Ausgabe 
11.1.1914
 
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Nr. 1. Gießen, 1. Sonntag nach Epiphanias, 11. Januar 1914. 3. Jahrgang.

Zum Lan-esmissionsfest.

Lvang. des Matthäus 28, 18-20. Und Jesus redete mit ihnen und sprach: Mir ist gegeben alle Gewalt im Fimmel und auf Erden. Darum gehet hin und lehret alle Völker und taufet sie im Namen des Vaters und des Sohnes und des heiligen Geistes und lehret sie halten alles, was ich euch befohlen habe Und siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an der U)elt Ende.

wenn man in den Chroniken und Kirchenbüchern einer Stadt oder einer Landgemeinde liest, so findet man eine große Rnzahl von Familien verzeichnet, die völlig ausge­storben sind. Nur bie Warnen sind noch erhalten, und die kommen den Nachlebenden fremd und seltsam vor. So ist es auch mit dem Epiphanienfeste gegangen, das die Christen­heit in den vier ersten Jahrhunderten ihres Bestehens all­jährlich am 6. Januar gefeiert hat und das dann durch das weihnachtsfest verdrängt worden ist. Man mag das be­dauern: denn das Cpiphanienfest war mit vielen schönen, sinnvollen Zügen ausgestattet man denke nur an alles, was sich in der Volksdichtung, in der Volkssitte und in der Kunst an die biblische Erzählung von den drei Weisen aus dem Morgenlande angeschlossen hat aber ändern kann man das nicht mehr, wir feiern heutzutage das Epiphanien­fest, wenn der 6. Januar nicht auf einen Sonntag fällt, an dem nachfolgenden Sonntage, und zwar feiern wir es, weil man in den drei weisen oder Königen die ersten fjcibcrt sieht, die zu Jesus gekommen sind, als Landesmissionsfest.

Der Gedanke, daß die Christenheit die Pflicht habe, an den Nichtchristen Mission zu treiben, ist zwar in der Bibel tausendfach begründet, und das erste Jahrhundert war ein Missionsjahrhundert ohnegleichen, aber in der Folgezeit hat der Neligion Jesu Christi die Expansionskraft gefehlt, was zum Teil durch äußere Gründe Krieg, Unruhen und Un­kultur in den christlichen Ländern, Mangel an Berührung mit außereuropäischen Völkern, Mangel an Mitteln - be­dingt war. RIs der Missionsgedanke vor beinahe zweihun­dert Jahren man wird hier den frommen Grafen Zinzen- dorf nicht vergessen können - wieder erwachte, begegnete man ihm allerwärts mit Mißtrauen und schalt ihn als Tor­heit und Schwärmerei. Zudem war im 18. Jahrhundert durch Rousseau und die von ihm angeregten Schriftsteller die Mei­nung verbreitet, daß die wilden, die im Urwald leben und nie mit Christentum und Kultur in Verbindung gekommen

sind, die glücklichsten Menschen unter der Sonne seien. Zn phantastischer weise hat man damals das Leben dieser Na­turkinder ausgeschmückt: sie leben im Urwalds und auf ein­samen Inseln im Schatten blühender Bananen-, Krokus- und Zitronenbäume unter einem ewig blauen Himmel, sie beten die Sonne oder die Erde an, sie verbringen ihre Tage in Frieden und paradiesischer Unschuld, bis die Europäer kom­men und sie unglücklich machen. Die Forschungsreisenden des 19. Jahrhunderts haben dieses Phantasiegemälde gründlich zerstört, sie haben auf ihren Reisen nichts gefunden, als arme, verkümmerte, durch Hungersnot, Seuchen und Ueberfchwem- mung geplagte Menschen, die das Leben des Nebenmenschen geringer achten als das Leben eines Tieres.

Deshalb hat die Mission eine große Rufgabe: sie geht heutzutage Hand in Hand mit der Kultur, um rohe, wilde Volksstämme zur Freiheit und Gesittung zu führen. Kein un­befangen Urteilender wird den Missionsarbeitern die Rner- kennung versagen, daß sie bei ihrer Tätigkeit in vielfach un­gesundem Klima und unter unzähligen Entbehrungen von ehrlichem Idealismus getrieben werden, und jeder, der in der christlichen Religion die Krone und Blüte alles geistigen und sittlichen Lebens sieht, wird dieser Rrbeit seine Geld­beiträge und, was mehr wert ist, sein Interesse zuwenden in der Ueberzeugung, daß von der Mission nicht nur die Völ­ker, die sie christianisiert, Gewinn haben, sondern ebenso sehr die einheimische Christenheit, der aus der Betätigung des Mis­sionssinnes fort und fort eine Fülle von Glaubenskraft und christlichem Idealismus zufließt. h. B.

was hebt empor?

Nicht das Jenseitswarten macht den Christen, nicht das stete Schaun nach fernen Küsten, die von goldnen Sternen winken: das wird leicht ein Seelensinken.

Dienend sich im wachen Leben üben, allen helfen, keinen je betrüben, selbst dem Tod als Held sich stellen: da; hebt aus des Lebens Wellen!

Bensheim a.d.B.

Cfrofsherzofflich

Hessische

Hofbibliothek.

K.E.Knodt.