Ausgabe 
18.1.1914
 
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dich los von der geilen Potiphar wie Joseph; zertritt die Schlange der Lüste unter deine Füße, daß sie dir nicht in den Busen krieche und ihre Giftzähne dir das Leben rauben. Wie aber kann man überwinden? Wie wird man Herr über alle diese Raubvögel, die unser wehrlos Haupt umkreisen? Sieh, dort in der Höhe der Berge ist eine Felsenhöhle, die Gottes Erbarmen uns bereitet hat. Dort tu der Felsenhöhle des Kreu­zes Jesu ist Rettung für dich; dort bist du ge­borgen vor dem Feind. Höre auf, in eigner Kraft gegen deine Sünde anzukämpfen; es hat doch keinen Zweck, der alte Adler ist stärker als du. Aber fliehe in jene Felsenhöhle, rette dich in die ausgebreiteten Arme deines Heilandes, der am Kreuz dich umarmen will.

Ja, so nur kann man überwinden. Von den Krallen der Sünde, der Zweifelsncht, des Un­glaubens zerrissen zu werden ist ein entsetzlicher Zustand, doch von den Armen der Liebe Gottes umfangen zu werden, in der Felsenburg der Barmherzigkeit zu ruhen, ist herrlich.Kein Leid soll ihm geschehen," spricht Jesus und legt seine durchgrabene Hand auf mein müdes Haupt. Welche Seligkeit, so geborgen zu sein in Jesu Hand ! Komm, mein müder Erdenbruder, komm, du von der Zweifelsucht gehetztes Menschenkind, komm du unter die Mörder Gefallener; in der Felsenburg von Golgatha ist noch ein Plätzlein frei für dich. Doch komm sofort, komm, ehe dein Lichtlein heruntergebrannt, ehe der grimmige Ad- ler sein Zerstörungswerk an dir vollbracht hat, ehe du entseelt in die Tiefe fährst.

rät dadurch in siunlos Wut, so daß er auf sie ein­schlägt und soga mit dem Messer um sich sticht. we> gen versuchte» Totschlags mußte er dafür drei Jahre ins Zuchthaus wandern und ist nach diesem ersten Lall mehr und mehr verkommen.

Lin junger, fleißiger Mensch von 25 Jahren, die ein- zige Stütze seiner verwitweten Mutter, mit der er zu. sammen lebte, wohnte mit Freunden einer sogenannten Kirchweihfeier bei und geriet wegen eines Mädchens mit den Dorfburschen in Streit. Ls kommt zu einer Sch ägerei, an der sich schließlich alle beteiligen und die zu einer förnilichen Schlacht ausartet, hatten werden abgerissen und als Waffen gebraucht, der Frie­den gebietende Bürgermeister wird samt den Polizisten tätlich angegriffen, und das Lude ist ein großer pro- zeß wegen tandfriedensbruch, der dem hoffnungsvollen jungen Menschen als Rädelsführer drei Jahre Zucht- Haus einbringt, worüber sich seine Mutter so grämt, daß sie kränkelt und stirbt.

Zahlreiche andere Beispiele könnte ich noch an- führen, die den direkten Zusammenhang zwischen Al­koholgenuß und verbrechen in wahrhaft furchtbarer weise demonstriere», namentlich aus der Kategorie der Sittlichkeitsverbrecher, von denen, wie schon vorher er­wähnt, mindestens 75 Prozent ihre schamlosen Untaten in der Trunkenheit oder den Rachwirkungen derselben begehen, wenn man dabei erwägt, daß die verbrechen gegen die Sittlichkeit von Jahr zu Jahr in wahrhaft erschreckender weise zunehmen, so gewinnen die auf eine Bekämpfung des Alkoholmißbrauchs gerichteten Bestrebungen doppelt an Bedeutung.

wenn man diesen Zahlen und Beispielen nachdenkt, muß man dann nicht den Rauschtrank, heiße er nun Bier, wein oder Schnaps, als einen Räuber oder Totschläger brandmarken und ihm alle und jede Tisch­gemeinschaft kündigen?

Drr gröftc ilritimtifr.

?iii Mann, der in glücklicher Ehe lebte und ein zwei Jahre altes Rind besaß, an dem er mit ^ großer Lüebe hing, hatte mit Bekannten eine sogenannte Bierreise gemacht und im taufe weniger Stunden in ihrer Gesellschaft für zwei Mark Branntwein und zehn Glas Bi r getrunken. Tr war infolgedessen im höchsten Grade aufgeregt. Zufällig wurde er Zeuge, als Schutzleute einen lange gesuchten Dieb arretierten, und mischte sich in seinem Dusel als- bald in die Angelegenheit, die ihn persönlich durchaus nichts anging. Tr ergriff die Partei des verhafteten, schlug sinnlos auf die Schutzleute ein und brachte sie beinahe ums teben. Lin Tumult entstand, er wurde verhaftet und bekam unter Anre i nung mildernder Umstände ein Jahr und zehn Monate Zuchthaus, wodurch sein Lamilienglück und seine bürgerliche Lzi stenz total vernichtet wurden.

Lin anderer ebenfalls bisher unbescholtener Mann geht, nachdem er vierzehn Glas Bier getrunken hat, nach Hause. Lr rempelt cii ige friedlich dastehende Men'chen an, die sich das natürlich verbitten und ge-

Was ein Poli?eibean»ter erzählte.

Es war für mich eine der schwersten Aufgaben, die ich je zu erfüllen gehabt habe, als ich einen jungen Postbeamten zu einer Scheune führen mußte, in welcher er eine Anzahl von Briefen versteckt hatte, die von ihm unterschlagen waren. Wir mußten dabei an dem Zimmer der Eltern vorbei, die von dem schweren Vergehen des Sohnes noch nichts wußten. Als wir die Briefe unter dem Heu hervorgezogen hatten, war es meine Aufgabe, mit dem Sohne vor die Eltern hinzutreten, um ihnen die Nachricht von seiner Verschuldung und seiner Verhaftung zu nber- bringen.

Als ich eben anklopfen wollte, hörte ich. wie der Vater drinnen gerade betete. Ich blieb stehen; denn ich wollte das Gebet nicht stören. Der junge Mensch stand neben mir, und ich merkte, wie er zusammen­zuckte und einen Seufzer unterdrückte. Wir hörten nun, wie der Vater inbrünstig auch für den Sohn, das einzige Kind, betete; wie er flehte, der HErr möchte ihn doch nicht verloren gehen lassen, sondern ihn in den Versuchungen der bösen Welt bewahren. Der Sohn zitterte, itiib ein Strom von Tränen er­goß sich ans seinen Augen. Auch ich war aufs tiefste erschüttert.