völkermeer. Einen solchen Überklugeit fragte ich : „Sagen Sie vor dem Richterstuhle Ihres Gewissens, wissen Sie es denn ganz gewiß, daß es kein Jenseits gibt, kein Wiedersehn und kein Gericht, sind Sie Ihrer Sache so gewiß, daß man sich felsenfest darauf verlassen kann?" Ta gab er kleiitlaut zur Antwort: „Ganz geiviß bin ich doch nicht, ob's
nicht doch ein Jenseits, ein Gericht gibt." Ich fragte ihn: „Was aber gibts dann mitJhnen."
„Dann bin ich verloren", kant es tonlos über die Lippen.
Bismarck, der gewiß als moderner Meitsch auf der Höhe seiner Zeit stand, sagte einmal: „Es wäre wahrlich des An- und Ausziehens nicht wert, ivenn es mit diesem Leben aus wäre." Weil der Mensch aber nur einmal hier lebt und nur eilte Seele hat, die er einsetzeu kann in dem großcil Kampf unis Dasein, so laßt uns mit scharfem Blick und gespannter Aufnierksamkeit lauscheil, ob nicht ein Strahl aus jener Welt unser Auge erreicht, ob nicht eilt Ton aus dem Jenseits über die schivarzen Todesfluten herüberschallt. Wir frageil:
Was ragt die Wissenschaft über das Jenseits?
Mit Fernrohren hat man das Weltall abgesucht. Weltkörper, die an Größe uub Lebenskraft
7. Iahrg.
unsre Erde um das Millioucnsache überragen, umgebeil uns, so daß diese imfre Erde nur ist wie eilt Tropfen, der am Eimer hängen bleibt. Ja, es sind der Wohnungen rtiizählige um uns herum. Weilil auch die Gelehrten sich darüber itoch streiten, ob diese Millionen von selbstleuchtenden oder beleuchteten Welten bewohnt sind oder nicht, so wissen wir doch ganz bestimmt: Zwecklos kann dieser große Sternenkranz über unfern Häuptern nicht sein. Auch beweist uns die Wissenschaft, daß der Stoff wohl verwandelt aber nicht vernichtet iverden kann. Holz oder Fleisch kann durch Verbrennen nicht vernichtet, sondern nur in einen andern Zustand oder in eine andre Daseinsform übergeführt iverden. Allch unser Leib fällt nicht der Vernichtung, sondern der Verwandlung anheim. „Die Seele des Menschen," so äußert sich ein berühmter Philologe „ist uns immer noch das mit sieben Siegeln verschlossene Buch; ivir sind auf dem Gebiet der Seelenkunde kaum einen Schritt ins Innere des Reiches der Königin Menscheuseele eingedrungen." Der wissenschaftlich geprüfte Hypnotismus und Magnetismus ist eilt weiterer Beweis, daß die Seele nicht aufhört zu existieren, wenn der Leib ausgeschaltet ivird oder im Schlummer liegt. Wie wunderbar ist doch schon das Traumleben der Seele, wo der Leib ivie tot daliegt und die Seele ohne den Leib sich betätigt.
Von besonderem wissenschaftlichen Interesse ist auch das Gebiet des Spiritismlls. Vieles ist ja hier als Schivindel entlarvt worden, doch die Geistererscheinungen sind zu allen Zeiten so zahlreich und von ganz zuverlässigen, nüchternen Menschen bezeugt, daß wir sagen müssen: Es haben sich verstorbene Menschen nach ihrem Tode wirklich gezeigt und zwar so oft und so deutlich, bei Tag und bei Nacht, daß wir es mit wissenschaftlicher Genauigkeit bezeugen können: Es gibt Geister. Ein merkwürdiges und auf zweifelloser Wahrheit beruhendes Beispiel ist der jahrelang fortgesetzte Verkehr des bekannten Pfarrers Ober- lin von Steintal mildem Geisteseiner verstorbenen


