Ausgabe 
11.1.1914
 
Einzelbild herunterladen

Erlebnisse eines Veutschen in Paris.

(Schluß.)

Nachdem ich ein Jahr lang bei dem petter gelebt und gearbeitet hatte, trenme ich mich von diesem. Lin Namerad, der in dem östlichen vorarte Liichl) angestellt war, ein aus dem Oorfe £. bei (6. gebürtiger Landsmann, kam zu mir und überredete mich, mit ihm aus die Rrbeit zu gehen und bei ihm zu wohnen, unter Rbgabe des Versprechens, daß ich dort bedeutend mehr an Lohn erhalten würde. Die Rrbeit war dort im wesentlichen dieselbe, wie seither, nur mußten wir im Sommer die Sprengwagen fahren. Mein Landsmann beteiligte sich nur wenige Stunden am Tage an der eigent­lichen Rrbeit, den größten Teil der Arbeitszeit brachte er auf dem Verwaltungsbureau zu, wo er in dem Verkehr der Ver­waltungsbehörde mit den deutschen Untergebenen als Dol­metscher verwendet wurde. Das hatte er dem geläufigen Fran­zösisch, das er sprach, zu verdanken.

Lines Tages kam unser Inspektor, ries R. und mich zu sich und sagte: heute habe ich auch euren Landesvater, den Großherzog Ludwig den dritten von Hessen, gesehen. Lr ritt mit dem Kaiser Napoleon und vielen anderen Fürsten von den Tuilerien nach dem Paradefelde, wo große Truppen­schau stattsand. Das sage ich euch aber: Luer Fürst ist ein stattlicher Monarch, der stattlichste von allen. Ruch den Kaiser Franz Joseph von (Oesterreich habe ich gesehen, der macht aber noch einen sehr jugendlichen Lindruck.

Schaustellungen und Volksbelustigungen wurden auf den öffentlichen Plätzen abgehalten. Da zeigten sich allerlei Rkro- baten. Da war ein armloser Mensch, der schrieb mit dem rechten Fuße, malte auf gleiche Weise Bilber und schoß eine Pistole ab. Da war ein Mensch, der hatte auf der rechten Brustseite ein Gewächs so groß wie einen Zweipfundlaib Brot. Dieses Gewächs arbeitete er unter der haut bloß durch Ver­renkungen des rechten Rrmes unter diesem her auf den Rücken und von da wieder zurück. Diese Rrbeit strengte ihn aber so an, daß er nachher blaß wie der Tod aussah. Da war eine Frau, die trug an ihren Zöpfen beträchtliche Gewichtsteine hin und her. Und alles mögliche.

In der Nähe von Llichp, wo wir wohnten, lag Lour- celles, durch eine schöne Ullee mit dem ersteren (Orte ver­bunden. Dort wohnten auch Landsleute, und zwar aus den nächsten Dörfern der Heimat. Wir jungen Leute machten uns das Vergnügen und gingen Sonntags zusammen in das Wirts­haus. Dort sangen wir deutsche Lieder, ein- und auch zwei­stimmig. Das gefiel den Franzosen so gut, daß die Straß« immer voll war von Leuten, die uns zuhörten. Nicht immer nahm aber das Zusammensein ein friedliche; Tnde. Lines Sonntags entstand zwischen den nach Hause ziehenden Lourcellern" eine Schlägerei, bei der einer schwer be­arbeitet wurde. Wir wurden alle zum verhör geladen. Wir von Llichp konnten jedoch nichts angeben, weil wir von der Sache nichts mehr erlebt hatten. Besonders rätselhaft war dem behandelnden französischen Rrzte die Rrt der Verwun­dung des einen Mißhandelten. Das waren kreisrunde Löcher von ziemlich bösartigem Tharakter. Vas Rätsel löste sich, als bei einem der Beteiligten das Mundstück einer Trompete gefunden wurde, das er als Schlagwerkzeug benutzt hatte.

Gaben so die Deutschen nicht immer das Beispiel einer musterhaften (Einigkeit, so fielen auch bei den Franzosen be­ziehungsweise den zu diesen damals noch zählenden (Elfäffern Streitigkeiten genug vor. So sah ich, daß ein (Elfäffer dem anderen einen Tritt in den Leib versetzte, so daß dieser sofort

regungslos hinten über fiel. Der Täter flüchtete sich vor dem sofort auf der Stelle erscheinenden serZsunt, äs ville in ein Haus. Dieser ließ sofort sein Trillerpfeifchen erschallen, es erschien eine ganze Ubteilung von Schutzleuten. Diese um­stellten das Haus, und im verlaufe von 5 RUnuten brachten sie den Uebeltäter heraus.

Mein Rufenthalt in Paris dauerte nur noch bis zum Frühjahre 1863. Mein Vater starb, und ich mußte zur Ueber- nahmc des Rckerwerkes die Heimat wieder aufsuchen. Rls ich einige Zeit wieder zu Hause ansässig war und mich bereits wieder ganz in die Lebensgewohnheiten eines deutschen Land- mannes gefunden hatte, fuhr ich an einem schönen Tage mit einem Wagen voll Mist an dem Gasthause vorbei, an dem die von Gießen ostwärts fahrende Post ihre Haltestelle hatte. Ghne mich weiter um die Mitreisenden zu bekümmern, wollte ich vorüber. Da stand auf einmal ein baumlanger Mann vor mir, der mich stumm ansah. Ruf einmal erkannte ich meinen Freund R. aus Paris.Li, bist du'; denn wirklich?" Ja, er war es. Wi'r tranken zur Feier des Wiedersehens im Freien eine Flasche Bier zusammen. Dann setzte er sich in den Postwagen zur Weiterfahrt. Ich habe nie mehr etwas von ihm gesehen. h. S. in R.

Zungdeutschland.

Line Laienpredigt von Generalarzt a. v.

Dr. (Otto Rappesser.

Ich habe schon wiederholt Gelegenheit gehabt, den Le­sern desSonnlagsgrußes" aus eigener Lrinnerung Bilder von der Nachtseite des menschlichen Lebens, Bilder von blu­tiger Wahlstatt, voll Blut und Graus, vor Rügen zu führen, heute erregt das schöne Fest deutsch-christlicher Kindheit, das hinter uns liegt, den Wunsch in mir, auch noch einmal auf der Sonnenseite der Menschheitsgeschichte, in ihrer blühenden Frühlingszeit mich zu ergehen.

Jüngst hat mich mein Glücksstern in eine erlesene Ver­sammlung von Vertreterinnen holder Weiblichkeit aus ver­schiedenen Jahrgängen geführt, während gerade wichtige Ver­handlungen über ernste Fragen des Lebens stattfanden. Und zwar handelte es sich nicht etwa um Fragen der Mode oder um das Frauenstimmrecht, sondern um weit Lrnsteres, um das zunehmende versagen der Rährquelle für die sich er­neuernde Menschheit, die zu versiegen droht, wie einst die zahlreichen Borne auf unseren bebauten Feldern in die Lrde versanken. Ich möchte hier gleich einschalten, wie ich der Rnsicht zuneige, daß dieser, die ganze Menschheit bedrohende Vorgang nicht am wenigsten auf Rechnung des sich mehr ver­breitenden Rmazonentums zu setzen sei. Mit dem WortRma- zonen" bezeichneten die alten Griechen ein fabelhaftes Weiber­heer, dessen Ungehörige männliche Hantierungen trieben und statt der Kunkel und der Wiege lieber Bogen und Pfeil zur Hand nahmen.

Wie schon gesagt, waren gerade bei meinem Lintritt in die Versammlung die Verhandlungen lebhaft im Gange, und es trafen sich so die auseinandergehenden Meinungen im eng begrenzten Raume. Während die eine auf die Belehrung ihres Hausarztes vertraute und eine andere den Russpruch eines in Mode gekommenen Kinderarztes pries, trug eine dritte in gemessener Rede vor, was sie in einem der zahlreichen Lehr­bücher für Mütter und solche, die es werden wollen, gelesen hatte, während noch andere das beisteuerten, was sie au; Beiträgen heilkundiger Mitarbeiter in ihrem Modejournal oder in sonstigen illustrierten Untcrhaltungsblättern mehr oder weniger begriffen und behalten hatten. Rlle aber stimmten