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Verletzung, die er in der oben erwähnten Karte nennt, ein Streifschuß, hätte ihm Bnlaß geben können, sich hinter das fechtende Heer zurllckzuziehen, er blieb jedoch bei seiner Kom­pagnie. Blr ihn die tätlichen Verletzungen trafen, war seine Kompagnie, die er zeitweise führte, weit über die deutsche Gefechtslinie hinaus vorgeschoben.

Die Libelstelle (Psalm 62, 2), die der Heimgegangene an- fllhrt, war ihm besonders lieb und teuer. Sie war der Trau­text seiner Schwester und war von dem trauenden Geistlichen gewählt worden, ohne daß dieser sich vorher mit der Familie in Verbindung gesetzt hätte. Va stellte sich das Merkwürdige heraus, daß dieser Text das Schriftwort war, das am Grabe des seligen Vaters der Mutter und den beiden kleinen Kin­dern Trost gegeben hatte. Vie Trauung war mit Rücksicht auf die schwerkranke Mutter im Hause vollzogen worden, sie sagte damals, es sei ihr der Trautext wie eine Stimme aus dem Jenseits gewesen, Bls die Mutter beinahe vier Mo­nate später heimging, da ergab sich Psalm 62, 2 ganz von selbst als Text der Grabrede.

So hatte sich dieses Bibelwort dem für das Vaterland in den Tod Gegangenen unvergeßlich eingeprägt. Ls richtete ihn im Getümmel der Feldschlacht, in den vielen Gefahren und Nöten des Krieges auf, und wir dürfen glauben, daß es ihm auch in den letzten, schweren Tagen, als sein Leben fern von der Heimat verlöschte und er sein Leiden so geduldig er­trug, Kraft und Trost gegeben hat. Iver wollte angesichts solcher Erfahrungen in der Zukunft den Mut haben, gegen das Buswendiglernen von Bibelsprüchen zu eifern?

Bei seiner Trauung am 27. September 1913 hatte der Entschlafene sich als Trautext denselben Spruch ausgewählt, der der Trautext seiner seligen Eltern gewesen war: Sei ge­treu bis an den Tod, so will ich dir die Krone des Lebens geben (Offenbarung Johannis 2, 10). Ms er starb, fand man bei ihm einen Brief: der nach seinem Bussehen schon vor längerer Zeit geschrieben war. In diesem Brief hatte er,, für den Fall seines Todes von seiner jungen Gattin, mit der') er in innigster herzensgemeinschast verbunden war, rührenden Bbschied genommen. Bls seine hauptsorge bezeichnete es er in dem Briefe, ob seine Gattin sein hinscheiden ertragen könne. Das ist die Treue bis an den Tod gewesen, die er bei seiner Trauung gelobt hatte. —

Neben den Mann, der das Eheglück und die Berufs­wirksamkeit schon gefunden hatte, tritt der Jüngling, der noch mitten im iverden stand. Sonntag, den 1. November, nachmittags um 3 Uhr, fiel gleichfalls auf dem westlichen Kriegsschauplätze bei einem Sturmangriff der Tinjährig-De- freite stuä. meä. Ernst Bötticher, gerade 19 Jahre alt. Um 19. Oktober hatte er in einem Briefe an seine Eltern folgen­des geschrieben:

„lvieder ist heute Zeit, den versprochenen Brief zu schrei­ben. Seit gestern abend liegen wir wieder einmal im Schützen­graben. va hat man wenigstens Zeit, seine Gedanken zu ordnen. Gedanken ordnen ist auch nötig, gar vielerlei geht einem durch den Kops, und Hunderte, tausende von Erleb­nissen gilt es da aufzunehmen und zu behalten, lvenn ich die kleine Schar derer, die noch vom stolzen Buszug übrig sind, betrachte und sehe, wie dieses Häuflein treu zusammen­hält, als alte Krieger, die alles mitgemacht haben, Not und Gefahr gering schätzt, geduldig alle kleinen und großen Leiden erträgt, da macht mir die Sache viel Freude. Ihr glaubt nicht, welchen Grad von Gleichgültigkeit gegen jegliche Ge­fahr die Leute angenommen haben. Wir haben einen tapfe­ren Divisionspfarrer. Gestern, wie wir gefechtsbereit in Re-

servc lagen, versammelte er das Negiment um sich und hielt eine Bndacht. Es war der Text: Irret euch nicht, Gott läßt sich nicht spotten: denn was der INensch säet, wird er ernten. Wir standen im Viereck um ihn und lauschten seinen lieben Worten. Ringsum schlugen die Granaten ein, oben kreiste ein feindlicher Flieger, der Bomben nach uns warf. Gerade tru­gen sie ein Opfer vorbei, es war ein armer Kamerad, der keine hundert Schritte von uns getroffen worden war. Wir aber sangen das Lied: In allen meinen Taten laß ich den höchsten raten, der alles kann und hat. Keiner kümmerte sich mehr um die Gefahr. Tiefer prägten sich die Worte über Pflichten und Opfer, über blutige Saat und gesegnete Ernte in unsere Herzen ein. Getröstet und neuen INut im Herzen gingen wir an die gefahrvolle Brbeit. Ja, der Krieg macht die Herzen empfänglich und gläubig für die tröstende Kraft der Kirche, und manch einer, der daheim nach seinem eigenen verstände mit Bufwand vieler Philosophie glaubte sich eine eigene Welt aufbauen zu können, ist gläubig geworden. Denn in seinen letzten Stunden verspürt der Mensch die Sehnsucht nach der wahrhaftigen Nähe und Hilfe Gottes. Buch hier wird und möge der Krieg segensreich wirken gegen so viel Lauheit, die das Wohlleben mit sich bringt. Möge neuer Geist und Inhalt in die alten geheiligten Formen kommen!"

Wer diese Zeilen liest, der staunt über die geistige Neife des Jünglings. Den Jahren nach war er noch beinahe ein Kind, der Denkweise nach ein gereifter Ehrist. Welche Be­sonnenheit, welche tiefe Frömmigkeit, welche Ruhe mitten im Sturme sprechen aus diesen Worten. Noch sehe ich den Früh­vollendeten, wie er am Bbend des 4. Bugust mit seinen Eltern und Geschwistern am heiligen Bbendmahl teilnahm, schlank und hochaufgerichtet, im feldgrauen Waffenkleide an den Bltar herantreten, an dem er erst vor vier Jahren als Konfirmand gekniet hatte, und nun ist er schon am Ziele angelangt. Seine Herzensfrömmigkeit trieb ihn zu treuer Pflichterfüllung. Im Laufe des Krieges hatte er sich Rheuma­tismus zugezogen und mußte einige Tage im Feldlazarett zu­bringen. Kaum genesen, machte er sich auf, um seinen Trup­penteil zu suchen. Mehrere Tage marschierte er allein im Feindesland, oft 40 Kilometer an einem Tage, durch andere Bbteilungen hindurch, bis er sein Regiment fand. Tr war von seinem tapferen Kompagnieführer Hauptmann haehling von Lanzenauer für das Eiserne Kreuz vorgeschlagen worden, als dieser aber auf dem Felde der Ehre gestorben war und die Kompagnie überhaupt von Offizieren nicht mehr geführt wurde, unterblieben die Schritte, die diesen Vorschlag zur Busführung hätten bringen können. Das war dem pflicht­treuen, jungen Krieger eine Enttäuschung. Bber er hat diese Enttäuschung innerlich überwunden, das Bewußtsein, daß er seine Pflicht getan habe, so schreibt er an seine Eltern, mache ihn getrost und ruhig, am schönsten sei es im Felde doch bei der Kompagnie. —

So reden zwei der Unseren, die für uns ihr Leben ge­lassen haben, am Totensonntage zu uns. Wie sie gedacht haben, so haben Tausende von denen, die im Felde gefallen sind, gedacht, wir könnten Beußerungen ähnlicher Brt ge­wiß in großer Zahl veröffentlichen. Zweierlei ersehen wir aus dem, das diese unsere Heimgegangenen Helden uns gesagt haben. Einmal dies, daß ein teurer Preis für unsere nationale Selbständigkeit, für unsere Sicherheit und Freiheit gezahlt worden ist und noch jeden Tag gezahlt wird, und dann das andere, daß sie mit einem Wort der heiligen Schrift im Herzen gestorben sind. Darum haben wir auch den Glauben, daß sie nun dahin gelangt sind, wo wir sie wiederfinden werden,